Die tote Stadt in Dresden

Dieter David Scholz

 

 

Photos: David Baltzer

 

"Wir beten Schönstes an: Vergangenheit." Nicht in Dresden!

 

Erich Wolfgang Korngolds Oper „DieTote Stadt“ in der Semperoper Dresden.

Premiere Samstag 16.12.17

 

 

Die Oper "Die tote Stadt" des dreiundzwanzigjährigen Erich Wolfgang Korngold war bei ihrer Doppel-Uraufführung 1920 in Hamburg und Köln ein durchschlagender Erfolg und wurde binnen eines Jahres schon an den vielen großen und mittleren Bühnen der internationalen Opernwelt nachgespielt. Dann kam das große Vergessen, bedingt durch das Dritte Reich und das Auffüh-rungsverbot der Nazis. Erst in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts erlebte das Stück eine Renaissance. Am Samstagabend hatte es an der Semperoper in Dresden Premiere. Dort kehrt es nach fast hundert Jahren erstmals auf die Bühne zurück.

 

Gustav Mahler bewunderte schon das 1o-jährige Wunderkind Erich Wolfgang Korngold als „Genie“ und Giacomo Puccini meinte, nachdem ihm der 23-jährige Komponist kurz vor der Uraufführung Ausschnitte aus seiner Oper „Die Tote Stadt“ am Klavier vorgespielt hatte: „Er hat so viel Talent, dass er uns mit Leichtigkeit die Hälfte davon abgeben könnte und trotzdem noch genug für sich zurück behielte.“ Er prophezeite ihm eine große Zukunft. Sie begann schon dem Welterfolg der Oper „Die tote Stadt“.

 

Die Handlung der Oper, die der Vater des 23-jährigen Komponisten schrieb, basiert auf einer Erzählung des symbolistischen Romanciers Georges Rodenbach: „Bruges-la-Morte“ (Das tote Brügge). Das Opernlibretto folgt allerdings dem Roman nicht eins zu eins. - Es ist die Geschich-te eines Mannes namens Paul, der sich nach dem Tod seiner geliebten Frau Marie in die Stadt Brügge zurückgezogen hat, um sich dort zwischen alten Mauern und Grachten, einem Totenkult als Erinnerungsexistenz hingeben zu können. Sein Wohnhaus hat er zur einer „Kirche des Ge-wesenen“ ausgestattet, mit Bildern, Kleidern und einer Haarsträhne der verstorbenen Frau. Auf seinen Spaziergängen lernt Paul die Tänzerin Marietta kennen, die seiner verstorbenen Frau verblüffend ähnlich sieht, von ihrem Wesen allerdings ganz anders ist. Paul, der sich in Marietta als scheinbare Wiedergeburt seiner Frau verliebt, gerät in den Konflikt zwischen Realität und Traum, den er nur dadurch zu lösen vermag, dass er Marietta mit der Haarlocke seiner Frau erwürgt. Soweit der Roman. – In der Oper ist dieser Mord allerdings nur ein Tagtraum. Zwei Drittel der Oper nimmt er ein. Am Ende erkennt Paul, dass es nur ein Traum war, und dass er, wenn er ins Leben zurück und weiterleben will, von der Vergangenheit Abschied nehmen muss. Er verlässt Brügge, die Stadt des Todes und versucht, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, wagt einen Neuanfang.

 

 

Regisseur David Bösch macht er aus diesem im wahrsten Sinne des Wortes traumhaften Stück ein alptraumhaftes, ein verwirrendes, in dem die Ebenen von Wirklichkeit und Traum nicht mehr ganz auseinander zu halten sind. Das Stück wird bei ihm eine Reise ins Ich, ein Psycho-Drama über Verlustangst und Erinnerungsschmerz, in dem quälende Obsessionen und Leidenschaften wahnhaft vermischt werden und in dem es am Ende für Paul kein Entrinnen mehr gibt. Er hat zu sehr getrauert, hat sich verloren dabei. Die zentrale Frage des Stück lautet: Wie weit darf unsere Trauer gehen, ohne uns zu entwurzeln? Die Antwort des Regisseurs lautet: Sie darf auf keinen Fall so weit gehen wie bei Paul in der "Toten Stadt". David Bösch zeigt das Stück übrigens nicht in dieser Toten Stadt, also nicht im historischen Brügge, sondern in einem mit zeitgemäß "heuti-gem" Kleinbürgermobiliar voll gerrümpelten, hohen historischen Raum, dessen Wände vollge-kritzelt sind mit dem Namen "Marie". Es ist ein hässlicher Raum, der dem Motto Pauls:"Wir beten Schönstes an: Vergangenheit." nicht gerecht wird. Aber David Bösch möchte wohl die Überzeitlichkeit, die Modernität des Stücks betonen. Deshalb lässt er Marietta als spießig geklei-dete Blondine, als neckisch drein tippelnde Lolita im Proletenformat und Paul fast wie einen Clochard agieren.

 

Die Marietta wird von einem hochdramatischen Sopran – von Manuela Uhl- gesungen. Ein Missverständnis. Diese fast wagnerische Interpretation, bei der man kaum ein Wort versteht. Schöne Töne, gewiss, aber liedhaft, lyrisch, oder gar belkantisch ist da nichts. So müsste die Partie aber gesungen werden.

 

In die Kleinbürgerwelt mit Stehlampe und Fernsehsessel, die David Bösch auf die Bühne der Semperoper bringt, bricht plötzlich Irrealität herein. Die Wänden der Bühne fahren auseinander, geisterhafte Videos, Schattenspiele werden auf die Bühne projiziert. Der Tod tritt auf als Kno-chenmann, gleich mehrfach, aber auch Groteskgestalten, Geister und alte langhaarige Frauen kommen heran marschiert, ebenso Nonnen mit Bildnissen Maries, später dann mit leeren Bilder-rahmen. Theatralische Holzhammerpsychologie! Überdimensionale Spinnweben fallen aus dem Bühnenhimmel. Videos wie auch aus Fantasy-, Gothic Novel- und Gruselfilmen vermischen sich mit szenisch plakativem Sozialrealismus á la Strindberg oder Ibsen, denn aus der "Kirche des Gewesenen" wie Paul sein Haus nennt, wird schließlich ein groteskes Eros-Panoptikum voller leuchtender Reklameschilder des Wortes "Love", in dem wenig Erhellendes angedeutet, aber viel Konfetti geworfen wird.

 

Bis heute ist der Evergreen der Oper, das Lied „Glück, das mir verblieb“ ein Evergreen. Wenn man die Schallplattenaufnahmen mit Richard Tauber und Lotte Lehmann im Ohr hat, dann emp-findet man die Dresdner Besetzung mit Burkhard Fritz – wie die von Manuela Uhl - als geradezu fehlbesetzt, denn Burkhard Fritz ist ein Heldentenor, der meist das Wagnerfach singt. Er quält sich mit eng geführter, gepresster Stimme durch die Partie, immerhin gelingen ihm, vor allem am Ende einige berührende und vor allem wortverständliche Momente.

 

Ohne Fehl und Tadel ist die Besetzung der beiden übrigen Hauptpartien: Christa Mayer singt eine wohltönende Haushälterin Brigitta, allerdings im unvorteilhaften Putzfrauenlook. In der Partie des Paul-Freundes Frank brilliert wieder einmal der fabelhafte Bariton Christoph Pohl. Seine Stimme ist Balsam für die Ohren. Warum er als Rollstuhlfahrer dargestellt wird, bleibt allerdings so fragwürdig wie mancher andere Regieeinfall dieser Inszenierung.

 

Die Musik von Korngolds „Toter Stadt“ mit ihrer seelischen Schattierungskunst kann nicht anders als ein jugendlicher Geniestreich bezeichnet werden. Eine rauschhaft-sinnliche Musik zwischen Puccini und Richard Strauss, aber von eigenem, unverwechselbarem Zuschnitt. Dmitri Jurowski hat in seiner faszinierenden Lesart der fast cineastisch anmutenden, modernen Musik Korngolds alles Sentimentale weitgehend vermieden und stattdessen in einer zwar breit ange-legten, aber klaren Lesart, die Qualitäten Korngolds hörbar gemacht. Er animiert die Sächsische Staatskapelle zu einem orgiastischen Klangrausch, in dem sich Parsifalglocken- und Pelléas-Klänge, Spätromantik und Impressionismus mischen. Ein großer Abend, den man nicht vergessen wird, musikalisch!

 

Beiträge auch in MDR Kultur und DLF Musikjournal