Graun: Cleopatra & Cesare / Jacobs

Dieter David Scholz

 

 

Carl Heinrich Graun: Cleopatra & Cesare

René Jacobs, Concerto Köln

Janet Williams, Iris Vermillion, Lynne Dwson, Robert Gambill u.a.

Harmonia Mundi France 901561.63

 

Erotik des Koloraturgesangs

 

Der frischgekrönte Friedrich II., von den Musen geküßter, den Künstlern huldreicher Monarch und verschlagener Realpolitiker, holte um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Oper nach Berlin. Mit dem Bau eines großen, keinen europäischen Vergleich scheuenden Opernhauses am sandigen Reitweg unter den Linden erlöste er die Residenzstadt an der Spree aus der kulturellen Provinzialität. Mit Carl Heirich Grauns Opera Seria "Cleopatra & Cesare" wurde im Jahre 1742 - mit größtem szenischem Aufwand und unter geradezu verschwende-rischem Kerzenaufgebot - seine kaum vollendete Hofoper Unter den Linden festlich eröffnet. Das Lieto fine und die Clemenza di Cesare des prunkvollen Auftragswerks waren zugleich Huldigung des Mäzens und Hommage an den italienischen Operngeschmack, der in Berlin fortan tonangebend sein sollte. Mit 21 ausladenden Dacapo-Arien hatte Hofkomponist Graun das Werk reich gesegnet. Er hatte es, ganz dem Geschmack des Königs Rechnung tragend, fast ausschließlich für hermaphroditische Sopranstimmen geschrieben. An Kastraten mangelte es ja seinerzeit nicht. Mehr als zweihundert Jahre sollten vergehen, ehe das Eröffnungsstück der Berliner Lindenoper wieder das Licht der Bühne erblicken sollte. Die Berliner Staatsoper hat es 1992 zu ihrem zweihundertfünfzigsten Jubiläum aus dem Schatz- und Beinhaus der Operngeschichte ausgegraben und in der Inszenierung Fred Berndts, in der musikalischen Realisierung des Concerto Köln unter Leitung von René Jacobs zur Festproduktion erkoren. Es war der Auftakt einer engen Zusammenarbeit des renommierten Spezialisten für Alte Musik und der Berliner Staatsoper, der er seitdem als Berater für das vorklassische Repertoire zur Verfügung steht. In den zurückliegenden vier Jahren hat René Jacobs nicht weniger als drei Barock-Opern an der Staatsoper heraus-gebracht. Neben Grauns "Cleopatra e Cesare" Florian Leopold Gaßmanns "L´Opera seria", eine geistreiche Parodie des Theaterbetriebs der Gluck-Zeit und Telemanns "Orpheus"-Vertonung.

 

Alle drei Projekte sollen auf CD konserviert werden. Das erste liegt nun vor: Grauns "Cleopatra e Cesare". Auf Shakespeare und Corneille fußend, steht, ähnlich Händels "Giulio Cesare", die "love-affair" zwischen dem kaiserlich-römischen Kolonisator und der letzten ägyptischen Königin im Zentrum der Handlung, eingebettet in politische Intrigen und Affären. Der Librettist Gualberto Bottarelli hatte allerdings am (happy) Ende die Milde Cäsars gegenüber seinen Feinden aus dem ägyptischen Lager besonders betont. König Friedrich wollte es so. "Cleopatra e Cesare": eine typische Herrscherallgorie, die den Konflikt zwischen Pflicht und Neigung, Staatsräson und Liebe erörtert. In ihr wollte der Opernmäzen Fridericus Rex sich selbst spiegeln: sie könnte auch "La Clemenza di Cesare" bzw. "La Clemenza di Federico" heißen.

 

Diese Seria ist nicht nur ein eindrucksvolles Dokument friderizanischer Opernkunst, sondern in der vor-liegenden Erst¬ein¬spielung auf CD auch ein überzeugender Beleg einer vielversprechenden, jedenfalls in diesem Fall äußerst geglückten, opernarchäologische Impulse freisetzenden Zusammenarbeit der Berliner Staatsoper mit René Jacobs. Die CD-Produktion ist sowohl in der Orchester-, als auch in der Sängerbesetzung weitgehend mit der Aufführung unter den Linden identisch. Nur zwei Umbesetzungen sind von Gewicht. Anstelle von Curtis Rayam singt nun der geschmeidigere Tenor Robert Gambill den Bruder der Cleopatra, Tolomeo mit Namen. Daß der drauf-gängerische Cäsar anstelle Deborah Beronesis (die Premierenbesetzung) von der inzwischen international renommierten Iris Vermillion gesungen wird, darf als Gewinn bezeichnet werden.! Die Durchsetzungsschwierigkeiten ihrer nicht eben großen, wenn auch noblen Stimme on stage macht sie auf CD mit samtigem Mezzo-Wohlklang, Glut der Leidenschaft und stimmlicher Flexibilität wett: eine ideale Schallplattenstimme!

 

Die Sensation der Aufnahme (wie schon der Aufführung) ist allerdings Janet Williams als Cleopatra: eine sinnlich betörende, schwarze Venus. So wie ihre Cleopatra auf der Bühne als unwiderstehliche Sexbombe einschlägt, lehrt sie den Hörer der CD die betörende Erotik des Koloraturgesangs. Die Leichtigkeit, mit der sie die akrobatischsten Verzierungen, vogelgleich und augenzwinkernd, immer mit einem charmanten Lächeln in der Stimme, trällert, macht sie zum unvergleichlichen Koloraturwunder! Noch in ihrem Schatten strahlt Lynne Dawsons warm timbrierte, höchst kultiviert gesungene Cornelia. Auch sie eine superbe Sopranistin!

 

Die beglückende Aufnahme ist ein erneuter Beweis dafür, daß René Jacobs als Mittler und Vermittler der Barockoper eine Kapazität ohnegleichen ist. Wie er den Sängern die barocke Rhetorik und Improvisationsfertigkeit bei der Verzierung der Dacapo-Arien beibrachte, wie er die für fast ausschließlich hohe Sopranstimmen geschriebene Oper mit klugen Besetzungskompromissen für heutige Hörge-wohnheiten einrichtete, die überrumpelnde Frische stilgerechten Spiels auf Originalinstrumenten die er dem Concerto Köln abverlangt, eloquente Klangrede im besten Sinn des Wortes, all das nötigt Respekt und Beifall ab. Die Aufnahme ist - summa summarum - konkurrenzlos, nicht nur, weil es derzeit keine Konkurrenzaufnahme zu dieser Gesamteinspielung der Graun-Oper gibt.

 

 

CD-Rezension in "OPERNWELT"