"L´Opera seria" (Gassmann) René Jacobs 1994

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Alvaro Yanez

 

"L´Opera seria" - Ein parodistisches Feuerwerk

Musik: Florian Leopold Gaßmann - Libretto Ranierei di Calzabigi

Produktion der Staatsoper Unter den Linden - Premiere im Hebbeltheater am 9.9.1994

In heutigen Zeiten würde es keinem Opernkomponisten auch nur im Traum einfallen, sich über die ach so teure und deswegen auch so gefährdete Gattung Oper lustig zu machen. Noch im achtzehnten Jahrhundert war man gelassener: Pergolesi Haydn, Galuppi, Albinoni und viele andere schrieben spöttische, beißende Opernparodien, in denen sie sich und ihre Zunft selbstkritisch aufs Korn nahmen und dem zahlenden Publikum einen herzhaft selbstkritischen Blick hinter die Kulissen der Opernproduktion gestatteten.

 

Daß die Staatsoper Unter den Linden, wie viele andere Theater in finanzieller Bedrängnis, sich und dem Publikum den Spaß gönnte, eine der köstlichsten Opernparodien von Florian Leopold Gas¬mann (Nachfolger Glucks am Wiener Hof) aufzuführen, ist vor allem dem Spürsinn für Entlegenes und dem Ausgrabungsehrgeiz des neuernannten "Principal Guest Conductors und Beraters des vorklassischen Repertoirs", des Spezialisten in Sachen "Historische Aufführungspraxis", René Jacobs, zu verdanken. Er weiß denn auch dem tempera-mentvollen Concerto Köln ordentlich einzuheizen. Die quicklebendige, sich in ironischen Anspielungen und immer neuen Einfällen überstürzende Musik Gassmanns wird zum vierstündigen Feuerwerk.

 

Jean-Louis Martinoty macht der turbulenten Calzabigi-Komödie Beine: ein Prachtexemplar von dummem Tenor, 3 Musterausgaben eitler und gezierter Primadonnen mit atemberaubend geläufigen Gugeln (Laura Aikin, Efrat Ben-Nun und Janet Williams) mitsamt ihrer travestitischen Mütter, die von den drei urkomischen Countertenören Curtis Rayam, Dominique Visse und Ralf Popken hinreißend karikiert werden, ein Impresario namens Fallitio (Pleitemacher), ein Librettist Delirio (Gefasel) und ein sentimentaler Kapellmeister geben sich auf der Hinterbühne ein groteskes Stelldichein. Im ersten Akt überschlagen sich Intrigen, Eitelkeiten, Amouren, Capricen und Rivalitäten. In der Opernprobe des zweiten Akts feiern Konventionen, Klischees und Unsinnigkeiten der Oper Triumphe. Im dritten Akt gerät die Aufführung einer Opera seria zum explosiven Fiasko. Am Ende brennt auch noch der Theaterdirekor mit der Kasse durch. Die Katastrophe wird nur dank des beherzten Eingreifens der Mütter "en travestie" verhindert. Die Oper macht´s möglich. Die Realität sieht anders aus! Der anwesende Intendant der Staatsopernkonkurrenz aus der Bismarckstraße schien denn auch kaum zum Lachen aufgelegt. Das Hebbeltheater-Publikum hingegen amüsierte sich in dieser glänzenden Produktion wie Bolle!

Schade, dass diese Produktion nicht aufgezeichnet wurde!

 

taz