Beatrice Cenci in Bregenz

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Karl Forster / Bregenzer Festspiele

 

Verspätete, eindrucksvolle Belcanto-Oper

 

"Beatrice Cenci" von Berthold Goldschmidt eröffnet die 73. Bregenzer Festspiele

 

Vorarlberg im Allgemeinen, Bregenz im Speziellen fasziniert durch Landschaft, Kunst und Oper. In diesem Jahr geht es beim zweitwichtigsten Festival Österreichs um "Frauen in einem unfreien Umfeld". Es sind Frauen, die sich gegen übermächtige Männer behaupten oder um ihre Freiheit kämpfen, in "Carmen", im "Barbier von Sevilla", in der Uraufführung der Oper "Das Jagdgewehr" und in der österreichischen Erstaufführung der 1950 geschriebenen Oper "Beatrice Cenci" von Berthold Gold-schmidt. Sie erzählt die wahre Geschichte einer Patrizierin aus dem Rom des 16. Jahrhunderts, die wegen Anstiftung zum Mord an ihrem Vater verurteilt wurde, der sie missbrauchte und quälte. Der Stoff wurde mehrfach in Kunst und Literatur aufgegriffen. Percy Bisshe Shelleys Versdrama "The Cenci" bildete die Grundlage für Martin Esslins Libretto, das Berthold Goldschmidt, der vor den Nazis nach England geflohen war, 1950 komponierte, ein Stück über Macht, Religion, Missbrauch, Ohnmacht, Würde und Freiheit. Erst 38 Jahren später wurde das dreiaktige Werk, das als späte Reflexion nationalsozialistischer Willkürherrschaft aufgefasst werden darf, konzertant in London uraufgeführt, szenisch erblickte es erst 1994 in Magdeburg das Licht der Opernwelt.

 

Die knallbunte Bregenzer Inszenierung von Johannes Erath betont das Theatralische, fast Zirkushafte einer närrisch machtbesessenen, verlogenen Welt, um das Thema Willkürherrschaft, Würde und Selbstjustiz sinnfällig zu machen. Rom dient ihm als szenische Metapher. Mit den prachtvollen, grotesk überzeichneten historischen Kostümen von Katharina Tasch veranstaltet er einen quasi klerikalen Karneval der Superlative, für den Katrin Connan eine veritable schwarze Bühne entwarf, die Bernd Purkrabek magisch ausleuchtete und immer wieder mit verblüffenden Projektionen ins Dreidimensionale ausweitete. In schönen Renaissancetableaus entfaltet Erath ein szenisches Weltabschieds-Menetekel, in dem Sonne, Mond und Finsternis, aber auch Michelangelos David, Berge von Gold, nackte Jünglinge und üppige Kerzenarrange-ments die ambivalente Aussage des Stücks versinnbildlichen, wenn auch viele Fragen offen bleiben.

 

Johannes Debus am Pult der Wiener Symphoniker bricht engagiert eine Lanze für diese verspätete Belkanto-Oper, die durchs Rost der Musikgeschichte fiel, weil sich ihr Komponist keinem kompositorischen Zeitgeist, keiner nach dem Zweiten Weltkrieg vorherrschenden Mode oder Schule angeschlossen hatte. Unbeirrt hielt er an der tra-ditionellen Tonalität fest und komponierte wie aus der Zeit gefallen äußerst sänger-freundlich, geprägt von seinen Idolen Mahler, Schreker (sein Lehrer) und Puccini.

 

Wenn in der Inszenierung Eraths am Beginn des dritten Aktes der Papst sich vor einer Projektion des Petersdom-vorplatzes das Vorspiel zum 3. Akt aus Puccinis "Tosca" per Trichtergrammophon anhört, darf man dies als ironischen Kommentar zur opulent eklektizistischen Musik Goldschmidts auffassen, die gegen Ende der Oper aus ihrer ruhigen Melancholie ausbricht und ungeniert alle Register zieht: Puccini, Richard Strauss und Korngold lassen grüßen.

 

Sängerisch ist die Aufführung durchweg hochkarätig. Herausragend ist die israelische Sopranistin Gal James in der Titelpartie. Im Weltabschieds-Wiegenlied des letzten Aktes beweist sie mit ihrer feurigen, rotglühenden Stimme kultivierteste, berührende Pianokultur. Grossartig sind auch der Bariton Christoph Pohl als edel-grausamer väter-licher Despot, die Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser in der Rolle seiner zweiten Frau, Per Bach Nissen mit seinem profunden Bass als Kardinal Camillo. Auch der Prager Philharmonische Chor und die klangprächtig aufspielenden Wiener Symphoniker trugen zum großen, umjubelten Erfolg der Produktion bei.

 

Rezension auch in „Orpheus“