Der ferne Klang. Frankfurt am.M. 2019

Dieter David Scholz



Fotos: Barbara Aumüller


Oper Frankfurt. Premiere  31. März 2019


Franz Schreker: Der ferne Klang

Damiano Michieletto entfesselt ein faszinierendes Traumspiel


Franz Schrekers Oper "Der ferne Klang" ist alles andere als leichte Kost, denn es geht in der Oper nicht nur um Liebe und ihre Pervertierung in käufliche Lust (verkörpert durch die schöne, gefallene Grete) sondern auch um Musik, um die Suche eines jungen Komponisten nach dem „Fernen Klang“. Thema der Oper ist die seelische Tragödie einer Frau. Grete, die, aus armen Verhältnissen stammt, wird von ihrer ersten Liebe Fritz, einem Komponisten, verlassen.  Am Boden zerstört und nach einem missglückten Selbstmordversuch wird sie zur Edelprostituierten in einem Bordell, wo sie Fritz wiederbegegnet. Er stößt sie erneut zurück. Ihr Kartenhaus aus "Lust und Luxus" bricht zusammen und sie verkommt zur billigen Stra-ßenhure. Fritz kann währenddessen seine Klangutopie, die Oper  "Die Harfe", nicht vollen-den. Es gelingt ihm erst, als er seine Lebenslüge - vergeblich einer idealen Selbstverwirkli-chung nachgejagt zu haben – entlarvt und Grete wiederfindet. Der Komponist vermeint sterbend in den Armen Gretes am Ende der Oper endlich diesen „fernen Klang“ zu hören und will seine erfolglose Oper  vollenden. Ein autobiographisch angehauchtes Bekennt-niswerk Schrekers voller brennender Sehnsüchte und schwarzer seelischer Abgründe.   


Mit „Der ferne Klang“ feierte der Komponist Franz Schreker seinen ersten Opernerfolg. 1912 wurde er am Frankfurter Opernhaus uraufgeführt.  Schreker war der zu Lebzeiten meistgespielte, ab 1933 dann als »entartet« diffamierte deutsche Komponist. Die Frankfurter Oper widmet die Neuproduktion des „Fernen Klangs“ dem vor wenigen Wochen gestor-benen Dirigenten Michael Gielen, dem eine triumphale Wiederentdeckung von Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ 1979 in der Regie von Hans Neuenfels an der Frankfurter Oper, zu verdanken war.  Die jetzige Neuinszenierung des „Fernen Klangs“ durch Damiano Michie-letto (Paolo Fantin (Bühne), Klaus Bruns (Kostüme),  einen der faszinierendsten Regisseure Italiens, darf ebenfalls als szenisches Ereignis in atemberaubenden Bildern gewertet werden.


Michieletto zeigt das Stück als ästhetisch faszinierendes Traumspiel, als  morbide Phantasie- und Erinnerungswelt, als Parabel über Jugend und Alter, Krankheit und Verfall zwischen Partygesellschaft und Seniorenheim  in abstrakten verschleierten Raumfluchten, mit aller-hand Doubles, stummen Figuren und symbolischen Anspielungen. Über sich immer wieder auftuende oder schließende, hintereinander gestaffelte Gazevorhänge werden perfekte, ja brilliante Videos der österreichischen Filmemacher Roland Horvath und Carmen Zimmer-mann (roccafilm) projiziert, die computeranimierte psychedelische Schlieren, traumhaft Un-genaues, aber auch scharfe Figuren der Handlung vergrößert abbilden, drehen, vervielfälti-gen, sich überlagern. Und schließlich schweben geisterhaft Musikinstrumente durch den Raum. Am Ende werden sie real, wenn schließlich ein komplettes Opernorchesterinstrumen-tarium an Schnüren vom Bühnenhimmel sich herabsenkt über den sterbenden Fritz. Seit Pe-ter Greenaways sensationeller Inszenierung von Milhauds  „Christophe Colomb“ hat man wohl keinen derart überzeugenden Einsatz von Videoproduktionen auf der Opernbühne mehr gesehen. Damiano und der roccafim gelingt ein surrealistisches, assoziationsfreudiges Ge-samtkunstwerk, das gerade dadurch für sich einnimmt, weil es gar nicht erst versucht, das ausufernde, schwer verständliche, krause Stück realistisch zu erzählen.


Was die Musik angeht: Nicht zu Unrecht wird ihr immer wieder ein „Zuviel von allem“ vor-geworfen. Ohne Unterlass branden orgiastische spätromantische Klangwogen auf den Hörer ein, mit raffiniertestem Instrumentationsnebeln und augepeitschter polychromer Gischt. Ein paar Jahre waren die übernervösen Partituren des 1878 geborenen Komponisten groß in Mo-de, doch ab Mitte der 1920er Jahre  galt seine Musik unter den Avantgardisten als postwag-nerianisch dekadent. Sebastian Weigle am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorches-ters tut alles, um diese überwältigende, um nicht zu sagen erschlagende Musik zu beglau-bigen, doch er setzt leider auf ein erschütterndes „Zuviel“ an Phonstärke. Das hat zur Folge, dass fast alle der vielen Sänger weitgehend wortunverständlich schreien, vor allem Jennifer Holloway als Grete, was bedauerlich ist bei dem sprachlich pathetisch hochemotio-nalen, mit Verlaub gesagt, verquasten Libretto, das Schreker selbst verfasst hat. Ohne die Übertitel wäre man verloren in dieser Aufführung. Immerhin ragen Ian Koziara als eindrucksvoller Fritz und Dietrich Volle als Doktor Vigelius mit erfreulicher Gesangskultur aus dem großen, an sich überzeugend besetzten Sängerensemble heraus. Trotz genannter Ein-schränkungen ein bemerkenswerter Abend, den man nicht vergessen wird!


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