U. Bermbach: Mythos Wagner

Dieter David Scholz

 

 

Udo Bermbachs letztes Wort zu Wagner

 

Kein anderer Künstler wird so verehrt und verachtet, geliebt und gehasst wie Richard Wagner. Antiwagnerianer und Wagnerianer befehden sich bis heute um Wagners Werk und Wirkung. Was sie eint, ist die Auseinander-setzung um einen unbestreitbaren Mythos. Wie der "Mythos Wagner" entstand, und was ihn ausmacht, erzählt der Politologe und Wagnerspezialist Udo Bermbach, einer der intimsten Kenner von Wagners Werk und Bayreuther Festspielge-schichte, in seinem neuen Buch. Es ist das letzte Buch "in Sachen Wagner", das der demnächst 75-jährige große Gelehrte über Wagner geschrieben hat, wie er mir erklärte.

 

 

Kein anderer Musiker hat, wie Richard Wagner, Mit- und Nachwelt gespalten in geradezu fanatische Verehrer und noch viel fanatischere Verächter. Und keiner hat so wie er als Ziel­scheibe wie als Steinbruch politischer Ideologien gedient. Wagner ist ein Politikum noch immer,und er war es schon zu Lebzeiten. Udo Bermbach macht in seinem weit ausholenden, klugen Buch deutlich, woran das lag: Natürlich nicht in erster Linie an dem ungeheuren Po­tential seiner Musik. Nein: Richard Wagner war ein Unruhestifter vor allem jenseits der Musik.

 

Sein sächsisches Temperament hat ihn eine oft taktlos unerschrockene Lippe riskieren lassen, nicht selten in Angelegenheiten, zu denen er besser geschwiegen hätte: in Sachen Politik vor allem. Wagner hat sich als Musiker beispiellos in politische Fragen eingemischt. Aber gerade die Widersprüche seiner Äußerungen und Standpunkte ist es, die jeder neuen Generation Widerspruch gegen ihn abverlangt. Wagner erkennen heißt, wie schon Adorno forderte, Wagners Widersprüche benennen. Und wer sich auf Wagner einlässt, so meinte Hans Mayer zurecht, muss sich auf den ganzen Wagner einlasen! Wer ihn nur partiell wahrnimmt, pauschal bewertet und ihn politisch in eine Schublade einordnet, verfälscht Wagner. Nur so läßt er sich mißbrauchen. So ist er immer wieder mißbraucht worden, als Gallionsfigur für linke wie rechte Ideologien und nationale Interessen, unter jeweiliger Ausblendung der störenden As­pekte, versteht sich. Bermbach stellt das in großer Sachlichkeit dar. Und veranschaulicht in chronologischer Reihenfolge und unter Beachtung des historisch-politischen Umfelds, wie sich Wilhelminische Epoche, Weimarer Republik, Drittes Reich und die beiden Teile Nachkriegs­deutschlands ihren je eigenen Richard Wagner zurechtgebogen haben.

 

Udo Bermbach beschreibt in seinem neuste Wagnerbuch lückenlos die Entstehung des Wagner-Mythos. Wie Wagner selbst schon zu Lebzeiten zur Entstehung seines eigen Mythos beitrug. Vor allem aber, welche Anstrengungen seine Gattin Cosima mitsamt ihrer Bayreuther Helfershelfer unternahm, den rebellischen, utopisch-sozialistisch angehauchten Richard Wagner zu verklären und zu stilisieren zu einem quasireligiösen, rechtsnationalen, antisemitischen Erlöser und Heilsbringer. Und wie die Wagnererben das Bayreuther Festspielunternehmen zur unverwechselbaren "Marke" weiterent­wickelten, die den Ersten wie den Zweiten Weltkrieg überstand. Dass Wagner und "die Wagners" auch im heutigen Deutschland noch eine Projektionsfläche verschiedenster identifikatorischer Bedürfnisse sind und von Politikern, Prominenten und Publikum entsprechend benutzt werden zur Befriedigung von Sehnsüchten wie zu Selbst-darstellung und zu politischer Propaganda ist allerdings ein Missverständnis! Ein "deutsches Missverständnis", vor dem schon Friedrich Nietzsche warnte, als er ausrief: "Die Deutschen haben sich einen Wagner zurechtgemacht, den sie verehren können".

 

Spätestens seit Bayreuth künstlerisch eine "Werkstatt" geworden sei, so resümiert Udo Bermbach in seinem Buch, sei der alte Mythos um Wagner und Bayreuth eigentlich gestor­ben. Sei der Bayreuther Wagnerkult endgültig in die Normalität einer pluralistischen Ge­sellschaft und politischen Demokratie überführt worden. Und der Tod Wolfgang Wagners, des zurecht umstrittenen, aber unstrittig überragenden Bayreuther Impresario habe, so Bermbach eine "nicht zu schließende Lücke aufgerissen und hinterlassen", die die nach­folgende Generation wohl nicht mehr zu schließen in der Lage sei. Recht hat Bermbach! Und er spart am Ende seines Buches auch nicht an Deutlichkeit: Die dynastische Substanz ver­dünne sich in aller Regel mit jeder neuen Generation. Auch für die Familie Wagner gelte das. "Wer immer sich jetzt aus der Familie in der Nachfolge auf den dynastische Gedanken beruft oder in dessen Tradition zu stehen glaubt, wird erleben, dass man ihn in erster Linie an seinen Erfolgen für die Festspiele messen wird. Das dynastische Prinzip als wichtigste Legitima­tionsquelle für die Führung der Festspiele hat sich verbraucht." So Udo Bermbach. Dem ist nichts hinzuzufügen. Eine eindeutige Botschaft an die heutige Festspielleitung und alle, die über Bayreuths Zukunft zu entscheiden haben.

 

 

MDR Figaro