Faccios Amleto in Bregenz 2016

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Bregenzer Fetspiele / Karl Forster

Aufregendste Opernausgrabung seit Jahren

Franco Faccios "Amleto" bei den Bregenzer Festspielen. Premiere 20.7.2016

 

In den USA (Albuquerque) wurde 2015 die vom Musikwissenschaftler Antonio Barrese in den Archiven des Mailänder Verlags Riccordi wiederentdeckte "Hamlet"-Oper von Franco Faccio ausgegraben, nun ist sie bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen zum ersten Mal seit 1871 auch in Europa wieder auf der Bühne zu erleben.

 

Die Uraufführung von Faccios "Amleto" 1865 im Teatro Carlo Fenice in Genua war der unerwartete Sensationserfolg eines 25-jährigen Komponisten und eines 23-jährigen Librettisten. Sie brachten das Uraufführungspublikum zur Raserei mit ihrerer kühnen Vertonung des in Italien bis dahin wenig geschätzten Shakespearschen "Hamlet". Es war ein exemplarisches "nuovo melodrama" aus dem Geist der "Scapliatura", was soviel heisst wie "Liederlichkeit" oder "Zerrissenheit". So nannte sich eine künstlerische Protestbewegung "junger Wilder" in Mailand, die die Kunst, auch die Oper revolutionieren, Kunst und Leben einander annähern wollten. Bei dem Librettisten handelte es sich um keinen Geringeren als Arrigo Boito, den späteren Mitar-beiter Verdis. Der Komponist war Franco Faccio, der erst zwei Jahre zuvor als Opernkomponist sein Debüt an der Mailänder Scala gegeben hatte und den Ruf eines Antiverdianers genoss. Als sein in Genua gefeierter "Amleto" 1871 an der Scala durchfiel, weil die Aufführung unter einem sängerisch unglücklichen Stern stattfand, gab Faccio das Opernkomponieren auf und wandte sich ganz dem Dirigieren zu. Er wurde als Komponist vergessen, aber zu einem der wichtigsten Dirigenten der Scala. Er hob dort zahlreiche Ur- und Erstaufführungen von Verdi, Ponchielli, Puccini und Wagner aus der Taufe.

 

Faccios "Amleto", die erste von vier Hamletopern, die es überhaupt gibt, besticht durch orchestrale Wucht und Farbigkeit, melodische Erfindungsgabe, kraftvolle Dramatik, aber auch sehr lyrische Passagen. Es ist ein Werk von subtiler, unkonventioneller musikalischer Dramaturgie, der Auflösung überkommener Formen der Oper, auf dem Weg hin zum Verismus eines Puccini, Mascagni oder Cilea. Erstaunlich, wie effektvoll der junge Komponist zu instrumentieren, schmissige Chorszenen, sinfonische Zwischenspiele, unwiderstehlich einschmeichelnde Arien und effektvolle Duette und Terzette zu schreiben wusste. Er war als Komponist auf der Höhe seiner Zeit, ihr weit voraus und hat es verdient, endlich wiederentdeckt zu werden

 

Abgesehen von der Straffung der Vorlage und Eliminierung einiger kleiner Rollen, hält sich Faccios vieraktige Oper "Hamlet" eng an Shakespeares Intrigenstück um den grüblerischen dänischen Prinzen, um Ophelias unglückliche Liebe und die schicksalsschwangeren Reflexionen über den Wert des menschlichen Lebens, um Sein oder Nichtsein.

 

Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann greift sinnigerweise in seiner Inszenierung zur Metapher des Theaters auf dem Theater, um das Kernthema des Stücks zu verdeutlichen: Sein oder Schein, die Welt als Bühne, das Rollenhafte unserer Existenz. Auf schwarzglänzender, riesiger Drehbühne des Bregenzer Festspielhauses hat er zwei Bühnenportale mit roten Teatervorhängen hintereinander gestellt und ermöglicht so immer neue theatralische Aus- und Durchblicke. Es gelingen ihm beeindruckende Bilder von magisch-suggestiver Traumhaftigkeit, die der Poesie und Doppelbödigkeit der Musik Faccios entsprechen, der immer wieder das Pathos der Tragödie mit Marsch- und Tanzrhythen, Walzer und Boleros aufbricht und ironi-siert. Die Kostümbildnerin Gesine Völlm hat prächtige, stilsierte Kostüme der Shakespearezeit entworfen, vornehmlich in schwarzrot und schwarzweiss. Es sind die dominanten Grundfarben der symbolreichen Inszenierung von Oliver Tambosi, dem mit einem Minimum an Mittlen, ihm reichen Tische und Stühle als Requisiten, ein Maximum an ehrlich anspringendem Theater ohne alle Regiemätzchen gelingt.

 

Nicht nur das Niveau der Inszenierung, auch das Sängerniveau der Bregenzer "Amleto"-Reani-merung ist aussergewöhnlich hoch. Der tschechische Tenor Pavel Cernoch gibt Hamlet als singschauspielerischen Beau mit melancholischer Attitüde. Die Rumänin Iulia Maria Dan ist eine anrührende Ophelia, der apulische Heldenbaiton Claudio Sgura als König Claudius die stimmgewordene Zerbrechlichkeit des Bösen, die Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser eine Singfurie von Ehebrecherin. Eine Klasse für sich ist der lombardische Bassist Gianluca Burato als Geist, der - was für ein Bild - wie ein scharzer Lohengrin aus "Glanz und Wonne" und aus den Wassern des Bodensees entsteigt, so scheint's

 

Das Premierenpublikum bejubelte das Bregenzer Sängerfest, die fulminante Inszenierung und das beeindruckende Dirigat des Mailänder Dirigenten Paolo Carigniani, der auch die Bregenzer „Turandot“ leitet. Er ist der denkbar beste Anwalt der Musik Faccios, denn er kostet die sinnliche Süffigkeit, aber auch die zuweilen schroffe Expressivität dieser vergessenen Oper im Schatten Verdis genüsslich aus. Die Wiener Symphoniker spielen klangprächtig und präzise, der Prager Philharmonische Chor singt tadellos. Eine beglückende Neuproduktion der diesjährigen Bregenzer Festspiele und eine der faszinierendsten Opernausgrabungen der letzten Jahre.

 

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