Leichte Klasik

"Leichte Klassik" 

Musikvermittlung von Unbedarften für (vermeintlich)Unbedarfte


Ein Kommentar aus Unbehagen und Empörung


Soviel Krise war noch nie in der Klassik-Branche. Immer mehr professionelle Musiker und Insider des Klassik-Betriebs schreiben Einführungsliteratur in die Welt der Klassik, Appetit anregende, leicht verdauliche, ja banale Einladungen in den Club der toten Komponisten.


Der Dirigent Ingo Metzmacher beispielsweise hat mit seinem missionarischen Klassik- Engagement schon 2005 ein Buch herausgegeben, das den bezeichnenden Titel trägt: "Keine Angst vor neuen Tönen". Darin porträtierte er jene Komponisten des 20. Jahrhunderts, die ihm besonders am Herzen liegen. Ein anderes seiner Bücher heißt: "Vorhang auf! Oper entdecken und anhören" Darin schreibt er selbstgefällig über 15 Lieblingswerke der Operngeschichte, anhand derer er seine Erfahrungen als Dirigent mitteilt. Nur leider gehen sie über banale Inhaltsangaben und unwichtige Probenerinnerungen im flapsigen Jargon der Unbedarften kaum hinaus. Geradezu ein Vademecum der Ahnungslosigkeit ist Steffen Möllers „Vita Classica. Bekenntnisse eines Andershörenden“ Auch der Konzert-Wegweiser "Wann darf ich klatschen?" des südafrikanisch-britischen Geigers Daniel Hope geht über ein buntes Sammelsurium aus Anekdoten, guten Wünschen, Musikerwitzen und eitlen Besserwissereien nicht hinaus. Auch er befleißigt sich einer Ratgeber-Naivität, die das wahre Problem der Klassik heute verdeutlicht: es ist wohl nicht mehr möglich, für Laien und Fachleute, Kenner und Genießer gleichermaßen den rechten Ton zu treffen. Der Abstand zwischen Gebildeten und Ungebildeten, Fans und Fetischisten, Lauf- und Stammkundschaft, kurz: zwischen Anfängern und Fortgeschrittenen unter den Klassikliebhabern ist in den letzten Jahren immer größer geworden. Da tun Einführungen und Hinführungen gewiss not.


Aber selbst was Leonard Bernstein oder Peter Ustinov einstmals noch an Animierungs- und Vermittlungstalent besaßen, würde heute gnadenlos scheitern, wo das musikalische Erbe längst von Bildungsmangel, Eventgeheische und Kommerzialisierung der Klassik überwuchert ist. In einer Klassik-Welt, die sich vornehmlich in Ausgrabungen, Experimenten und Junior-Projekten, Events und Personality-Shows überbietet, steht der Konsens auf immer schwächeren Füßen. Zumal die Bildungspolitik seit Jahrzehnten der Musik ihren eigenständigen Wert (und Kunst-Charakter) abspricht und ins Reich der Gefühle und der Freizeit-Bespassung verwiesen wird. 


Jan Brachmann prangert zurecht „autoritären Infantilität“ und „demonstrative Geringschätzung für traditionelle Bildungsinhalte“ an. Beides beherrscht inzwischen selbst weite Teile der Kulturprogramme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die dort Musik-Verantwortlichen – größtenteils alles andere als musikalische Fachleute – missachten den Bildungsauftrag und fordern von den Moderatoren, selbst den wenigen, die noch etwa Ahnung von der Sache haben, Befolgung der Verflachung und Unbedarftheit und Gehorsam gegenüber der Musikindustrie.  Sie hat längst das Sagen. Bloß keine Satzbezeichnungen oder sonst etwa „anspruchsvolle“ Begriffe. Schon das Wort Theorbe überfordere die meisten Hörer… Musik im Radio solle leicht goutierbar sein, rasch, nett, heiter und unterhaltsam, bloß nicht zu lang, bloß nicht zu traurig und nebenbei zu hören sein. "Leicht" soll sie sein, die Musik. Ein Schlag ins Gesicht der Komponisten. Gefordert wird „Gedudel und Gelabere“ wie Holger Noltze sehr zurecht in seinem Buch von der Leichtigkeitslüge schreibt.


Es scheint paradox: Zwar setzen Operninszenierungen oftmals intellektuell immer höher an, werden aber immer weniger vom Publikum verstanden. Bildungsvoraussetzungen und Urteilungsvermögen im Publikum schrumpfen immer mehr. Kein Wunder, da viele Medien, allen voran die Rundfunkanstalten das Hörerpublikum immer mehr unterfordern und zur Unmündigkeit in Sachen Musik erziehen, "niederschwellig" und "barrierefrei".


In Konzert wie in der Oper klatscht das Publikum oftmals nur, um sich selbst zu beklatschen, will sagen das Event, dem es beiwohnen sich leisten kann, und um dem (vermeintlichen) Zeitgeist zu huldigen, ohne das inszenierte Werk überhaupt zu kennen. Man will ja nicht als altmodisch gelten. Zudem sorgen freiwerdende Rechte klassischer Schallplattenaufnahmen durch Remastering, Remakes und Ramsch-Politik für einen selbst für Klassik-Freaks immer undurchschaubare werdenden CD-Markt. Zu schweigen von Musik im Internet. Alles ist verfügbar. Doch kaum einer blickt mehr durch.


Was Wunder, dass die Schlepper-Literatur der Klassik Hochkonjunktur feiert: Bücher, die keiner braucht, Bücher die sich oftmals absichtlich dumm stellen, Bücher von Ahnungslosen für (vermeintlich) Ahnungslose, Bücher, die die Musik verharmlosen, um neue Publikumsschichten zu binden. Was für ein Irrtum! "Bin ich normal, wenn ich mich im Konzert langweile?" fragt Christiane Tewinkel in ihrer "Betriebsanleitung" für die Klassik. Da bleibt einem die Spucke weg…


Die Überforderung, die von der Klassik heute aufs Publikum ausgeht, scheint so groß zu sein wie die Desinformiertheit und Oberflächlichkeit vieler sogenannten "Fachleute" und Autoren der Musikvermittlung. Selbst namhafte Musikinstitutionen beschäftigen immer mehr wahrhaft Ahnungslose! Man lese nur einmal die Pressetexte so mancher renommierten Schallplattenfirma oder so manchen Orchesters bzw. Opernhauses.  Da könnte man – zumal im Radio – gegensteuern, doch eben das habe zu unterbleiben, so heißt es seitens vieler Programm-Verantwortlichen. Es lebe die Verflachung  der Musikprogramme.


Da haben Markt und Medien, Kommerz und Kapital, Kulturpolitik und Musikindustrie leichtes Spiel: Klassik ist zur nicht „systemrelevanten“, unbeschwert unterhaltenden Ware geworden, ist nicht wirklich wichtig. Die Corona-Zeiten haben es deutlicher denn je geoffenbart. Um Inhalte und Qualität, um Kunstcharakter, Anliegen und Aussagen der Klassik geht es im Musik-Business schon lange nicht mehr.  Und das Schicksal der freien Musiker zählt eh nicht. Es ist beschämend für eine „Kulturnation“.