In vino musica

Dieter David Scholz




In vino musica

Im Wein ist nicht nur Wahrheit, sondern auch Musik! 

 

Der römische Historiker Plinius (der Ältere) war es, von dem der Ausspruch überliefert ist “In Vino veritas” – “Im Wein liegt die Wahrheit”, was der deutsche Volksmund zum Sprichwort „Wenn der Wein eingeht, geht der Mund auf“ ummünzte. Im ersten Jahrhun-dert nach Christus begleitete Plinius als Vertrauter der Kaiser Vespasian und Titus deren Feldzüge nach Germanien. Es war die Geburtsstunde der Weinkultur an Rhein und Mosel.


Ob man ihn nun schlürft oder beißt wie es die Wiener tun, an ihm nippt oder ihn kippt: Wein und Wahrheit gehören zusammen, auch wenn manche unwahre Flunkerei im Um-gang mit einem guten Glas Wein gelegentlich über die Lippen rutschen mag. Wer zwei-felte daran? Aber was ist denn Wahrheit? Gibt es die eine Wahrheit überhaupt? „Wein lässt das Gespräch wachsen” sagen die Schweden.  Andererseits macht der Wein die Musik, wie man so sagt.


Uralte Mythen, Märchen und Legenden berichten davon, dass schon Osiris in Ägypten die Rebe eingeführt habe. Die Juden dagegen führen den Weinbau auf ihren Urvater Noah zurück. Im ersten Buch Moses ist zu lesen, wie Gott der Herr unsere Urahnen Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb. Nach der Sintflut waren Gott und Kreatur versöhnt. „Noah aber fing an und ward ein Ackermann und pflanzte Weinberge. Und da er Wein trank, ward er trunken und lag in der Hütte aufgedeckt“... Die Sünde nahm ihren Lauf. Wie auch immer, die Edelrebe scheint aber im alten Mesopotamien, dem Zwei-stromland zwischen Euphrat und Tigris, schon um 2000 vor Christus angebaut worden zu sein. Phönizische Händler brachten den Wein ins Land Homers. Von den Griechen lernten die Römer den Weinbau. Und die brachten die Rebe bis zu uns.


Aber auch in China kannte man damals schon den Wein. Noch in Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ hallt im „Trinklied vom Jammer der Erde“ altchinesische Trinkfreude nach: „Ein voller Becher Weins zur rechten Zeit ist mehr wert als alle Reiche dieser Erde.“ Einige der größten Heldentaten der Menschheit wären ohne Wein undenkbar gewesen. Odysseus bei-spielsweise konnte den Riesen Polyphem erst blenden, als er ihn mit Wein betrunken gemacht hatte. Und große Philosophie ist dem Wein zu verdanken: Platos „Symposion“ wäre ohne Weingelage (bei denen Musik immer eine Rolle spielte) unter Männern nicht zu denken gewesen. Schon die Bibel wusste: „Wie Lebenswasser ist der Wein dem Menschen“. (Jesus Sirach 31, 27)


Seit Plutarch gilt: „Der Wein ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste und unter den Nahrungsmitteln das angenehmste“.  Horaz ver-sprach: „Beim Wein fliehen die beißenden Sorgen dahin“. Und Ovid ergänzte: „Der Wein gibt Mut“. Was Wunder, dass Wein nebst Olivenöl und Brot seit je zu den gehei-ligten Grundnahrungsmitteln der mediterranen Kultur gehört. Ihm waren Gottheiten gewidmet zu deren Tempelfeiern stets Musik gespielt wurde. Auf den großen Dionysos-Festen im antiken Griechenland war Musik nebst dem Wein das zentrale Element. Aus dem Stampfen der Reben entsprang womöglich die erste Musik. Auch in Rom wurde Bacchus mit Tanz, Pauken, Becken und Gesang geehrt.

 

Wein und Musik - Orpheus und Dionysos – waren seit der Antike nicht ohneeinander zu denken. Seither haben Weinlieder über Jahrtausende in vielen Kulturen Feste und Rituale begleitet. Unzählige Komponisten haben aber auch nach Christi Geburt den Wein be-sungen, von mittelalterlichen Troubadouren, italienischen Opernkomponisten  über Mendelssohns „Lob des Weines“ bis zu Alban Bergs „Der Wein“.

 

Auch wenn es manche Katholiken nicht gern lesen mögen: Schon der griechische Philo-soph Epikur bekannte: "Ursprung und Wurzel alles Guten ist die Lust des Bauches". Und noch Jean-Jacques Rousseau hat die Kunst der sinnlichen Wahrnehmung als Vorstufe zum Glück bezeichnet. Altvater Goethe, der fleißige Zecher, gestand. „Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn, und löset die sklavischen Zungen“. Natürlich wusste auch Friedrich Nietzsche, obwohl selbst eher Asket: „Schlauch und Geist, Wein und Wort“ gehören einfach zusammen. Wenn Wort und Wein, dann also auch Wein und Musik, denn wie bekannte die Berliner Schnapsnase E.T. A. Hoffmann: „Wo die Sprache aufhört, fangt die Musik an.“ Eben!


„Im Wesen der Musik liegt es, Freude zu machen“, meinte schon Aristoteles. Die Chine-sen betonten hingegen „Musik ist der Liebe Nahrung“. Beethoven, der von der Liebe nicht so viel verstand wie von der Musik, sah in Letzterer zumindest „Höhere Offenba-rung als alle Weisheit und Philosophie“. Und er sprach dem Wein ordentlich zu.


Wie auch immer: Die enge Affinität von Musik und Wein ist kein Zufall. Weshalb man denn auch mit Eigenschaftswörtern wie „leicht“, „schwer“, „rassig“, „lebendig (vivace)“, „feurig“, „elegant“, „tiefgründig“, „ausdrucksstark“, „gefällig“, „harmonisch“, „wuch-tig“, „rund“, „kantig“ oder „zart“ den Charakter von Weinen wie von Musik umschreibt. Musik und Wein sind Seelenverwandte, nur in ihren Mitteln unterscheiden sie sich. Bei der Musik sind es Rhythmus, Ton und Klang, beim Wein Säure, Frucht und Aroma, auf die es ankommt.  Auch die Herstellung klassischer Musik und edler Gewächse weist Gemeinsamkeiten auf: großer Arbeitsaufwand und hohe Kunstfertigkeit sind in beiden Fällen vonnöten, wobei Präzision und Handwerk die Voraussetzung der Komposition sind. Die erst macht das Meisterwerk. Was Wunder, dass in Italien Rebstock und Belcanto schon immer zusammengehörten.


Brindisi, Trinklieder, durchziehen die italienische Operngeschichte von Anfang an, ob Opera Buffa oder Opera Seria. Mozart, der geniale Trinker und Spieler hatte gut Lachen mit seinem „Vivat Bacchus!“ in der heiteren „Entführung“. Doch auch alle Lust und Tra-gödie in Wagners „Opus Metaphysicum“ (Nietzsche), dem „Tristan“ ist einem aphrodi-sischen Drink geschuldet. Ob Wein darin war, weiß man zwar nicht genau. Aber noch die greise Ritterrunde des Welterlösungs-Weihefestspiels „Parsifal“ labt sich am krei-senden Mess-Weinpokal. Und Gaetano Donizetti hat es uns vorgemacht, wie die Formel Wein + Musik = Liebestrank aufgeht. Ich werde es nie vergessen, was mir der glaubens-strenge Priester meiner bayerisch-katholischen Kindheit (als ich ihm meinen Kirchen-austritt mit Achtzehn gestand) bekannte: „Mein Herrgott ist mein Weinkeller“! Es wird kein Einzelfall sein.


Wenn sich Wein und Musik vereinen, ob in der katholischen Liturgie, in Mozart-Opern oder Wagner-Musikdramen, wird die Wahrheit nebensächlich. Musik sei  „die Sprache der Leidenschaft“ meinte Richard Wagner einmal. Er wusste, wovon er redete. Wohl nicht nur für Ludwig II. von Bayern wurde Wagnermusik zur Droge. Auch heutige Wagnerianer besaufen sich gern an Wagners Musik und schlürfen sie besinnungslos in sich hinein. Musik ist nicht nur im Falle Wagners ein Rauschmittel wie der Wein. Aber gerade das ist nach Friedrich Nietzsches Ansicht der Anfang von Allem: „Damit es Kunst gibt, damit es irgendein ästhetisches Thun und Schauen gibt, dazu ist eine physio-logische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch.“  Noch der Antikenkenner und weltreisende Philosoph Gerhard Nebel bekannte sich in einem seiner glänzendsten Essays zu „Weinrausch und Unendlichkeit“, also zur „drogischen Lust“. Nur sie hebe den Zwiespalt auf zwischen Subjekt und Objekt, Gott und Welt, kleinem Ich und großem Weltall.  


Die Franzosen – Weintrinker Nummer Eins in Europa -  fassten diese Erkenntnis in für uns gewöhnliche Sterbliche verständlichere Worte: „Wer guten Wein trinkt, sieht Gott“, was die keusche Trinkerin Bettina von Arnim um die Wahrheit ergänzte: „Die Berührung zwischen Gott und der Seele ist Musik“. Na Bitte! Deshalb drückt die Musik ja auch das aus, „was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist,“  wie uns der nicht nur literarisch, sondern auch kulinarisch hochgebildete  Romancier Victor Hugo erklärt. Im Wein ist eben nicht nur Wahrheit, sondern Musik!  Wer wollte daran zweifeln?


 Man kann Nietzsche nur recht geben: „Das Leben ohne Musik ist einfach ein Irrtum, eine Strapaze, ein Exil“. Aber auch ein Leben ohne Wein, möchte ich ergänzen! Nur Puritaner und Heilige verschmähen „Liebfrauenmilch“, wie Mönche und Nonnen im Mittelalter das „goldene Nass“ nannten. Nur religiöse Fundamentalisten brandmarken den Wein als „süßes Satans-gift“. Doch die überwiegende Mehrheit der Menschheit scheint gottlob Richard Wagner (der entgegen vieler Vorurteile und falscher biogra-phischer Darstellungen) alles andere als ein Purist und Kostverächter war, recht zu geben in dem, was er seiner Gattin Cosima einmal anvertraute: „Nur im Rausch darf man diese schöne Welt betrachten“.

 

Im Rausch der Musik wie des Weines. Der „Meister“ war eben ganz von dieser Welt. Und bekannte sich zu Austern und Champagner, Gänseleber und Meerestieren. Am Ende seines Lebens gestand selbst Nietzsche, erst Wagnerfreund, dann Wagnerfeind: „Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborner Wassertrinker. Wasser taugt auch nicht für Müde und Verwelkte: uns gebührt Wein!“