Über Wein. Ein Essay

Über Wein, Weinrausch, Philosophie und Musik

Ein Essay

Anlässlich einer Buchneuerscheinung:

Stephan Grätzel, Patricia Rehm-Grätzel: Reiner Wein

Philosophie zum Einschenken. Königshausen & Neumann, 2022, 137 Seiten

 


Der römische Historiker Plinius (der Ältere) war es, von dem der Ausspruch überliefert ist “In vino veritas” – “Im Wein liegt Wahrheit”, was der deutsche Volksmund zum Sprich-wort „Wenn der Wein eingeht, geht der Mund auf“ ummünzte. Im ersten Jahrhundert nach Christus begleitete Plinius als Vertrauter der Kaiser Vespasian und Titus deren Feldzüge nach Germanien. Es war die Geburtsstunde der Weinkultur an Rhein und Mosel.

Stephan Grätzel, emeritierter Mainzer Philosophieprofessor (und lange Jahre zuständig für die Lehrerweiterbildung im Fach Ethik) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und seine Ehefrau, derzeit Lehrerin am Bischöflichen Willigis-Gymnasium in Mainz, setzen in ihrem 137-seitigen Buch allerdings eher auf das Sprichwort „jemandem reinen Wein einzuschenken“, denn Ihnen kommt es beim Wein, als „kostbares Lebensmittel“ und „Symbol für den Genuss“ auf die Reinheit an, „stoffliche Reinheit“ und „symbolische Reinheit“. Erstaunlich, dass sie sich überhaupt für Wein interessieren. Es gibt doch eine Unmenge an philosophischer Weinliteratur von euphorischen Weinkennern, -trinkern und -philosophen. Die meist auch süffig und inspiriert wie inspirierend übers Weintrinken zu schreiben verstehen.


Die Mainzer Autoren betonen: „Am Wein kann die Wertschätzung des Lebens selbst und seine Kostbarkeit deutlich gemacht werden. Seine Reinheit spiegelt die Kostbarkeit des Lebens wider. Der Wein ist damit ein Symbol für Reinheit und Wahrheit zugleich. Warum Wahrheit? Jedenfalls begründen sie so den Beginn einer „philosophischen Perspektive des Weins“, die sie vor dem Leser ausbreiten, theoretisch und akademisch akkurat.


Apropos sinnlich: Ob man den Wein nun schlürft oder beißt wie es die Wiener tun, an ihm nippt oder ihn kippt: Wein und Wahrheit gehören zusammen, auch wenn manche unwahre Flunkerei im Umgang mit einem guten Glas Wein gelegentlich über die Lippen rutschen mag. Wer zweifelte daran? Aber was ist denn Wahrheit? Gibt es die eine Wahrheit überhaupt? „Wein lässt das Gespräch wachsen” sagen die Schweden.  Andererseits macht der Wein die Musik, wie man so sagt. Auf den Zusammenhang von Wein und Musik wird noch einzugehen sein.


Uralte Mythen, Märchen und Legenden berichten davon, dass schon Osiris in Ägypten die Rebe eingeführt habe. Die Juden führen den Weinbau auf ihren Urvater Noah zurück. Im ersten Buch Moses ist zu lesen, wie Gott der Herr unsere Urahnen Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb. Nach der Sintflut waren Gott und Kreatur versöhnt. „Noah aber fing an und ward ein Ackermann und pflanzte Weinberge. Und da er Wein trank, ward er trunken und lag in der Hütte aufgedeckt“... Die Sünde nahm ihren Lauf! Wie auch immer, die Edelrebe scheint im alten Mesopotamien, dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, schon um 2000 vor Christus angebaut worden zu sein. Phönizische Händler brachten den Wein ins Land Homers. Von den Griechen lernten die Römer den Weinbau. Und die brachten die Rebe bis zu uns. Darüber liest man leider kaum etwas bei den Grätzels.

Auch im alten China kannte man schon den Wein. Noch in Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ hallt im „Trinklied vom Jammer der Erde“ altchinesische Trinkfreude nach: „Ein voller Becher Weins zur rechten Zeit ist mehr wert als alle Reiche dieser Erde.“ Wie wahr! Einige der größten Heldentaten der Menschheit wären ohne Wein undenkbar gewesen. Odysseus beispielsweise konnte den Riesen Polyphem erst blenden, als er ihn mit Wein betrunken gemacht hatte. Auch große Philosophie ist dem Wein zu verdanken: Platos „Symposion“ wäre ohne Weingelage unter Männern nicht zu denken gewesen. Aber schon die Bibel wusste: „Wie Lebenswasser ist der Wein dem Menschen“. (Jesus Sirach 31, 27).


„Philosophie zum Einschenken“ heißt das Buch von Stephan und Patricia Rehm-Grätzel. Ein etwas rätselhafter Untertitel, was meint er nur? Philosophie des Einschenkens müsste es heißen, besser noch Philosophie des Weins. Oder ist schlicht nur philosophische Beigabe beim Einschenken gemeint?  Immer wieder kommen die Autoren des Buches auf die christliche Symbolhaftigkeit des Weins zu sprechen: „Indem Jesus Wein und Brot zum Zeichen der Erinnerung an sein Leben und Sterben einsetzte, wurden sie zum Zeichen der Eucharistie und damit „Zeichen und Stoff für den Kreislauf des Lebens“, aber auch „Zeichen und Stoff für die Liebe Gottes zu den Menschen“. Der Wein“ sei „eine Epiphanie des Gottes“, er sei eine Maske, und vertrete neben dem Brot die Anwesenheit von Christus“. Gewiss. Das liest man oft. Christen wissen es ohnehin. Die Franzosen – Weintrinker Nummer Eins in Europa - fassen diese Erkenntnisse in für uns gewöhnliche Sterbliche verständlichere Worte: „Wer guten Wein trinkt, sieht Gott“. Das ist theologisch natürlich nicht ganz korrekt. Will es ja auch nicht sein. Es geht dem Autor und der Autorin vor allem um die Ethik des Weins. Der Wein hat in dem „Verbund von Nahrung und Genuss eine exponierte Stellung bekommen“.

Die Gründe seien in Béla Hamvas „Philosophie des Weins“, die als Referenzwerk, Messlatte und Autorität zitiert wird, vorzufinden: „Sinnlichkeit, Liebe Rausch, Maske und Fest.“ Zwiebelschalenartig umkreisen die Kapitel des Buches diese Themen.


An dieser Stlle ein paar Worte über Béla Hamvas „Philosophie des Weins“

„Die 1947 erstellte Abhandlung „Philosophie des Weins“ von Béla Hamvas (1897–1968) - in Zeiten bitterster Not im Ungarn der Nachkriegszeit übersetzt aus dem Ungarischen von Hans Skirecki- ist ein einzigartiges „Glaubensbekenntnis“ zum Wein und dessen Schöpfer, Gott: 'In „heiliger Trunkenheit'  und darin im Bunde mit den weinseligen Poeten wie Goethe (1749- 1832), Hafis in Persien (1315–1390) und Li Bai in China (701–762) bekundete Béla Hamvas sein leidenschaftliches Bekenntnis zum Leben, zur Sinnlichkeit und Sexualitätin. Ein "Gebetbuch" für Atheisten, gegen die Politik seines Landes geschrieben und eine Lobpreisung des Weinrausches, zeugt das Buch von tiefem Glauben und literarischen Bildung, aber auch Bodenständigkeit, Trinkfestigkeit und profunder Weinkennerschaft.


Als gläubiger Humanist lämpfte er gegen die materialistischen Ideologien des Kommunismus und des Faschismus. Sein Credo lautete: Festhalten an der Tradition,  am Allumfassenden, an der Harmonie des Sinnlichen und Übersinnlichem durch Überwindung der Spaltung von Materie und Spiritualität. Er strebte nach Weisheit,  nicht als szientistische Ansammlung von Wissen, sondern Einswerden mit dem „ureigenen Zustand einer Seele, in der alles vom Rausche, vom Frohsinn, von der Vision, vom Wunder und vom Enthusiasmus gelenkt wird. Der Wein ist für ihn eine Brücke  zwischen dem erstenu dn dem letzten Tag des Menschen. Sein Fazit: "Das Trinken hat ein eisernes Gesetz: wann immer, wo immer, wie immer." Von solchen Einsichten und Ansichten sind die Mainzer Autoren weit entfernt.

 

Ein imposantes Buch über den Wein! Doch bleiben wir konkret, will sagen antik: Seit Plutarch gilt: „Der Wein ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste und unter den Nahrungsmitteln das angenehmste“.  Horaz versprach: „Beim Wein fliehen die beißenden Sorgen dahin“. Und Ovid ergänzte: „Der Wein gibt Mut“. Was Wunder, dass Wein nebst Olivenöl und Brot seit je zu den geheiligten Grundnahrungsmitteln der mediterranen Kultur und Küche gehört. Dem Wein waren Gottheiten gewidmet zu deren Tempelfeiern stets Musik gespielt wurde. Auf den großen Dionysos-Festen im antiken Griechenland war Musik nebst dem Wein das zentrale Element. Aus dem Stampfen der Reben entsprang womöglich die erste Musik. Auch in Rom wurde Bacchus mit Tanz, Pauken, Becken und Gesang geehrt. Natürlich ist auch von Bacchus und dem Dionysischen bei den Grätzels die Rede, leider aber nicht von Musik. 

Aber Wein und Musik - Orpheus und Dionysos – waren seit der Antike nicht ohne einander zu denken. Seither haben Weinlieder über Jahrtausende in vielen Kulturen Feste und Rituale begleitet. Unzählige Komponisten haben aber auch nach Christi Geburt den Wein besungen, von mittelalterlichen Troubadouren, italienischen Opernkomponisten über Mendelssohns „Lob des Weines“ bis zu Alban Bergs „Der Wein“.  

Auch wenn es manche gar zu strengen Katholiken nicht gern lesen mögen: Schon der griechische Philosoph Epikur bekannte: "Ursprung und Wurzel alles Guten ist die Lust des Bauches". Und noch Jean-Jacques Rousseau hat die Kunst der sinnlichen Wahrnehmung als Vorstufe zum Glück bezeichnet. Altvater Goethe, der fleißige Zecher, gestand. „Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn, und löset die sklavischen Zungen“. Natürlich wusste auch Friedrich Nietzsche, obwohl selbst eher Asket: „Schlauch und Geist, Wein und Wort“ gehören einfach zusammen. Wenn Wort und Wein, dann also auch Wein und Musik, denn wie bekannte die Berliner Schnapsnase E.T. A. Hoffmann: „Wo die Sprache aufhört, fangt die Musik an.“ Wie auch immer er als bekennender Weintrinker das meinte. Er saß ja in seiner Berliner Zeit fast allabendlich bis fast zur Bewusstlosigkeit trunken bei „Lutter & Wegner.“ 


Den Grätzels kommt es aber in ihrer schlichten und kurzen Abhandlung  im Zusammenhang mit dem Wein gar nicht auf die Musik, sondern vor allem auf das „Religiöse im Menschen“ an. Wein ist „die Materie, in der sich das Spirituelle von Gott und Mensch verbindet.“ Wo bleibt da das Erdverbundene, das Sinnliche, die pure Freude am Genuss?

Rausch oder Trunkenheit dank Wein, „die von einem sinnlichen und geistigen Kontakt mit der Realität herrührt,“ wird zwar als nüchterne Feststellung nicht in Abrede gestellt, aber den Autoren kommt es eher auf die „Verbindung von Philosophie und Wein“ an, auf „Reflexionen des Weins“ und auf Wein als „Träger von Erinnerungen“, als auf Rausch oder Trunkenheit. Der Wein verlange „einen gewissen Umgang, bei dem durch Achtung und Respekt seine Spiritualität gewahrt“ werde. Lang und breit lassen sie sich darüber aus, auch über die Masken, die Poesie, die Architektur und das Fest des Weins. Vom „Konzert der Sinne“, der „Verinnerlichung des Schönen“ und dem „Übergang zum Übersinnlichen“ ist die Rede. Kaum von der Freude des Weingenusses. Sicherlich, das Buch hat einen philosophischen Anspruch.


Doch ist es Philosophie, wenn es gegen Ende sogar (wenn auch nur als Streiflicht) um Herstellung und Vermarktung, um große Namen und die „Rebellion der jungen Wilden“ unter den Winzern geht? Auch Weinkritik und Blindverkostungen werden, erwähnt. Von der „Heilkraft und gesundheitlichen Wirkung des Weins“ ist zu lesen. Vom „Prestige“ Prominenter und Reicher, die sich ein edles Weingut leisten, ist die Rede und von der „Demokratisierung des Weins unter Beibehaltung seines Genusses auf höchster Ebene.“ (Gemeint ist: Weine, auch gute werden immer billiger). Wein sei „ein Protagonist. Er werde auch weiterhin ein Vorbild für die Kostbarkeit von Lebensmitteln bleiben.“ Kein neuer und origineller Gedanke.

Ignoriert wird von den Grätzels die Affinität von Musik und Wein. Sie ist aber kein Zufall. Weshalb man denn auch mit Eigenschaftswörtern wie „leicht“, „schwer“, „rassig“, „lebendig (vivace)“, „feurig“, „elegant“, „tiefgründig“, „ausdrucksstark“, „gefällig“, „harmonisch“, „wuchtig“, „rund“, „kantig“ oder „zart“ den Charakter von Weinen wie von Musik umschreibt. Musik und Wein sind Seelenverwandte, nur in ihren Mitteln unterscheiden sie sich. Bei der Musik sind es Rhythmus, Ton und Klang, beim Wein Säure, Frucht und Aroma, auf die es ankommt.  Auch die Herstellung klassischer Musik und edler Gewächse weist Gemeinsamkeiten auf: großer Arbeitsaufwand und hohe Kunstfertigkeit sind in beiden Fällen vonnöten, wobei Präzision und Handwerk die Voraussetzung der Komposition sind. Die erst macht das Meisterwerk. Was Wunder, dass in Italien Rebstock und Belcanto schon immer zusammengehörten.


Brindisi, Trinklieder, durchziehen die italienische Operngeschichte von Anfang an, ob Opera Buffa oder Opera seria. Mozart, der geniale Trinker und Spieler hatte gut Lachen mit seinem „Vivat Bacchus!“ in der gar nicht so heiteren „Entführung aus dem Serail“. Doch auch alle Lust und Tragödie in Wagners „Opus Metaphysicum“ (Nietzsche), dem „Tristan“ ist einem aphrodisischen Drink geschuldet. Ob Wein darin war, weiß man zwar nicht genau. Aber noch die greise Ritterrunde des Welterlösungs-Weihefestspiels „Parsifal“ labt sich am kreisenden Mess-Weinpokal. Und Gaetano Donizetti hat es uns vorgemacht, wie die Formel Wein + Musik = Liebestrank aufgeht. Ich werde es nie vergessen, was mir der glaubensstrenge Priester meiner bayerisch-katholischen Kindheit (als ich ihm meinen Kirchenaustritt mit Achtzehn gestand) bekannte: „Mein Herrgott ist mein Weinkeller“!  


Wenn sich Wein und Musik vereinen, ob in der katholischen Liturgie, in Mozartopern oder Wagner-Musikdramen, wird die Wahrheit nebensächlich. Musik sei „die Sprache der Leidenschaft“ meinte Richard Wagner einmal. Er wusste, wovon er redete. Wohl nicht nur für Ludwig II. von Bayern wurde Wagnermusik zur Droge. Selbst heutige Wagnerianer besaufen sich gern an Wagners Musik und schlürfen sie besinnungslos in sich hinein (womit sie Wahner unrecht tun, denn er hatte einen höheren Anspruch). Musik ist nicht nur im Falle Wagners ein Rauschmittel wie der Wein. Aber gerade das ist nach Friedrich Nietzsches Ansicht der Anfang von Allem: „Damit es Kunst gibt, damit es irgendein ästhetisches Thun und Schauen gibt, dazu ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch.“  


Noch der Antikenkenner und weltreisende Philosoph Gerhard Nebel, ein faszinierend schillernder Denker, bekannte sich in einem seiner glänzendsten Essays zu „Weinrausch und Unendlichkeit“, also zur „drogischen Lust“. Sie sei ein Geschenk des Mittelmers an uns Nordlichter.  „Auch die Drogen, und nicht nur der Glaube und die Kulte öffnen den menschlichen Geist für ein Sein, das ihn überragt.“ Goethe habe daher den Wein-Rausch als ein „Vehikel der Transzendenz“ betrachtet. Nur die Drogen (und damit auch der Wein) heben den Zwiespalt auf „zwischen Subjekt und Objekt, Gott und Welt, kleinem Ich und großem Weltall. Nebel feiert den „Wein als Heilige Dreifaltigkeit, der animalische Gott, Der Mensch, als Vater, der vegetabilische Gott, der Wein als Sohn und ihr Erzeugnis, der Berauschte als Heiliger Geist“. Nebel feiert den „Wein als drogischen Ursprung des Griechentums und damit des Abendlands.“


Einen solchen Satz wünschte man sich bei den Grätzels! Leider wird dieser vielleicht beste philosophische Wein-Essay aus dem Jahre 1970, (der im Übrigen alles bei den Grätzel Gesagte beinhaltet) bei ihnen nicht einmal erwähnt.


Ein anderer großer Essayist, Horst Krüger, auch er unerwähnt bei den Grätzels, hat 1981 in seinem „Loblied auf Mainfranken“ im Kapitel „Bocksbeutelkunde“ über einen wesentlichen Aspekt des Weins, den die Grätzels völlig unerwähnt lassen (weil er kein philosophischer ist), nämlich über die „richtige“ Art, Wein zu trinken, unübertroffen geschrieben:

„Nur Barbaren trinken ihn einfach runter. Das weiß ich inzwischen. Es ist so: Man muß das volle Glas, den Schoppen heben, andächtig, beinah sakral. Man kann, aber muss nicht das Glas dabei vorsichtig schwenken, so, als gelte es, seine geheimen Ingredienzen erst jetzt zur vollkommenen Mischung zu lösen. Man muss dann daran riechen. Ein Schnuppern, ein leichtes Zittern der Nasenflügel ist möglich. Man darf die Nase ziemlich tief ins Glas hängen, aber nicht reintunken. Das würde alles verderben. Man muss das Glas dann absetzen. Man muss den Duft tief einatmen. Man muss bedeutungsvoll vor sich hinblicken. Ein ganz leichtes, seliges Lächeln ist möglich; aber bitte nur wenig. Wie riecht er denn? Erst nachdem das geklärt ist, Geruchsfragen, darf man ansetzen. Wer jetzt einfach trinkt, ist unmöglich. Es muss sich um einen Bayern handeln, der Bier meint. Der Franke kostet jetzt. Wie? Er nimmt ein ganz kleines Schlückchen, lässt das fragliche Nass zart über die Zunge nach hinten rollen, legt dann die Zunge feinschmeckerisch auf den Gaumen und beginnt jetzt zu kauen, als hätte er einen mittleren Knodel zwischen den Zähnen. Das Kauen muss kräftiger Art sein, der Mund muss sich verziehen, die" Kinnbacken müssen mahlen. Der Schmeck-Effekt plötzlich beim Runterschlucken des zerkauten Weins: Ganz aus der Tiefe der Mundhohle breitet sich Erleuchtung über dem Gesicht aus — das Licht der Erkenntnis, nach dem wir Menschen ja streben. Es ist, als wäre eine geheime Botschaft entschlüsselt. Aromakunde: So also? Also so! Ein Kopfnicken, eine Geste anerkennender Zustimmung meist, nicht immer. Erst danach kann man zu einem richtigen Schluck ansetzen.“ Besser kann man es nicht sagen.


In dem Buch, das Anlass meiner ausschweifenden Gedanken zum Thema ist, wird lediglich eine reichlich trockene Umkreisung eines Flüssigkeits-Phänomens präsentiert. Alles zutreffend, aber ohne Herzblut und Leidenschaft, ohne Sinnlichkeit und auch ohne sprachliche Eleganz und Raffinesse. Worauf will das Autorenduo eigentlich hinaus?


Halten wir uns an Nietzsche: "Das Leben ohne Musik ist einfach ein Irrtum, eine Strapaze, ein Exil“. Aber auch ein Leben ohne Wein ist sinnlos! Nur Puritaner und Heilige verschmähen „Liebfrauenmilch“, wie Mönche und Nonnen im Mittelalter das „goldene Nass“ nannten. Nur religiöse Fundamentalisten brandmarken den Wein als „süßes Satansgift“. Doch die überwiegende Mehrheit der Menschheit scheint Richard Wagner (der entgegen vieler Vorurteile und falscher biographischer Darstellungen) alles andere als ein Kostverächter war, recht geben zu wollen in dem, was er seiner Gattin Cosima einmal anvertraute: „Nur im Rausch darf man diese schöne Welt betrachten“.


Im Rausch der Musik, der Drogen, also auch des Weines. Am Ende seines Lebens gestand selbst Friedrich Nietzsche, erst Wagnerfreund, dann Wagnerfeind: „Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborener Wassertrinker. Wasser taugt auch nicht für Müde und Verwelkte: uns gebührt Wein!“  Recht hat er.