Wagners Welttheater

Wagners Welttheater. Zur Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst, Politik und Religion. (Wagner in der Diskussion Bd. 25). Königshausen & Neumann 2025, 394 Seiten

 

Wagner und kein Ende... Wagners Welttheater in Bayreuth zwischen Kunst und Politik.

 

Das Kernproblem aller Wagnerliteratur ist die Tatsache, dass es keinen kontinuierlichen Fortschritt in der Wagnerforschung gibt. Stattdessen werden – selbst von Autoren, die es besser wissen müssten – immer wieder alte Klischees, Vorurteile und Legenden aufgewärmt. Man befleißigt sich bedenkenlos der fragwürdigen Kunst des Weglassens und Hinzufügens.

Dabei gilt Wagner „als eine der meistbeschriebenen Persönlichkeiten der Weltgeschichte“, worauf Bernd Buchner in der - soeben veröffentlichten - bis zu Gegenwart fortgeschriebenen und durch Recherchen in zahlreichen Archiven erweiterten Neufassung seines erstmals im Wagnerjahr 2013 erschienenen Buchs „Wagners Welttheater.“ hinweist.


Obwohl die Auseinandersetzung mit Richard Wagner und seinem Werk schon mehr als hundertfünfzig Jahre andauert, ist sie in vielem so emotional und kontrovers wie eh und je. Was Wunder: Richard Wagner war ohne Frage der schreib-, mitteilungs- und selbsterklärungsfreudigste, essayistisch wie kunsttheoretisch produktivste, schließlich der dezidiert politischste deutsche Komponist des neunzehnten Jahrhunderts. Sein Œuvre ist unter allen nur erdenklichen Aspekten analysiert worden. Musikwissenschaftler, Historiker, Germanisten, Altphilologen und vergleichende Literaturwissenschaftler haben sich mit der Erhellung des künstlerischen und theoretischen Werks, seiner Entstehung, seiner Aufführung und Wirkungsgeschichte, aber auch mit Wagners Biographie befasst.


Unmengen wissenschaftlicher, aber auch biographisch und journalistischer Veröffentlichungen haben dazu beigetragen, dass die Wagner-Literatur ins Gigantische anwuchs. Weit mehr als 100.000 Titel verzeichnet die 2019 (von der Universitätsbibliothek Rostock verfasste), von Steffen Prignitz zusammengestellte, zweibändige, mehr als1700 Seiten umfassende Bibliographie zu Leben und Werk Richard Wagners.  Darin liest man: Es gibt „Beiträge zur Wagnerforschung in mindestens 35 Sprachen und aus ca. 30 Wissenschaftsdisziplinen.“


Dennoch: Die Wagner-Literatur „schwankt zwischen ausschweifendem Reichtum und irritierenden Erkenntnislücken“, wie Bern Buchner in seinem Buch konstatiert. Das vielschichtige Phänomen Richard Wagner spiegelt sich zudem widersprüchlich, grenzenlos subjektiv und unkritisch in der Wagnerforschung bzw. Rezeptionsgeschichte schon seiner Zeitgenossen wie der folgenden Generationen.  Das besondere Anliegen Buchners: Die „zeitgeschichtliche und kulturhistorische Forschung (hat) sowohl die ideologische Wirkungsgeschichte des Komponisten als auch die politischen Implikationen der Festspiele lange Zeit nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt.“ Trotz der wegweisenden Publikationen von Brigitte Hamann, Joachim Fest, Oswald Georg Bauer, Hubert Kolland, Udo Bermbach und anderer (der Autor kennt die Wagnerliteratur sehr gut) bleibt bis heute eine „politische Festspielgeschichte“ nach wie vor einzulösende Forderung.


Es ist erklärtes Ziel des eindrucksvollen Buches von Buchner, diese Forderung einzulösen. Der Autor verbindet “sozial- und kulturpolitische Ansätze“, flicht aber auch „Musik- und theaterpraktische Aspekte“ ein. Er will allerdings nicht primär über den Komponisten und den Theatermann Wagner schreiben, der sich paradoxerweise „selbst gar nicht in erster Linie als Musiker verstand, sondern als Schriftsteller und Dramatiker,“ wie Buchner betont.  „Er betrachtete das Theater als politische Waffe und benutzte die Tonkunst ‚nur zu seinen Zwecken als gewaltigstes Mittel der Erregung und Wirkung." (Alfred Einstein).“


Schon der kritische Wagnerianer Hans Mayer wies darauf hin: politische Grundanschauungen und musikdramatische Gestaltungen seien ohne einander nicht zu begreifen, künstlerische Form und weltanschaulicher Gehalt bildeten bei Wagner eine Einheit. „Keine Musik ist unpolitisch“ hat zurecht Eckhart John in seinem Buch „Musikbolschewismus“ betont. „Vor allem das Medium Oper ereignet sich niemals im luftleeren Raum“, so ergänzte der Musikjournalist Hans-Klaus Jungheinrich. Zumal bei Richard Wagner, der in dem fränkischen „Nest“ (so die Wahnfried-Haushälterin Liselotte Schmitt) einen Ort machte, an dem politische „Weltgeschichte“ geschrieben wurde. Bayreuth, das 2026 sein 150-jähriges Jubiläum begeht und „trotz einer künstlerischen Stagnation, über die sich die Fachkritik seit längerem einig ist, erfreut sich beim Publikum nach wie vor großer Beliebtheit. Bayreuth wurde seinerzeit zu einer moralischen Anstalt, „in der die großen Fragen der Zeit verhandelt“ wurden. Das machte der Politikwissenschaftler Udo Bermbach klar.


Bernd Buchner resümiert: „Die Geschichte Bayreuths ist seitdem zur Wagnergeschichte geworden, zur Festspielgeschichte, auch zu einer Geschichte von politischen Metastasen des Wagnertums. Glanz und Elend der Familie Wagner und der Festspiele wirkten sich aus als Glanz und Elend dieser oberfränkischen Mittelstadt.“ So ist es bis heute.


„Das Verhältnis von Kultur und Politik, mithin von Geist und Macht“ ist denn auch das Thema des Buches. Dass das Bayreuther Unternehmen „mehr war als" nur "ein Tempel des Musiktheaters“, sondern „ein Abbild der gesellschaftlichen Zustände in Deutschland“, das will Buchner aufzeigen, denn in „der Geschichte des Grünen Hügels spiegele sich die Geschichte des Landes, so schreib schon Udo Bermbach „und die Geschichte der Festspiele ist fest verbunden mit der allgemeinen deuchen Geschichte“.


In sieben Kapiteln und einem Ausblick wird das „seltsame Pflaster“ Bayreuth wie die Furtwängler-Sekretärin Berta Geismar es 1943 nannte, charakterisiert.


Entstanden sei diese Probebühne Deutsclands aus dem Geist der Bürgerlichkeit. Wagner war ein bürgerlicher Revolutionär. Die „hohe Frau“ und Wagnerwitwe Cosima sei verantwortlich gewesen für wilhelminische Wagneridolisierung und -Verfälschung mit der Annäherung an Rassismus und Antisemitismus. Auch habe sie den „Parsifal“ in den Dienst einer bizarren Bayreuther Theologie gestellt und sie hat ideologisch „Hitlers Hoftheater“ vorbereitet. Aber auch die Nachkriegszeit, „Neubayreuth“, „Demokratie und Regietheater“ wird kritisch beleuchtet, die Wagner-Familie wird als eine Art pseudofeudale Dynastie, als „Atridenclan charakterisiert und Deutschland wird in schöner Kontinuität als „einig Wagnerland“ bezeichnet. Von neuen alten „Wagnerianern“ ist die Rede, aber auch von den Wolfgang-Nachfolgerinnen und der von ihnen neuerfundenen Festkultur samt fragwürdiger Zeitgeist-Anbiederung. „Opportunismus“ sei schon immer die „Überlebensversicherung“ der „Bayreuther Repräsentanten“ gewesen. Heute sei Bayreuth ein „Gegenmodell der Liebe“ und „der Humanität in einer inhumanen Zeit,“ so Oswald Georg Bauer. Gut gemeinte Worte. Doch der Schriftsteller und Journalist Maurice Barrès schrieb schon 1886: „Gerade in Bayreuth ist man, sagen wir es deutlich, am weitesten von Wagner entfernt.“ Wagner selbst bekannte 1881, dass „Bayreuth“ vielleicht doch ein „großer Irrtum,“ wo nicht gar “ein großer Frevel“ gewesen sei.  


Dennoch ist das Buch Bernd Buchners eine respektheischende, mit großem wissenschaftlichem Apparat aufwartende, für reichlich Diskussionsstoff sorgende Arbeit über die Richard Wagner-Festspiele in Bayreuth „an der Schnittstelle von Zeitgeschichte, politischer Mentalitätsgeschichte sowie kulturwissenschaftlicher Disziplinen“.


Rezensionen in "Das Orchester" und "Der Opernfreund"