Wagner und Homosexualität

Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner 2006 erschienenen europäischen Wagner-Biographie

Pepino oder Wagner und die Homosexualität

Eine meist übersehene Episode in Wagners Biographie


Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner 2006 im Parthas Verlag erschienenen europäischen Wagner-Biographie

 

In den meisten Wagnerbiographien wird das Thema „Homosexualität“ tabuisiert, ausgeklammert oder aber in völlig überzogener Weise als zwielichtige psychologische Grundierung im Hintergrund von Person und Werk gesehen, was absurd erscheint angesichts der Tatsache, dass Wagner ein bekennender und bekannter „Womanizer“ seiner Zeit war. (Geradezu beispielhaft absurd sind die Ausführungen von Hanns Fuchs in seinem Buch "Richard Wagner und die Homosexualität" aus dem Jahre 1903). In meiner europäischen Wagnerbiographie habe ich die Homosexualität (und Wagners Umgang mit ihr) thematisiert, ohne dass das auch auch nur einem Rezensenten aufgefallen zu sein scheint oder eines Wortes für Wert befunden wurde.

 

Als Mann ruhte Wagner in einer selbstverständlichen Männlichkeit, auch wenn er nach Meinung der Schriftstellerin Eliza Wille nur „eine Taschenbuchausgabe von Mann“ war und ein immer absturzgefährdetes Selbstbewusstsein als Person und Künstler aufwies. Sein erotisches Selbstbewusstsein war jedoch stabil und unerschütterlich. Der Erotomane Wagner liebte die Frauen und brauchte sie. Was Wunder, dass in seinen Werken immer der Mann der Erlösung durch die Frau bedarf. Wagner, der angstfreie, seiner sexuellen Identität sichere Mann, zeigte daher keinerlei Feindseligkeiten gegenüber dem Thema Homosexualität oder Berührungsängste mit Homosexuellen (deren einige in seinem Lebenstheater nicht unwichtige Rollen spielten). Beispielsweise Karl Ritter.

 

Nach einem der heftigsten Konflikte seines Lebens, am 25. August 1858 brach Wagner von Genf auf nach Venedig. Seine Frau Minna hatte seine im sexuellen Sinne wohl keusche, aber im seelisch-geistig-erotischen Sinne höchst leidenschaftliche Liebesaffäre mit Mathilde Wesendonck, der Gattin seines Zürcher Mäzens, aufgedeckt und missverstanden als Fehltritt. Sie hatte daraufhin einen Skandal provoziert. Er reiste nicht allein, er hatte einen Weggefährten und Freund bei sich, der auch aus schwieriger persönlicher Lage in die Schweiz geflohen war. Es war sein Dresdner Freund Karl Ritter, der offenbar homosexuell veranlagt, aus seiner fehlgeschlagenen Ehe flüchtete und sich ganz Richard Wagner anschloss. Durch die Bülows hatte er Wagner kennengelernt und ist ihm in die Schweiz gefolgt, wo er als Dirigent scheiterte, aber als Chorleiter eine finanziell erträgliche Existenz fand. Seit 1851 war er zu einem der engsten Vertrauten und Freunde Wagners geworden. Mit dem langjährigen Dresdner Freund Karl Ritter reiste Wagner also gen Venezia, das damals unter habsburgischer Herrschaft stand. Die beiden Freunde reisten per Eisenbahn über Lausanne, den Simplon, den Lago Maggiore und Mailand in die Lagunenmetropole, die sie am 29. August erreichten. Man stieg im vornehmen Hotel Danieli ab. Am nächsten Tag quartierte man sich gemeinsam im Palazzo Giustiniani ein, nah der Einmündung des Rio Foscari in den Canale Grande. Dort lebte man einvernehmlich zusammen. Erst als Wagner das Asyl Venedig verließ, um in Luzern Fuß zu fassen, trennen sich ihre Lebenswege. Karl Ritter starb 1891 vereinsamt in Verona.

 

Eine späte Episode in Wagners Leben demonstriert beispielhaft seine erstaunlich gelassene, ja fortschrittliche Haltung in dieser Sache: Nach einer festlichen Silvesterfeier in München mit dem Maler Lenbach, dem Dirigenten Hermann Levi und dem neuen Hofsekretär von Bürkel im Münchner Hotel Marienbad verließ Wagner mit Familie und Personal Deutschland, um erst im Spätherbst des Jahres 1880 zurückzukehren. Am 4. Januar 1880 trafen die Wagners in Neapel ein und bezogen die (bis heute erhaltene) Villa d'Angri am Posillipo nahe dem Meer, mit prachtvoller Aussicht auf die Stadt und den Golf. Eine Straße windet sich ein paar hundert Meter zur Villa hinauf, hinter deren Säulen sich eine stattliche Zimmerflucht verbirgt. An der Rückseite schloss sich ein lieblicher Spazierweg an, der durch Garten und Park zur »Palme« hinaufführt, dem höchsten Punkt des Terrains, einem malerischen Bellevue. Einer von Wagners Lieblingsplätzen. Seine Begeisterung über Neapel kannte keine Grenzen. Neapel wurde zu seiner erklärten Lieblingsstadt. »Neapel ist meine Stadt, hol der T. (eufel) die Ruinen, hier lebt alles, ich kenne nur zwei Städte, die ihrem Lande entsprechen, homogen ihm sind, London und Neapel“, so habe Richard am 16. Jan. 1880 ausgerufen.1 

 

In einem Brief an Ludwig II. vom 25. Januar schrieb er: „Die schönste, unvergleichlichste Landschaft Europa's, die einzige Stadt Italien's, welche ganz nur so ist wie ihre Bevölkerung (während zu den Monumenten der übrigen berühmten Städte die Bevölkerung sich durchaus fremd verhält), dazu ein Grundstück welches, als den herrlichsten Punkt von Neapel, sich einmal ein Fürst Doria mit kolossalen Terrassen-Bauten hat herrichten lassen, und auf welchem wir vom Meere aus bis zur Höhe des Posillipo in einem selbst jetzt immer grünenden und blühenden Garten aufsteigen.“2 Dieser Garten ist heute nicht mehr erhalten

 

Ende Januar befiel Wagner eine quälende Gesichtsrose. Die Arbeit stockte. Wagners Aufenthalt in Neapel hatte sich schnell herumgesprochen. Jeder, der etwas zu sein glaubte, wollte Wagner mit einem Besuch beehren. Am 18. Januar 1880 empfing Wagner den russischen Maler Paul von Joukowsky, der mit dem befreundeten amerikanischen Dichter Henry James3 in der Nähe logierte, in der Villa d'Angri. Für den 9. März hatte sich auch der junge Musiker und Komponist Engelbert Humperdinck angemeldet. Humperdinck hatte sich mit einem Mendelssohn-Stipendium auf einer Studienreise durch Italien befunden. Wagner hatte ihn eingeladen, auf der Rückreise von Sizilien vorbeizukommen.

 

Nachdem Joukowsky sich von Henry James getrennt hatte, schloss auch er sich mitsamt seinem kleinen italienischen Freund, seinem „Diener“ namens Pepino den Wagners an. Joukowsky wurde schließlich zum engen Freund und Vertrauten der Wagners und schuf später die Bühnenbildner zur Parsifal-Uraufführung, die bis zum Tode Cosimas 1930 in Bayreuth zu sehen waren. 

 

Joukowskys relativ offen ausgelebte Homosexualität hat Wagner offenbar nicht im Geringsten irritiert.4 Im Gegenteil. Über Joukowsky äußerte er, er sei „immer wohlgebildet, zart, edel und liebenswürdig.“,5 Dass Wagner zur Homosexualität eine fortschrittliche, aufgeschlossene, ja unkomplizierte Haltung einnahm, zeigt eine Äußerung Wagners, die sich unter dem 25. Februar 1881 im Tagebuch Cosimas findet: „Nach Tisch kommt in eingehendster Weise die Sprache auf Jouk.'s Verhältnis zu Pepino, durch einen traurigen Liebschafts-Zwischenfall angeregt! Ich lasse mich so weit hinreißen, es als albern zu erklären, und bereue es! ... R. sagte über das Verhältnis zu P.: »Es ist etwas, wovon ich den Verstand, dafür aber keinen Sinn habe.“6 Eine zu seiner Zeit erstaunlich sachliche und wertneutrale Äußerung zum Thema.

 

Tatsächlich war Pepino der Lebensabschnittsgefährte und jugendliche Geliebte Joukowskis. Der erste Wagnerbiograph, Carl Fr. Glasenapp - dem Einblicke in Cosimas (damals noch nicht veröffentlichte) Tagebücher gewährt wurde - beschreibt ihn in seiner Biographie als „einen jener neapolitanischen Volkssänger, die durch die Naturgabe der reinen vollen melodischen Gesangsstimme, durch Vortrag und Leidenschaft entzücken und den er (Joukowsky), (Anm. d. Autors) gütig aus Elend und Verkommenheit gezogen. Wagner bewunderte u.a., wie dieser unausgebildete, eben deshalb aber auch nicht verbildete Sänger aus eigener Anlage die schwierige Kunst der richtigen Atemeinteilung ausübte; auch die von ihm vorgetragenen Volksmelodien waren einzig in ihrer wild zärtlichen, heiter einschmeichelnden, verführerisch sinnlichen Art.“ 7

 

Richard Wagner war geradezu begeistert von Pepino. Cosima notierte am 23. Januar 1880: „Abends führt uns Herr Joukowsky sein[en] Diener, neapolitanischer Volkssänger, vor, der uns durch Vortrag und Leidenschaft entzückt; R. bewundert u.a., wie er mit dem Atem umzugehen weiß, auch die Sachen, die er singt, sind in ihrer wild zärtlichen, heiter einschmeichelnden, verführerisch sinnlichen Art einzig. Aber wie wird mir, wie der Sänger das Thema der Rheintöchter (er hat den Ring gehört) sich zu erinnern sucht! R. spielt es, und die ganze Schönheit der Natur ersteht vor uns, das begehrliche Tier hatten wir vor uns, nun den unschuldigen Menschen! ... Pepino selbst höchst merkwürdig, wuchtig, gedrungen, schlicht und stolz - eine schöne Erfahrung!“8

 

Cosima wuchs über sich hinaus in derlei Begeisterung über Pepino. Bei allen sich bietenden Gelegenheiten sang forthin Pepino nicht nur für Richard Wagner, sondern auch für Gäste, bei Geburtstagsfeiern oder Freundesbesuchen, oft aber auch nur zur Freude Richard Wagners. Er sang vor allem die Lieder seiner neapolitanischen Heimat. Glasenapp berichtet: „Neapolitanische Lieder, von Pepino gesungen, beschlossen den Abend, der Meister lobte ihn sehr und äußerte sich später dahin, es sei ihm dabei gewesen, wie wenn ein griechischer Himmel mit seiner reinen Bläue sich über ihm eröffnete.“ 9

 

Wagner studierte mit Pepino verschiedenste deutsche Lieder ein und Pepino brachte den Wagnerkindern italienische Lieder bei. Die größte Freude Wagners war, gemeinsam mit Pepino zu singen und zu musizieren. Cosima notierte: „Am Nachmittag mit den Kindern in das Atelier von Herrn Joukowsky, Pepino singt zur Feier des Geburtstages und entzückt uns wieder alle. R. spielt aus dem »Ring«, was er sich denkt, das Pepino sich gemerkt, dann aus »Lohengrin« den Brautzug - schöne Stunde, Frage, was wird noch aus Pepino, dem leidenschaftlichen? Wird er in dieser Existenz aushalten, aus Liebe zu seinem Herrn, der ihn aus dem Elend zog.“10 

 

Eine Abschweifung zu einer der fixen Ideen Wagners, seinem Amerika-Plan: Schon 1854 hatte er von einem amerikanischen Interesse an Wagner- Konzerten erfahren, für die er im Jahr darauf auch Angebote erhielt. Noch einmal erreichten ihn 1859 Vorschläge für eine Amerika-Reise. Seither ließen ihn Amerika-Illusionen nicht mehr los. Auch „am 8. Juli 1879 Mit Pr. Schrön spricht er von seinem Gedanken, nach Amerika zu ziehen, dieser bezeichnet sehr richtig, was den Deutschen fehle, als den Instinkt, wobei R. sich Pepino's erinnert, der augenblicklich, wie R. ihm etwas nachsang, ihn auf der Guitarre begleitete.“ 11 Am 1. Februar 1880 habe Wagner im Familienkreis geäußert, „er wolle nach Minnesota ziehen, Haus und Schule gründen und den Amerikanern den „Parsifal“ widmen; in Deutschland halte er es nicht mehr aus.“ Am 20. August 1880 entfuhr im gar die Behauptung: „Bayreuth war ein Unsinn!“12

 

Aus Neapel teilte er dem befreundeten amerikanischen Zahnarzt Jenkins am 8. Februar mit, dass er es nicht für unmöglich halte, sich doch noch zu entschließen, mit seiner ganzen Familie und seinem letzten Werk für immer nach Amerika auszuwandern. Er verlange dafür eine Million Dollar, deren eine Hälfte für die Niederlassung in einem klimatisch vorteilhaft gelegenen Staate der Union, deren andere Hälfte als Kapital-Vermögen in einer Staatsbank zu 5 Prozent anlegbar zu verwenden sein würde. Hiermit hätte ihn Amerika Europa für alle Zeiten abgekauft. Allerdings müsse man noch die Festspiele zustande bringen und finanzieren. Als Dr. Jenkins am 1. April auf der Reise von Dresden nach Konstantinopel in Neapel Station machte, fand er Wagner so voller Illusionen hinsichtlich der Bedingungen in Amerika, dass die Argumente gegen diesen Plan keine Kraft hatten. Jenkins bemühte sich nach Kräften, und mit Hilfe von Freunden, Wagner das Amerika-Projekt auszureden. Es war nicht leicht, denn Wagner hatte sich in die Amerika-Idee verbissen. Nur sein Alter und seine Familie brachten ihn schließlich davon ab.

 

Auf Einladung des Herzogs von Bagnara, Präsident des örtlichen Konservatoriums, besuchte Wagner in Neapel eine Aufführung des Miserere von Leonardo Leo. Cosima am 25. März 1880 „»Furchtbar erhabene Wirkung der Musik« - sagt R. -, und: »Es ist dies die eigentliche Musik, neben welcher alles Spielerei ist.« Die Komposition baut sich wie ein mächtiger Dom auf, streng gefugt, erhaben und notwendig; jede Modulation ungeheuer wirksam, weil durch die Konsequenz der Stimmführung geschaffen. Die Aufführung leidet unter den Pausen, die der Kapellmeister der Sicherheit wegen zu machen sich genötigt sieht. Aber die Knaben-Stimmen wirken rührend naiv. - Wir denken an Parsifal! R. führt am Schluss die liebreizende Herzogin, welche umgeben von ihren schönen Kindern ihm ungemein gefällt, während der freundliche Herzog mich zu unserem Wagen führt. Wir fahren inmitten eines Volkstumultes; es ist heute nicht gestattet zu fahren, man muss zu Fuß in die Kirchen, das Volk zischt; Mondschein, die Häuser wie Paläste aus 1001 Nacht.“13

 

Am 18. April spielt Wagner dem Herzog von Bagnara das „Parsifal“-Vorspiel vor: »Ich habe das Werk Bühnenweihfestspiel genannt; es ist undenkbar auf unseren Theatern und ist sehr kühn; doch wenn [man] so leichtfertig mit unseren süßen Geheimnissen umgeht, sehe ich nicht ein, warum man sie nicht im höchsten Sinne verwerten sollte.« 14

 

Wagner genoss Neapel in vollen Zügen. „Abends Fahrt auf dem Meer, von Cosima geschildert: »Fünf Barken wiegen sich wandelnd den seligen Ufern entlang im Mondschein, der uns mit sanfter Wärme zu umstrahlen scheint, Neapel glänzt in der Ferne, träumerisch schließt der Vesuv es ab, und seliger als alles Äußere der Seelen-Einklang, der alle verbindet.«

 

Schon 14 Jahre zuvor hatte Wagner (am 21. Okt. 1876) in einem Brief an Ludwig II. bekannt: „Neapel ... ist jedenfalls die schönste und unvergleichlichste Stadt der Welt, und zwar selbst auch als Stadt eben, nicht bloß der wundervollen Lage wegen.“ Inzwischen war Engelbert Humperdinck aus Sizilien zurückgekehrt. Gemeinsam mit dem jungen Musiker Martin Plüddemann, den Töchtern und Rubinstein am Klavier nahm Humperdinck abends (am 8.5.1880) an einer denkwürdigen Uraufführung der Gralsszene teil: Wagner sang und dirigierte, die einzigen Zuhörer waren Paul von Joukowsky, die Freundin Malwida von Meysenbug, Cosima und Sohn Siegfried. Wagner lud bei dieser Gelegenheit Engelbert Humperdinck nach Bayreuth ein. Er war so angetan von diesem jungen, begabten Musiker, dass er ihn als Mitarbeiter nach Bayreuth einlud, dem später vielfache Arbeiten zu verdanken waren, so erstellte er beispielsweise eine „Parsifal“-Partitur-Kopie, zahlreiche Arrangements, er war als Solorepetitor tätig, studierte die Chöre ein, assistierte dem Parsifal-Urauffürungs-Dirigenten Hermann Levi und verlängerte auf Wunsch Wagners im Juni 1882 die Verwandlungsmusik des 1. Aktes. 

 

Am 26. Mai machte Wagner mit Familie und Joukowsky einen Ausflug an die Amalfiküste. Per Eselskarren kam man nach Ravello und besichtigte den Palazzo Rufolo. Von dem malerischen, halbzerfallenen Schloss im maurischen Stil des 12. Jahrhunderts führte eine Marmortreppe in einen kleinen Rosengarten, der die Besucher in Entzücken versetzte. Mit seinen Blumenrabatten, seinen Hecken und grün umrankten Nischen, Wasserbecken und Bänken, den Pavillons und dem atemberaubenden Blick hinab aufs Meer, überragt von Zypressen und Palmen, seinem betörenden Duft und seiner Weltabgeschiedenheit erschien er wie die von der Natur selbst geschaffene Umgebung für den zweiten Akt des „Parsifal“. Wagner schrieb ins Gästebuch: »Klingsors Zaubergarten ist gefunden!« Noch heute schmückt sich Ravello mit dieser Wertschätzung Wagners.

 

Nach einer Kahnfahrt zur Villa Portiglione am 29. Mai entwarf Joukowsky eine Skizze zum zweiten „Parsifal“-Akt. Die Vorlage für den Gralstempel im ersten und dritten Akt sollte er im Dom zu Siena finden. An seinen Gönner, Ludwig II. schrieb Wagner: „unter uns war noch ein, hier erst mir zugeführter Freund, Paul Joukowsky, der Sohn des, seiner Zeit hochgeachteten und mannigfach ausgezeichneten, Erzieher's des jetzigen Kaisers von Russland, eine vorzügliche, vornehme und empfindsame Natur, mit einem so großen Talent zur Malerei begabt, dass er sich gänzlich der Ausübung dieser Kunst gewidmet hat. Er debütirte bei uns mit einem höchst gelungenen Porträt meiner Frau, welches er mir nun als Geburtstagsgeschenk verehrte. Bisher meistens in Italien sich aufhaltend, hat er nun beschlossen, sein Domizil ein für alle Mal in Bayreuth zu nehmen: seine werthvolle Sammlung von Kunstsachen wird er mit sich führen, und wir unterhalten uns davon, hieraus ein Bayreuther »Museum« zu gründen. - Gemeinschaftlich begaben wir uns dieser Tage auf einen Ausflug nach Amalfi, am Golf von Salerno, vielleicht einem der schönsten Punkte Italiens: von dort aus besuchten wir das auf der Gebirgshöhe gelegene Ravello, ein jetzt verfallenes Städtchen, welches aber wunderbare Bau-Reliquien aus der Zeit der Occupation der Araber erhalten hat. Hier trafen wir prachtvolle Motive zu Klingsor's Zaubergarten an, welche sofort skizzirt und zu weiterer Ausführung für den zweiten Akt des ‚Parsifal‘ bestimmt wurden. Da Joukowsky nämlich ganz zu uns nach Bayreuth übersiedeln wird, haben wir ihn dazu bestimmt, nicht nur zu ‚Parsifal‘, sondern zu allen meinen theatralischen Werken ausführliche Zeichnungen und Bilder, sowohl der Decorationen als der Kostüme anzufertigen: da diess genau nach meinen Angaben geschehen soll, ist zu erwarten, dass wir hiermit der Zukunft etwas Nützliches übergeben.“15 

 

Eine schwere Allergie, die er für die Wiederkehr der unangenehmen Gesichtsrose hielt, die ihn heimgesucht hatte, ließ ihn das neapolitanische Meeresklima fliehen. Am 7. August verließen Wagners Sorrent. Über San Marcello, Pistoia und Florenz reisten sie gemeinsam mit Joukowsky und Pepino nach Siena. Die Hitze setzte ihnen sehr zu. Man besichtigte am 21. August 1880 den Dom. Wagner stand fassungslos im Innern der Kathedrale vor den Säulen aus hell und dunkel geschichtetem Marmor unter blauem, mit goldenen Sternen übersäten Langhaushimmel. Er war „zu Tränen hingerissen“, wie Cosima berichtet; der Gralstempel war gefunden. Joukowsky musste ihn für die Bayreuther Inszenierung auf Papier festhalten. In Florenz logierte man in der von Cosima hergerichteten Villa Fiorentina, einem stattlichen Palazzo mit Garten. Wagner schlief in einem Bett, in dem angeblich schon Papst Pius IV. geschlafen hatte; Wagner meinte, darin habe das ganze Schisma Platz. Über Rom ging es nach Bayreuth zurück. Auch dort war der kleine Sänger Pepino umjubelter Star der Familie und der Gäste in „Wahnfried“.

 

Schon bald an Heimweh leidend, begleitete er Joukowsky der sich – Wagners Illusion trotzend - natürlich nicht in Bayreuth niederließ, in dessen russische Heimat. Es kam, wie es in solchen Konstellationen, zumal zu Wagners Zeit, immer kam: Der Liebhaber lässt seinen Geliebten - den zu legitimieren die Gesetze und Regeln der Gesellschaft nicht erlauben - eines Tages fallen. Im besten Falle schickt er ihn dorthin zurück, wo er ihn aufgegabelt hatte. Joukowsky hat Pepino tatsächlich die Rückreise zurück in seine Heimat ermöglicht. Darauf hatte Wagner brieflich gedrungen. 

 

Noch am 6. Oktober 1882, wenige Monate vor seinem Tod, in Venedig, nahm Wagner Anteil am Schicksal Pepinos. In Cosimas Tagebuch liest man: „Die Nachricht, welche ich eben erhalte, dass Jouk. Pepino heimgeschickt hat, begeistert R. zu einer Gratulations-Adresse.“ 16

 

Anmerkungen:

 

1 CT, Bd. 2, S. 478

2 RWB-Ludwig II. Bd. 3, S. 167

3Henry James war – wie Joukowsky homosexuell. Er nannte sich einen „sexuellen Selbstversorger“ und den „Engel seines eigenen Hauses“. „Als er sich in den russisch-deutschen Maler Paul von Joukowsky und viele weitere Männer wie Jonathan Sturges, Morton Fullerton und den Bildhauer Hendrik Andersen verliebte, spielte er das nach außen als Idealisierung männlicher Figuren herunter“, so Verena Auffermann in ihrem Buch „Henry James. Leben in Bildern“. „Seine bevorzugte, weil erotisch aufgeladene Kulisse war Venedig. Die märchenhafte Schönheit der Stadt und seiner Gondoliere nutzte er als kongenialen Hintergrund für homosexuell grundierte Erzählungen.“

4 Schon sein völlig ungetrübtes, ja herzliches Verhältnis zu seinem Onkel Adolph, der wohl homosexuelle gewesen ist, widerspricht jeder Vermutung, Wagner habe Probleme mit Homosexualität gehabt.

5 Briefe und Briefwechsel in Einzelausgaben: König Ludwig II und Richard Wagner: Briefwechsel, S. 4342. vgl. BW-Ludwig II. Bd. 3, S. 225 

6 CT, Bd.2, S. 700 f.

7 Glasenapp, Band 6, S. 687

8 CT, Bd.2, S. 483

9 Glasenapp, Bd. 6, S. 526

10 CT, Bd.2, S. 491

11 CT, Bd. 2, S. 518. Den Arzt Prof. Dr. Schrön hatte Wagner durch Nietzsche in Neapel kennengelernt und zum

Freunde gewonnen. Ihm zu Ehren er das Gedicht geschrieben hatte: »Was man als Wonn' und Wunder preist, /

wie wär Neapel selbst so schön, / behütet uns so Leib als Geist / ein Freund nicht wie Professor Schrön? / Will

ich Neapel's Pracht ermessen, / wie sollt' ich dieses Freund's vergessen?«

12 CT, Bd.2, S. 585 

13 CT: Band 2, S. 511-512 

14 CT, Bd. 2, S. 523 

15 RWB-Ludwig II., Bd. 3, S. 177-178

16 CT, Bd. 2, S. 1016