Jacques Offenbach zum 200sten Gbtg.

Dieter David Scholz



Original Nadar-Photo. Im Besitz des Autors

Hervorragende, soeben erschienene Offenbach-Edition aus Anlaß des 200sten Geburtstages

Jacques Offenbach

Zirkusmann und Zensor der Belle epoque

 


Am 20. Juni 2019 vor 200 Jahren wurde Jacques Offenbach geboren. Seine Heimatstadt Köln veranstaltet aus diesem Grund ein Offenbachfestival, das am 22.06. 2019  in der Uraufführung einer Jubiläums-Offenbachiade von Christian von Götz „Je suis Jacques“ gipfelt. Ein zweigeteiltes Internationales Offenbachsymposium feiert den einstigen musikalischen Abgott von Paris an der Seine wie am Rhein.


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Offenbachs  parodistischer Witz, seine rhythmisch gepfefferte Musik und seine uner-schrockene Respektlosigkeit gegenüber jeglichen Autoritäten animierten selbst den gestrengen Philosophen Friedrich Nietzsche zu Begeisterungshymnen auf „Sankt Offenbach“, wie er ihn einmal nannte: „Offenbach: Das ist französische Musik mit einem Voltaireschen Geist, frei, übermütig, mit einem kleinen sardonischen Grinsen, aber hell, geistreich bis zur Banalität  und ohne die Geziertheit krankhafter oder blond-wienerischer Sinnlichkeit.“

 

Tatsächlich war Offenbach zu seiner Zeit der erfolgreichsten Komponisten von Paris. Dennoch geriet er bis auf eine Handvoll Stücke in Vergessenheit. Dass er heute oft verharmlost abgetan wird, gründet sich größtenteils auf Unkenntnis und offenbar nicht auszuräumenden Vorurteilen gegenüber seinem Werk. Offenbach läßt sich nicht einfach in einen Topf werfen mit „Operette“.  Er hat zwar in seinem stattlichen Œuvre von 600 Werken, darunter mehr als 100, die er fürs Musiktheater geschrieben hat, auch gut zwei Dutzend Werke geschrieben, die er als „Opérette“ oder „Opérette-bouffe“ bezeichnete. Nur: sie haben mit den später entstandenen Wiener und Berliner Operetten nicht viel gemein. Bei Offenbachs Operetten handelt sich ausschließlich um Werke, die die fran-zösische Verniedlichungsform „kleine Oper“ auch verdienen, nämlich um Einakter mit einem sehr überschaubaren Personal. Die einaktigen Operetten machen aber nur einen kleinen, unwesentlichen Teil von Offenbachs  Œuvre aus.  Seine eigentliche Erfindung war die „Offenbachiade“, wie der große Offenbachkenner und – Propagandist Karl Kraus diese Gattung erstmals nannte. Dieses heiter satirische, parodistische, immer rebellische, gesellschaftskritische Musiktheater, wie es bis dato nicht existierte, unter-scheidet sich wesentlich von der Operette.


Schon Egon Friedell hat in seiner “Kulturgeschichte der Neuzeit“ 1927 den Werken Offenbachs bescheinigt, dass sie „beißende, salzige, stechende Persiflagen der Antike, des Mittelalters, der Gegenwart“ seien, „aber eigentlich immer nur Gegenwart und im Gegensatz zur Wiener Operette, die erst eine Generation später ihre Herrschaft antrat, gänzlich unkitschig, amoralisch, unsenti-mental, ohne alle kleinbürgerliche Melodra-matik, vielmehr von einer rasanten Skepsis und exhibitionistischen Sensualität, ja gera-dezu nihilistisch.“  Was die Operette von der Offenbachiade vor allem unterscheidet, ist der Rückzug ins Kleinkarierte und ‚Lebkuchenherzhafte‘, aber auch das Gemütliche, Affirmative, Heimatverbundene, Patrio-tische und Sentimentale. All das ist Offenbach fremd. Er verklärt nichts und zwingt seine Zeitgenossen, die Großen wie die Kleinen, die Mächtigen wie die Ohnmächtigen zu einem Blick in den vorgehaltenen, blankge-putzten Spiegel, einem zwar entlarven-den, aber dabei stets amüsierenden Blick.

 

Wesentlich für die Offenbachiaden sind die Vermenschlichung des Mythos, Entklei-dungen des Autoritären, das Durchbrechen von Denkverboten und die Infragestellung des Gegebenen. Offenbachs Librettisten (die besten ihrer Zeit)  Eugène Scribe, Henri Meilhac und Elias Fromental Halévy  schrieben Stücke, die geprägt sind „durch einen kritischen, nervösen Zeitgeist, den respektlosen, autoritätskritischen Umgangston, den mehrschichtigen Anspielungsreichtum, der dem des Musikers kongenial zuarbeitet“ (So der Offenbachkenner Peter Hawig). Auch Offenbachs Musik ist doppelzüngig und mehrdimensional. Sie ist gekennzeichnet durch wechselnde, geistreich kontrastierende wie rhythmisch mitreißende und humoristisch persiflierte Stilidiome, die die Brüchig-keit der modernen urbanen Welt zum Ausdruck bringt. Das „tiefste Geheimnis der Offenbachschen Musik ist allerdings der Rhythmus“ und die „Verbindung von gesunge-nem Wort mit der Tanzgebärde“, wie schon 1937 der große Musikschriftsteller Paul Bekker erkannt hatte. Darin ist Offenbach nie übertroffen worden.


Offenbachs Musik kann man nur  verstehen, wenn man sieht, wie er in seiner jüdischen Herkunft verwurzelt ist. Jacques Offenbach wurde am 20. Juni 1819 in Köln geboren und hieß eigentlich Jakob. Er war der Sohn des fahrenden jüdischen Musikers Isaac aus Offenbach, der später der erste Kantor der Kölner Synagoge wurde. In Köln lernte Jakob in  Kneipen und Tanzhäusern die Musik der jüdischen Spielleute kennen, die dort üblicherweise musizierten. Die überragende Begabung seines Sohnes hatte Isaac früh erkannt und gefördert.  Jakob soll nach zeitgenössische Berichten schon mit fünf Jahren ein nahezu perfekter Cellovirtuose gewesen sein. Man nannte ihn später den „Liszt des Cellos“. Er gab im Alter von zehn Jahren bereits „seriöse“ Konzerte, trat aber auch in Weinschänken und Zunfthäusern auf. Der enge Kontakt mit dem  rheinischen Volksle-ben der unteren Schichten sollte später seine „opéra bouffe prägen“, in der seine Sym-pathien immer den kleinen Leuten,  denen „da unten“, und nicht denen „da oben“ gilt.


Von seinem zweiten Cellolehrer, dem Karnevalskomponisten  Bernhard Breuer, „holte sich Offenbach nicht nur den letzten Schliff als Cellist, durch ihn ist er noch inniger mit der ganzen Atmosphäre der Kölner Lustigkeit in Berührung gekommen, wie sie sich namentlich im Kölner Karneval äußert,“ so schrieb der erste, maßstabsetzende Offen-bachbiograph Anton Henseler. Im Alter von 14 Jahren reiste Vater Isaac mit Jakob nach Paris. Er wollte ihn nirgends sonst als am renommierten Pariser Conservatoire unter-bringen. Ausländer durften dort eigentlich nicht studieren, aber als es Isaac erreicht hatte, dass sein Sohn Direktor Luigi Cherubini vorspielte, rief der schon nach wenigen Takten aus: „Ihr seid Schüler des Konservatoriums!“  Einige Jahre zuvor wurde selbst Franz Liszt abgelehnt.  Jakob nannte sich fortan "Jacques". Er blieb allerdinge nur ein Jahr am Conservatoire. Zunächst machte er in großbürgerlichen Salons als gefeierter Cellovirtuose auf sich aufmerksam. Er war Cellist in diversen Boulevardtheatern und an der Opera Comique. Als Kapellmeister am Théatre Française komponierte er bereits Schauspielmusiken und Liedeinlagen.  Paris, die „Hauptstadt der ganzen zivilisierten Welt“, wie Heinrich Heine die Seine-Metropole nannte,  war für Offenbach zum Lebenszentrum geworden.


Als am 2. Dezember 1852 durch Senatsbeschluß und Volksabstimmung der vorjährige Staatsstreich mit der Proklamation der Monarchie und Kaiserkrönung zu Ende geführt wurde,  hatte die Stunde Offenbachs geschlagen. Das Zweite Kaiserreich war das Milieu, in dem Offenbach zum Abgott von Paris aufsteigen konnte. In Paris spielten wieder die Theater. Opern und Komödienhäuser, Zirkusarenen, Restaurants und Konzert-Cafés erstrahlten heller denn je im Licht der neuen Gasbeleuchtung.  Kaiser Napoleon III. ordnete (nach dem Vorbild Londons 1851) eine erste Weltausstellung in Paris an. Sie wurde am 15. Mai eröffnet. Die Lichterstadt Paris wurde europäische Hauptstadt. In diesem Milieu schuf Offenbach ein Unterhaltungstheater, das in bis dato nicht dagewesener Form die Bedürfnisse seines Publikums befriedigte und zugleich verspottete, das amüsierte und doch auch kritisierte: Unterhaltend satirisches Musik-theater. Er wurde zum Zirkusmann und Zensor der Belle Epoque. Am 5. Juli 1855 fand die erste Aufführung in Offenbachs erstem Pariser Theater statt, den „Bouffes-Pari-siens“ (einem kreisrunden, hölzernen Theaterchen, das ehemals einem Zauberkünstler gehörte), an der Champs-Élysées, direkt gegenüber dem Weltausstellungspalast.

 

Der Einakter "Les deux Aveugles"- "Die beiden Blinden“  wurde zum beispiellosen Erfolg, der die Institution der Bouffes auf Anhieb etablierte. Die Gäste der Weltaus-stellung, darunter viel angereiste Prominenz, strömten in sein Miniaturtheater, das viele Hunderte Abende ausverkauft war. Immer neue Einakter schrieb Offenbach danach in geradezu schwindelerregender Schnelligkeit. Ein Werk nach dem Anderen wurde ein Erfolg. Offenbach schrieb  zwischen 1855 und 1870 mehr als 70 Einakter und abend-füllende Werke und übernahm immer größere Theater, nachdem ihm behördlich erlaubt wurde, für immer mehr Sänger und Instrumente zu schreiben. Theaterbesetzungen waren damals streng reglementiert.


„Alle Stücke von Offenbach sind Kleinode“, betont der Dirigent Titus Engel, „er schafft es, mit ganz wenigen Mitteln eine Stimmung zu erreichen, instrumentations-mäßig setzt Offenbach dezente Farben. Und er produziert immer wieder  Schnitte, was eigentlich ein sehr modernes Verfahren ist, das man dann im 20. Jahrhundert wieder bei Weill  und Eissler findet.“  Mit seinen Werken reagierte Offenbach wie ein Seismo-graph auf gesellschaftliche Vorgänge. Das Pariser Publikum war hellhörig für subver-sive Zwischen- und Untertöne, es war vergnügungssüchtig, aber auch wach und sen-sibel für angriffslustigen Scherz, politische Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Die sozialkritischen Mythentravestien, die Karikaturen gesellschaftlicher Typen, die geistreichen Parodien Offenbachs trafen auf offene Ohren eines zwischen Unter-drückung und Freiheit, Glanz und Fadenscheinigkeit auf schmalem Grat sich amü-sierenden Theaterpublikums. Der Deutsch-Französische Krieg bedeutete das Ende des Zweiten Kaiserreichs und damit auch das Ende der Offenbachiade, denn nur unter den spezifischen Bedingungen des Zweiten Kaiserreichs (in theatersüchtigen Zeiten reprä-sentationslüsterner Diktaturen mit Zensur und Volksunterdrückung bei gleichzeitigem Bedürfnis nach subversiven Gegenbewegungen im "Untergrund")  konnte ein Genie wie Jacques Offenbach gedeihen. 


Als Offenbach nach dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs1871 nach Paris zurückkehrte, blies ihm harscher Wind entgegen. Die Presse attackierte Offenbach in bis dato nie gekannter Schärfe. Für die Deutschen war er plötzlich Vaterlandsverräter, für die Franzosen, deren offizieller Staatsbürger er ja inzwischen war, Staatsfeind.  Dennoch schrieb Offenbach in den folgenden 9 Jahren die er noch zu leben hatte, Dutzende neuer Stücke. Daneben recyclte er seine erfolgreichsten Werke, indem er sie schwerwiegenden Bearbeitungen unterzog. Das Satirische drängte er zugunsten des Spektakulären und der Showmomente zurück. Aus der „Opéra-bouffe“ wurde die „Opéra-Féerie“, die Zauberoper als Ausstattungsrevue mit großem Ballett, großem Orchester und aufwendigster illusionistischer Theatertechnik. Der Romancier Emile Zola donnerte in seiner Schrift „Naturalisme au Théâtre“„Die Operette ist der öffent-liche Feind, der, wie eine böse Bestie, hinter dem Souffleurkasten erwürgt gehört.“ Spätestens ab diesem Zeitpunkt begann das Missverständnis Offenbachs als Operetten-komponist. Seither wurden seine Bühnenwerke in eine falsche Schublade gesteckt, aus der sie bis heute nur schwer wieder hervorzuholen sind. Und das, obwohl er längst als Erfinder einer  anderen Gattung, der der Offenbachaide etabliert war. Seit den 1860er Jahren war er, wie Laurence Senelick in seinem jüngst erschienenen Offenbachbuch betonte, „ein internationaler Hit. Er wurde überall auf der Welt gespielt, und er durchdrang und beeinflusste  andere  Kulturen in einem Ausmaß, wie es nur selten geschah.“  Offenbach hatte als konkurrenzloser Meister der musikalischen Satire die ganze Welt infiziert.  



Diverse Arbeiten zum Thema in Printmedien und ARD-Kulturprogrammen