Musik-Theater & mehr

Die älteste gekannte Fassung der populären Sentenz lautet‚iss Broccoli, sieh Neapel und dann stirb, meine Lieber“ Sie stammt aus den Aufzeichnungen des St. Galler Benediktiners Lukas Grau vom 25.10.1700, wie Dieter Richter belegt: Er ist es, der den Sachverhalt „in eine magische Dreierformel gebracht hat, die Vision einer neapolitanischen Vita. Die beste Küche, mangiafolia, Blätter-Esser, hießen die Neapolitaner , bevor die Pasta dort ihren Einzug hielt. Die schönste Stadt. Und dann der Tod, der gute Tod. Teil des Lebens auch er.“
Unter diesem Motto hat Dieter Richter, ein Buch geschrieben das zwischen Kulturgeschichte, Literatur- und Mentalitätsgeschichte ein faszinierend kaleidoskophaftes Buch geschrieben, in dem er anhand von dreizehn Todesfällen, darunter auch beispielhafte Musiker, darstellt, wie Tod und Leben miteinander verbunden sind. Selbst “unter den Straßen und Plätzen, auf denen der Verkehr tobt, liegen die stillen Kavernen und Krypten, mit den Gebeinen der inferi, der Unteren, und zwischen der oberen und der unteren Welt herrscht reger Austausch. Unübersehbar ihre Gegenwart im Straßenbild: Von den anime petentelle, den Figuren der armen Seelen neben den öffentlich plakatierten Todesanzeigen… Allgegenwärtig das Thema in der Kunst des Barock, die Neapel wie ein dunkler Strom durchflutet.… Neapel ist die Kapitale des Todes.“
Die Stadt ist aber auch eine, wenn auch heruntergekommene Schatzkammer der Künste und eine der Hauptstädte der Musik. Vergangenheit und Gegenwart überblenden sich in kaum einer anderen Stadt so sehr. Mitten in der ältesten Altstadt, zwischen Piazza Dante und dem Dom, liegt, umgeben von engen Gassen, das Conservatorio di San Pietro a Majella, Neapels Musikhochschule. Es ist das letzte der vier großen Konservatorien, die seit dem 16. Jahrhundert, zunächst als Waisenhäuser mit Schule, allmählich immer stärker als Ausbildungsstätten für den musikalischen Nachwuchs Entscheidendes zum Ruf Neapels beigetragen haben. Die Zahl ihrer Schüler ging in die Tausende, Dutzende von ihnen sind in die Musikgeschichte eingegangen. Allesamt Repräsentanten der »Neapolitanische Schule«, die Musik die Europas von Palermo bis London und von Paris bis St. Petersburg beherrschte. Allen voran Alessandro Scarlatti, Leonardo Leo, Porpora und Durante, Piccini und Jommelli, Pergolesi und Paisiello, Hasse, Cimarosa und mehr. Neapel war im 18. und noch im 19. Jahrhundert eine der bedeutendsten Musikmetropolen Europas.
Im Mittelpunkt der Musikstadt Neapel residiert das Teatro San Carlo mit seinem riesigen, hufeisenförmigen, noch ganz barock ausgestatteten Zuschauerraum aus Stuck, Holz, Brokat und Samt, bot es ursprünglich 3.500 Zuschauern Platz. Mit 184 Logen in sechs steilen Rängen und einer ungewöhnlich breiten, hohen und tiefen Bühne stellt es nicht nur die Mailänder Scala in den Schatten. Es ist eines der prachtvollsten und größten Theater der Welt, was die nach einem Brand klassizistisch streng erneuerte Fassade kaum vermuten lässt. Das Teatro San Carlo war von Anbeginn eines der uraufführungsfreudigsten Opernhäuser: Bellini, Rossini, Donizetti, Verdi, aber auch Hindemith, Berg, Prokofjew und Henze, um nur einige wenige Komponisten zu nennen, waren hier zuerst zu hören. Und das San Carlo war immer großes Sängertheater: Maria Callas, Giulietta Simionato, Renata Tebaldi, Magda Olivero, Beniamino Gigli, Franco Corelli, Ettore Bastianini und Luciano Pavarotti haben in diesem Opernhaus ihre Triumphe gefeiert. Die Zahl der Musiker und Theaterleute, die in Neapel zu Ruhm (und Geld) kamen, ist Legion. Die Familie Scarlatti, Don Carlo Gesualdo, der Kastrat Farinelli, aber auch die Mezzosopranistin Ebe Stignani, die Sopranistin Maria Caniglia, der Jahrhunderttenor Enrico Caruso und der Dirigent Riccardo Muti sind in dieser berauschenden Stadt, die seit den Zeiten Pompejis auf einem Vulkan tanzt, geboren. Vielleicht deshalb liegen nirgendwo sonst Todesangst und Lebensfreude, Schmutz und Schönheit, Frömmigkeit und Sinnlichkeit, Blüte und Verfall so eng beieinander. Richard Wagner, der der Ansicht war, Venedig sei ein Traum, Neapel dagegen ein Rauch, im Jahre 1880 aus: »Neapel ist meine Stadt, hol der Teufel die Ruinen, hier lebt alles.«
Dass Neapel ein Ort der Musik ist, zugleich ein Ort des Todes, ja dass nirgendwo sonst Tod und Leben so eng beieinanderliegen, ist die These des neusten Buches von Dieter Richter, der bereits zehn Bücher über Neapel, Capri, die Costiera Amalfitana und die italienische Lebensart (Küche) geschrieben hat. Nun also hat er sich dem „sepulchralkulturellen Erbe einer Stadt,“ zugewandt, „ die über die Jahrhunderte zu einer einzigen großen Nekropole geworden ist.“
Am Beispiel Enrico Carusos, des vielleicht berühmtesten unter den italienischen Tenören, demonstriert er eindrucksvoll „die kollektive Mentalität einer Gesellschaft, die auf Verletzungen der Erinnerungskultur mit besonderer Sensibilität reagiert.“ Caruos wurde in einfachsten Verhältnissen geboren, im Viertel San Carlo all‘ Arena, unweit des borbonischen Armenhauses, verdiente sich erste Sporen im Caffè Gambrinus, in der Galleria Umberto und in den Strandbädern von Santa Lucia, um schließlich in der gefeierten Metropolitan Opera in New York zum umjubelten Starb zu avancieren. 17 Jahre hindurch sang er an diesem ersten Opernhaus der USA. 42 Opern hatte er in seinem Repertoire, New York wurde während seiner Karriere quasi zu seinem Zuhause. Zugleich wurde er Wegbereiter der Tonaufzeichnung, mehr als 500 Einspielungen hat er hinterlassen. Er war der erste Star des neuen Mediums Schallplatte. Nachdem sein erster Auftritt im Teatro San Carlo 1901 in einem Eklat endete ,er wurde ausgepfiffen. war „Caruso … tief verletzt, nie wieder wolle er in Neapel singen, schwört er sich.“ Er hielt sich daran. Doch als ans Sterben ging, „die Ärzte diagnostizierten, einen Lungenabszess“, kehrte er nach Neapel zurück und inszenierte einen beispiellosen öffentlichen Tod im Hotel Vesuvio, wie er wohl nur in Neapel denkbar war. Er verfügte eine Einbalsamierung und war für die Öffentlichkeit in einem transparente Kristallsarg viele Jahre zu besichtigen. Wie ein Heiliger. Der Sarg wurde „von Zehntausenden von Menschen durch die Stadt geleitet, die Geschäfte waren geschlossen, die Häuser und Balkons geschmückt .“
Tod und Sterben. Begräbnis und Wiederauferstehung waren in Neapel seit je Feste. Die vielen Hausaltäre und Friedhöfe bezeugen es. Dieter Richter stellt das en Detail und an ausgewählten Fallbeispielen vor. Sein neustes Buch ist die anschauliche wie gelehrte Dokumentation von dreizehn Todesfällen, angefangen von der Sirene Parthenope, dem Dichter Vergil, und dem Patron San Gennaro, über Konradin von Schwaben , den Fischhändler Masaniello, eine Sforza-Prinzessin aus Mailand, die Journalistin der Revolution, Eleonora de Fonseca Pimentel, einen politisch en Matrosen aus Ravello und einen Mafiamord im Rione Sanità.
Auch ein zweiter Musiker, der Komponist Giovanni Battista Pergolesi kommt bei Dieter Richter zu Ehren. Er starb schon mit 26 Jahren. In der Kathedrale von Pozzuoli fand er seine letzte Ruhestädte. Lange war sie nicht mehr zugänglich. “Wie soll es weitergehen mit diesem Pozzuoli und seinen 75000 Einwohnern, in dem immer wieder die Erde bebt, sich hebt und senkt?“ Richter weiß Historie und Gegenwart, Kultur du Leben stets miteinander zu verbinden. Er berichtet davon, dass Pergolesi in Pozzuoli sein berühmtes „Stabat mater“ geschrieben habe, das in der Kirche San Ferdinando, dem Ort der Erstaufführung“, noch heute alljährlich in der Karwoche zu Gehör gebracht wird. Neben Venedig war zur Zeit Pergolesis Neapel die europäische Hauptstadt der Musik Neapel, aber Pergolesi wurde in Jesi geboren, einer Kleinstadt in den Marken. Er war, so liest man, kleinwüchsig, von schwacher Gesundheit und verkrüppelt. Sein musikalisches Talent fiel auf und er wurde gefördert von Adelsfamilien, in ein Konservatorium in Neapel gebracht. „Im Conservatorio die Poveri di Gesú Christi“ habe er Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt, vor allem aber Singen, Komponieren und Musizieren. Der Autor betont. „Das neue. europäische Musiktheater, das seit dem Ende des 17. Jahrhunderts in Neapel entsteht, das geistliche ebenso wie das weltliche, hat seine Wurzeln in einer Stadt, in der die barocke Repräsentationskultur des Hofes und der Kiche sich beständig mit den kulturellen Ausdrucksformen des niederen Volkes auf Straßen und Plätzen, in Tavernen und Spielbuden kreuzte.“ Vor allem in der „Commedia per musica, wie sie in Neapel hieß, der Komischen Oper“, tat sich Pergolesi hervor. Am bekanntesten ist bis heute seine Opera seria „Il prigionier superbo“, mit ihrem heiteren Intermezzo „La serva padrona“ Das meist heraugelöst aus der Opera seria aufgeführt wird. Am Hofe und in der Bürgerschaft, bei Adel und Klerus war Pergolesi beliebt und vielbeschäftigt. Er wurde sogar in die Königliche Hofkappelle aufgenommen. Auch wenn er zuweilen zwischen die Räder der Politik geriet, fand er doch die Wertschätzung einer zwielichtigen Figur, die „ein nie verlöschende Licht „ erfunden haben soll, „das Blut von San Gennaro reproduzierte. Er habe sogar „einen. Mann und eine Frau … töten lassen, damit an ihren präparierten Leichen das Geheimnis des menschlichen Blutkreislauf s“ dargestellt werden könne“ Es war Raimondo Sangro, Fürst von Sansevero. Zu dessen Hochzeit 1735 durfte er Pergolesi eine Art weltliche Kantate, „“Il tempo felice“ komponierten, die Aufsehen erregte. Dieter Richter gesteht, „die Umstände seines privaten Leben werden hinter seiner Rolle als dienstbarer Musikus nicht sichtbar“. Schon als junger Mann sei er an Tuberkulose erkrankt, die letzten Monate seines Lebens verbrachte er auf Einladung des Herzogs Marzio Carafa di Maddaloni in dessen Villa in Pozzuoli. Für seinen letzten Gönner komponierte er „ein Stabat mater für die Liturgie der Passionszeit, welches das Werk von Alessandro Scarlatti ersetzen sollte.“ Es wurde zu seinem Schwanengesang. Pergolesis schlichte Beisetzung im „Gemeinschaftsgrab des Domes war für eine Person seines Standes nichts Ungewöhnliches.“ Er kam schließlich aus einfachen Verhältnissen. “Gebühren waren zu gleich Teilen zu entrichten, an Bischof und Domkapitel. Beglichen wurde die Rechnung aus dem Verkauf des Wenigen, was Pergolesi bei sich hatte.“
Sterben war eine profane, alltägliche, ins Leben integrierte wie im Leben organisierte Angelegenheit in Neapel. Pergolesi wie Caruso sind die besten Beispiele. Dieter Richter hat in seinem lesenswerten Buch darauf aufmerksam gemacht.