Leben mit den Stars der Oper

Einer der letzten Dinosaurier

Germinal Hilbert: Mein Leben mit den Stars der Oper Westendverlag 256 Seiten, 26,80 Euro, Erscheinungsdatum 5.10.26


In den 50er-Jahren vor Franco aus Spanien geflohen, wurde Alfonso Aijon Totengräber in Marburg, bevor er der mächtigste Konzert-Impresario der iberischen Halbinsel wurde. Seine Agentur "Ibermusica", brachte alle bedeutenden Orchester und Dirigenten der Welt nach Spanien und Portugal. Das Erfolgsgeheimnis des hochbetagten Alfonso Aijon war immer seine noble Persönlichkeit, sein freundschaftlicher Umgang mit den Künstlern und seine Musikbesessenheit, die ihn seit seiner Kindheit nicht verließ. Alfonso Aijon hat denn auch keine sehr hohe Meinung über andere Musik-Agenturen. "Normalerweise sind das Leute, die überhaupt keine Ahnung von Musik haben. Sie lieben die Musik nicht und könnten genauso gut auch Teppiche verkaufen. Ich aber liebe die Musiker, und die Musik!" In unserem letzten Gespräch schaute er zurück auf ein erfolgreiches Leben als einer der bedeutendsten Musik-Manager und Konzert-Agenten Doch er machte sich nichts vor. Er gestand, „ich kämpfe nicht mehr darum, was die Jungen wollen oder mögen. Damit und mit dem, was kommt, haben wir nichts zu tun. Wir sind die letzten Dinosaurier."


Als einen der letzten Dinosaurier darf man sicherlich auch Germinal Hilbert bezeichnen. Seit über 50 Jahren betreibt der heute 83jahrige Bayreuther eine international tätige Künstler-Agentur, mit Dependancen in Paris und München. Vor allem die Stars der Oper betreut er. Neben dem allmächtigen Superagenten Ronald Wilford von der Columbia Artists Management der 2015 verstarb, und der Agentur Schulz, dem „Mister 365“, weil er 365 Tage im Jahr in der Oper war, wie man von Hilbert erfährt, gilt die Agentur Germinal Hilbert als die wohl renommierteste Sänger-Agentur weltweit. Jetzt hat Germinal Hilbert gemeinsam mit dem Journalisten und Opernexperten Thomas Voigt, der ein paar eigene Texte beisteuerte, (Interviews mit Edda Moser, Albert Domen, Waltraud Meier und Germinal Hilbert) seinen Lebensrückblick veröffentlicht, eine Bilanz seiner Profession und zugleich ein kritischer Blick auf die Entwicklung des Opernlebens und des Operngesangs. Ein interessantes Buch, das Einblick gewährt in den Alltag eines weltreisenden


Musikagenten und seiner (magischen wie zuweilen ernüchternden) Begegnungen mit großen Sängerpersönlichkeiten (die nicht immer einfach waren) und in das organisatorische Innenleben von Opernhäusern und Opernproduktionen. Man nannte ihn auch den „Gott der Agenten“ wie Andreas Dellert, sein Nachfolger, in einem Epilog schreibt. “Über mehr als fünf Jahrzehnte hat er Karrieren begleitet, Künstlerinnen und Künstler durch entscheidende Momente geführt und Opernhäuser weltweit mitgestaltet. Dieses Buch erzählt von diesen Jahren- und von einer Branche, die sich in dieser Zeit stark verändert hat.“


Im heutigen Operneben geht nichts mehr ohne Agenten. So lassen sich heute die meisten Opernintendanten oder Operndirektoren von den Agenturen ihres Vertrauens Sänger vermitteln, oft blind, ohne sie selbst je gehört zu haben und oft sogar komplette Besetzungen. Um so mehr müssen sie dem Urteil des Agenten vertrauen können. Was nicht immer der Fall ist. Man hört ja immer wieder eklatante Fehlbesetzungen. Germinal Hilbert ist zweifellos einer der seriösesten und kenntnisreichsten Vertreter seiner Zunft. Nicht umsonst vertritt er die bedeutendste Stars der Opernwelt, Sänger, Regisseure wie Dirigenten.

Sein Start war so etwas wie ein Paukenschlag. Es war keine geringere als die bedeutendste Wagnersängerin der Nachkriegsjahrzehnte, die Schwedin Birgit Nilsson, die er mit 28 zu einer Gage von 30000 Mark zum Festival nach Orange vermittelte, wo sie dann Isolde sang. Es war der Beginn einer langen und guten Zusammenarbeit, …


Der Agent, so erfährt man bei Hilbert, versucht, die bestmöglichen Engagements zu finden und die höchsten Gegen auszuhandeln. Auch kümmert er sich um Flüge und Hotels, um Lösungen bei Erkrankungen, Ausfällen und Einspringen und er überwacht das Engagement und das Befinden des Sängers/Künstlers. „Das Verhältnis zwischen Künstler und Agent ist wie eine Ehe“, so Hilbert. Jedenfalls im Idealfall.


Doch nicht immer harmonieren diese „Ehen“, wie Hilbert anschaulich erläutert. Es gibt schwarze Schafe, sprich „schwierige“ Exemplare in seinem Zoo der Sing-Exoten, etwa Leonie Rysanek, Margaret Price, Teresa Berganza und allen voran Jessey Norman, deren Arroganz und Anspruchshandlung beispiellos gewesen sei. Sie hatte sogar „zehn Gebote“ als Voraussetzung ihrer Auftritte festgeschrieben. Die mussten um jeden Preis eingehalten werden. Uneingeschränkt kooperativ und immer einvernehmlich seien die Beziehungen mit Edda Moser, Waltraud Meier, Edita Grubetrowa und Michael Volle gewesen. Um nur einige Wenige zu nennen. Aber auch die Dirigenten Wolfgang Sawallisch, Rudolf Kempe und Marek Janowki werden als Beispiele guten Einvernehmens erwähnt. Wegbereiter seien für ihn Sänger wie Theo Adam, Peter Schreier, aber auch Neil Shicoff, Gösta Winbergh, Albert Domen und Diana Damrau gewesen. Besonders schätzt er auch die Dirigent Nello Santi und Carlos Kleiber, auch wenn der sich rar gemacht habe. Natürlich erfährt man viel über Stress, Erfolgsdruck und den Preis für den Erfolg auf der Bühne, über Gagen (die inzwischen nach oben hin limitiert sind durch Gagenlisten) und Provisionen.


“Die Provision für die Agentur beinhaltet im Allgemeinen 10 Prozent der Gage als Vermittlungsgebühr. Für die Logistik, Abwicklung der Verträge, Buchungen der Reisen und Hotels und alles, was mit der Vorbereitung des Engagements verbunden ist, zuzüglich 2,5 Prozent, also 12,5 Prozent.“


Privates, nicht für die Öffentlichkeit Bestimmtes, ja Intimes über manche Eigenheiten und Gewohnheiten der Künstler, Backstage-Klatsch also über die Stars, aber auch Interna des Opernbetriebs, etwa Type Casting, der Einfluss von Radio und Fernsehen, Kritisches über Sängerwettbewerbe und den „Traumberuf“ Sänger und seine Kehrseiten, all das wird nicht ausgespart. Es ist das Salz in der Suppe aus Namedropping und Lobhudelei. Eine Liste der von Hilbert-Management vertretenen Künstler rundet das amüsante, informative wie lesenswerte Buch ab.