Tristan 2 Mal verhunzt

Dieter David Scholz



Photos: links Klaus Lefebvre, Oper Köln - rechst Stefan Schmöe, Staatstheater Wiesbaden




Zwei beispielhaft verhunzte "Tristan und Isolde"-Neuproduktionen, 150 Jahre nach der Vollendung  des Werks.


Mittelmäßige Aufführungen können den „Tristan“ eben nicht retten!


 „Tristan und Isolde“ in Wiesbaden (21.3.2009) und Köln (22.3.2009)

       

Vor 150 Jahren vollendete Richard Wagner in Luzern den „Tristan sein „Opus meta-physicum", wie Friedrich Nietzsche das inkommensurable Werk zwischen Roman-tik und Moderne nannte. Am 9. April 1859 schrieb Wagner an seine Zürcher Muse Mathilde Wesendonck: „Ich fürchte, die Oper wird verboten – falls durch schlechte Aufführung nicht das Ganze parodiert wird –: nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen“


Wenn Wagner geahnt hätte, wie schlecht heute mittelmäßige Aufführungen sein können, hätte er diesen Satz nie geschrieben. Gleich zwei Aufführungen des fünf-stündigen „Wort-Ton-Dramas“ über die Heiligkeit und die Fragwürdigkeit der Liebe wurden am vergangenen Wochenende derart in den Sand gesetzt, dass man nicht einmal mehr von Mittelmaß sprechen möchte. Und verrückt gemacht wurde in beiden Fällen niemand, eher deprimiert und verärgert.


Sowohl am Staatstheater Wiesbaden, als auch am Kölner Opernhaus hatten inszena-torische Willkür und sängerisches Unvermögen geradezu die guten Sitten der Opernkunst verletzt und die Grenze des fürs Publikum Zumutbaren weit über-schritten. Thema verfehlt, würde man bei einem Schulaufsatz sagen. Man fragt sich, warum Dramaturgen, Dirigenten und Intendanten solche Aufführungen zur Pre-miere kommen lassen bzw. überhaupt erst ermöglichen. Man muss ernsthaft an deren Urteilsvermögen, Geschmack, Kunstsinn und Werkkenntnis zweifeln. 


Das doppelte Debakel begann am Staatstheater Wiesbaden, wo Dietrich Hilsdorf eine aktualisierende Umdeutung versuchte, aus dem Wissen, dass die mittel-alterliche Vorlage (wie Vorgeschichte) des Gottfried von Straßburg eine Liebe in Zeiten des Krieges schildert. Nicht allerdings das Stück!  Hilsdorf und sein Bühnenbildner Dieter Richter verlegten es ins Kriegsmilieu des 20. Jahrhunderts. Beim ersten Vorspiel schon sieht man auf dem Schleiervorhang eine (auch noch dilettantisch gemalte) Eisenbahn auf meerumbrandetem Bahndamm dahinrasen. Wenn der Vorhang aufgeht, befindet man sich in einem schäbigen, herunterge-kommenen Bahnhof, einem öffentlichen Genäude, es könnte auch eine alte Villa meinen, die zum Militär-Gefängnis oder was auch immer umfunktioniert wurde, mit Klosettschüssel und dreckigem Waschbecken in der rechten hinteren Ecke, in der Brangäne kauert, um wer weiß woraus mit dem Blechnapf den „Liebestrank“ zu schöpfen.  Das männliche Personal: Allesamt Militärs, die unentwegt mit der Pistole herumfuchteln, ffenbar missbrauchte Frauen werden auf die Krankenhausbetten geworfen, auf deren einem auch Isolde ihr trauriges Los beweint. Marke tritt als General im Rollstuhl auf. Statt dialektischer Liebes-Romantik und praktischer Schopenhaueranwendung delirierende Tristesse im Lazarett.


Die bildliche Absurdität wie handwerkliche Hilflosigkeit dieser Inszenierung ist geradezu peinlich. Hat das wirklich niemand am Hause bemerkt? Wo bleibt das Verantwortungsgefühl gegenüber dem Komponisten/Librettisten, gegenüber dem Publikum und gegenüber den öffentlichen Zuwendungen. Ist Oper nur noch ein Tummelplatz eitler Regie-Selbstdarsteller, die willkürlich Werke zerstören, indem sie sie gegen ihren Sinn inszenieren, ja hinrichten?


Auch die musikalische Seite der Aufführung war katastrophal, man kann es nicht anders sagen. Zwar bemühen sich Marc Piollet und das überforderte Staatsorchester um eine farbige und dramatisch vorwärtsdrängende Lesart, doch von den Sängern verdienen eigentlich nur Silvia Hablowetz als Brangäne und Thomas de Vries als Kurwenal ernst genommen und annähernd rollendeckend genannt zu werden.  Alfons Eberz als (unsauber intonierender) Tristan schrie hässlich und unkultiviert, dass es einen nur so grauste. Er hat wohl nie etwas von Wagners nun wirklich reichlich dokumentierten Vorstellungen vom rechten Wagnergesang gelesen. Oder ist er so zynisch und taub, dass er sich mit dieser Stimme noch auf die Bühne traut? Auch Turid Karlsens Isolde war - um es freundlich zu sagen – grenzwertig in Ausdruck und Tonproduktion. Auch sie ein Missverständnis von Wagnergesang. Dass ein Dirigent solche Stimmen, die bei keinem Gesangswettbewerb in die engere Wahl kämen, akzeptiert, ist unverständlich.


Noch schlimmer ist der "Tristan" der Kölner Produktion: Richard Decker markiert nur noch und singt mit den letzten Siechtönen seines ehemaligen Tenors. Man kann seinen Sprechgesang eigentlich nicht mehr Singen nennen. Einen derart unzurei-chenden Tristan-Interpreten hat man selten je gehört. Es ist absolut unverständlich, warum der balsamisch und langsam dirigierende Generalmusikdirektor Markus Stenz (ein Lob dem Gürzenichorchester dennoch!) kraft seiner Autorität diese Bla-mage des Sängers wie des Hauses nicht verhinderte.  Auch die Sängerin der Isolde, Annalena Persson, hätte er bei musikalischem Verantwortungsbewusstsein unbe-dingt austauschen müssen. Die Sopranistin kann die Isolde nicht annäherungsweise angemessen singen: Ihre Stimme ist viel zu klein, zu leicht auch, zu schlecht fokus-siert. Ihre Textbehandlung ist katastrophal. Annalena Persson war als Isolde überfordert und fehlbesetzt.


Von der Inszenierung David Pountneys ganz zu schweigen, sie erschöpft sich im langweiligen Arrangieren von Zeitlupengängen und kindische vorsichtigen Krabbe-leien zwischen asiatischem Phantasieraum mit Marke als Buddhastatue und durch-einandergewirbeltem Möbellager (Bühnenbildner Robert Israel). Nein, mit Wagners „Tristan“ hat auch diese Kölner Produktion nicht viel zu tun.


Da haben sich gleich zwei Theater schwer verhoben.


Man darf sich nicht wundern, wenn das Publikum sich nach solchen Aufführungen in Buhstürmen ergeht. So dumm und duldsam ist das Publikum nicht, wie manche Regisseure offenbar glauben. Man sollte dem Publikum nicht alles zumuten. Es könnte eines Tages wegbleiben. In Wiesbaden wie in Köln waren manche enttäusch-te, verärgerte, fassungslose Kommentare jüngerer wie älterer Zuschauer zu hören, die lautstark bekannten, endgültig genug von derlei Opernverhunzungen zu haben.  Die Zeiten besinnungslosen wie sinnlosen „Regietheaters“ – in dem Werk und Musik, Text und Absicht des Komponisten/Librettisten, aber auch musikalische und sängerische Qualität oder zumindest Solidität eine untergeordnete Rolle spielen - neigen sich dem Ende zu! Die Oper, wenn sie so weitermacht, zersägt eigenhändig den Ast, auf dem sie sitzt.