Ostern Brauchtum u .Musik

Dieter David Scholz



 

Ostern 

Eine Erinnerung in Zeiten des Corona-Virus 2020

 

 

Ostern (das Wort spielt an auf eine germanische Licht- und Früh­lingsgöttin) beginnt eigentlich am Aschermittwoch, denn dieser Tag ist der Auftakt der vor­öster­lichen Fastenzeit, einer vierzigtägigen Vorbe­reitung auf das längste christliche Fest, dessen erster trauriger Höhepunkt Christi Sterben ist. Deshalb müssen die reuigen Sünder ihr Haupt mit Asche bestreuen und sich mit einer vierzigtägigen Fastenzeit darauf vorbereiten. Der Verzehr von Fleisch warmblütiger Tiere, von Eiern und Milch­pro­dukten war in der Fastenzeit des Mittel­alters strengstens verboten. Aber es wurden kulina­rische Schlupflöcher gefunden, etwa der Verzehr von Wasservögeln, ja sogar Bibern und allem, was als fischähnlich erklärt werden konnte. Die eigentliche Kar-woche, das, was wir heute als “Ostern“ im engeren Sinne ver­stehen, be­ginnt am Palmsonntag, der an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert und mit Palmzweigen, Palmkätzchen oder Buchsbaum zelebriert wird. Die Karwoche endet mit den drei Leidenstagen Christi: Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Das Wort „Kar“ geht zurück auf das Althochdeutsche Wort für Wehklage, Trauer und Kummer. Der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ der Matthäuspassion J.S. Bachs, der popu-lärsten Vertonung der Ostergeschichte, ist klingende Ikone des Kummers schlecht-hin geworden. An Gründonnerstag als Erinnerung an die Ölbergstunden Christi mit Fußwaschung wurde im Süden Deutschland früher mit Stöcken, Prügeln, Rat­schen und Töpfen ein Höl­len­lärm veranstaltet, der den Aufruhr der Natur beim nahenden Tod Christi meinte. Auch wurden an vielen Orten, nicht nur in Oberammergau, in der Karwoche Passions­spiele um Leiden und Sterben Christi aufgeführt. An Kar-freitag wird dann seit je um 15 Uhr Jesu Todesstunde mit Nachmittags­gottesdien-sten und Glockenläuten gedacht. Kein Tier darf an diesem Tag, der auch als sym-bolisches Naturerwachen betrachtet wurde, getötet werden. Richard Wagner hat das im „Karfreitagszauber“ seines Bühnenweihfestspiels „Parsifal“ reflektiert. Die Oper wird bis heute vielerorts am Karfreitag aufgeführt, obwohl die Entstehung des „Kar-freitagszaubers“ an Karfreitag reine Legende ist, wie Wagner selbst bekannte. Noch bis zur Uraufführung des "Parsifal" 1883 stand in Wien und Berlin an Karfreitag traditionell Etienne Nicolas Mehuls Orient-Oper „Die Legende Josephs in Ägypten“ auf dem Programm. Wagner und das Aufführungsverdikt der Nazis haben diese Tra-dition beendet. Auch Karfreitags­prozessionen haben eine lange Tradition, am ein-drucks­vollsten zelebriert man sie bis heute in Italien: Über­große Heiligenstatuen und Kreuzwegs­kulpturen sowie der Leichnam Christi im Glassarg werden von star-ken Männern im Gleichmarsch durch die Stadt getragen. Die Banda municipale, die städtische Blaskapelle, spielt dazu Pro­zessionsmusiken, die allerdings eher nach Oper als nach Kirche klingen. An Karsamstag, dem Gedächtnistag der Grabesruhe Christi, werden seit dem vierten Jahr­hundert Osterkerzen entzündet, auch Oster-feuer. Das Licht symbolisiert Christi Gegenwart. Mehr noch als in der römischen, sind in der russischorthodoxen Kirche Kerzen Bestandteil der Osterliturgie. Nikolai Rimski-Korsakow hat ihm in seiner Ouvertüre „Russische Ostern“ ein tönendes Denkmal gesetzt. Am Ostersonntag finden nach biblischer Überlieferung Ma­ria Magdalena und Maria Kleophas das Jesusgrab offen und leer vor. Ein Engel ver-kündet, dass Christus auferstanden ist. Georg Friedrich Händel lässt diese Szene in seinem Auferstehungs-Oratorium mit der Bitte enden, nachdem Jesus von seinem Vater erlöst wurde, möge auch der Mensch von Jesus erlöst werden. Es ist die Heils-gewissheit der Christen schlechthin. Am Ostermontag wird sie im liturgischen Ritus gefeiert als endgültiger Sieg des Gottessohnes ber Tod und ewig Verdammnis. Die  Menschen dürfen sich nun auch wieder am Fleisch­lichen freuen, traditionell an Lamm, Fisch (Karfreitag)  oder Hase. Beim Oster­spaziergang sucht man am Nach-mittag die vermeintlichen „Ostereier“ des „Osterhasen“. Das Ei ist nun mal seit Urzeiten wie der Hase Symbol von Fruchtbarkeit, Liebeszauber und Erwachen der Natur. Deshalb markiert Ostern auch den endgültigen Einzug des Frühlings.


Photos: Bazzechi, Firenze