Ludwig II. Eine Bücherlese

Dieter David Scholz



Stich von 1910 nach einem Gemälde von Kurt von Roszynski. Im Besitz des Auors


"Sie beide wohnen auf der Menscheit Höhen"


"Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen"


Mythos bleibt Mythos, wider besseres Wissen!
Literatur über Ludwig II.
zu seinem 125. Todestag


Kaum eine deutsche Herrschergestalt ist so von Legenden umrankt, wie die Kö-nig Ludwigs II. von Bayern, der "Märchenkönigs", dessen Leben ein Alptraum gewesen sein muß, wie Friedrich Prinz in seinem geistreichen Essay "Ein kö-nigliches Doppelleben" andeutet.


Ludwig II. avancierte zur Kultfigur, dessen Vita vielfach nacherzählt wurde, im Film wie in der Literatur. Viele Künstler habe ihn porträtiert. Seine Schlösser zie-hen in ungebrochenem Magnetismus ein weltweites Publikum an. Ludwig II. ist bis heute Projektionsfläche für vielerlei Wünsche, Träume, Hoffnungen und zugleich bedeutender Einnahmefaktor des Landes Bayern. Auch zu seinem 125. Todestag sind wieder einige Bücher auf den Markt gekommen, die sich mit dem Mythos Ludwig II. befassen. Ein Überblick, unter Brück-sichtigung auch einiger bemerkenswerter Bücher, die in den vergangenen Jahren erschienen sind. 




Seine Schlösser sind bis heute lukrative Hauptattraktivitäten Bayerns. Der Mythos vom „Mär-chenkönig“ zieht  immer noch alljährlich viele Millionen von Touristen an. Zumal der angeb-lich mysteriöse Tod des bayerischen Monarchen am 13. Juni 1886 im Starnberger See (bis heute) Anlass zahlreicher Mord- und Verschwörungslegenden geworden ist. Das Hauptin-teresse der Ludwig-Literatur galt bereits beim hundertsten Gedenktag des Todes Ludwigs II. den Umständen, die zu seinem Tode führten. Wilhelm Wöbking, ehemaliger Staatsanwalt und leitender Beamter im bayerischen Landeskriminalamt, hatte damals eine vierhundertseitige Studie über den Tod Ludwigs II. veröffentlicht. Eine akribische Zusammenstellung und Aus-wertung aller nachprüfbarer Fakten. Seinem Ergebnis ist auch heute nichts hinzuzufügen: Der durch den Ministerrat (mit zweifelhaften Mitteln) entmündigte und entmachtete König habe den Selbstmord durch Ertrinken gesucht und dabei den Psychiater Dr. Gudden, der ihn daran hindern wollte, mit in den Tod gerissen. Die Indizien sind - nach Sichtung aller in den baye-rischen Staatsarchiven (ausgenommen das nach wie vor unzugängliche Hausarchiv der Wittelsbacher) vorhandenen Dokumente - eindeutig. Dem hat auch Heinz Häfner in seiner brillianten, faktenreichen Dokumentation  "Ein König wird entmachtet", die nicht zuletzt den Stand der Psychiatrie am Ende des 19. Jahrhunderts kritisch darstellt, nichts hinzuzufügen.


Ob Ludwig II. wirklich an einer Psychose, an Paranoia oder Geistesschwäche litt, die ihn als Politiker nicht länger tragfähig, will sagen regierungsunfähig gemacht habe, diese Frage steht im Mittelpunkt der jüngsten Literaur über den unglücklichen "Kini".


Heinz Häfner stellt in seinem vor drei Jahren erstmals, und aus aktuellem Anlass soeben erneut aufgelegten Buch „Ein König wird beseitigt“ überzeugend dar, dass Ludwig II. schon nach damaligen, und nicht nach heutigen Kriterien weder als wahnsinnig noch als geistes-schwach bezeichnet werden kann. Häfner macht aber auch deutlich, dass sowohl das psychia-trische Gutachten, das zu seiner Entmachtung führte, als auch der rechtliche Akt der Entmachtung grobe Verfahrensfehler aufweisen.


Dem schließt sich auch der von Hermann Rumschöttel verfasste Band der Reihe WISSEN im Beck Verlag an. Auf 128 Seiten fast der ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns alles gesicherte Wissen über diese prominenteste, so exotische wie außenseiterische Herrscherfigur aus dem Geschlecht der Wittelsbacher zusammen. Ludwig II. irritierte seine Zeitgenossen ja sowohl durch die im katholischen Bayern tabuisierte Homosexualität, als auch durch seine imposante Weltflucht in Bau-, Musik- und Kunstleidenschaft, die die Staatskasse gefährlich belastete.


"Ein Leben lang kämpft Ludwig II. mit seinen autoerotischen Neigungen und seiner homo-erotischen Veranlagung. Ein Recht, die Grenze zu diesem höchstpersönlichen Lebensbereich zu überschreiten, besteht nur dann, Wenn und soweit Einzelheiten politische Bedeutung und damit historische Relevanz erlangt haben. Ludwig II. steht unter enormem gesellschaftlichem und psychischem Druck, unter dem der seine Homosexualitéit erkennende König in einer Zeit leiden muss, der für diese sexuelle Orientierung jedes Versäindnis fehlt. Der König selbst empfindet seine Neigungen als sündhaft." (Rumschöttel)


Durch die Lektüre der wiederveröffentlichten Geheimen Tagebücher des Königs kann man die Qual der von ihm empfundenen Sündhaftigkeit ermessen.


Dem Thema der Homosexualität und den "autoerotischen Neigungen" Ludwigs hat sich vor allem Olver Hilmes in seiner Biogarphie dezidiert zugewandt.  Und er nennt die Dinge un-geniert beim Namen: Ludwids "Vorliebe fir die Onanie. Selbstbefriedigung oder — wie man darnals sagte 'Selbstbefleckung' galt nicht nur als moralische Sünde, sie war Ausdruck einer krankhaften Veranlagung. So verwundert es kaum, dass ein streng katholisch erzogener Mann wie Ludwig diese 'widernatürliche Neigung' als geährliches Fehlverhalten begriff. Spätestens seit der indiskreten Vcréffcntlichung seiner Tagebuchfragmcnte im Jahre 1925 wissen wir, dass dcr König unter seiner Lust gelittcn hat. Man könntc es also bei eincr kurzen Erwäh-nung  be- und den Blick durch das Schlfisselloch in das königliche Schlafzimmer unter1assen. Doch das wäre ein Fehlschluss, denn sein 'Kampf' gegegn jenes 'Leiden' hatte Ausmasse und zeitigte Fo1gen, die bislang völlig unbekannt waren. Ludwigs Last mit der Lust ware mehr als der Ausdruck einer zcittypischen Prüderie."


Ein geheimes Leiden  war Ludwis 'Leiden' offensichtlich nicht. Natürlich sprach man nicht in der Öffentlichkeit darüber, hinter vorgchaltener Hand wurde aber rnanche Geschichte weiter-erzählt. Ludwigs Kabinettssekretär Friedrich von Ziegler wusste zu berichten, 'Seine Majestät litten an ganz abnorm häufigen und starkcn Pollutionen'. Derartig intime Erkenntnisse stam-mten von den Kammerdienern, die sich gut informiert glaubten, 'wei1 die Bettwäsche seiner Majestät täglich die Spuren geschlechtlicher Ausscheidungen gezeigt habe. " Oliver Hilmes weiß allerhand verstörende unappetitliche Details über zeitgenössische Ansichten zur  und  Therapien gegen Onanie und ihre angeblich schädlichen Folgen auszubreiten. Mit fragwür-digen Medikamenten (wie Brom, Cocain, Morphin,, Arsen u.a.) und abstrusen physiologisch-technischen Therapien mittels  eines "Psychrophors", das in die Harnröhre eingeführt wurde, rückte man - mit zweifelhafem Erfolg - dem "unnatürtlichen Laster" zu Leib. Beides ließ sich der König von den Medizinern seiner Zeit aufschwatzen.

Was muß er gelitten haben.

 

Über die historische Einordnung des "aus der Art geschlagenen" Bayernkönigs zwischen dem Krieg von 1666, dem Bündnis mit Preußen, dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und  der Entmündigung Ludwigs wird  man in den Biographien von Ludwig Hüttl und  Franz Herre bestens informiert. Über die ambivalente und asymmetrische Freundschaft zwischen Ludwig II. und Richard Wagner liest man in fast allen Pubikationen mehr oder weniger Zu-treffendes. Sie war ein Mißverständnis zwischen Mäzenatentum, Musik als Rauschmittel  und Freundschaftstheater. Der gestelzte Briefwechsel zwischen König und Künstler spricht für sich.


Wer es genau wissen möchte, der kommt um die Lektüre der Tagbücher Cosimas (der zweiten Ehefrau Wagenre) nicht herum: Am 25. Oktober 1868 notierte Cosima Wagners Bemerkung "Man muß noch Gott danken, daß ein Wesen wie der König einen so sonderbaren Sparren im Kopf hat." In einer Tagebuchnotiz Cosimas vom 1. April 1879 ist Wagners Urteil über Ludwig zu lesen: "Er ist schlecht und diese Lüge des Lebens!"


Freilich lebte Wagner  mit der Lüge von der Königsfreundschaft nicht schlecht. Cosima sprach am 27. Dezember 1873 von "förmlich gespenstischen Beziehungen" zwischen Ludwig und Richard, der am 27. Iuli 1871 Cosima bekannte: "Diese Schmach, von diesem König abhängig zu sein, es ist unerhört und unerträglich." 



Immerhin hat Ludwig II. Richard Wagner - auch nach einem nachhaltigen Zerwürfnis mit ihm -  immer die Treue gehalten. Er hatte die Größe, die Größe vom Wagner zu erkennen und finanziell zu ermöglichen, auch wenn Wagners Musik nicht mehr als eine Droge für ihn war. Die Bayreuther Festspiele hätte es ohne Ludwigs großherzigen Kredit (den die Familie Wagner später zurückzahlte)  nicht gegeben. Ludwig hatte Recht: "Ich habe ihn der Welt erhalten", betonte Ludwig, als er vom Tod Wagners erfuhr.. Er hat tatsächlich sein Leben gerettet, mit finanziellem Segen überschüttet und er hat dessen Werk zu einem Gutteil erst ermöglicht.


Dazu, und zu vielem Anderen findert sich Interessantes auch in beiden Kataloge der zum 125. Todestag ausgerichteten großen Landesausstellung über Ludwig II. in Schloß Herrenchiemsee.


Was bleibt von Ludwid II. am Ende? "Der Blick auf eine fremde, innerlich verstörte Figur, die tiefere kulturelle Verstörungen der Zeit gleichsam vorwegnahm. Eine weit entfernte Figur, eingehüllt in den Mantel einer nachträglichen Popularitiit voller Mißverständnisse, die über das jeweilige Zeitalter mehr aussagen als über den Wittelsbachischen König der
Reichsgründungsepoche." (Friedrich Prinz)



Der Feuilletonist Horst Küger hat, auf 8 Seiten eigentlich alles Wesentliche schon 1979 in seinem schmalen, aber luziden und sehr peresönlichen Büchlein "Ludwig, lieber Ludwig" auf den Punkt gebracht, einer sehr einfühlsamen, nicht im Mindesten anklagenden Psychoanalyse des Wittelsbacher "Götterjünglings, dessen herrliches Bild (als 18-Jähriger) der Welt bis heute in Erinnerung blieb".  Er sei ein von "narzißtischer Regression" und "endogener De-preassion" mit märchenhafter "Tag-Nacht-Verdrehung"  gequälter Mensch gewesen, ein einsamer Homosexueller auf der lebenslang vergeblichen Suche nach Freundschaft und Liebe. In seiner Verzweiflung habe er "progressiven Größenwahn mt neuotrischen Selbst-heilunsgtenzen" entwickelt. Kein Wunder bei seiner bayerisch-katholischen Sozialisation. Ver

rückt sei er aber mitnichten gewesen. Was auch seine lebenslange (Brief-) Freundschaft mit Bismarck bezeuge. "Von Verwirrung, von Geisteskrankheit keine Spur. "Sein Freitof  war eine "späte Befreiung von einer tiefen Qual". Ludwie II. ist für Ktüger -  wie Wagner - eine "Fallstudie zur deutschen Geschichte," ein  "deutsches Thema... wie Macht und Wirklichkeit langsam entgleiten, wie Politik versagt und langsam in Kunst umschlägt. Verwechslung von Realität und Traum!."


Mit und von diesem Traum, der wider alles bessere Wissen zum  Mythos vom "Märchen-könig" geronnen ist, leben die  Bayern bis heute sehr gut.


Beitrag auch für SWR 2 Journal, 13.06.2011