Der Tenor

Dieter David Scholz



Der Tenor ist der höchste natürliche Stimmtypus des menschlichen Gesangs. Im Laufe der Musikgeschichte kam ihm höchste Bedeutung zu und höchste gesangstechnische Ansprüche wurden an ihn gestellt.  Über die mit dem Tenor verbundenen Assoziationen von Männlichkeit, sein sich entwickelndes sehr unterschiedliches Repertoire, die gesangstech­nischen Besonderheit des Tenors informiert jetzt ein Symposiumsband mit interdisziplinären Beiträgen.

Corinna Herr, Arnold Jacobshagen, Thomas Seedorf (Hrsg.):

Der Tenor - Mythos - Geschichte – Gegenwart

 

Zwischen „Drachentöter und Frauenversteher“

Der „Ritter vom hohen C“ als Objekt von Bewunderung, aber auch von Spott und Ironie 



 

Es ist kein Zufall, dass sich die Ursprungsmythen der Musik auf einen männlichen Sänger, auf Orpheus konzentrieren. Die erste vollständig erhaltene Oper (nach Euridice von Jacopo Peri und Euridice von Giulio Caccini), "L´Orfeo" von Claudio Monteverdi rückt diesen Mythos ins Zentrum  und vertraut die Rolle dieses Urbilds des Sängers einem Tenor an.

 

„Von Anfang an haftet dem Tenor die Aura von Besonderheit an, mit der Nähe zum Göttlichen, mit der Ausführung des „hohen C“ in der Bruststimme und einem spezifischen, ambivalenten Bild von Männlichkeit.“

 

Seit Jahrhunderten kommt dem Tenor in der Oper daher herausragende Bedeutung zu. Er ist tradi­tionell der Held der Opernbühne, der freilich  im 18., 19. und 20. Jahrhundert unter­schied­­lich charakterisiert wurde. Der Tenor ist ein gleichsam ein mythi­sches bzw. mythen­stiftendes Phäno­men, wie die Herausgeber betonen. Sie betrachten es in ihrem außeror­dentlich gelehrten Band aus interdisziplinären kulturwissen­schaftlichen Perspektiven. 

 

Enrico Caruso ist wie Beniamino Gigli oder Luciano Pavarotti längst zum Mythos geworden. Dieser Mythos lebt auch heute noch, 80 Jahre nach seinem Tod, weiter. Caruso war der erste Schallplat­ten­­star und eine Ausnahmeerscheinung wie der Kastrat Farinelli oder Maria Callas. Der Mythos Caruso ist bezeichnend für den des Tenors überhaupt, wie der Musikwiss­enschaft­­ler Thomas Seedorf in seinem Kapitel über den Caruso-Mythos schreibt:

 

 „Es ist die Geschichte eines außergewöhnlich begabten Jungen aus einfachen Verhältnissen, der zum größten Sänger seiner Zeit aufstieg, indem er sein Leben der Kunst opferte.“

 

Thomas Seedorf  beschreibt anhand der oftmals gefühligen Caruso-Romane und –Filme, wie Verklärung und Mythenbildung funktionieren. Was es mit der prekären „Männlich­keit“ des Tenors auf sich hat, untersucht die Genderforscherin Rebecca Grotjahn in einem interessanten Beitrag, der den „Ritter vom hohen C“ als Objekt von Bewunderung, aber auch von Spott und Ironie in den Blick nimmt. Keinem anderen Stimmfach komme solche beson­dere, zwiespäl­tige Auf­merksamkeit zuteil. Das liege einerseits, so liest man, an der kapriziö­sen Primadon­nen­haf­tigkeit und Eitelkeit vieler Tenöre, andererseits an der dem „natürlichen“ Geschlecht schein­bar widersprechenden Stimmhöhe. Lang und breit wird die Differenz von sexueller Identität und Stimme erörtert, werden Begriffsverwirrungen um Falsett und Kopf­stimme geklärt und Stimmgeschlechter definiert.  

 

Zwischen „Drachentöter und Frauenversteher“, siedelt der Biologe und Gesangspä­dagoge Christian Lehmann die  Rolle des Tenors an. Lehmann entwirft in seiner weitaus­holenden „humanethologischen Annäherung“ ein Panorama der Tenorstimme als biologisches Signal. Es geht es um das grundsätzliche Problem: Androgynität versus Virilität.

 

„Das androgyne Stimmverhalten, im Kulturenvergleich bei der Bewältigung hoher Töne wahr-scheinlich ein ebenso verbreitetes Erfolgsmodell wie die athletische Risiko­stimme, scheint zu signalisieren: der Sänger identifiziert sich mit einem weiblich anmutenden  Gefühlsausdruck und zeigt in einer ritualisierten Weise gleichsam durch stimmliche Travestie Einfühlungsvermögen in das andere Geschlecht.“

 

Kein Wunder, dass mit den seltenen, hellen und hohen Männerstimmen seit je Helden und Engel, Prinzen und zärtliche Liebhaber in der Oper wie im Oratorium besetzt werden, aber auch Trottel und Gottesnarren.  Schufte, Bösewichter, Propheten, weise Könige, Priester und große Frauenhelden wurden in der Oper dagegen meist Baritonen und Bässen anvertraut, die als virile, männliche Stimmen per se gelten. Der Tenor ist nun mal eine besondere, besonders seltene und besonders anfällige Stimme. Ihre stimmphysiologischen Voraus­setzungen und Funktionsweisen erklärt im Buch der Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkunde Matthias Echternach.

 

Es geht in den dreizehn  Kapiteln des Buches aber nicht nur um Physiologie, Typologie und ero-tische Identität des Tenors, sondern auch  um die wechselvolle Begriffsge­schichte des Wortes „Tenor“ in Abgrenzung zum Contratenor, um Tenorpartien in der Opera seria wie der Opera buffa, um das Ende der Kastraten und den Aufstieg des Operntenors in Neapel, um leichte und schwere, lyrische wie dramatische, italienische wie französische Tenöre und um  den speziellen Typ des Wagnertenors. Der Band vereinigt die Beiträge von dreizehn Autoren. Es ist die erste umfassende Darstellung des Gesamt­phäno­mens „Tenor“.  Dank weiter­füh­render Anmerkungen, aufschlussreicher Abbildungen, Notenbeispiele und einem praktischen Register ist das Buch so nützlich wie informativ.

 

Besprechung für SWR 2 Cluster am 5. Juli 2017