Über Otto Klemperer

Dieter David Scholz



Eine neue, nicht vollends befriedigende Biographie


Und eine brilliante, facettenreiche Filmdokumentation   (DVD) über einen der bedeutendsten Dirigenten der Moderne

Eva Weissweiler: Otto Klemperer.
Ein deutsch-jüdisches Künsterleben

Kiepenheuer und Witsch. 319 S


Er war einer der großen Wegbereiter der Neuen Sachlichkeit und der Moderne in der Musik, der Dirigent Otto Klemperer. Neben Erich Kleiber und Bruno Walter war er einer der herausra-genden Pultheroen der Weimarer Republik. Nun hat Eva Weissweiler, nach Peter Heyworths 1988 in Deutschland erschienener Klemperer-Biographie ein Buch über den Dirigenten heraus-gebracht, in dem sie den Schwerpunkt vor allem auf die jüdischen Lebenszusammenhänge legt: „Otto Klemperer. Ein deutsch-jüdisches Künstlerleben“  

 

Seine Wurzeln liegen im Prager Ghetto. Otto Klemperers Vater Nathan wurde 1846 ebendort geboren. Als er 1881 ein Fräulein namens Ida Nathan aus Hamburg kennenlernte, das zufällig bei einer Schwester in Breslau zu Gast war, heiratete er sie kurzentschlossen und zog nach Bres-lau. Dort wurde Otto Nosom Klemperer am 14. Mai 1885 geboren. Eva Weissweiler schildert die von wohliger Traditions- und Nestwärme, aber auch von ständiger Bedrohung durch antise-mitische Pogrome des „raublustigen Mobs“ gefährdete Atmosphäre und die Lebensgewohn-heiten im Prager Getto in allen Farben, aber auch der „Breslauer Juden, die aus Italien, Ungarn, Böhmen oder Rumänien kamen und mit allem han­delten, was sich leicht und schnell trans-portieren ließ“, wie man liest. Einer der Urahnen von Otto Klemperer, sei sogar Synagogen-diener gewesen in der Prager „Zigeuner-Synagoge“ in der Franz Kafka einst beschnitten wurde“, so schreibt die Autorin. Interessiert Einen dieses Detail wirklich?


Eva Weissweiler kennt sich im Kapitel der deutsch-jüdischen Symbiose, aber auch in dem der deutsch-jüdischen Tragödie, die im Holocaust gipfelte, bestens aus. Sie hat Bücher über die Mendelssohns und die Freuds geschrieben und das berüchtigte Nazi-„Lexikon der Juden in der Musik“ mit seinen „mörderischen Folgen“ neu herausgegeben. Sie schöpft aus reichem Wissen über jüdische Geschichte, Sitten und Gebräuche. Klemperers Konvertierung zum Katholizismus und seine Rückwendung zum Judentum gegen Ende seines Lebens ist der Autorin ebenso wichtig wie das dutzendweise „Outen“ namhafter Musiker, Dirigenten, Regisseure und Inten-danten als Juden. Ihr philosemitischer Grabungseifer vermittelt dem Leser bei der Lektüre des Buches den Eindruck, die gesamte Musikszene jener Zeit sei ausschließlich eine jüdische gewe-sen. Das könnte missverstanden werden!


Otto Klemperers Dirigat von Jacques Offenbachs Opera bouffe „Die schöne Helena“, die Max Reinhardt in Berlin 1929 herausbrachte, eine Sternstunde des Musiktheaters, war der erste, über-große Erfolg des jungen Dirigenten, der auf Schallplatte festgehalten wurde. Damals war Klem-perer, der in Frankfurt und in Berlin studiert hatte, auf dem Höhepunkt seiner Karriere ange-langt. Er war Chef der berühmten Berliner Krolloper. Nach Stationen in Prag, Hamburg, Strass-burg, Köln und Wiesbaden. Die Krolloper war sein Zuhause. Es war eine Dependance der Ber-liner Staatsoper, die berühmt wurde berühmt für Klemperers Aufführungen moderner Opern und moderner Inszenierungen.


Ein Tanz aus Otto Klemperers Oper „Das Ziel“ – die Frucht eines Sanatoriumsaufenthalts, Klemperer war manisch-depressiv - ist eine der wenigen edierten und eingespielten Kompo-sitionen des Dirigenten. Auf sie kommt Eva Weissweiler immer wieder zu sprechen. Und auf die vielen Freundschaften und Kontakte Klemperers, mit Ferrucio Busoni, mit Kurt Weill, mit Gus-tav Mahler, Ernst Bloch und mit Hans Pfitzner. Über seinen Antisemitismus, mit dem er sich im Alter den Nazis anbiederte, weiss sie unappetitliche Detail zu berichten. Sie schildert aber vor allem sehr anschaulich Klemperers alltäglichen Ereignisse, Freuden und Obsessionen, seine Leiden und Leidenschaften, die erotischen wie die neurotischen , aber auch  den ganz alltäg-lichen Antisemitismus des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, zu schweigen davon, wie man Klemperer 1933 aus Berlin herausekelte. Das ist einer der Vorzüge dieser Biographie, dass sie an alltags- , zeit- und mentalitätsgeschichtlich so dicht ist. Doch an Fakten- und Informa-tionsgehalt ist sie der Klemperer-Biographie von Peter Heyworth unterlegen, die Autorin mag gegen ihn sticheln, wie sie will.


Klemperers Einspielungen der Musik Gustav Mahlers sind bis heute Referenzaufnahmen.  Ob seine Platteneinspielungen allerdings seine „Leistung und sein Lebenswerk“ besser“ dokumen-tierten „als jede Biographie es tun könnte“, wie die Autorin schreibt, sei bezweifelt. Dann hätte sie ja ihre Biographie nicht zu schreiben brauchen. Dass sie sich auf die Darstellung von Klem-perers „erster“ Karriere, also der Zeit bis 1933 beschränkt, ist bedauerlich. Seine zweite Kar-riere, nach der Rückkehr aus den USA bis zu seinem Tod 1973, behandelt sie nur epilogisch, mit einer entbehrlichen Aneinanderreihung von Briefen und Äußerungen von Freunden und Kolle-gen. Eine wirklich biographische Aufarbeitung dieses „zweiten Lebens“ Klemperers hätte einen mehr interessiert, zumal der zweite Band der Klemperer-Biographie von Peter Heyworth  nie ins Deutsche übersetzt wurde.


MDR Figaro 19.7.2020

 

Otto Klemperer: Long journey through his times

Otto Klemperer: The last concert

Philo Bregein

Arthaus Musik 2 DVDs ´ +2 CDs


Otto Klemperer war einer der wichtigsten Dirigenten des zwanzigsten Jahrhunderts. Beim Label Arthaus ist jetzt eine luxuriös ausgestattete Box erschienen, die die nach aufwändiger Restau­rie­rung erstmals auf DVD verfügbare, wegweisen­de Dokumentation Otto Klemperers, „Long Journey Through His Times“  des führenden Klem­perer-Spezia­listen und Filmemachers Philo Bregstein enthält. Hinzu kommt die unter Fans legendäre Filmdoku­menta­tion von Klemperers Letztem Konzert, ebenfalls von Philo Bregstein. Als Zugabe gibt es den voll­ständigen Audio-Mitschnitt von Klemperers letztem Konzert auf 2 CDs. 


Der erste Film von Philo Bregstein beginnt mit einer Berliner S-Bahnfahrt. Sie führt vorbei am nachkriegshaft heruntergekommenen Bahnhof Tiergarten. Schuttberge, Brandmauern, dann der Platz der Republik vor dem Reichstag, wo einst die Krolloper stand, an der Otto Klemperer sei-ne ersten Triumphe feierte. Seine Dirigentenlaufbahn begann allerdings 1906 am Großen Schau-spielhaus mit einer Aufführung von Max Reinhardts Inszenierung von Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt“.


„Da war Oscar Fried und ich als Chorleiter. Na, gleich in der Generalprobe verkrachte sich Fried maßlos mit der Sängerin Von der Osten. Und es war kein Dirigent da. Da bestimmte Reinhard, ich sollte dirigieren, da hab ich 50 Mal hin­tereinander jeden Abend Orpheus in der Unterwelt dirigiert. Und ich war wahnsinnig stolz, ein Konservatorist, der plötzlich Dirigent ist in einem Theater. Und die älteren Dirigenten in Berlin, die haben alle geschimpft“


Otto Klemperer durfte schließlich die Fernmusik in einer Aufführung von Mahlers zweiter Sin-fonie unter Oscar Fried dirigieren. Damals begegnete er Mahler persönlich. Es war ein Ini-tialerlebnis. Klemperer sollte einer der bedeutendsten Mahlerdirigenten des zwanzigsten Jahrhunderts werden.

An der 1927 gegründeten Krolloper brachte Klemperer  mit seinen Kollegen Alexander von Zemlinsky und Fritz Zweig bahnbrechende Uraufführungen zeitgenössischer Werke von Stra­winsky, Hindemith, Schönberg, Krenek und Janácek auf die Bühne. Klemperers Interpre­tatio­nen waren verstörend neuartig. Der Komponist Paul Dessau:   


„Klemperers Interpretation der Musik hat immer etwas Kühles, Antikulinarisches insofern, als sich der Hörer nicht in seinen Sessel zurücklehnen konnte und träumen, das genießen, sondern das Publikum musste wach bleiben und tatsächlich im Brechtschen Sinne mitdenken und mit schaffen.“


Der Philosoph Ernst Bloch, ein Freund Klemperers, äußert sich über das Publikum der Krolloper:


„Durch diese Exaktheit von Klemperer zog es Intelligenz, die an sich zwar hochgradig musisch, aber nicht musikalisch war, zu der Krolloper hin.“


Den aufstrebenden Nationalsozialisten und anderen reaktionären Kräften war die Krolloper ein Dorn im Auge. 1931 wurde sie geschlossen. 1933 wurde der assimilierte Jude Klemperer von den Nazis als „Kulturbolschewist“ gebrandmarkt und mit einem Aufführungsverbot belegt. Noch im gleichen Jahr emigrierte er in die USA.


Der erste Film von Philo Bregstein entstand 1971, als der in Breslau 1885 geborene Otto Klem-perer seine lebenslange Abnei­gung, gefilmt zu werden, aufgegeben hatte. Ein langes, hochin-teressantes Interview des 86-jährigen Klemperer bildet das Gerüst des ersten Films.

Bregsteins Film dokumentiert das Leben und die Karrierestationen des Dirigenten in Hamburg, Barmen, Strassburg, Köln und Berlin während des Kaiserreichs, in der Weimarer Republik, während seines Exils in den USA, wo er das Los Angeles Philharmonic Orchestra leitete, und nach seiner Rückkehr, wo er drei Jahre musikalischer Leiter der Budapester Staatsoper wurde und in London, wo Klemperer 1959 Chefdirigent auf Lebenszeit beim Philharmonia Orchestra wurde. Dort entstanden unter EMII-Produzent Walter Legge legendäre Aufnahmen. Klemperers Credo als Dirigent lautetet, man müsse nicht auswendig dirigieren, sondern inwendig. Und er besaß eine Tugend, die heute nur wenige Dirigenten haben: Sie heisst Demut.


„Ich bin nicht der Erste. Der Erste ist der Komponist!“

"Klemperer - The Last Concert" lautet der Titel der zweiten DVD der Edition. Es ist eine facet-tenreiche Filmdokumentation von Klemperers letztem Konzert mit dem New Philhar­monia Orchestra vom September 1971 in der Royal Festival Hall, ein historisches Musikdo­kument, das, wie der Filmemacher Philo Breg­stein im 180 Seiten umfassenden, sehr informa­tiven Be-gleitbuch schreibt,  den Kern von Klemperers Art und Weise des Dirigierens zu ent­hüllen ver-sucht.  Und immer wieder kommt Klemperer selbst zu Wort, der keinerlei Berüh­rungsängste hatte, zwischen E- und U-Musik nicht unterschied und klassisches wie modernes Repertoire dirigierte. 

 

„Ich kenne nur eine starke Musik und eine schwache Musik"


Auch eine wenig bekannte Seite Klemperers wird gezeigt, die des Komponisten Klemperer.


„Ich finde, ein Dirigent muss komponieren. Wenn man selbst etwas schreibt, lernt man doch erst, wie man überhaupt so was macht, nicht! Selber, selber!“


Zu den prominenten Zeitgenossen, die sich über das Phänomen Klemperer äußern, gehört der Musikschriftsteller und -kritiker Hans-Heinz Stuckenschmidt:


"Klemperer gab eigentlich mit seinem Minimum an Bewegung das Bild eines fast antiemotionellen Musikers, aber was herauskam, war das genaue Gegenteil.“  


Beide Filme sind mehr als nur eine chronologische Auflistung und Darstellung der wech­sel-haften Ereignisse in Klemperers Leben. Sie zeigen einzig­artiges Archivmaterial, Aus­schnitte aus Klemperers Proben und Produktionen im Konzertsaal wie auf der Opern­bühne, seltenes Interview-, Film- und Photomaterial. Viele Zeitzeugen kommen zu Wort. Mosaikartig rundet sich ein faszinierendes Lebens- und Zeitbild. Man wohnt einer langen Reise durch Klemperers an Schicksalsschlägen nicht eben armes Leben bei. Der erste Film verzichtet übrigens voll-ständig auf kritische Kommentare. Das macht sie ihn so authentisch und wertvoll.


Als Besonderheit enthält die Edition den digital neu gemasterten, also tonrestaurierten  Audio-Mitschnitt des letzten Klemperer-Konzertes mit dem New Philharmonia Orchestra vom Sep-tember 1971 aus der Royal Festival Hall mit Werken von Beethoven und Brahms. Keine zwei Jahre nach diesem Konzert starb Otto Klemperer 88-jährig in Zürich.


DVD-Besprechung für SWR 2 Cluster am 19.01.2017