Plädoyer für die Operette

Dieter David Scholz



Alle historischen  Abbildungen, Postkarten und Photos sind im Besitz des Autors. Ansonsten Platten- und Buchcovers

Plädoyer für die Operette 


Die Operette ist besser als ihr Ruf! Ihr Problem sind schlechte Aufführunge, sind dumme Insze-nierungen, ist der schlampige, lieblose, unprofessionelle oft gar kitschige. spießige Umgang mit der Gattung. Die Misere der Operette begann schon in den Dreißigerjahren, sie ist ein Erbe des Nazi-Ungeists, der die vielen jüdischen Operettenkomponisten, - Darsteller-, -Musiker und –Regisseure vertrieb zugunsten oft zweitklassiger Interpreten und betulich harmloser Schlager-, Heimat- und Durchhalteoperetten (zu schweigen von den Blut- und Bodenoperetten)mit abstrusen Texten und Musik zweit- oder drittklassiger Komponisten.


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Die heutige Misere der Operette ist keine Misere dieser heiter satirischen Gattung von Musik-theater an sich, sondern der unprofessionellen und geistlosen Interpretation ihrer Werke. Nicht die Operette ist seicht, sondern der Umgang mit ihr. Die Operette kann doch all das, was auch die Oper kann, die utopischste, verschiedenste Künste und Medien integrierende Kunstgattung überhaupt. Und sie kann noch etwas mehr. Wer könnte abstreiten, daß in den Meisterwerken der Operettengeschichte Gesellschaft und Utopie, Wunsch und Wirklichkeit, Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung eine Synthese eingehen, die sowohl unterhaltsam wie kritisch, aufmüpfig und einlullend, rührselig wie frech ihr Publikum erreicht.  Die Operette ist darüber hinaus die Musiktheatergattung der Verstellung und des Maskenspiels. Hinter ihren vielfältigen Masken verbirgt sich meist gespiegelte Wirklichkeit, gesellschaftliche Realität, mal verzerrt, mal paro-diert oder ins Utopische gesteigert. Nicht selten sogar mit scharfer gesellschaftskritischer, rebel-lischer, aufmüpfiger, ja politisch eindeutiger Stoßrichtung. Aber, und das zeichnet die Operette aus, stets mit dem Ziel der Unterhaltung! 


In den Worten, die Prinz Sou Chong in Lehàrs „Land des Lächelns“ in seinem Evergreen „Im-mer nur lächeln“ singt: „lächelnd  trotz Weh und tausend Schmerzen/Doch wie´s da drin aus-sieht/geht niemand was an“, darf man nach Volker Klotz, dem Operettenpapst, als das Wesen der Operette an sich verstehen: „das schmerzzerwühlte Innenleben tragischer Individuen zu über-singen“  und zu übertanzen um die Einsamkeit, das Unglück, die Tragik der Realität aufzuhe-ben. Die Operette macht es möglich, äußeres Glück und inneres Unglück ohne Widerspruch zu vereinen. Aber beides wird durchaus gezeigt und singend vorgeführt!"


Aber wass wäre die Wiener Operette, zu schweigen von der noch später entstandenen Berliner Operette ohne Jacques Offenbachs Pariser Pionierarbeit, der Opéra bouffe? Seine satirischen Werke des Musiktheaters standen Pate, sie waren die direkten Vorbilder für der Wiener Johann Strauss-Operetten. Strauss versuchte, das Pariser Modell nach Wien zu übertragen. Was natür-lich  nicht ganz gelingen konnte, denn Wien war nun einmal nicht Paris und Strauss war nicht Offenbach! Aber nicht nur im Falle Offenbachs ist die Operette, wie auch die Opéra bouffe eine zutiefst urbane Gattung. Sie lebt vom Lokalkolorit nicht nur, sondern auch vom urbanen Esprit, von städtischer Mentalität, selbst wenn sie in exotische Fernen schweift, um auszubrechen aus dem Gegebenen, um das Glück in der Ferne zu suchen oder wenn das Glück als Exotik herein-bricht in die vertraute Umwelt.   


Die Operette könnte  auch heute noch sein, was sie vor hundert Jahren war: eine eigenwertige, fortschrittliche, eine vitale und vitalisierende Kunst. Wenn sie aus dem Dunstkreis verstaubter Operettenklischees und der Welt billigen Talmi- und Flitterkitsches heraustreten würde und wenn es Operettendarsteller gäbe, die statt purem Schön- oder Schreigesang sich an den Qua-litäten etwa einer Klaudia Novikova orientieren würden, oder eines Max Hansen, einer Fritzi Massari oder eines Julius Patzak, eines Dranem, einer Hélène Regelly, einer Hilde Güden oder einer Margarete Pfahl, um nur einige Namen zu nennen. Wenn Operette glaubwürdig daher-kommt, erledigt sich auch das Generationenproblem der Operette von selbst. Im übrigen ist die Behauptung, daß nur ältere Menschen die Operette zu goutieren wissen,ohnehin mehr Vorurteil als Wirklichkeit.


Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es sie alle noch, die alten traditionsreichen Operettenhäuser in Wien, in München, in Hamburg und in Köln, in Berlin, in Dresden und in Leipzig. Im Laufe der letzen 50 Jahre geriet die Operette mehr und mehr in Verruf. Der Siegeszug des Musicals schien ihr den Rang abzulaufen. Inzwischen dreht sich der Spieß langsam um, Überdruß an Überfüt-terung mit seichten Musical-Produktionen führt immer öfter zu Pleiten und Schließungen teurer Musicaltheater, die euphorisch aus dem Boden gestampft wurden.  Leider sind inzwischen aber auch viele Operettenhäuser geschlossen worden. Zuletzt ereilte das Berliner Metropoltheater die Schließung, eines der letzten traditionsreichen Operettenhäuser Deutschlands, in dem Berliner Theatergeschichte geschrieben wurde. Daß dieses Haus vor wenigen Jahren geschlossen wurde, hat gar nichts mit der Qualität der Operette an sich zu tun, sondern eher mit Unfähigkeit, ja Unwilligkeit und fachlicher Kenntnislosigkeit von Kulturpolitikern und Intendanten. 


Vom erzwungenen Exodus der vielen jüdischen Operetten-Künstler hat sich die deutsche Haupt-stadt der Operette, Berlin, und ihre „heitere Muse“ bis heute nicht erholt. Alles, was damals  die Operette auszeichnete, die schöne Liederlichkeit, die elegante Selbstverschwendung, die sati-rische Vagabondage mit ihren aufrührerischen Impulsen und geistvollen Unverschämtheiten ge-gen „die da oben“, war fortan tabu. Und die Operettendarsteller, die die subversive wie subtile Kunst des Operettengesangs noch beherrschten, verschwanden von der Szene. Wenn man bei-spielswiese Oscar Dénes und Lizzi Waldmüller auf Schellackplatten hört, zwei der brilliantes-ten Operettenkomiker und -Sänger der Zwanziger- und Dreißigerjahre, kann man  wehmütig werden: welche Vitalität und welcher Witz. Diese perfekte Kunst des absurd-komischen Stak-kato-Singens. Ein Jammer, daß es die vielen kleinen privaten Tingeltangel- und Operetten-bühnen landauf- und landab nicht mehr gibt. Kaum etwas ist geblieben von der überreichen Kultur des satirisch-unterhaltenden Musiktheaters früherer Tage. Wenn man heute in die Operette geht, wird einem oft schlecht davon, zugegeben. Aber das liegt nur am falschen Umgang mit der Gattung und der Ahnungslosigkeit der "Macher".


Die Operette hat enormes Potential. Angriffslust und Anarchie sind ihr ebenso eigen wie Ironie und Selbstironie. Man muß es nur zeigen. Die Operette hält der Gesellschaft einen Zerrspiegel vor Augen. Sie amüsiert und parodiert, weckt Träume und klagt an, wagt Utopien und setzt Ge-genentwürfe, beißt und narkotisiert, und das mit Sentimentalität und Augenzwinkern, mit zuwei-len eindeutigen Zweideutigkeiten, ohne Scham, aber doch fast immer mit Charme. Natürlich ist die Operette  - wie die Oper - der Versuch einer Quadratur des Kreises. Oder, um es mit Carl Zu-gowski zu sagen, einem Original der Leipziger „Musikalischen Komödie“, Regisseur, Sänger und Faktotum der „MuKo“ wie das Leipziger Operettenpublikum sein Haus liebevoll nennt. „Ich denke, daß die Operette, um mit Brecht zu sprechen, das Einfache ist, das schwer zu machen ist, weil sie ernst genommen werden will und muß.“


Walter Felsenstein war vielleicht einer der Letzten, der die Operette noch wirklich ernst nahm. Mit der außergewöhnlichen Arbeitsweise seiner Komischen Oper in Berlin, mit seiner Ästhetik, seiner Dramaturgie und mit seinen Stückbearbeitungen hat er das Erbe der Offenbachiade in die Operettenkultur der Nachkriegszeit hinübergerettet. Und das unter schwierigsten Bedingungen eines einengenden, nicht unbedrohlichen politischen Alltags. Felsensteins Operettenaufführung-en bewegten sich auf erstaunlich subversivem, satirischem und kosmoplitischem Niveau, und das bis zuletzt. Sein "Blaubart" war auch nach der 360sten Vorstellung noch anspringend und explosiv.  Die heutige Komische Oper Berlin hat sich davon weit entfernt.Immerhn Barrie Kosky, heutiger Strippenzieher in der Komischen Oper  wagt viel (über seinen queeren Regiestil darf gestritten werden)  und beweist Mut, Operetten aszugraben und aufzuführen, die kein Mensch mehr kennt heutzutage. 


Immer wieder wurde die Operette (wie auch die Oper), wo und in welcher Spielart auch immer,  totgesagt. Aber „Totgesagte leben länger“, wie man weiß. Und gerade die „menschlich-allzu-menschliche“ Widerspieglung des Alltäglichen wie Exotischen, des Trivialen und des Pathe-tischen, des gesellschaftlich Konkreten wie individuell Unerreichbaren, aber auch das Ein-schmeichelnde wie Aufmüpfige machen die ungebrochene Aktualität und die Kraft der Operette aus. Sie ist  die Utopischte und Frechste der Bühnenkünste. Sie schaut den Mächtigen auf die Finger und läßt den Alltagsmenschen sich selbst auf der Bühne erkennen, sie spendet Trost und verspottet die Wirklichkeit, sie lindert Lebensalltag und erweckt unerfüllbare Wünsche, aber stets mit einem ironisch kneifenden Auge und mit lach- wie beinmuskelanregender musikalischer Wirkung. Und wo sie nicht zum Angriff auf bestehende Verhältnisse zu animieren vermag, weiß sie zumindest Rezepte zu geben zur leichteren Erträglichkeit des Seins: „Glücklich ist, wer vergisst, was halt nicht zu ändern ist“.