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Foto: Claudia Heysel
Sensationelle Isolde an der Mulde
Richard Wagner wollte mit „Tristan und Isolde“ dem schönsten aller Träume ein Denkmal setzen, wie er selbst einmal schrieb. Friedrich Nietzsche nannte das Musikdrama Wagners „Opus metaphysicum“. Wie auch immer: Das inkommensurable Werk ist 2024 am Anhaltischen Theaters Dessau herausgekommen. Zuvor wurde der „Tristan“ noch von Johannes Felsenstein inszeniert, 2024 zeigte man ihn in einer Inszenierung von Michael Schachermaier, Die musikalischen Leitung hate der amtierenden GMD Markus L. Frank. Nun ist eine Wiederaufnahme anberaumt worden.
„Tristan und Isolde“ ist so etwas wie die letzte und gewaltigste musikalische Ikone romantischer Liebesvorstellungen, auch wenn Wagner in dem Werk, das er eine „Handlung“ nannte. das transzendierende Moment, aber auch das Antibürgerliche, das Gesellschaftssprengende, ja Asoziale des Eros durchaus kritisch reflektierte. Jedenfalls solle dieser „mächtigste aller Triebe“, wie er bekannte, sich in dieser „Oper“ die mehr ist als nur eine Oper, noch einmal ungezügelt ausrasen.
Der Österreicher Michael Schachermaier, dessen Lehrer unter anderem Andrea Breth, Matthias Hartmann, Christoph Schlingensief und Alvis Hermanis waren, hat das Stück entromantisiert, versachlicht und hat ihm seine von Schopenhauers Pessimismus geprägte Stoßrichtung durch nicht nachvollziehbare Regiegags auch seine Plausibilität geraubt.
Dabei hat der Bühnenbildner Paul Lerchbaumer eine recht pragmatische, variable zweistöckige Säulenarchitektur auf die Bühne gestellt, die – durch fokussierende Einengungen mittel schwarzer Wände und Vorhänge sowohl Unterdeck eines Schiffes (Reisekoffer und Kisten deuteten das an), einen schlossartigen Innenhof (Liebesgarten) und einen maritimen Sterbeort Tristans (mit Siechenbett) einigermaßen glaubwürdig, wenn auch nicht aufregend markierten, immer wieder in reichlich Bühnenqualm und blaues Licht gehüllt.
Freilich, von den Szenenanweisungen und Intentionen Richard Wagners ist diese Realisierung weit entfernt. Wagners dialektische Darstellung einer zutiefst egoistischen Liebe zwischen den Protagonisten des Stücks, die eigentlich aneinander vorbeireden und vorbei lieben, auch je einsam sterben - von wegen Liebestod - ist bei Schachermaier kaum zu erkennen. Es ist doch gerade die Diskrepanz zwischen Liebesideal und Liebeswirklichkeit, der Wagner im schönsten seiner Träume desillusionierend, ja deprimierend das Wort redet. Nun muss man ja nicht die Münchner Uraufführungsdekorationen des Tristan zum Maßstab einer heutigen Inszenierung nehmen.
Doch so unbedarft wie Schachermaier muss man auch nicht an das Werk herangehen.
Schachermaier erzählt im Grunde nur eine schlichte Geschichte: Isolde wird – auf Betreiben von König Marke aus Irland zu ihm gebracht. Doch zwischen seinem Brautwerber und der Braut entfaltet sich eine glühende Liebe. Das Paar wird in flagranti erwischt von Melot, dem intriganten Agenten des Königs Es kommt zum Kampf, Tristan wird tödlich verwundet, Tristan und Isolde sterben. Er an der Wunde, die ihm von Melot zugefügt wurde, in dessen Spiess er sich stürzte. sie aus wahnhaftem Trennungsschmerz, auch „Liebestod“ genannt. Ein Missverstänis zweier Egoisten.
Schachermaier inszeniert brav an der Oberfläche der Handlung entlang. Auch wenn beim Liebesgesang des zweiten Aufzuges ein riesiger nächtlicher Mond durch die Säulenhalle scheint und mehrfach gedoubelte Isolden, Papierschiffchen bastelnd, durch den Fiebermonolog des dritten Aktes geistern: Was die an sich nicht ungeschickte Inszenierung vollend fragwürdig macht, ist das absurde Ende mit dem Tod Tristans vor weißen Gartenmöbeln und Isoldes divenhafter Liebestod“ im Konzertformat. Nachdem der tote Tristan wieder auferstanden ist und sich auf einen der weisen Stühle setzt und den (Garten-) Tisch aufklappt, nimmt auch die inzwischen verstorbene Isolde dort Platz. Der Vorhang geht zu und alle Fragen bleiben offen. Eine Inszenierung, die fast so ärgerlich ist, wie der Versuch in Dessau ein Taxi zu ergattern.
Immerhin ist GMD Markus. L. Frank, gemeinsam mit der präzise aufspielenden und klangschönen Anhaltischen Philharmonie Dessau der Musik von Wagers „schönstem aller Träume“ gerecht geworden. Und mehr als das. Der Abend ist ein Rausch mit Sogwirkung, eine rasante Tour de Force, eine dramatische Klangorgie, ein Fest feinster, narkotisierender Übergänge, dramatischer Zuspitzungen und rasantem musikdramaturgischem Zugriff. Chapeau! So einen makellos gespielten wie intelligent strukturierten, analytisch klaren, transparenten Tristan, tiefromantisch und modern zugleich, hört man selten.
Auch die Besetzung hat Niveau. Allen voran Iordanka Derilova. Sie sang die Isolde schon unter Felsenstein und ist immer noch und immer wieder eine furiose Sängerdarstellerin, eine fulminante Isolde. Ihre wortverständliche Aussprache des Deutschen lässt zwar zu wünschen übrig, doch ihre Stimmkraft, ihre Kunst der Phrasierung und ihre sicheren, makellosen Spitzentöne sind beeindruckend. Ganz zu schweigen von Ihrer körperlichen Schönheit und der Souveränität ihrer Bewegungen, auch wenn sie nicht frei sind von Primadonnen-Pathos. Sie dürfte auftreten in einem strahlend blauen Kostüm Es schmeichelte ihrer Figur und ihren Callashaften Bewegungen.
Ansonsten fielen die Kostüme des venezolanischen Kostümbildners Alexander Djurkov Hotter nicht gerade durch Originalität, Phantasie oder Schönheit auf. Rote Akzente der Mäntel von Isolde und König Marke setzten royale Akzente in ansonsten mediokrer Couture. Die bemerkenswerte Mezzosopranistin Anne Schuldt singt eine makellose, balsamisch-wohltönende, absolut wortverständliche und natürliche Brangäne. Auch der durch Kultiviertheit des Singens, Stimmschönheit wie Diktion auffallende Kurwenal von Kay Stiefermann beeindruckt, ebenso der Bassist Michael Tews, der den gehörnten Dritten, König Marke, als erschütternde Autorität vorführt. Einen glaubwürdigen Intriganten Melot gibt der kultivierte türkische Bariton Barış Yavuz
Der Tristan von Heiko Börner zeichnet sich durch Singklugheit, Klarheit der Sprachbehandlung, Stimmgröße und Intelligenz aus. Ein echter baritonaler Heldentenor. Auch der Rest des Ensembles wie der Chor des Anhaltischen Theaters Dessau überzeugten. Die Anhaltische Philharmonie speilte tadellos und klangprächtig. Zumindest musikalisch darf dieser „Tristan“ beinahe eine Sternstunde genannt werden.
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