Rosenkavalier in Köln

Foto: Matthias Jung / Kölner Oper

Das renovierte Opernhaus Köln wird mit einem blamablen „Rosenkavalier „ eröffnet

 

 

In der Kölner Oper sah ich noch Wieland-Wagner-Inszenierungen, den Ponnelleschen Mozart-Zyklus mit Margaret Price und Birgit Fassbaender,  Theo Adam als Hans Sachs, René Kollo als Stolzing und sogar die große Birgit Nillson als Brünnhilde. Auch die stilgenauen Hampe-Inszenierungen vergisst man nicht. Es war ein bedeutendes Opernhaus, bevor es geschlossen wurde. Die Oper (der Nachkriegsbau von Wilhelm Riphahn am Offenbachplatz) und das Schauspielhaus stammen von 1957 beziehungsweise 1962.  Die schöne, alte Kölner Oper  (die nur leicht beschädigt war) wurde nicht abgerissen, sondern saniert, schließlich für rund 1,5 Milliarden Euro im September 2026 wiedereröffnet, weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht und als bedeutendes Zeugnis der Nachkriegsmoderne gilt. Bei der Sanierung hat sich die Stadt allerdings  nicht mit Ruhm bekleckert und viele Jahre lang mit der Skandalbaustelle bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Die Sanierung der Kölner Oper gilt als eines der größten kommunalen Bau-Desaster.  "Es war eine planerische Fehlleistung, darüber müssen wir nicht diskutieren", so der OB Burmester im WDR.  Am 19. September war es dann endlich soweit: Um 12 Uhr Ortszeit wurden Opernhaus, Schauspielhaus und Offenbachplatz wieder für die Kölner Stadtgesellschaft geöffnet. In alter neuer Pracht, etwas steril und etwas unfertig, eine Zumutung war die Klimaanlage, es war entschieden zu warm, es herrschten ohnehin sommerliche Temperaturen im schönen  Köln am Rhein. Auch die Gastronomie lässt noch zu wünschen übrig. Das kann ja vielleicht noch optimiert werden.

 

Nun begann mit Richard Strauss’ "Rosenkavalier" am 27. September die erste Saison nach Wiedereröffnung am Offenbachplatz. Ich musste ich hin, koste es, was es wolle. Also nahm ich den beschwerlichen Weg und die Hürden der Jagd um Eintrittskarten (die ganze Opernwelt wallfahrte ja nach Köln) auf mich. Leider wurde es ein vertaner, ein ärgerlicher Abend, um nicht zu sagen ein Debakel! 

 

„Der Rosenkavalier“ ist eine Komödie für Musik, heiter, leicht und elegant, versöhnlich, aber dennoch auch gedankenschwer und melancholisch durchgeistigt, ein österreichisch burleskes und zugleich melancholisch abgeklärtes Stück, eine meiner Lieblingsopern, zugegeben. Ich habe sie unzählige Male an kleinen und großen Opernhäusern gesehen, nie jedoch so schlecht und so dumm wie in Köln am Rhein. Hofmannsthal und Strauss erschufen die einzigartige Rolle der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg (die vielleicht philosophischste unter den Opernfiguren). Sie trägt nicht umsonst den Vornamen Marie-Therèse trägt, denn sie ist im Wiener Rokoko verortet. 

 

Allein die Feldmarschallin weiß, dass alles der Zeit und der Vergänglichkeit unterliegt. „Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie. Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen.“ Weder Octavian, der bald schon verflossene Liebhaber, kann diesen Gedanken folgen, noch der ungehobelte Vetter Baron Ochs, dessen skrupellose Anbahnung einer Heirat mit der jungen Sophie, was die Feldmarschallin souverän durch Intrige verhindert.

 

Strauss und Hofmannsthal entfalteten am Beginn des 20. Jahrhunderts (Uraufführung war 1911) ein beeindruckendes Lebens- und Seelenpanorama in einem imaginierten 18. Jahrhundert, mit einer meisterhaften Kunstsprache und berückender Musik, einerseits   nostalgisch- melodiös, andererseits  durchsetzt von irritierend modernen Klängen.  Strauss gelang das Kunststück,  sogar die Walzer des 19. Jahrhunderts zu ironisieren, indem sie  auf der Opernbühne ins 18. Jahrhundert ins Zeitalter Maria Theresiass verlagert werden.

"Der Rosenkavalier"  war neben Puccinis "Turandot"  einer der größten Welterfolge der Oper im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Diese „Komödie für Musik“ beschwört am Vorabend des ersten Weltkriegs noch einmal einen wehmütig ironischen Rückblick auf die Welt Wies im 18. Jahrhundert.

 

Erstmals in Köln inszenierte die prominente französische Regisseurin Marie-Ève Signeyrole. Der neue  Generalmusikdirektor des Hauses, Andrés Orozco-Estrada, seines Zeichens ein in Wien lebender kolumbianischer Dirigent, hat die musikalische Leitung übernommen.

 

Nie zuvor habe ich – wie gesagt - einen derart langweiligen, geistlosen, in  jeder Hinsicht missratenen „Rosenkavalier“ gesehen noch gehört.  Marie-Ève  Signeyrole war auf die geradezu absurde Idee gekommen, die Marschallin als Filmschaffende darzustellen, die einen Film über die Fürstin Werdenberg, also sie selbst zu drehen, sie selbst spielt auch Hauptrolle. Man sieht sie und immer auch  ihr Alter Ego, was für Verwirrung sorgt. Es handelt sich um eine Konzept-Idee, die derzeit zwar en vogue zu sein scheint, aber selten auf der Bühne überzeugt. Schon die Übertragung des Stücks in die Moderne ist – seien wir ehrlich - absurd, da die Sprache Hofmannsthale das antiquierte Wienerische, den Dialekt und die Spracheigentümlichkeiten der verschiedenen Stände virtuos  benutzt, ein Vokabular, dass es im heutigen Wien nicht mehr gibt und einfach nur lächerlich wirkt. Lächerlich ist auch die Idee, die Überreichung der silbernen Rose als Überreichung eine gleichnamigen Filmpreises zu inszenieren. Die Marschallin ist natürlich die Juryvorsitzende.

 

Sie tritt bei Signeyrole im Hosenanzug und mit Regisseursbrille auf, in der anschließenden, regielich unsäglich desorganisierten  Party des Ochs auf Lerchenau mit einem Aufgebot  durchgeknallter Leute im straßglitzernden Ballkleid einer reiferen Dame. Als solche zieht sie im Hintergrund die Strippen ihrer komödiantischen Intrige, die ihn im dritten Akt als Sexualstraftäter entlarvt und der Jugend den Vortritt lässt.

 

Unnötig, die vielen Verlegenheitslösungen, Leerläufe und intellektuell verquasten Regieeinfälle zu erwähnen, die Hässlichkeiten des Bühnenbilds, das zwischen Schleierkasten, nichtssagenden Stahlrahmen und halbfertigen Häuserwänden hin- und herschwankt (Bühnenbild Fabien Teigné) das aufgeregte und hektische  Gewusel der vielen stummen Nebenfiguren des Filmsets, das ja immer mitspielt. Die Kostüme von Yashi und René Neumann verzeichnen immerhin einige bemerkenswerte Kreationen. Die Krönung der ermüdenden wie unsinnigen Regie waren (vor allem im ersten Akt) die ständigen Videoproduktionen  die eindeutig frau-frauliche Bettszenen zeigten, die wie Softpornos  einer  geradezu lesbisch anmutenden Zärtlichkeit anmuteten. Nichts gegen Lesben, weiß Gott nicht, aber bei Hoffmannsthal handelte sich um eine ganz „normale“ Frau (Die Feldmarschallin) die mit einem ganz „normalen“ Mann in Bett liegt (nur wird er gemäß der Tradition der „Hosenrolle“ von einer Frau gesungen).  Bei Signeyrole werden die Marschallin und Oktavian in Großaufnahmen ihres wollüstigen Umfangens  bis zum Überdruss gezeigt, während das reale Lotterbrett auf der Bühne nahezu unbenutzt und überflüssig herumsteht. Dass ironische Speil  Spiel mit der „Hosenrolle“  wird ad absurdum geführt. Alle Rokoko-Erotik, Wiener Schmäh und Hofmannsthalsche Melancholie des Fin de siècle  gehen in dieser Inszenierung den Bach hinunter. Und ganz nebenbei säuselt die Marschallin ihren Zeitmonolog, einen der grandiosesten Monologe der Opernliteratur, in dem es um Vergänglichkeit, Unwiederbringlichkeit  und das Verrinnen von Zeit, um Jugend und Altern. Geht. Alles verschenkt. Statt dessen sieht man viel Talmi, Glitzerregen und neonleuchtende Rosen im Bühnenhimmel, man sieht langweilige Entkleidungs- Umarmungs- und Kussszenen  als Videos begleitet von unendlich zerdehnter, will sagen spannungsloser und langweiliger Musik.

 

Nun ist der "Rosenkavalier" kein leichtes Stück für einen Dirigenten. Es handelt sich um eine der anspruchsvollsten  Partituren. Der Spagat zwischen Pathos und Ironie, Rokoko und Walzer, Moderne und Romantik, den Richard Strauss wagt, und der das Schillernde der Rosenkavaliermusik ausmacht, ist Orozoco-Estradas Sache nicht. Dazu fehlt es ihm an dirigentischer Raffinesse. Die Metaphern und Symbole dieser chiffrierten, anspielungsreichen wie ironischen Musik hörbar zu entschlüsseln und zum Blühen zu bringen ihm leider nicht.  Man muss hören, dass, diese Wiener Farce mit ihrer, wie so oft gesagt wird rückschrittlichen Musik ganz und gar das Gegenteil ist, auf der Höhe der "Elektra"-Zeit, voller Stilzitate, Anspielungen, psychologischer Delikatessen und ironischer Brechungen, etwa was die Wiener Walzerseligkeit angeht, die ja eigentlich gar nicht ins  Barock der Maria Theresia gehört.  Das erfordert analytisches Dirigieren und orchestrale Transparenz. Nichts davon in der pauschalen, drögen und breiigen Lesart des neuen Generalmusikdirektors André Orozoco-Estrada.

 

 

Das famose Gürzenich Orchester Köln spielte zwar ordentlich, aber unter seinen Möglichkeiten, was dem Dirigenten anzulasten ist. Die Aufführung dümpelte streckenweise in einem unbeschreiblichen Tohuwabohu an Ungenauigkeit, Unsensibilität und Grobschlächtigkeit vor sich hin. Das konnten auch die Sänger nicht kompensieren. Nun waren ohnehin die meisten Sänger der großen Partien des enormen Rosenkavalier-Ensembles fehlbesetzt und man verstand kaum ein Wort von ihnen, was der  meisterhaften Hofmannsthal-Komödie, die vom Text und der Textverständlichkeit lebt, natürlich den Garaus macht. Entweder hat der Dirigent so leise dirigiert, dass die Sänger flüstern mussten, oder aber er dirigierte so laut, dass man sie erst recht nicht. Verstand. Ein begnadeter Sängerbegleiter  ist offenbar nicht. In den vielen kleinen Partien gab es immerhin Lichtblicke. Beispielsweise sang die inzwischen gereifte  Dalia Schaechter, Urgestein der Kölner Oper, Seine freche und gewitzte Annina.  Sie befleißigte  sich einer vorbildlichen Diktion  und überzeugte auch stimmlich. Der zweite  Sänger, der uneingeschränkt begeisterte bei dieser unseligen Premiere war der junge südkoreanische Tenor Young Woo Kim als italischer Säger im Caruso-Outfit. Ansonsten herrschte peinliche Betroffenheit  über interpretatorische wie stimmliche Unzulänglichkeiten vor. Kaum einer der Sänger schien eine Ahnung zu haben von dem was die Italiener „canto espressivo“ nennen.  Bianca Andrew sang einen Octavian nur nach Noten, vom Text verstand man rein gar nichts. Dasselbe galt auch für die Sophie von Giulia Montanari. Eine schöne Stimme, zugegen. Die Sängerin der Marschallin war die größte sängerische Enttäuschung (und was haben wir schon für großartige Interpretinnen dieser Partie selbst in kleineren Theatern gehört). Magdalena Hinterdobler sang ihre Partie schön, aber routiniert und ohne innere Beteiligung, so schien es. Betörend in Stimmklang und Ausdruck war das jedenfalls nicht.  Auch der Baron Ochs auf Lerchenau von Patrick Zielke war weder stimmlich noch darstellerisch eine glaubwürdige Autorität, die er doch eigentlich sein sollte. Unterm Strich erwies sich dieser „Rosenkavalier als blamabel.


Rezensionen auch in "Der Opernfreund" und in "Das Orchester"

 

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