Rheinsberg Festival

Dieter David Scholz



Foto: Marc Hufnagel,

Musikfestspiele Rheinsberg

Eröffnung des Internationalen Festivals junger Opernsänger

in Rheinsberg 2015  Eine Art Fazit.


Vor 25 Jahren hat der Komponist Siegfried Matthus im ver­schlafe­nen mär­ki­schen Rheinsberg, wo einst Kronprinz Friedrich und Prinz Heinrich residierten, ein Inter­nationales Festival junger Opernsänger ins Leben gerufen. Heute Abend begann die Jubi­läumssaison mit der Premiere der Händeloper „Amadigi di Gaula“ im Hecken­theater des Schlossparks.  

 

Das Festival startete vor einem viertel Jahrhundert in eine unsichere Zukunft, heute steht es bes-ser denn je da. Bei seiner Gründung 1990 war es ein großes Risiko, und fi­nanziell eine Gratwan-derung, tief in der märkischen Provinz ein solches Festival zu gründen. Längst hat das Publikum dieses entlegene Festival ange­nommen. Es gibt ein regelrechtes Stammpublikum, das jedes Jahr wieder­kommt, und es gibt inzwi-schen einen Führungswechsel. Siegfried Matthus hat im ver­gang­en Jahr die künstlerische Leitung seinem Sohn Frank Matthus übergeben.


Aber auch die Finanzierung ist gesichert. Im vergangenen Jahr wurden die Kammeroper Schloss Rheinsberg, die das Festival ausrichtet, und die hier ebenfalls ansässige Musikakademie Rheins-berg zur Musikkultur Rheinsberg GmbH fusioniert. 40% der Kosten tragen das Land, 40 Prozent werden durch Kartenverkauf erwirtschaftet und die restlichen 20 Prozent werden durch Spon-soring abgedeckt. Die Hauptsponsoren sind die ostdeutsche Sparkassen­stiftung und der russische Erdgaskonzern GAZPROM, der sich trotz politischer Irritationen um deutsch-russischen Kultur-austausch bemüht. Eines der beiden Vor-singen für das alljährliche Festival findet denn auch in Russland statt. Kein Zufall, dass in diesem Jahr 8 junge russische Sänger von insgesamt 40 in Rheinsberg engagiert sind.

 

Das Rheinsberger Festival ist eines von wenigen, in denen junge Sänger die Hauptrollen spielen. Sie dürfen dort ihre ersten bühnenpraktischen Erfahrungen machen, sich nach dem Studium er-proben und komplette Partien erarbeiten, um sie dann vor Publikum zum Besten zu geben. Sie werden szenisch und sängerisch von erfahrenen Regisseuren, Dirigenten und Gesangs­pädagogen gecoacht, beraten und geführt. Es gibt einen großen Gesangswettbe­werb vor Beginn des Fes-tivals, bei dem die Preisträger zwar kein Geld, aber eine Partie gewinnen können, die sie beim Festival singen dürfen. Für den Sängernach­wuchs ist das Festival mit seinen Opernproduktionen, Konzerten, Operngalas, Opernwerkstätten und Gastspielen eine wichtige Erprobungsplattform. Bis heute gab es 700 Preis­träger bei den mittlerweile 25 Gesangswettbewerben, an denen ins-gesamt mehr als 9000 angehende Sänger teilnahmen. Und man darf nicht vergessen, dass dieses Festival eine Talent­schmiede und nicht selten ein Sprungbrett in eine große Karriere ist.  Von Rheins­berg aus haben einige Sänger den „Opernolymp“ erstiegen. Um nur einige Namen zu nennen: Nina Warren, Camilla Tilling, Annette Dasch, Olga Peretyatko, Aris Argiris und Marco Jentzsch.


Nachdem man bis zuletzt gebangt hat, ob der Wettergott heuer gnädig ist oder nicht, fand die Eröffnungs­premiere der Zauberoper „Amadigi die Gaula“ von G.F. Händel im Heckentheater des Schloßparks statt, wenn auch mit zwei Unter­brech­ungen. Der eigentliche Zauberer des Abends war das Heckentheater selbst. Regis­seu­rin Claudia Eder hat mit minimalem Aufwand, mit leichter Hand und tänzerischem Gestus insze-niert. Die Handlung des Stücks, die sich um den hehren Ritter Amadis von Gallien rankt,  um die Abenteuer von vier Personen und einer intriganten Zauberin, die sich überkreuz lieben, mit für die  barocke Opera seria typischen Gefühlsverstrickungen und unerwarteten Wen­dungen,  sie hat sie gar nicht erst zu erklären versucht. Der Zauber sommernächtlichen Garten­thea­ters entschuldigt ohnehin fast alles Unwahrscheinliche und Unglaub­würdige.


Absolut glaubwürdig ist die Produktion musikalisch, mit 5 jungen Sängern, die wie schon zu Zeiten des Prinzen Heinrich ohne irgendwel­che elektroakustische Verstärkung singen, heraus-ragend die griechi­sche Koloratursopranistin Alexandra Samoulidou als böse Zauberin Melissa. Michael Schneider, einer der renommiertesten Spezialisten für Alte Musik, hat die dreiaktige Oper beherzt gekürzt auf  publikums-reundliche gute zwei Stun­den. Er hat mit dem Barock­ensemble des Staatsorchesters Braunschweig einen sehr animierten, tempera­ment­vollen Händel musiziert.  Nur gelegentlich gab es Irritationen durch leich­ten Regen, auch durch vorlaute Vögel, die den Sängern Paroli bieten wollten und ungebetene Fledermäuse, die über die Bühne flatterten.  Der Zauber einer Freiluftoper eben!

 

Nachtrag 2019: Inzwischen ist es in Rheinsberg künstlerisch etwas bergab gegangen, wie viele Produktionen der letzten Jahre zeiget. Der völlig überforderte Matthus-Spross hat das Handtuch geworfen.  Rheinsberg hat, so scheint´s, sein Pulver verschossen. Der Wende-Bonus ist verbraucht.  Die Pflege des Schloß-Gartens lässt (in Gegensatz zum inneren Zustand des gut restaurierten Schlosses) sehr zu wünschen übrig, der Publikumszuspruch auch! Seit Oktober 2018 ist Georg Quander der neue künstlerische Direktor in Rheinsberg. Man darf wieder hoffen.

 

Von 1991 bis 2002 leitete Quander als Intendant die Deutsche Staatsoper Berlin.

 

DLR-Kultur
Fazit am 26.06.2015