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Foto: Nilz Böhme
Musikalisch hinreißender, regielich plakativer Massenet in Magdeburg
Die Oper „Manon“ geht auf einen Roman zurück, der lange vor der Gründung der Vereinigten Staaten entstanden ist: Abbé Prévost hat 1731 die Geschichte publiziert, in der ein junges Mädchen zwischen freier Liebe und Verlangen nach Luxus aufgerieben wird und schließlich in Amerika sein Leben aushaucht. Das Libretto stammt von Henri Meilhac und Philippe Gille nach dem Roman Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut des Abbé Prévost. Die Uraufführung fand am 19. Januar 1884 an der Opéra-Comique in Paris statt. Das Theater der Stadt Magdeburg hat jetzt erstmals diese Opera comique in fünf Akten von auf ein Libretto von Henri Meilhac und Philippe Gille in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln herausgebracht.
Der britische Regisseur James Bonas, der am Theater Magdeburg bereits 2023 „Ariadne auf Naxos“ inszenierte, verantwortet die szenische Realisierung. Die Musikalische Leitung hat der dänische Dirigent Christian Øland, der sich mit dieser Produktion seinem Publikum als neuer GMD vorstellt.
Die Figur der Kindfrau Manon Lescaut gehört wie Lulu, Nana und Violetta in die Reihe berühmter gefallener Mädchen aus den Zeiten der Belle Époque und des Fin de Siècle. Hin- und hergerissen zwischen dem glanzvollen Leben einer Kurtisane und der Suche nach emotionaler Geborgenheit, Zwischen Tabubruch und bürgerlicher Konvention unterdrückter Lüste, gerät Manon in eine Lebenskrise, die für sie mit Deportation und Tod in Amerika endet. Gefühl und Verstand streiten in Manon Lescaut, die zwischen dem edlen, aber mittellosen Kleriker Des Grieux und dem wohlhabenden Steuerpächter Geronte schwankt. Ihre Sucht nach Luxus, führt sie in die Welt des kalten Reichtums, diese wiederum treibt sie zu der aufrichtigen Liebe Des Grieux’ zurück, und in den Tod.
Manon, die durch Luxus und Reichtum verführbare Verführerin der Männer, ein einfaches, aber schönes Mädchen aus der Provinz, hat viele Gesichter, von denen einige authentisch und andere nur Masken sind, was sie zu einem geheimnisvollen Wesen macht, einer „Sphinx? und „Sirene?, wie Des Grieux im vierten Akt über sie singt. Sie ist grausam, launenhaft, widersprüchlich, naiv und sie wird geplagt von Ahnungen und Erinnerungen.
Manon wird von ihrer Familie ins Kloster geschickt. Auf dem Weg dorthin begegnet sie Des Grieux, verliebt sich in ihn und zieht mit ihm nach Paris. Er ist idealistich, mittellos und impulsiv. Sie schwankt zwischen aufrichtiger Liebe zu ihm und den Verlockungen eines luxuriösen Lebens, zu Juwelen, Geld und Haute Couture. Alles das kann ihr Brétigny (ein reicher Adliger) bieten.
Zweifellos haben Massenet und seine Librettisten tief in die Seele seiner Protagonistin geschaut und sie mit psychologischem Einfühlungsvermögen dargestellt.
„Manon ist ein Rätselbild, eine Männerprojektion in der Einheit von kindlicher Unsicherheit und aristokratischem Selbstbewusstsein, von bürgerlicher Sittsamkeit im Willen zum gemeinsamen Leben mit Des Grieux und plebejischer Ungehemmtheit, von Koketterie und Empfindungstiefe: eine Figur der Grenzüberschreitung, wie sie wohl nur auf dem Musiktheater denkbar ist. Ihre Schönheit ist ein Glücksversprechen, und die Entschiedenheit, mit der sie dieses auch für sich selbst einzulösen versucht, …lassen sie zu einer Frau in der Revolte werden. Ihre Selbstbestimmung in der Weiblichkeit ist zugleich ihr Schritt in die Fatalität.“ (Ulrich Schreiber)
Regisseur James Bonas Macht es sich recht einfach mit einer plakativen und im wahrsten Sinne des Wortes Schwarz-Weiß-Sicht auf das Stück. Er versteht die Titelfigur vor allem als männliches Wunschbild und Projektion männlicher Begierden, als ein reines Konstrukt männlicher Fantasien. Manon ist den permanenten Bewertungen einer patriarchalischen Gesellschaft ausgesetzt, die sie schließlich zerstört. Irgendwann weiß sie mit ihrem Kapital (der weiblichen Schönheit) Geld zu machen, sie wird kokett, opportunistisch, zur raffsüchtigen Spielerin und verliert sich selbst dabei.
Manon ist dem Regisseur nur eine Ware, eine Sexobjekt. Verfolgt und umworben von besitzgierigen Männern entfaltet sich ihre rauschhafte aber tragische Lebensgeschichte. Bonas zeigt Manon als eine Überwachte, zu allen Zeiten durch männliche Blicke (wie in einer Peep Show) beobachtete Frau, die ihre Reize ausstellt, Erfolg bei den Männern zu genießen und geschickt einzusetzen weiß, aber letztlich ihre Orientierung verliert in einer Welt voller Versuchungen, denen sie nicht widerstehen kann.
James Bonas hat sich zur Realisierung seines Konzepts von Thibault Vancraenenbroeck eine kalte Spiegelwelt auf die Bühne stellen lassen. Es ist eine Welt zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung auf, vor und hinter halbverspiegelten, halb transparenten Paravents, die mal als Rotunde angeordnet werden, mal als Spiel-Separees, mal an die Kabinen lüsterner Männer in Einzelkabinen von Peep Shows erinnern, oder einfach vom Bühnenhimmel herabhängen. Vancraenenbroeck hat auch die Kostüme im Stil der 50er und 60er Jahre entworfen. Man sieht ein drehbares, ein bewegliches kaleidoskopartiges Spiegel-Labyrinth, das durch Veränderungen der Positionen der Spiegelrahmen sich ständig verändernde Räume zeigen sollen, die „ein Echo von Manons innerer Reise darstellen, so bekennt der Regisseur. Reine Lippenbekenntnisse. Das Bedürfnis. „Die Geschichte näher an unsere Gegenwart heranzurücken“ ist nur schwer nachzuvollziehen. Visuell habe man sich „für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg“ entschieden, für Anleihen an Schwarz-Weiß-Filme. Nicht aus Nosalgie, sondern um eine „mechanische, entpersonalisierte Welt“ zu zeigen und auf „moderne Phantasien wie Selfies und soziale Medien“ hinzuweisen. Das alles leuchtet irgendwie ein, doch was man sieht, erwärmt nicht gerade das Herz. Wo bleibt da die farbige, sinnliche, verspielte Rokoko-Welt, der doch Massenet musikalisch Tribut zollt?
Es ist eine kalte, sterile und mit unnötigen Videos und uneinsichtigem Lichtdesign aufwartende (geradezu grotesk ist des nächtliche Schneetreiben, in dem die Oper endet) Produktion, zu schweigen von der arg konventionellen Personenregie. Regietheater, das dem Stück und der Musik nicht wirklich Rechnung trägt.
Immerhin erlangte Jules Massenet als führender französischer Komponist der Dritten Republik mit seiner Oper Manon 1884 in Paris einen Welterfolg. Rund 150 Jahre zuvor, 1731, war Abbé Prévosts Roman La véritable historie du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut (Die wahre Geschichte des Chevalier Des Grieux und der Manon Lescaut) erstmals veröffentlicht worden, umgeben von einem Hauch von Skandal. Er wurde von seinen Zeitgenossen und erst recht von der Nachwelt viel gelesen. Nach der Erstaufführung der Oper „Manon“ an der Pariser Opéra-Comique, wo das Stück bis 1905 an die 500 Mal aufgeführt wurde, ist Massenet zum Grand Officier der Ehrenlegion ernannt worden.
Puccini (einer der vielen Manon-Vertonern) vertrat den Standunkt, Massenet habe das Thema wie ein Franzose behandelt, „mit Puder und Menuett“. Er, Puccini, werde es wie ein Italiener behandeln, mit verzweifelter Leidenschaft – „con passione disperata“. Von der nicht minder leidenschaftlichen Qualität (wenn auch ganz anderer Machart) der Musik Massenets kann man sich in Christian Ølands fulminanter Lesart der Oper überzeugen Er hat mit nie nachlassendem Sinn für die Details, mit Energie, Kraft und mit Elan der Musik Massenets zu einer überzeugenden Interpretation verholfen. Sein Dirigat das sich auszeichnet durch mitreißende Dynamik, ausgeprägten Sinn für die instrumentalen Klangfarben, aber auch die dramatischen wie subtilen, und (zu Unrecht oft gescholtenen) „einfachen“ Qualitäten dieser Musik ist ein überzeugendes Plädoyer für Massenet.
Das insgesamt überzeugende, große Magdeburger Opernensemble wartet mit zahlreichen Rollendebüts auf, allen voran die Polin Anna Malesza-Kutny in der Titelrolle, eine Virtuosa ganz großen Stils, die mit lupenreinem, warmem und ausdrucksvollem Sopron aufwarte. Eindrucksvollen ist auch der russische Tenor Aleksandr Nesterenko (als Chevalier Des Grieux zu erleben. Er singt einen feinen, eher lyrischen Des Grieux, der sich von Akt zu Akt steigert bis zu geradezu heldenhaften Ausbrüchen in den letzten Akten.
Der serbische Sänger Marko Pantelić begeistert als Manons Cousin Lescaut. Der Hamburger Johannes Stermann singt mit seinem sehr kultivierten, profunden, Bass den väterlichen Grafen Des Grieux. Der von Martin Wagner präzise einstudierte, schlagkräftige Opernchor des Theaters Magdeburg singt in gewohnter Qualität.
Das Magdeburger Opernpublikum hat den Dirigenten, das Inszenierungsteam und das Gesangsensemble mit stehenden Ovationen gefeiert. Insofern darf man wohl von einem großen Publikumserfolg sprechen, allen Befremdungen der Regie zum Trotz
Rezension in "Der Opernfreund"