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Photos: © Birgit Gufler
Spektakulärer Höhepunkt der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik beim 50. Jubiläum mit der Ausgrabung von Pietro Antonio Cestis «Il pomo d'oro».
Es ist das längste - alle Dimensionen sprengende Werk des Musiktheaters: „Il Pomo d’Oro“ – „Der goldene Apfel“ Von Pietro Antonio Cesti. Mehr als acht Stunden dauerte es und es wurde nur ein einziges Mal komplett aufgeführt, 1668 in Innsbruck, am Hofe Kaiser Leopolds. Es handelt sich um ein beispielloses theatralischen Fest in fünf Akten mit Prolog, das über 10 Stunden dauerte, mit mehr als vierzig verschiedenen Figuren – Tänzer und Statisten nicht mitgerechnet –, mit spektakulären Bühnenmaschinen. Man gab es an zwei Tagen hintereinander in einem eigens für diesen Anlass errichteten Freilufttheater. Ursprünglich war es für die Hochzeitsfeierlichkeiten von Kaiser Leopold I. und Margarita Teresa von Spanien im Jahr 1667 konzipiert, letztlich aber erst zwei Jahre später, am 13. und 14. Juli 1668, anlässlich des Geburtstags der jungen Kaiserin auf die Bühne gebracht. Das kolossalenSpektakels „Il pomo d’oro“ von Antonio Cesti, nach einem Libretto von Francesco Sbarra, wurde zu einem legendären Beispiel großzügigen künstlerischen Mäzenatentums. Eine Oper, die bis heute nie wieder aufgeführt wurde. Zum 50. Jubiläum der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik wagen Ottavio Dantone und seine Accademia Bizantina diesen Sommer das Unmögliche und bringen sie erneut zur Aufführung.
Und zwar erstmals seit ihrer Uraufführung im Jahr 1668 in nahezu voller Länge. Es gab seither nur wenige, stark gekürzte Aufführungen, die nach dem Motto "the best of" konzipiert waren. Das bei seiner Uraufführung mehr als achtstündige Werk mit 47 Rollen gilt als Inbegriff der barocken Hofoper und wird – wie bereits bei seiner Uraufführung – an zwei aufeinanderfolgenden Abenden aufgeführt. Möglich wird dies durch eine eigens für die Festwochen entstandenen Rekonstruktion der verschollenen Musik zweier Akte durch den Musikalischen Leiter (der Festwochen) Ottavio Dantone. Gemeinsam mit mehr als 20 Solisten Solisten und Solistinnen, Chor, zwei Tanzkompanien und der Accademia Bizantina bringt er das jahrhundertelang als unaufführbar geltende Meisterwerk auf die Bühne des Tiroler Landestheaters.
«Il pomo d’oro» wurde 1666 in Auftrag gegeben, um die Hochzeit von Leopold I. mit der Infantin Margherita Teresa von Spanien zu feiern. Da sich ihre Ankunft in Wien verzögerte und das Hoftheater auf der Cortina noch nicht fertiggestellt war, wurde die Aufführung verschoben. Ursprünglich sollte die Oper dann im Winter 1667/68 anlässlich der Geburt des Sohnes Ferdinand Wenzel aufgeführt werden; nach dessen frühem Tod im Januar 1668 verzichtete man naturgemäß auf die Feierlichkeiten. Schließlich wurde sie am 12. und 13. Juli 1668 zur Feier von Margheritas Geburtstag uraufgeführt und eine Woche darauf noch ein weiteres (und zugleich letztes) Mal auf die Bühne gebracht.
Danach verschwand die Oper nahezu vollständig von den Spielplänen.
Der enorme Aufführungsaufwand und der Verlust der Musik der Akte III und V ließen sie über Jahrhunderte zur Legende werden. Für die Innsbrucker Festwochen rekonstruierte Ottavio Dantone die fehlenden Teile anhand erhaltener Fragmente und weiterer Kompositionen Cestis, sodass das Werk erstmals seit seiner Uraufführung wieder als vollständiges Ganzes erlebt werden kann. Erzählt wird über zwei Abende hinweg die Geschichte des berühmten goldenen Apfels der Eris – jenes verhängnisvollen Urteils des Paris, das den Trojanischen Krieg auslöst –, eingebettet in ein ebenso prachtvolles wie überraschend humorvolles Spiel der olympischen Götter. Neben Ottavio Dantone und dem fulminantenRegisseur Fabio Ceresa zeichnen Nikolaus Webern für das spektakuläre Bühnenbild und Giuseppe Palella für die prachtvollen historisierenden Kostüme verantwortlich.
Die Oper basierte auf einem affirmativen allegorischen Programm, das die Grenzen des Machbaren und Finanzierbaren neu auslotete, um die Vorrangstellung des Kaisers zu unterstreichen, der die Oper in Auftrag gab und deren Realisierung finanzierte (nach heutiger Umrechnung mit einem zweistelligen Millionenbetrag) „Il Pomo d’Oro“ sollte ein Theaterfest der Superlative werden. Für das fünfaktige Werk sollte eigens ein neues Opernhaus errichtet werden. Unter anderem wegen Verzögerungen beim Bau dieses ersten freistehenden Theaters Wiens wurde die Uraufführung hinausgezögert, die schließlich erst am 12. und 14. Juli 1668, aufgeteilt auf zwei Nachmittage, anlässlich des Geburtstags der Kaiserin stattfand.
Die suggestive, phantasievolle, teure, keinen Aufwand scheuende Inszenierung bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik hat der fulminante Regisseur Fabio Ceresa verantwortet. Er ist ein
mit allen Wassern gewaschener Regisseur und er hat ief in die Trickkiste des Musiktheaters gegriffen. Zustande kam eine Mischung aus moderner Party und barocker Opera Seria, Ironisierung, ja Parodie der Gattung und zugleich liebevolles barockes Illusionstheater. Es wurden weder Prospekte noch Maschinen geschont. Ständige Szenenwechsel, Vorhänge und verblüffende Bühnen- wie Beleuchtungseffekte (George Tellos) sorgen für überraschende , verblüffende Unterhaltung. Nikolaus Webern ist das suggestive, an Einfallsreichtum und Poesie reiche Bühnenbild zu verdanken, es bewegt sich auf schmalem Grat zwischen Show, Revue und demonstrativem Barocktheater, voller Ironie, Satire, geistreichen, gesellschaftskritischen, ja belehrenden Sentenzen, komischen, aber auch anrührenden Momenten.
Die zwei langen Abende, die dem heutigen Zuschauer Einiges an Geduld und Sitzfleisch abverlangen, werden zur Zeitreise vom Barock in die Moderne. Der Schauwert ist beträchtlich. Man sieht den Olymp wie die Unterwelt, griechische Tempel und Himmelsprospekte, fliegende Wolken, Feuerstürme und magisch kreisende Sternenbilder, Meereswogen aus wellenartig bewegten Menschen, ganz zu schweigen von den sensationellen Flugmaschinen, auf denen Götter und Göttinnen, nicht zuletzt der geflügelte Gott Amor als deus ex machina vom Bühnenhimmel herabschweben. Warum Ennone und Paride (Mauro Borgioni, elegant baritonal) allerdings in moderner Designerarchitektur hausen, weiss der Himmel. Überwiegend aber feiert die Inszenierung den Triumph der barocken Kulissenbühne! Man wohnt einem theatergeschichtliches Panorama und einem mythologischen Pandämonium zugleich bei.
Und doch erweist sich das Stück als erstaunlich aktuell, nicht nur durch zuweilen grelle und klischeehafte Regiegags, Slapsticknummern, artistische Einlagen und Kalauer beglaubigt. Donals Trump, der Fussball, Infantino und die Rote Karte kommen zu ihrem Recht, aber auch reichlich Maschinengewehre, Natokampfanzüge und sogar Handys. „Alle Schurken dieser Welt“ sitzen als heutige, identifizierbare Politikerrunde am Tisch eines Generalstabsbüros. Einfälle über Einfälle, neben bühnentechnischen Wundern.
Die Oper "Il pomo d’oro" erzählt, wie es zu dem vielleicht berühmtesten Krieg der Antike kam:
Alle olympischen Gottheiten waren zur Hochzeit der wunderschönen Meeresnymphe Thetis mit dem Sterblichen Peleus geladen. Nur eine blieb außen vor: Eris, die Göttin der Zwietracht. In ihrer gekränkten Wut ersann sie einen Streich: Sie warf einen goldenen Apfel in den Festsaal – mit der verhängnisvollen Inschrift "Der Schönsten". Sofort beanspruchten Juno, Venus und Pallas Athene den Apfel für sich und entfachten damit einen Wettstreit, in dem göttliche Würde schnell allzu menschlicher Eitelkeit weicht. Paris, der als Schönster aller Sterblichen galt, wurde von Jupiter zum Schiedsrichter im Streit um den goldenen Apfel bestimmt. Damit nimmt eine Urteilsfindung ihren Anfang, die Cestis Oper über zwei Abende hinweg prägt: Intrigen, Rivalitäten und Liebesverstrickungen entfalten sich in prunkenden Szenen zwischen Krieg und Frieden, prachtvollen Schlachtmusiken und intimen Gefühlsäusserungen (Arien). Lyrismus und pompöse Staatsaktion halten sich die Waage.
Die Oper ist allerdings weit mehr als eine bloße Zuschaustellung mythologischer Würde: Inmitten von Göttern, Heroen und Allegorien blitzen immer wieder Momente voller Komik auf. Die Olympier zeigen sich eigenwillig menschlich und herrlich "ungöttlich" – mit Eifersucht, Selbstlob und kleinen Bosheiten, die dem Werk beinahe kabarettistische Züge verleihen. "Il pomo d’oro" stellt so die beiden Ebenen himmlischer Pracht und irdischen Lebens dar, die miteinander verflochten, die Handlung bestimmen.
Der musikbegeisterte Kaiser Leopold schrieb die Musik für Akt II, Szene 9 und Akt V, Szene 5 selbst; Johann Heinrich Schmelzer schrieb die Ballettmusik. Die «übrige» Musik schuf Cesti, der 1665 zum kaiserlichen Hofkapellmeister avancierte, zuvor an der Sixtinischen Kapelle und davor wiederum als Musikdirektor der Privatkapelle von Erzherzog Ferdinand Karl in Innsbruck wirkte. Die von Burnacini geschaffenen, immer wieder in der Theatergeschichte zitierten Bühnenbilder wurden nachträglich von Matthäus Küsel in Kupfer gestochen. Die Oper "Il pomo d’oro" gilt seither als Inbegriff der barocken Hofoper. Ihre Anforderungen stellen die meisten anderen italienischen Opern des 17. Jahrhunderts in den Schatten; Die Vielfalt der Instrumentalbesetzung, der komischen und ernsten Elemente, der Arien und Ensembles, der eifrige Theatermaschineneinsatz und andere szenische Effekte machten diese Oper zu einem Ausnahmewerk. Es handelt sich um mythologisches Göttertheater, gespiegelt im Menschlich-Allzumenschlichen. Vor allem aber war es Herrscherpreis , er sollte dem kaiserlichen Auftraggeber huldigen. Insofern ist der Clou der Festwochenproduktion, das Ende der Oper, bei dem Europa und der völkerverbindenden Kraft der Künste gehuldigt wird. Der goldene Apfel wird keiner Anderen als einer „Miss Europa“ verliehen. Das Lob des Herrscherhaues wird als utopisches „Bekenntnis zum Europapatriotismus“ gezeigt, dem schon der österreichische Bundespräsident bei der Eröffnung der diesjährigen. Festwochen das Wort redete. Heimatbewusstsein und europäisches Bewusstsein sollen sich die Hand reichen, Kunst sollte über Krieg triumphieren. Die Inszenierung plädiert bildmächtig dafür. So wird der goldene Zankapfel gekränkter Eitelkeiten gekrönter oder göttlicher Figuren vervielfältigt und schließlich an alle auf der Bühne Anwesenden verteilt, als Symbol fürs Gute, Edle und Schöne, eine Schlußapotheose der Harmonie, der Versöhnung und der pazifistischen Utopie (die im Stück angelegt ist), in die der Schlusschor bewegend einstimmt.
Ottavio Dantoe ist die Ergänzung der fehlenden Musiken stilistisch überzeugend gelungen, sein Orchester, die Accademia Bizantina spielt – zumal in den tänzerisch und kriegerisch inspirierten Musiken temperamentvoll und historisch informiert. Mehr Differenzierung im Continuo-Part hätte allerdings inicht geschadet. Im Laufe der zwei Abende gewinnt Ottones Lesart allerdings an Biss und markanter Schärfe. Überhaupt gerät der zweite Abend der Mammut-Oper dichter und überzeugender als der erste. Die Choreographie der Balletteinlagen (vom Street Motion Studio und der Compagnia Fattoria Vittadini) stammte von Davide Riminucci, auch der feinsinnig singende Chor Novo Canto überzeugt, aber auch das große Sängeraufgebot. Im enormen Ensemble gibt es neben mittelprächtigen auch außergewöhnliche Stimmen. Wenigstens einige der herausragenden sollen genannt werden: Der Star der gefeierten Aufführung ist zweifellos der Tenor Alberto Allegrezza, der in der dankbaren Travestie-Partie der Amme Filaura alle Rister frivolen Karikierens zieht, mit großer präsenter Stimme und virtuosem schauspielerischem Temperament. Auch die Mezzosopranistin Sophie Rennert glänzt als Giunone und Gloria Austriaca, Rocco Cavaluzzi gibt überzeugend bassfundiert die Pratie des Momo. Mathilde Ortscheidt singt eine verinnerlichte Ennone und Jone Martinez eine furiose Venere. Um nur die wichtigsten Sänger zu nennen. Insgesamt darf man wohl von einen Fest barocken Ziergesangs sprechen und von einer inszenatorischen wie musikalischen Sternstunde einer mutigen Ausgrabung eines barocken Opernjuwels. Chapeau!
Rezensionen in "Der Opernfreund", "Das Orchester", "Vox Humana"