Musik-Theater & mehr


Fotos: Claudia Heysel
Mozartglück, rundum!
Zuletzt sah ich das Schlussstück aus Mozarts Da Ponte-Trilogie in der Oper Frankfurt n einer fragwürdigen szenischen Umsetzung von Etienne Pluss (Bühnenbild) und der Regisseurin Mariame Clément. Regielich war diese Produktion ein absurdes Stück Regisseurinnen-Theaters, eine aufgeblasene Hochzeitsparabel in hin- und hergefahrenen Art-Deco-Räumen eines alten Theaters. Verrätselt fürs Publikum, ignorant gegenüber dem Libretto-Text war die Inszenierung unglaubwürdig. Immerhin war die Aufführung eine Sternstunde des jungen, 32-jährigen GMDs der Oper Frankfurt, Thomas Guggeis. Der präsentierte den klingenden Beweis dafür an, dass diese Opera buffa ein erstzunehmendes, ein radikales, um nicht zu sagen verstörendes Werk ist, das zu Unrecht so lange missverstanden wurde.
Im Anhaltischen Theater Dessau beschritt man einen erfreulich anderen Weg. Regisseur und Hausherr Johanes Weigand seit der Spielzeit 2015/16 Generalintendant am Anhaltischen Theater Dessau, nimmt das Stück beim Wort, verzichtet auf alle Regietheaterzutaten und inszenierte mit regielicher Souveränität das Stück, wie es ist und nichts sonst. Inspiriert hat ihn und seine Bühnenbildnerin Nancy Ungurean die Insel Stein des nahegelegenen Wörlitzer Parks, eine künstliche Vulkanlandschaft inklusive Mini-Vesuv. Weigand belässt das Stück im ausgehenden 18., beginnenden, beginnenden 19. Jahrhundert, lässt es auf einer Drehbühne aus schwarzem Vulkangestein in sinnigen Außen- und Innenräumen spielen. Die Räume atmen Biedermeier- bzw. Goethezeit. Man denkt an Lord Hamilton (kunstliebender englischer Gesandter am Golf von Neapel. Entsprechend sind die Zimmer eigerichtet und die zauberhaften historischen Kostüme von Jessica Rehm gestaltet. Auch die Italiensehnsucht des 18./19. Jahrhunderts lässt grüßen, man sieht zwei griechische Vasen und eine marmorne Herkulesstatue. Weigand verzichtet auf alles Aktualisierende, Moderne, Heutig-Allzuheutige. Eine Wohltat im vorherrschend austauschbaren Regietheatereinerlei. Mit sicherem Regieandwerk, geschickter Personenführung und Liebe zum Detail und zu leiser Ironie lässt er die Buffa zielsicher und glaubwürdig abschnurren. Glaubwürdig sind auch die beiden Liebhaber Guglielmo und Ferrando, sie sind exotisch verkleidet als Albaner, die sie ja sein sollen, es ist die Voraussetzung der Glaubwürdigkeit des Partnertauschs und des Treuetests. Der funktioniert wie geschmiert. Wiegand verzichtet auch darauf, aus heutiger geschlechterkritischer Sicht den Titel „Cosi fan tutte“, der ja auf die notorische Verführbarkeit der Frauen zielt, szenisch auf die Männer auszuweiten. Es müsste ja eigentlich nach heutigem Verständnis „Cos fan Tutti“ heißen (alle – auch die Männer – machen‘s so!)
Aber Wiegand inszeniert eine historische Buffa, der er nicht unsere modernen Wertungen überstreift. Das hat er nicht nötig. Er ist einer der wenigen Regisseure, der Aktualität auch in historischen Gewand inszenieren kann. Er sorgt für Übersichtlichkeit, will sagen für den Überblick. Die Zuschauer sehen und verstehen, wer gerade wie verkleidet ist, wer welche Rolle spielt und was da gespielt wird: ein zynisches Experiment am offenen Herzen, ein bittersüßes, wo nicht böses Beziehungsexperiment. Den einzigen Kommentar, den er sich gestattet, ist der finale Vesuvausbruch, mit dem er die beiden verwirrten Paare erschüttert und an dem lieto fine der „Schule der Liebenden“ (ver-) zweifeln lässt.- Nichts ist mehr, wie es war. Die beiden Liebesbeziehungen sind zerstört. Mit ihnen das bürgerliche Liebesideal . Mozart und da Ponte lassen daran keinen Zweifel.
Der bulgarisch-deutsche Dirigent Svetoslav Borisov, seit Beginn der Spielzeit 2025/2026 Erster Kapellmeister und Stellvertretender GMD am Anhaltischen Theater Dessau, lässt auch musikalisch daran keinen Zweifel. Er dirigiert mit großer Souveränität, Präzision und Temperament die famos spielende und klingende Anhaltisch Philharmonie Dessau. Borisovs Mozart kommt in rasantem Tempo daher, ist aber in jedem Moment beherrscht und trägt die Sänger. Ein Glücksfall, deser Dirigent. Sängerisch ist die Aufführung mitreißend. Es ist ein vorzügliches Mozartensemble, das man in Dessau aufgeboten hat. Allen voran erfreut die polnische
Koloratursopranistin Bogna Bernagiewicz als verschlagene Kammerzofe mit Mutterwitz in der Partie der Despina, die neben ihrer fulminant höhensicheren und koloraturenfreudigen Stimme auch schauspielerisch begeistert, ob als Dottore oder als Notario mit dicker Brille und Perücke. Auch die in London geborene Sopranistin Ania Vegry als am längsten standhafter (stimmlich auch in der Höhe exorbitanter) Fiordiligi. Der türkische Bariton Bariş Yavuz
begeistert als exzellenter Bariton mit Männlich-markantem Ton in der anspruchsvollen Rolle Guglielmos. Enrico Iviglia (der in Turin studierte) singt mit lyrischem Tenor einen feinen, sensiblen Ferrando mit Strahlkraft, ein Ferrando, wie man ihn nur selten hört. Auch der Don Alfonso des Hamburger Bassisten Michael Tews ist in jeder Hinsicht großartig.
Alles in allem eine musikalische wie szenische Sternstunde. Wer es müde ist, sich bei Abstraktion austauschbarer Einheitsbühnen zu langweilen, immer wieder Secondhandmode für Chor (Sehr kultiviert der Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau unter Sebastian Stallknecht) und Protagonisten und deren „Bewaffnung“ mit austauschbaren Versatzstücken des Hier und Heute oder der Sechzigerjahre zu sehen, der wird seine Freude an dieser Inszenierung haben. Musikalisch herrscht pures Mozartglück vor.
Rezension in "Der Opernfreund"