Wandrer nennt mich die Welt

Dieter David Scholz



„Wandrer heißt mich die Welt. Auf Richard Wagners Spuren durch Europa“

Markus Kiesel, Joachim Mildner, Dietmar Schuth.

ConBrio Verlag, 276 Seiten, über 800 farbige Abbildungen.


Konkurrenzlose Dokumentation einer Reiseexistenz


Wagner „reiste kreuz und quer durch Europa, der Aktionsradius seines Lebens – eine in jeder Hinsicht expansive Existenz – reichte im Norden bis London, im Osten bis Moskau, im Süden bis Sizilien und im Westen bis zur Atlantikküste,“ wie Michael von Soden zurecht in seinem Wagner-„Reiseführer“ (Dortmund 1991) schrieb. Dem Bewegungsdrang seiner Vita entspricht der innere Reichtum seines Werkes. Er war ein umtriebiger, um nicht zu sagen getriebener Wel-tenbummler, ein heimatloser Nomade, angestachelt von Neugier, Produktionszwang, Politik, Eros und einer anmaßend messianischen, auf gesellschaftliche „Regeneration“ zielenden „Kunstmission“. Dieser vergleichslos umtriebige „reisende Weltbürger“ ist Thema der jüngsten Publikation der Autorentrias, die bereits mit zwei außerordentlichen Veröffentlichungen („Das Richard-Wagner-Festspielhaus“ 2007 und „Wahnfried-Das Haus von Richard Wagner“ 2016) Aufsehen erregte.


Im Gegensatz zu Michael von Soden oder auch Udo Bermbach („Stationen eines unruhigen Lebens“ 2006) haben Markus Kiesel, Joachim Mildner und Dietmar Schuth einen vollständigen „historischen Reiseführer“ vorgelegt, der alle in den Schriften (Briefe, Tagebücher, autobiografische Essays) und Werken Wagners erwähnten und von ihm aufgesuchten Orte, einschließlich der von ihm beachteten Sehenswürdigkeiten verzeichnet und alle Lebens-stationen Wagners mit wissenschaftlicher Genauigkeit in Wort und Bild darstellt, immerhin 210 Orte mit über 500 Adressen in insgesamt 15 Nationen.


Wagner war zwischen seinen Fixpunkten Leipzig, Dresden, München, Bayreuth und Venedig zeitlebens ein Exilant, ein Reisender und von wenigen Ruhephasen abgesehen, immer unter-wegs. Seine Biographie ist, objektiv betrachtet, die eines Europäers. Das Reisen war Wagners Lebensform. Auch wenn er sich nach Haus und Herd sehnte. Doch selbst das heimelige Bay-reuth (als Ort der Realisierung seines Festspielgedankens als utopische Alternative zur Routine des Opernlebens) löste diese Sehnsucht nicht ein. Wie man in den Tagebüchern Cosima Wag-ners und in seinen Briefen nachlesen kann, flüchtete Wagner gerade in seinen Bayreuther Lebensjahren immer wieder und immer in den Süden. Bayreuth langweilte ihn  und er beklagte nicht nur gegenüber seinem Parsifal-Ausstatter Paul von Joukowski noch an einem seiner letz-ten Lebenstage das „Scheiß-Klima“ Bayreuths. Sein Wähnen hatte im Gegensatz zur Behaup-tung des an der Villa Wahnfried angebrachten, im Buch abgebildeten Sgraffitos („Hier wo mein Wähnen Frieden fand -Wahnfried - sei dies Haus von mir genannt“) in Bayreuth eben keinen Frieden gefunden.


Wagner war Zeit seines Lebens fried- und rastlos. Wie ein roter Faden zieht sich durch Wagners ganzes Leben der Traum von einer europaweiten Mobilität. Er beherrschte schon den 22-Jäh-rigen, der seinem Leipziger Studienfreund Theodor Apel bekannte: „Hinweg aus Deutschland gehöre ich!“ Er wollte Europäer sein, auch als Künstler. Sein Werk, das vollendete wie das un-vollendete spiegelt es. Mit gutem Grund hat Friedrich Nietzsche behauptet,  dass Wagner „tausendfach über den Verstand und Unverstand unsrer Deutschen“ hinausgehe. Er ging sogar soweit, zu behaupten, dass Wagner „nirgendwo weniger hingehört als nach Deutschland“, ja dass Wagner „unter Deutschen bloß ein Missverständnis ist“.


Mehr als die Hälfte seines Künstlerlebens verbrachte Wagner denn auch jenseits deutscher Grenzen. Und der Großteil seines Werks entstand  außer Landes.  Schon seit seiner Jugend war das Reisen eine der Passionen Wagners. „Ach Gott,“ bemerkte er in einem Brief an seinen Leipziger Studienfreund Theodor Apel aus dem Jahre 1835, also mit 22 Jahren, „mein ganzer Mensch löst sich wohlthätig auf wenn ich an´s Reisen denke.“ Die Beschwerlichkeiten des Reisens zu Wagners Zeiten sind für uns heue unvorstellbar strapaziös gewesen. Dennoch reiste Wagner unentwegt. Zeitweise war er jeden Tag in einer anderen Stadt, und das monatelang. Sein ganzes Leben hindurch war dieser „schnupfende sächsische Gnom mit dem Bombentalent und dem schlechten Charakter“ (Thomas Mann), ein wahres Energiebündel, obwohl  immer kränkelnd, auf Achse.


Mit gutem Grund haben die Autoren des nun veröffentlichten Buches die Äußerung Wotans ge-genüber Mime  im ersten Aufzug seines „Siegfried“ „Wandrer nennt mich die Welt“, als auto-biografisches Motto Wagner verstanden und zum Titel ihrer konkurrenzlosen Publikation ge-macht. Sie ist die präzise Darstellung einer beeindruckenden Reiseexistenz mit topografisch eindeutig verortbaren Immobilien, sie kann aber auch als Kulturgeschichte des Reisens im 19. Jahrhundert gelesen werden, denn  nicht nur werden die verschiedenen Reisearten (Kutsche, Segelschiff, Dampfschiff und Eisenbahn) erläutert, sondern auch „alle Wohnungen, in denen Wagner seine Werke schuf, sowie die Gasthöfe und Hotels wie auch seine Wirkungsstätten, die Theater und Konzerthäuser“ beschrieben und abgebildet. Das Fotomaterial des Buches (800 historische wie neue Fotos, Stiche, antiquarische Postkarten etc.) ist beeindruckend. Unter den brillianten Fotografien gibt es manche ungewohnten Perspektiven und Erstveröffentlichungen wie beispielsweise die Abbildung von Richard Wagners Reisepass aus dem Jahre 1865, der im Wagnermuseum des Palazzo Vendramin in Venedig liegt. Aber auch die Mühe, die die Autoren nicht gescheut haben, alle Ortsangaben mit historischen Adressbüchern, Stadtplänen und Reise-führern zu vergleichen und akribisch zu überprüfen nötigt Respekt ab. Einige Adressen wurden sogar erstmals ermittelt. 


Selbst der belesenste Kenner der Wagnerliteratur erfährt in diesem ausführlich und zuverlässig kommentierten Bilder-Buch Neues. Es eignet sich zum Schmökern, Durchblättern, gezielten Aufsuchen von Wagnerorten, aber auch zum Kennenlernen der „europäischen“, nicht chro-nologisch, sondern geografisch erzählten Biografie, des Werks und der Persönlichkeit Richard Wagners gleichermaßen. Ein nicht anders als imposant zu bezeichnendes Buch.


Besprechung auch in nmz ...