Mareike Beckmann. August Wilhelmj

Dieter David Scholz



Ein Meisterstück angewandter Interpretationswissenschaft


Deutscher Geigen-Imperator & Wagners Orchestermanager


Der Geiger August Wilhelmj, seinerzeit auch „der deutsche Paganini“ genannt, ist heute vergessen.  In ihrem jetzt im Tectum Verlag erschienenen Buch, das auf ihrer Doktorarbeit beruht, stellt  Mareike Beckmann August Wilhelmj nicht nur als Revolutionär des Geigenspiels dar, sondern auch als Repräsentant und Vorkämpfer der sogenannten „Neudeutschen Schule“ dar, also der Komponisten um  Richard Wagner: Franz Liszt, Joachim Raff, Peter Cornelius und Felix Draeseke. 

 

Louis Spohr war neben Ferdinand David und Joseph Joachim einer der berühmtesten Geiger des 19. Jahrhunderts. In seiner Violinschule forderte Spohr den „schönen“ Vortrag ein. Die Schönheit des Vortrags basierte für ihn auf dem musikalischen Ausdruck, auf einem gesanglichen Spiel mit größtmöglicher Ähnlichkeit zur menschlichen Stimme. Ganz im Gegensatz zu Spohr setzte sein Enkelschüler (einer seiner Schüler der zweiten Generation nach ihm), August Wilhelmj, auf andere Prinzipien, wie Mareike Beckmann in ihrem Buch erläutert: „Schönheit wird nunmehr nicht mehr ausschließlich  über die vermittelte Seelentiefe des Ausführenden  und deren innewohnenden, durchaus subtilen Schönheit definiert, sondern basiert auf neuen Werten wie Kraft und Größe, Reinheit des Tons, bzw. der Intonation, sowie einer unfehlbaren, quasi übermenschlichen technischen Perfektion und Präzision. Mit diesen Prinzipien wird Wilhelmj in New York schon 1878 als Begründer einer neuen Schule bewertet.“

 

In den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts unternahm der auf Empfehlung von Franz Liszt bei Ferdinand David am Leipziger Konservatorium ausgebildete Geiger (nachdem er in den 60er Jahren bereits Europa erobert hatte)  mit großem Erfolg Tourneen durch Nord- und Südamerika, Asien und Australien. Er war  zu einem der weltweit gefragtesten deutschen Geiger und zu einer Schlüsselfigur des weltweiten Konzertlebens geworden, „ein deutscher Paganini“ gewissermaßen.

 

August Wilhelmj, 1845 im hessischen Usingen geboren, machte von sich reden durch eine von ihm entwickelte Technik des kantablen Geigenspiels, die völlig neue Maßstäbe des technisch Spielbaren setzte. Die entscheidende Neuerung war eine Kombination aus veränderter Körper-haltung und Bogentechnik, die den unhörbaren  Bogenwechsel  und folglich die unendlich lange Melodie ermöglichte.  Zugleich versetzte Wilhelmj die Geiger in die Lage, ein Tonvolumen zu produzieren, das die damals  entstehenden Konzertsäle mit bis zu 5500 Plätzen  füllen konnte, wie Mareike Beckmann  deutlich macht. 

 

„Der Maßstab des Maschinellen bestimmt zunehmend die Schönheit eines Vortrags. Der menschliche Ausdruck weicht einem neuen Perfektionsanspruch, welcher Parameter des Ausdrucks zunehmend ablehnt und sich an den Prinzipien der Technisierung orientiert. Wilhelmj bereitet damit den Weg in die im 20. Jahrhundert  aufkommende neue Sachlichkeit der Musik.“


Der berühmte Kritiker Eduard Hanslick bescheinigte Wilhelmj, dass er in der Reinheit der Intonation sämtlichen Geigern überlegen sei. Und er hebt die „Kraft, Süßigkeit und Fülle seines wunderbaren Tones“ hervor. Mit seiner Perfektion  unterschied er sich von den meißten Geigern seiner Zeit. Die Selbstkontrolle Wilhelmjs machte ihn so unfehlbar, dass man ihn zum

‚Geigen-Imperator‘ erklärte. Er versetzte seine Zuhörer in Erstaunen und setzte neue Maßstäbe an größtmöglicher Perfektion und Klangschönheit.

 

 „Dass Wilhelmj nichts dem Zufall überlassen wollte, wird aus seinen Bearbeitungen deutlich und wird von der Kritik bestätigt. Seine perfekte Selbstkontrolle und seine absolute Beherrschung der Violine bestätigen das Bild eines Geigers, welcher die Leidenschaft dem Verstand unterordnet.“

 

Um dies darzustellen hat sich die Autorin in bewundernswertem Fleiß durch Noten-, und  Zeitungsarchive sowie Bibliotheken gewühlt, hat die Bearbeitungen Wilhelmjs studiert und hat - mit zahlreichen Notenbeispielen veranschaulicht – ein Meisterstück angewandter Interpretationswissenschaft vorgelegt. Aber auch Biographisches kommt nicht zu kurz. Im musika-lischen Hause seiner Eltern - sein war Prokurist am Wiesbadener Hofgericht, seine Mutter Sängerin und Pianistin  - lernte August Wilhelmj Richard Wagner kennen, wo der Komponist ein gern gesehener Gast war. Wagner bewunderte das Violinspiel Wilhelmjs: „Die Tränen in meinen Augen mögen Ihnen das sagen, wofür mein Mund keine Worte findet.“

 

Dieses überschwängliche Lob galt dem Erneuerer des Geigenspiels, der neben seiner solistischen Weltkarriere (und  seiner pädagogischen Tätigkeit an der Londoner Guildhall School of Music) zudem ein exzellenter Orchestermanager war. 1875 beauftragte ihn Wagner  mit der Zusammenstellung des ersten Bayreuther Festspielorchesters. Der Revolutionär des Geigenspiels war also über seine organisatorischen Fähigkeiten hinaus auch ein Inspirator für den Revolutionär des Musiktheaters. 

„Als enger Freund und Konzertmeister Richard Wagners ist er maßgeblich für die Interpretation des Komponisten von Bedeutung. Sein Interpretationsstil erhellt somit Fragen der Aufführungspraxis Richard Wagners  und anderer neudeutscher Komponisten, wie zum Beispiel Joachim Raffs, welcher Wilhelmj sein erstes Violinkonzert widmete.“

 

Das Buch Mareike Beckmanns ist nicht nur  ein außerordentlich gewinnbringendes Buch für Musiker im Allgemeinen und Geiger im Besonderen, sondern auch eine hochinteressante Lektüre für alle (des Notenlesens fähigen) Wagnerinteressierten. Wie schon mit dem ersten Band der Frankfurter Wagner-Kontexte, der Alexander Ritter gewidmet war, ist auch mit diesem zweiten eine Lücke der Forschung geschlossen worden.

 



Buchbesprechung für SWR 2