Laudatio Hartmut Haenchen Leipzig 2018

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Elisabeth Heinemann

Festakt zur Verleihung des Richard Wagner-Preis der Richard-Wagner-Stiftung Leipzig an

Hartmut Haenchen

 

13. Mai 2018, Oper Leipzig, 11.00 Uhr

 

Meine Laudatio

 

Meine Damen und Herren,

als Hartmut Haenchen 2016 spontan für Andris Nelsons das Dirigat des „Parsifal“ übernahm überschlug sich die Presse vor Begeisterung und das Publikum jubelte.

 

Die Süddeutsche Zeitung bescheinigte, Haenchen habe eine „bis dato völlig neue Klangwelt ermöglicht.“ Es hafte „bei Haenchen den vielen Chorälen, Jubelgesängen und Ritualmärschen nie der Ruch von säkularisiertem Gottesdienst an. Die emotionale Entschlackung mag so mancher Zuhörer bedauern, sie macht aber auf hinreißende Weise nachvollziehbar, wie sehr Wagner den 'Parsifal' als ein intellektuelles Klangabenteuer konzipiert hat", so las man.

 

Die Neue Zürcher Zeitung betonte, dass Hartmut Haenchens größtes Verdienst „ in der Besinnung auf die Aufführungstradi-tionen und -bedingungen zu Lebzeiten Wagners“ liege. „Mit einer im Notentext an vielen Stellen revidierten, fließenden und klanglich merklich verschlankten Lesart, die erstmals in der Geschichte Bayreuths konsequent Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis aufgreift“, so die Neue Zürcher Zeitung, habe Hartmut Haenchen ein neues Kapitel in der Aufführungsgeschichte Wagners aufgeschlagen.

 

Meine Damen und Herren, das war aber auch bereits bei seinem Amsterdamer „Ring“ so. Es war ein „anderer“ Wagner als der Gewohnte, der Übliche, der Konventionelle. Ich habe in den letzten 40 Jahren viele "Ringe gehört", nicht nur alle Bayreuther, sonder auch an anderen Orten Europas, an berühmten und weniger berühmten Opernhäusern. Längst ist ja Bayreuth nicht mehr die Nummer eins unter den maßstabsetzenden, Wagnerbühnen. Im Gegenteil! Aber das war – wenn man mal von der wegweisenden Ära Neubayreuths absieht - wohl fast immer schon so. Ich darf an einen Ausspruch eines Besuchers der Bayreuther Festspiele drei Jahre nach Wagners Tod erinnern: Maurice Barrès hieß er, und schon damals hatte er festgestellt: „Gerade in Bayreuth ist man, sagen wir es deutlich, am weitesten von Wagner entfernt“.

Dank Hartmut Haenchen kam man , um im Bild zu bleiben, Wagner in Bayreuth wieder deutlich näher!

Hartmut Haenchen ist ein Dirigent, der dirigiert Wagner anders als die meisten seiner Kollegen. Weil er sich mit den überlieferten Aufführungskonventionen, und vor allem mit dem Notentext, so wie er vorliegt, nicht zufriedengibt. Er unterzieht es einer kritischen Überprüfung, studiert Quellen und Erstaufführungsmaterial. Er korrigiert das Orchestermaterial. Und dann entsteht ein vollständig anderes Klangbild, nicht der berühmte Wagnersche Mischklang, sondern ein klar strukturierter Klang, der erst die Meisterschaft von Wagners Polyphonie und Farbenzauber wirklich hörbar werden lässt.

 

Es wäre zu wünschen, dass Hartmut Haenchens Vorstöße Folgen hätte und Schule machen würden! Doch es steht zu befürchten - so mein Pessimismus als leidgeprüfter Opernkritiker - dass die meisten Dirigenten und Orchestermusiker - mit Verlaub gesagt - weiterhin eine ruhige Kugel schieben werden, einfach weil sie zu bequem sind. Und gar nicht daran denken, sich Wagner neu und anders zuzuwenden als bisher. Das könnte ja unnötige Arbeit bedeuten. Dabei bedürfte die Auffüh-rungspraxis Wagners dringend einer "historisch informierten" Neuorientierung. Auch in Sachen Gesang! Wagner hasste ja schreiende Stimmen und wollte einen deutschen Belcanto. Hartmut Haenchen hat die Tür dazu weit aufgestoßen, in Bay-reuth, in Amsterdam, aber auch in Paris und in Brüssel, in Mailand, in Madrid und, last but not least, in Leipzig, um nur einige seiner Wirkungsstätten zu nennen.

 

Meine Damen und Herren, was ich über Hartmut Haenchens Umgang mit Wagner erläuterte, die philologisch gewissenhafte Vorbereitungsarbeit des Dirigierens, des Aufführens, des Interpretierens von Musik, ist bezeichnend für den Dirigenten Hartmut Haenchen. Sie gilt nicht nur für Wagner, sondern ebenso für Richard Strauss, für Mozart, Haydn, Gustav Mahler , für Karol Szymanowksi, Aribert Reimann und Alban Berg, ja für Verdi, Mussorgsky und Berlioz, um nur einige Komponisten aus dem breiten Repertoire Hartmut Haenchens zu nennen. Sein musikalischer Horizont ist weit, aber auch sein Aktionsradius.

 

Konzert- und Opern-Gastdirigate führten Hartmut Haenchen in fast alle europäischen Länder, ja auf fast alle Kontinente, an alle wichtigen Orchesterpulte und in alle wichtigen Operngräben. Er hat sich nie geschont. Sein Arbeitspensum ist enorm. Das Rezept, dies zu bewältigen sei ganz einfach, wie er einmal in einem Interview bekannte: "An Rudolf Mauersberger denken". Es war beim Dresdner Kreuzchor, wo Hartmut Haenchen die - nicht nur musikalischen Tugenden - Disziplin und Gründlichkeit - gelernt hat, sondern auch sein musikalisches Basis-Wissen erhielt, eine Schule in sozialer Haltung und in Durchsetzungsvermögen. Rudolf Mauersberger war sein Vorbild: „Krankheit sei Schlamperei“ habe Mauersberger verkündet und gefordert, hart zu sich selbst zu sein. Das muss vor allem ein Dirigent beherzigen.

 

Der Berufsstand des Dirigenten ist so vielfältig wie kaum ein anderer. Dirigenten sind Diktatoren und Rattenfängen, Aristokraten und Poltergeister, Showmaker und Priester, Einzelgänger und Populisten, Kommandeure und Träumer, Zuchtmeister und Chaoten, Pedanten und Anarchisten, Geschäftsleute und Idealisten, und nicht selten Primadonnen, Esoteriker und Coverboys der Musikszene. Gemeinsam ist den meisten Dirigenten, so will es nicht nur das Vorurteil, ein berufsspezifischer Verhaltenskodex, der meist um so ausgeprägter ist, je teurer der Dirigent im Musikbusiness gehandelt wird. Exklusivität verlangt die Einhaltung von Spielregeln. Dafür kann man es sich dann leisten, nicht immer „top“ sein zu müssen. Im Club stützt einer den anderen. Alles greift ineinander. Man schiebt sich die Bälle zu. Wer einmal im Club ist, hat es geschafft. Und alle Mitglieder des Clubs sind selbstverständlich Freunde. Man tut zumindest so. Es dient dem „Big businnes“. Eine Hand wäscht die andere. Der Rubel rollt, „Freude, schöner Götterfunken“. Wenn nur das Marketing und die PR-Arbeit stimmen. Der Marktwert gehorcht den Gesetzen der Börse. Zeitgeist redet mit. Popularität kann mithilfe der Medien aufgebaut werden. Wer schließlich herumgereicht wird an den ersten Konzertpodien und Opernhäusern der alten wie der neuen Welt, wer im Jet-Set rotiert, das entscheiden meist Manager und Agenten, Marketingchefs und Konzerne. Es geht im Karussell des internationalen Musikgeschäfts längst nicht mehr primär um die Musik und die künstlerische Qualifikation dessen, der sie dirigiert. Eine Aura von Glanz und Glamour umgibt viele Dirigenten. Vielleicht kein anderer Berufsstand ist derart schillernd und facettenreich. Die Dirigenten mit ihrem ausgeprägten Hang zur Eitelkeit, und zur Selbstdarstellung, aber auch ihrem offen zur Schau gestellten Willen zur Macht sind nicht nur Vermittler zwischen Partitur und Orchester, sondern sie sind die eigentlichen Helden unseres Musiklebens. Sind Wanderer zwischen den Welten, global Players, Musikheroen, Götter in schwarz, mit Macht und Nimbus, sind vielbewunderte, bestaunte, kritisiere und hofierte Stars, sind hochbezahlte Aushängeschilder, stilisierte Werbeträger und oft genug nichts als hochglanzpolierte Etiketten einer überwiegend kommerziell orientierten Musikszene, um nicht zu sagen Musikindustrie, in der Selbststilisierung und Selbstinszenierung zum Geschäft gehören. Dem korrespondieren die Ihnen oft zugeschriebenen Eigenschaften, wie Unnahbarkeit, Egozentrik, Kapriziertheit, Arroganz und betonte Bohème-haftigkeit. Hang zum Luxus, Launenhaftigkeit, zur Schau gestellte Autorität und ungehemmte Künstlerallüren verhindern oft die Wahrnehmung tieferer Wahrheiten hinter solcher Abschirmungstaktik. Unter der Oberfläche der Abgrenzung gegenüber zudringlichen Trabanten und Adoranten verbergen sich nämlich nicht selten zarte und sensible Dirigenten-Seelen, die hinter schützenden, scheinbar undurch-dringlichen Mauern das Gärtlein ihrer utopischen Empfindungen und Erkenntnisse hegen und das Elfenbein ihres Künstlertums vor Verwitterung durch den Dunst gemeiner Realität und schnöder Alltagsbanalität bewahren. So will es der Mythos vom Maestro.

 

Ich glaube, man darf sagen: Hartmut Haenchen ist einer der wenigen Vertreter dieses Berufsstands, der diesen Mythos Lügen straft und sich dem schamlosen Musikbusiness weitgehend verweigert, weil es ihm auf die Musik ankommt, deshalb treffen auf ihn die genannten Etikettierungen nicht, oder sagen wir vorsichtshalber kaum zu. Ich würde ihm sicher Unrecht tun, wenn ich behaupten würde, er sei nicht eitel. Dirigenten müssen eitel sein! Ohne Eitelkeit geht es ja nicht. Aber es gibt Eitelkeit in der Sache oder die Person betreffend. Hartmut Haenchen gehört zu einem Dirigententyp, dem es um die Sache geht, der sich menschlich-allzumenschlich gibt, als Zeitgenosse und Mensch von heute, er ist kein Taktstock-Tyrann, kein cholerischer Despot am Pult. Er ist eher ein unprätentiöser, dem Werk gegenüber demütiger Kapellmeister, selbstkritisch, offen für Kritik und Anregungen von außen, jenseits aller Selbstgefälligkeit und Selbstbeweihräucherung. Ich glaube, es geht ihm mehr um die Musik als um seine Person.

Als ich mein Buch über den "Mythos des Maestro" geschrieben habe, und mit vielen Dirigenten über ihren Beruf gesprochen habe, hat mir Lorin Maazel gesagt: "Ein Musiker, der nur ein Musiker ist, ist kein guter Musiker!" Hartmut Haenchen ist der schlagende Beweis dafür, dass ein Musiker, der mit breiter Bildung, weitem Horizont und mit akademischer Gründlichkeit des Umgangs, der Hinterfragung und der Korrektur von Notentext und Aufführungspraxis aufs Pult geht oder in den Graben steigt, tatsächlich ein besserer Dirigent ist als so mancher "gehypte" Pultstar. Nicht immer sind die Stardirigenten, ob in Dresden, Berlin, Paris oder London die besten Dirigenten. Chefpositionen, Schallplattenverträge und glänzende Auftrittsmöglichkeiten besagen gar nichts. Im Rampenlicht zu stehen oder auf Schallplattenhüllen zu glänzen, sagt im Zweifelsfall mehr über kaufmännische als über künstlerische Qualitäten aus.

 

„Die Musik ist“, so schrieb der Dirigent Hermann Scherchen seinen Schülern in sein Lehrbuch des Dirigierens, „die Musik ist die geistigste“ Kunst“. Hartmut Haenchen belegt es immer aufs Neue, er ist so etwas wie ein "Akademiker" unter den Dirigenten, was nicht heißen soll, dass seine Art Musik zu machen "akademisch" sei. Ganz und gar nicht! Es mangelt Hartmut Haenchen weder an spontanem Temperament, an Leidenschaft, an Feuer, noch an gestalterischer Phantasie, an Kraft und Klangsinn. Man kann das auf nahezu 150 CDs und DVDs, die er bisher aufgenommen hat, überprüfen. Auch hat Hartmut Haenchen in vielen Publikationen und Vorträgen, Moderationskonzerten und Artikeln Kluges gesagt und geschrieben.

Sein Buch mit Gedanken über Musik, "Zweifel als Waffe" (so lautet der Titel) erregte Aufsehen in der niederländischen Musikwelt, die er ja über sehr lange Zeit von Amsterdam aus geprägt hat. Das zweisprachige Buch "Über die Unvereinbarkeit von Macht und Liebe" in Wagners "Ring" wurde von Publikum und Presse mit Begeisterung aufgenommen. In deutscher und niederländischer Sprache ist auch seine 14-teilige Buchserie "Mahlers fiktive Briefe" erschienen. Zuletzt hat er seine gesammelten Schriften zur Musik in 2 Bänden unter dem Titel "Werktreue und Interpretation" herausgebracht.

Für seine Verdienste als überragender Interpret, aber auch als Musikvermittler ist Hartmut Haenchen mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft worden. Auch für die musikpolitische Arbeit, die er gemeinsam mit seiner Ehefrau in Sachen deutsch-niederländischer Annäherung geleistet hat.

 

Hartmut Haenchen, der am 21. März dieses Jahres seinen 75sten Geburtstag feierte, ist ohne Frage einer der bemerkens-wertesten Dirigenten, insbesondere einer der besten Wagnerdirigenten weltweit. "Glück" sei für ihn, wie er einmal äußerte, eine gute Partitur beim Lesen vollständig zu hören. Für sein Publikum ist es ein Glück, ihm beim Dirigieren, beim Musizieren zuzuhören. Und wenn ich mir zum Schluss meiner Ausführungen eine persönliche Bemerkung erlauben darf: Ich glaube, dass ich nicht der einzige in diesem Saal bin, der sich sehr freut, dass Hartmut Haenchen hier und heute den Leipziger Richard Wagner-Preis der Richard-Wagner-Stiftung Leipzig verliehen wird.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.