Franz Liszt und Richard Wagner

Dieter David Scholz

 

 

Hermnn Torgler: Liszt bei Richard Wagner

Postkarte Wiener Künstler 369 (um 1910)

Salon Vielloise Nr. 69. Im Besitz des Autors

Photo: Dieter David schoilz

"Liszt und Wagner. Europäische Musiker"

 

Vortrag, gehalten am 19. November 2011 im Palazzo Vendramin, Venedig.

 

 

 

Meine Damen und Herren,

 

Richard Wagner und Franz Liszt, die im Abstand von zwei Jahren geboren wurden, sind sich wirklich nicht ähnlich. Aber es gibt doch so viele Parallelen und Überschneidungen im Leben beider Musiker, dass die Gleichzeitigkeit der beiden Ungleichen die jeweilige Individualität des Einen vor dem Hintergrund des Anderen geradezu exemplarisch hervortreten lässt.

 

Wer sich mit Richard Wagner und Franz Liszt näher beschäftigt, kommt früher oder später zu der Einsicht: Erst im direkten Abgleich mit Liszt versteht man im Grunde Richard Wagner. Die Freundschaft, oder vorsichtiger formuliert, das Verhältnis zwischen Wagner und Liszt - es war ja nicht ungetrübt und alles andere als gleichgewichtig - offenbart in aller Deutlichkeit Wagners psychische und lebensstrate-gische Mechanismen. Schon deshalb lohnt es aus Anlass des 200sten Geburtstages Liszts, die beiden Musiker einander gegenüber-zustellen. Aber auch, um Liszt etwas mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als Cosima und die auf sie folgenden Bayreuther Festspielleiter und –Leiterinnen ihm angedeihen ließen.

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Bei aller Verehrung für Wagner: Ich will nicht Liszt gegen Wagner aufrechnen, zu Ungunsten Wagners. Nein, ich möchte lediglich den Blick etwas schärfen für eine faire Wahrnehmung dieser einzigartigen Künstlerfreundschaft des 19. Jahr­hun­derts.

 

Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich aber zunächst ein paar Ge-meinsamkeiten und Parallelen in Erinnerung rufen. Beide, Liszt und Wagner kamen aus kleinen Verhältnissen, beide wurden berühmte Komponisten, beide waren von fortschrittlichem, revolutionärem Geist und lebten doch mehr oder weniger auf großem Fuß, beide haben ein wirkungsmächtiges, facettenreiches, irritierendes wie faszinierendes, Œuvre hinterlassen. Vor allem aber: Beide Musiker lebten einen Großteil ihres Lebens, wo nicht überwiegend im Europäischen Ausland, außerhalb ihres Geburtslandes. Und beide Musiker hatten neben manchen Amouren und Affären zwei Hauptlebensabschnittsgefährtinnen, deren beider Namen mit M und mit C beginnen. Ein hübscher Zufall! Minna (Planer) und Marie (d´Agoult), Carolyne (von Sayn-Wittgenstein) und Cosima (von Bülow), geborene Liszt. Kein Zufall war es wohl, sondern ein ähnlich gelagertes Bedürfnis, dass die „Sibyllen Nummer zwei“ – um mit Hans von Bülow zu sprechen – Cosima wie Carolyne sehr ähnliche Rollen im Leben der beiden Musiker ausübten. Beide waren inspirierende Musen, aber auch energisch antrei-bende, ja gelegentlich bevormundende Liebhaberinnen, gewievte PR-Mana-gerinnen, strenge Haushofmeisterinnen und penible Kassenwärterinnen. Einen wesentlichen Unterschied gab es allerdings: Liszt unterschrieb so manchen Brief an Carolyne mit „umilissimo sclavissimo“. Bei Wagner und Cosima war eher Cosima die „unterwürfige Sklavin“. Cosima hatte sich ja das Kundry-Motto „Dienen, Dienen“ auf die Fahnen geschrieben und be-endete beinahe jeden Tag mit dem Gedanken „Du Leid, sei still getragen“. Sie hatte schon ein Jahr, nachdem sie zu Wagner gezogen war, ihrem Tagebuch anvertraut: "Nachmittags einigen Kummer, daß R. sich in seinen Neigungen nicht einschränken läßt." Richards spöttischer Kommentar bei anderer Gelegenheit: "Ja ja, ich weiß, du möchtest ... gern solch eine Entsagungs-Wirtschaft hier einführen". Cosima: "Ich glaube, ich wäre jetzt für das Kloster reif." Entgegen aller verklärenden Formeln von der Einmaligkeit und der Idealität ihrer Ehegemeinschaft drängt sich bei genauer Lektüre der Tagebücher der Eindruck auf, daß diese Ehe nicht durchaus glücklich gewesen sein muß.

 

Nicht ohne Grund schrieb Wagner mit dem Parsifal ein "Kunst-Drama der Sinnenabtötung als Rettung vor dem privaten Drama der Sinnenlust", wie es mein verehrter Professor, Peter Wapnewski einmal formulierte. Und Friedrich Nietzsche hatte Unrecht: Der Parsifal ist kein Kniefall vor dem Katholizismus. Wagner hatte schon in seinem "Braunen Buch" notiert: „Mir ist dieser ganze katholische Kram in tiefster Seele zuwider". Cosima hatte am 27. April 1879 in ihrem Tagebuch notiert, Wagner „sei ein Pfaff das Unausstehlichste, was er kenne". Später hat Wagner die Kirche sogar als "das Gräßlichste in der Geschichte“ bezeichnet.

 

Für Franz Liszt, den seit Kindertagen tiefreligiösen Katholiken, der vielleicht sogar lieber Mönch als Pianist geworden wäre, bedeuteten Glaube und Kirche, Gottesdienst und Klosterleben nichts anders als Möglichkeiten des Einhaltens, der Ruhe im rastlosen Virtuosen-dasein, Rückzugsmöglichkeit in die Innerlichkeit und Schutz vor den Nachstellungen der Gesell-schaft wie den Verletzungen der Welt. Das Tragen der Soutane war äußerliches Zeichen: „Kommen Sie mir bloß nicht zu nahe“.

 

Trotz dieser Differenzen: Es gibt nur wenige „Freundschaften“ großer Musiker, die so eng und so dauerhaft waren wie die zwischen Wagner und Liszt. Die beiden kannten sich immerhin 43 Jahre.

 

Zum ersten Mal sahen sich Liszt und Wagner Mitte Oktober 1840. Beim Pariser Verleger Schlesinger, für den Wagner damals Korrekturen, Arrangements und Klavierauszüge verfertigte, um sich mehr schlecht als recht in Paris über Wasser zu halten. Aus Liszts Sicht, er war damals auf dem Höhepunkt seines Ruhms, war das keine besondere Begegnung. Er hat sich später auch gar nicht mehr daran erinnern können. Er war ja immer umlagert von Verehrern und Bittstellern. So auch von Wagner. Der gänzlich erfolglos in Paris Fuß zu fassen suchte. Er hatte gerade den „Rienzi“ geschrieben in der vergeblichen Hoffnung, ihn in Paris aufführen zu können.

 

Natürlich besuchte Wagner Liszts Konzerte im März und April des Jahres 1841 in Paris. Er berichtete darüber in der Dresdner Abend-zeitung. Man begegnete sich anderthalb Jahre später in Berlin wieder. Und dann kam es zu einem Treffen im Februar 1844. Damals trat Liszt gerade seine Hofkapellmeisterstelle in Weimar an. Wagner war seit einem Jahr Königlich Sächsischer Hofkapellmeister. Und ließ auf Wunsch Liszts den zwei Jahre zuvor in Dresden uraufgeführten „Rienzi“ ansetzen. Aber auch bei dieser Begegnung zündete der Funke noch nicht.

 

Erst als Wagner im März 1846 Liszt die Partituren von „Rienzi“ und „Tannhäuser“ zusandte, fing Liszt Feuer für Wagner. Es kam zwei Jahre später, am 26. März des Revolutionsjahres 1848, als in Berlin und Frankfurt die Barrikadenkämpfe tobten, zu einem Treffen der beiden in Leipzig, im Hotel de Saxe. Wagner schrieb bereits revolutionäre Pamphlete. Man führte erstmals lange und ausführliche Gespräche. Das war der Beginn der Freundschaft zwischen den beiden Musikern. Schon wenige Monate später, Ende August, besuchte Wagner Liszt, der sich nach dem Ende seiner kommerziellen pianistischen Virtuosenlaufbahn in Weimar niedergelassen hatte.

 

Im November 1848 dirigierte Liszt in Weimar die „Tannhäuser“-Ouvertüre. Im darauf folgenden Februar die ganze Oper. Zehn Tage später schrieb Liszt an Wagner: „Ein für alle Mal zählen Sie mich von nun an zu Ihren eifrigsten und ergebensten Bewunderern – nah wie fern bauen Sie auf mich und verfügen Sie über mich.“ Wagner sollte schon bald, nämlich drei Mo-nate später, auf Liszts großherziges Angebot zurückkommen. Im Mai nahm Wagner recht aktiv an der Dresdner Revolution teil, die allerdings von Preußischen Truppen niedergeschlagen wurde. Wagner flüchtete, denn er wurde per polizeilichem Steckbrief gesucht. Und da war es Franz Liszt, der den untergetauchten Revolutionär bei sich in Weimar aufnahm. Und er verhalf Wagner mit einem gefälschten Pass, allerhand Empfehlungsschreiben und dem nötigen Kleingeld zur Flucht über den Bodensee in die Schweiz. An seinen Pariser Sekretär schrieb Liszt damals: „ Richard Wagner, Kapellmeister aus Dresden, ... ist ein Mann von bewundernswürdigem Genie, ja ein so schädelspaltendes Genie, wie es für dieses Land passt, eine neue und glänzende Erscheinung in der Kunst.“

 

Ende Mai 1849 war Wagner in Zürich angekommen, Dort sollte er die nächsten 10 Jahre leben. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft in Zürich reiste Wagner nach Paris. Mit dem Geld von Liszt. Liszt hat inzwischen im Pariser Journal des débats einen enthusiastischen Artikel über Wagners Tannhäuser verfasst. Im August 1850 dirigiert er schließlich in Weimar die Uraufführung des "Lohengrin". Was in seiner Bedeutung für Wagner nicht überschätzt werden kann. Der schrieb Liszt denn auch (am 24. Dezember 1850) aus Zürich „Wahrlich theurer Freund, Du hast aus diesem kleinen Weimar für mich einen Feuerherd des Ruhmes gemacht“.

 

In den folgenden zehn Jahren überschüttet Wagner Liszt fast wöchentlich mit langen Briefen, in denen er um Aufführungen seiner Werke bittet, um Empfehlungsschreiben, Vertragsverhandlungen, Auftragsvermittlungen und er bittet meistens auch um Geld. Um viel Geld. So viel Geld wie möglich. Ungeniert, ja schamlos. Und Liszt hilft, wo er kann, und immer großzügig, schickt immer wieder Geld an Wagner. Liszt hilft aber auch mit Beziehungen, die er spielen lässt und mit psychologischer Aufbauarbeit, die allerdings auch seiner eigenen Selbstvergewisserung als Komponist dient. „Deine Freundschaft“ so schreibt Liszt an Wagner, „ist das wichtigste und bedeutsamste Ereignis meines Lebens“.

 

Im Juli 1853 reiste Liszt für eine Woche nach Zürich zu seinem Freund Wagner. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Georg Herwegh besteigt man den Rütliberg und trinkt Brüderschaft. Wagner schreibt bereits am "Ring". Schon im Oktober trifft man sich wieder, diesmal in Basel. Liszt kommt in Begleitung des Komponisten Peter Cornelius, des Geigers Joseph Joachim und des Pianisten Hans von Bülow, der später einer der ergebensten Wagner-Dirigenten werden wird. Man reist gemeinsam nach Paris, wo Wagner Berlioz kennenlernt und sieht eine Aufführung von Giacomo Meyerbeers Oper „Robert le diable“.

 

Bei diesem Parisaufenthalt begegnete Wagner übrigens zum ersten mal der damals 16-jährigen Liszt-Tochter Cosima, die der berühmte Pianist seinem Lieblingsschüler Hans von Bülow zur Ehefrau gibt. Einige Jahre später wird sie Bülow Wagners zuliebe allerdings verlassen.

 

Im Oktober/November 1856 kommt Liszt wieder nach Zürich, man feiert Liszts Geburtstag im renommierten Hotel Baur au Lac mit allem Pomp, den natürlich Liszt bezahlt, und reist zusammen nach St. Gallen, wo man gemeinsam ein Konzert gibt.

 

Drei Jahre später kommt es aufgrund besonders unverschämter Geldforderungen Wagners an Liszt zu einer distanzierenden Unter-brechung des ohnehin asymmetrischen freundschaftlichen Verhältnisses. Über das sich Liszt übrigens zu keiner Zeit irgendwelchen Illusionen hingegeben hat. Aber er trat weiterhin unverbrüchlich für Wagner ein, in Wort und Tat. Man sieht sich erst 1861 in Paris wieder und dann in Weimar. Wagner wurde 1860 amnestiert, mit Ausnahme Sachsens durfte er wieder deutschen Boden betreten. Zwei Jahre später, also 1861, wird er voll amnestiert werden. In diesem Jahr siedelte Liszt nach Rom über.

 

Wagner hatte inzwischen sein Zürcher Asyl verlassen. Unfreiwillig, denn seine Gattin Minna hatte einen heftigen Skandal angezettelt, aus Eifersucht auf ihres Mannes zumindest seelisch sehr enge, ja intime Beziehung zu Mathilde Wesendonck, der Gattin seines Zürcher Mäzens. Ein Ortswechsel schien ratsam. Wagner floh, gemeinsam mit seinem langjährigen Dresdner Freund Karl Ritter nach Venedig. Venedig, so schrieb er an Franz Liszt (am 24. August 1858), sei „notorisch die stillste, d.h. geräuschloseste Stadt der Welt; und dies bestimmt mich entscheidend für sie“. Dort wollte er den zweiten Akt des „Tristan“ vollenden. Im nächsten Jahr vollendete er das ganze Werk in Luzern, wie Sie wissen. Danach begab er sich auf Konzerttournee nach Paris und Brüssel, bevor er nach elf Jahren endlich wieder deutschen Boden betrat. Er ließ sich schließlich in Wien nieder, in der Hoffnung, dort den „Tristan“ uraufführen zu können. Doch man erklärte ihn nach endlosen Proben für unaufführbar und gab Offenbachs romantischer Oper „Die Rheinnixen“ den Vorzug. Eine Zeit lang hielt sich Wagner dann im Rhein-Main-Gebiet auf.

 

Und dann trat König Ludwig II. von Bayern ins Leben Richard Wagners und enthob ihn bis zu seinem Tod aller finanzieller Sorgen. Wagner brauchte Liszt von da an nicht mehr. Wagners bis dahin so heftige Briefflut an Liszt verebbte denn auch. Wir schreiben das Jahr 1864. Inzwischen hatten Wagner und Cosima von Bülow sich "unter Tränen und Schluchzen" besiegelt, einander anzugehören. Dieser Ehebruch Cosimas und das Schicksal seines geliebten Schwiegersohnes von Bülow verbitterte Liszts über alle Maßen. Es kam zum längsten Bruch in der Freundschaft mit Wagner. Er dauerte etwa zehn Jahre.

 

Es gab zwar mehrere Aussprachen zwischen Wagner und Liszt in München, am Starnberger See, und in Tribschen am Vierwaldstätter See, wohin Wagner aus München geflohen war, weil er den Bogen in München überspannt hatte in seiner Einfluss- und Inanspruchnahme des Bayerischen Königs, aber auch mit seiner skandalösen Lebens- und Liebesführung. Er lebte mit Cosima, Baronin von Bülow ja in wilder Ehe zusammen. All diese Aussprachen blieben erfolglos.

 

Erst 1872, zwei Jahre, nachdem er Cosima geheiratet hatte, unternahm Wagner den entscheidenden Schritt zu einer Annäherung, indem er Liszt zur Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses einlud. Noch hielt sich Liszt zurück und sendete nur ein Glückwunschtele-gramm. Aber ein Jahr später, zum Richtfest, kam Liszt nach Bayreuth. Man versöhnte sich. Und von da an lebt die alte Freundschaft – wenn auch unter neuen Vorzeichen - wieder auf. Aber das Verhältnis Wagners zu seinem nunmehr Schwiegervater Liszt war äußerst ambivalent. Mal huldigte Wagner Liszt. Dann wieder ging ihm der alte Freund auf die Nerven. - Liszt verbrachte nun alljährlich einige Wochen des Jahres in Bayreuth. Er besuchte Wagner auch wenige Wochen vor Wagners Tod 1883 hier in diesem Hause. Er selbst starb drei Jahre nach Wagner in Bayreuth, unter unwürdigen Bedingungen, deren erschütternde Einzelheiten ich Ihnen ersparen möchte. Sie werfen kein gutes Licht auf Cosima. In Bayreuth liegt Liszt denn auch begraben, allerdings weit von Wagner und Cosima entfernt. - Das, meine Damen und Herren sind die äußerlichen, die lebensgeschichtlichen Berührungspunkte zwischen Liszt und Wagner.

 

Meine Damen und Herren, Wagners und Liszts biographische Lebens- und Reiserouten zogen sich zwischen den äußersten Eckpunkten, den Geburts-orten Leipzig in Sachsen bzw. Doborjàn in Ungarn (heute Raiding im österreichischen Burgenland) und den Sterbeorten Venedig bzw. Bayreuth quer durch Europa. Michael von Soden hat in einem seiner Wagnerbücher zurecht darauf hingewiesen: „Der Aktionsradius des Wagner-Lebens reichte im Norden bis London, im Osten bis Moskau, im Süden bis Sizilien und im Westen bis zur Atlantikküste.“ Liszts Aktionsradius war noch weit größer, er spielte sogar in Konstantinopel, im späteren Rumänien und im hintersten Russland. Liszt und Wagner waren Nomadenexistenzen. Sie beide waren Welten-bummler, man könnte auch sagen Zigeuner, zeitlebens Reisende. Ihre Biographien sind europäische Biographien.

 

Wie ein roter Faden zieht sich durch Wagners Leben der Traum von einer europaweiten Mobilität. Schon in einem Brief des 22-Jährigen an seinen Leipziger Studienfreund Theodor Apel liest man: „hinweg aus Deutschland gehöre ich!“ Der Wunschtraum, den Wagner allerdings erst einige Jahre später in die Tat umsetzen konnte, war für Liszt von frühester Jugend an Realität. Als Zehnjähriger kam Liszt schon nach Wien. Dorthin war sein ehrgeiziger Vater mit seinem Wunderkind gezogen, um ihm Unterricht bei Szerny und Salieri zu ermöglichen. Mit Sechzehn startete Liszt eine erste, überaus erfolgreiche England-Tournee. Nach dem Tod seines Vaters liess er sich in Paris nieder, wo er sehr schnell der gefeiertste „Starpianist“ der Seine-Metropole wurde, und das war damals die führende Musikme-tropole Europas.

 

Auch namhafte Autoren von Neuveröffentlichung in diesem Lisztjahr haben Liszt als „Popstar“ bezeichnet. Das scheint mir völlig verfehlt. Zurecht hat Matthias Kornemann in der Zeitschrift „Rondo“ (Ausgabe 5/11) in diesem Liszt-Jahr darauf hingewiesen: „Die erbärmlichste aller Verengungen des Blicks ist...die Erhebung Liszts zum Popstar avant la lettre. Hier formt sich eine verzwergt-bildungsvergessene Gegenwart den Helden nach ihrem Bilde“. Liszt hat unendlich viel gelesen und in seiner Musik refektiert. Sein damaliges Publikum war so gebildet, das es die Bezüge erkannte. Das Programm seiner Programmusik „ist das Protokoll einer intellektuellen Selbstvervollkommnung, feurig und eruptiv.... und nach dauernder Bestätigung heischend: Hört, was ich erworben, lesend und reisend verschlungen habe und für Euch ins Riesenmosaik der Empfin-dungskultur des 19. Jahrhunderts einpasse.“ Man kann das eitel, anmaßend oder naiv finden. „Aber wir haben nicht das geringste Recht, an der Ernsthaftigkeit dieses Strebens“ zu zweifeln. „Die Populärkultur will uns die Frage nach den verborgenen Dingen ersparen. Wer Liszt populär nennt, höhlt ihn aus und leugnet das ... Geflecht der Bezüge in seiner Kunst“. Und genau das, meine Damen und Herren, gilt ja im Grunde auch für Wagner.

 

 

Aber zurück nach Paris. Dort verkehrte der blutjunge, gutaussehende, hochgewachsene Klaviervirtuose Franz Liszt und mit den Schönen, Reichen und Berühmten, vornehmlich weiblichen Geschlechts. Liszt hatte sich als erster Künstler die Extravaganz geleistet, einen öffentlichen Konzertabend allein und mit ausschließich eigenen Kompositionen zu bestreiten. Er ging mit dem Anspruch auf die Bühne: „Le concert, c´est moi!“. Es war die Geburtsstunde des Soloklavierabends, des Recitals. Und Liszt spielte natürlich auswendig. Seine Akkordtriller, seine rasanten Läufe in Terzen und Sexten, seine phänomenalen Oktavsprünge versetzten sein Publikum in Extase und Raserei. Es überschüttete ihn mit Elogen, Ehrenbezeigungen und mit Geld. Kein Pianist vor Liszt hat je sein Publikum derart enthu-siastisch begeistert, bis hin zu massenhysterischem Taumel. Wagner war geblendet von Liszts Erscheinung. Er hat denn auch Liszt seinen künst-lerischen, materiellen und erotischen Erfolg bei den Frauen geneidet. Er war ja auch nicht gerade so ein Beau wie Liszt.

 

Mit 28 Jahren war Liszt bereits eine Weltberühmtheit. Er war acht Jahre lang quer durch die Welt gereist. Er hat schon im Alter von Mitte Dreissig mehr als 50.000 km hinter sich gebracht. Überwiegend noch per Kutsche. Er besaß zwei sogenannte Offenbacher Reisekutschen, die mit jeglichem Luxus und jeder erdenklichen Bequemlichkeit ausgestattet waren. Das waren gewissermaßen rollende Wasch-, Speise- und Schlafzimmer-Salons mit integriertem stummen Klavier. Er wurde von den Damen im Publikum mit Heuwagen-ladungen von Rosenblüten beworfen. Seine Einkünfte waren sagenhaft. In der Pariser Rothschild-Bank deponiert, sollten sie für den Rest seines Lebens ein sorgenfreies Dasein sichern. Allein die Zinsen. Davon konnte Wagner nur träumen.

 

Aber Liszt hatte auch nie einen so großmannssüchtigen Geltungsdrang in der äußeren Lebensführung wie Wagner. Liszt lebte vergleichsweise bescheiden, er legte keinen Wert auf Immobilien und war persönlich anspruchslos. Nun lebte er in Budapest in der Musikakademie, in Weimar in der Hofgärtnerei und in Rom kostenlos. Dort standen ihm spektakuläre Wohnungen zur Verfügung: im Vatikan, im Kloster Madonna del Rosario, im Kloster Santa Francesca Romana und in der Villa D´Este in Tivoli. Aber wenn er nicht gerade als Gast Wohnrecht genoß, mietete er stets einfache Hotels. Er rauchte billige, wenn auch viele Zigarren und trank preiswerten Cognac. Allerdings jeden Tag eine Flasche, in seiner zweiten Lebenshälfte. Er war Alkoholiker. Warum auch nicht?

 

Wagner hingegen war die Sehnsucht nach Luxus in die Wiege gelegt. Dabei war er bis zu seinem einundfünfzigsten Lebensjahr eigentlich ein armer Schlucker gewesen, der meist auf Kosten anderer lebte, bis dann der Geld-Segen "von oben" kam, in Gestalt König Ludwigs des Zweiten von Bayern. Wagner hat schon als mittel- und arbeitsloser junger Mann in Leipzig Schulden gemacht, um sich kistenweise Wein liefern zu lassen. Im stadtgeschichtlichen Museum zu Leipzig gibt es dazu ein eindeutiges Dokument. Wagner liebte Meerestiere, vor allem Austern, auch Käse, teure Weine. Als Wagner nach der Flucht aus Zürich in Venedig Quartier nahm, bewohnte er eine Etage im Palazzo Giustiniani, deren Wände er zuallererst einmal mit rotem Seiden-Damast bespannen ließ. Sonst hätte man dort ja nicht leben können. Und Wagner ging - obwohl er damals kaum Einkünfte hatte - allabendlich auf den schon damals nicht eben preiswerten Markusplatz, aß Fisch und trank Champagner, wenn auch nur eine halbe Flasche. Aus Geldnot, nicht aus Bescheidenheit. Und zum Dessert gönnte er sich eine Portion Eis. Das alles auf „Pump“, wie wir wissen.

 

Liszt, meine Damen und Herren, war ein echtes Wunderkind, früh erfolgverwöhnt, weltgewandt, reich und großzügig im Geben. In seinen Umgangsformen war er zeitlebens ein Aristokrat, im Gegensatz zu Wagner, der, sich mit seinem Schwiegervater Franz Liszt vergleichend, Cosima bekannte: "Noblesse, Anstand, die habe ich nicht" (am 20. Dezember 1882, wenn Sie nachlesen möchten).

 

Wagner war auch kein Wunderkind, sein Erfolg stellte sich erst relativ spät ein. Er war zwar ein Globetrotter, aber doch überwiegend ein armer, und er war vor allem groß im Nehmen. Wagner war zeitlebens ein Bittsteller, ein Parasit, um es ungeschönt, oder mit Thomas Manns Worten freundlicher zu sagen, ein „Pumpgenie“. Liszt hatte 1847, mit noch nicht einmal 37 Jahren seine Virtuosenlaufbahn, überhaupt sein kommerzielles Musizieren eingestellt. Er wollte nicht länger vor einem sensationslüsternen Publikum „den Pudel machen“, wie er sich ausdrückte, nicht länger begafft und gefeiert werden. Er wollte nicht länger die Rolle des Virtuosen spielen. Er sollte fortan eine andere spielen. Wobei es eher seine Natur als eine Rolle war. Er unterrichtete. Kostenlos übrigens. In Weimar wie in Rom und Budapest, an den drei Orten, an denen er seine zweite Lebenshälfte ver-brachte. Er förderte in beispielloser Großzügigkeit junge Musiker, Pianisten, Dirigenten und Komponisten. Nicht zuletzt Wagner. Der allerdings wollte zeitlebens nur einen einzigen Musiker gefördert wissen: sich selbst.

 

Auch nachdem Wagner in der Mitte seines Lebens jenen königlichen Mäzen gefunden hatte, der ihm für den Rest seines Lebens alle pekuniären Sorgen abnahm, war Wagner immer nur der Propagandist seiner Selbst geblieben. Und hat sein eigenes Werk in beispielloser Geschwätzigkeit immer wieder kommentiert, um nur ja so verstanden zu werden, wie er verstanden werden wollte. Solche Selbst-kommentierung bzw. Selbstdarstellung war Liszt völlig fremd. Wagner war, man kommt nicht umhin, das zu sagen, ein Egomane. Liszt war das ganze Gegenteil. Wagner ging es lebenslang eigentlich nur um die Durchsetzung seines „Kunstwerks der Zukunft“. Liszt hingegen hat beispielsweise als Dirigent in Weimar weitaus mehr Werke anderer Zeitgenossen aufgeführt als seine eigenen. Darunter bedeutende Ur- und Erstaufführungen.

 

Meine Damen und Herren, Liszts Generosität und Selbstlosigkeit waren Wagner verständlicherweise unheimlich. Weil ihm diese Eigenschaften fremd waren. Sie verstörten ihn und führten ihm „die Beladenheit der eigenen Natur und die glückhaft-liebenswürdige des anderen“ vor Augen, wie es Hanjo Kesting, der Herausgeber des Liszt-Wagner-Briefwechsels, einmal umschrieb. Ob er zu liebevoll sei und es mache wie Jesus am Kreuze, der allen hilft, aber sich selbst nicht, fragte Wagner Liszt einmal in einem Brief. Eine bezeichnende Frage, die in den Kern dieser ambivalenten Freundschaft führt, einer Freundschaft, die tatsächlich „immer etwas von einem windschiefen Gespräch, von Aneinander vorbei Reden hat.“ (Hanjo Kesting)

 

In einem Brief Wagners vom 18. April 1851 verrät sich die ganze "Ambivalenz und innere Fremdheit dieser Freundschaft" zwischen Wagner und Liszt: Da liest man: „Und wie merkwürdig geht es mir immer mit Dir! Wenn ich Dir mein Liebesverhältnis zu Dir beschreiben könnte! Da gibt es keine Marter, aber auch keine Wonne, die in dieser Liebe nicht bebte! Heute quält mich Eifersucht, Furcht vor dem mir fremdartigen in deiner besonderen Natur; da empfinde ich Angst, Sorge, ja Zweifel und dann wieder lodert es wie ein Waldbrand in mir auf, und alles verzehrt sich in diesem Brande, dass es ein Feuer gibt, das nur der Strom der wonnigsten Tränen endlich zu löschen vermag. - Du bist ein wunderbarer Mensch, und wunderbar ist unsere Liebe! Ohne uns so zu lieben, hätten wir uns nur furchtbar hassen können.“

 

Die Worte lassen an psychologischer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Dieser Brief Wagners offenbart die "grundsätzliche Antinomie in Wagners Persönlichkeit: Liebe, die immer auch das Gegenteil, den Hass in sich trägt". Dieser Brief offenbart Wagners psychischen Knoten, um mit Hanjo Kesting zu sprechen, die „neidvolle Bewunderung Wagners für eine anders gelagerte krea­tive Potenz, eine vielleicht zwar geringere, weniger vitale und durchschlagskräftige, dafür aber mühelosere, leichtfüßigere, vielseitigere, auch einnehmendere Begabung, für Liszts nicht nur künstlerische, sondern auch persönlich und erotisch wirkende Kraft, kurz für jenen Zauber, den Liszt, allen Zeugnissen zufolge, wo immer er erschien, um sich verbreitete und gegen den Wagner kein anderes Mittel wusste als – Liebe oder Hass. Und dass führt nun wieder zurück in jene Sphäre, in der seine Alpträume sich bildeten“. So war es in Wagners Verhältnis zu Heinrich Heine, zu Giacomo Meyerbeer, zu Jacques Offenbach und zu Friedrich Nietzsche. „Überhaupt haben alle Beziehungen Wagners zu kreativen Menschen – und darin ist er der vollkommene Gegensatz zu Liszt – etwas Gespanntes und Unfreies, weil hier der Wunsch nach Selbstpreisgabe und der nach Unterwerfung des anderen einander widerstreiten. Haß und Liebe, Neid und Begehren Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn: sie liegen in der Wagnerschen Psyche, wie auch in seinem Werk, nah beieinander, sind fast die zwei Seiten derselben Medaille“. Davon war Franz Liszt nun wirklich frei.

 

Meine Damen und Herren, die seelische Dialektik von Anziehung und Abstoßung gehört zu den wesentlichen psychischen Mechanismen Wagners im Leben wie im Werk. Nirgends wird dies so deutlich wie im Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt. Er veranschaulicht und dokumentiert "Wagners immenses Mitteilungs- und Selbsterklärungsbedürfnis, aber auch Liszts eminente Fähigkeit des Zuhörens, des freundschaftlichen Ermunterns und Helfens." In den Jahren 1849 bis 1861 haben die beiden sich 300 Briefe geschrieben. Es war die Zeit zwischen Wagners Flucht aus Deutschland und seiner Rückkehr. Die Zeit seines Asyls. Die Jahre, in denen es Wagner schlecht ging. Der Briefwechsel war denn auch dominiert von Wagners Jammern, Klagen, Lamentieren und Fordern. In einer Schamlosigkeit, die ihresgleichen sucht. Davor und danach schrieb man sich nur noch selten und nur noch Konventionelles.

 

Am Sylvesterabend des Jahres 1858 schrieb Wagner aus Venedig einen Brief an Liszt, der einem Offenbarungseid gleichkam: „Liebster Franz! - Du antwortest mir viel zu pathetisch! ... Was Dingelstedt! Was Grossherzog! Was Rienzi! - Alles dummes Zeug. - Ich brauche Geld. ... Du sprichst über mich viel zu zart mit den Leuten. Sag' ihnen, »Wagner macht sich den Teufel aus Euch, Euren Theatern und seinen eigenen Opern; er braucht Geld, das ist Alles! ... wenn Du den 2ten Akt von Tristan sehen wirst, so wirst Du zugeben, dass ich viel Geld brauche. Ich bin ein grosser Verschwender; aber wahrlich es kommt etwas dabei heraus. ... Ich brauche von der Welt nur Geld: sonst habe ich Alles.“ So Wagner.

 

Mehr als 30 Jahre später, am 30. April 1881, also keine zwei Jahre mehr vor Wagners Tod, schrieb List an Wagner: „Erhabener Freund, Dir gebe ich stets recht, selbst wenn Du mir Unrecht tust. Schelte mich also nach Laune; dies wird mich niemals irre machen. Deinen treuen, immerdar angehörigsten Franciscus.“

 

Die Gelassenheit, mit der Franz Liszt Wagners parasitäre Persönlichkeit ohne Vorwürfe, ohne Kritik oder Empörung entgegentrat ist wohl nur zu erklären durch Liszts in sich gerundete, mit sich identische Persönlichkeit. – Wagner hingegen erklärte in einem Brief vom 25./26. Januar 1854 aus Zürich an seinen Dresdner Revolutionsgenossen August Röckel: „In der That fühle ich mich nur wohl, wenn ich »ausser mir« bin: dann bin ich ganz bei mir“„

 

Wagner war zerrissen von musikalischem Produktionszwang und Daseinslust, Mitteilungsbedürfnis und Weltekel, Kompromiß- und Schamlosigkeit, Unterwürfigkeit und Selbstüberheblichkeit, von Peinigungen des Triebes und Todessehnsucht, von sozialistischem Revolutions­geist und Bedürfnis nach großbürgerlicher Behaglichkeit. Anders Liszt. Seine schillernde, viel belächelte Janusköpfigkeit, seine Bizarrerien waren Ausdruck gelebten inneren Lebens, will sagen akzeptierter existentieller Antinomien. Liszt lebte alle Facetten seines Wesens, seine starke Erotik, seine Berühmtheit, sein überragendes pianistisches Virtuosentum, sein Bedürfnis nach illustrer Gesel­schaft, aber auch seine kindlich-katholische Frömmigkeit und sein Bedürfnis nach klösterlicher Abgeschiedenheit konsequent und selbst-verständlich aus. In seiner Jugend war er der Beau, der Dandy, der Bohe-mien, der Libertin, der gefeierte Künstler als Held, der massen-suggestive Virtuose. In seinen besten Mannesjahren, wie man so sagt, lebte er mit Marie von Sayn-Wittgenstein in Weimar zusammen (übrigens in wilder Ehe wie Wagner jahrelang mit Cosima), er komponierte, unterrichtete und dirigierte. In seinem letzten Lebens-abschnitt wurde Budapest neben Weimar ein Ort heimatlicher Sentimentalität und Sebstbestätigung, aber auch musikpädagogischer Aufbauarbeit. Rom war der Ort der inneren Einkehr, der Kontemplation und der Komposition. Die schwarze Soutane, die Liszt trug, war nicht Maske und Theaterkostüm, sie war Bekenntnis der Abkehr von aller Eitelkeit. Eine Art Schutzschild. Entgegen vieler Behaup-tungen ist Liszt übrigens niemals zum Priester geweiht worden. Das wäre gar nicht möglich gewesen. Er hat von Monsignore Hohenlohe-Schillingsfürst, dem päpstlichen Geheimkämmerer und Großalmosenier, lediglich die niederen Weihen, die „ordines minores“ erhalten, die keinerlei priesterliche Befugnis, schon gar kein Zölibat, ja nicht einmal das tägliche Brevierlesen vorschrieben. Liszt war also ein amtloser Nichtpriester-Kleriker. In Frankreich durften sich diese Abbé nennen. Wagner hat sich über den Abbé Liszt gern und oft lustig gemacht. Er verstand diese Dimension von Liszts Persönlichkeit nicht.

 

Auch die rege Reisetätigkeit der beiden war eigentlich von recht unterschiedlicher Natur. Liszts auf mehrere Orte aufgeteilte Existenz war inneres Bedürfnis. Seine „Vie Trifurquée", wie er das dreigeteilte Leben zwischen Rom, Budapest und Weimar nannte, war in seinen letzten 18 Jahren die für ihn ideale Lebensform. Liszt wollte und konnte nicht nur an einem Orte sein Leben fristen. Sein beweglicher Geist brauchte die äußerliche Bewegung. Die „Locomotion“ war sein Lebensprinzip. Reisen und Ortswechsel waren für Liszt Voraus-setzung, ja Notwendigkeit zum Glücklichsein. Wagner dagegen war auf seinen Reisen eigentlich immer nur auf der Flucht, quer durch Europa, auf der Flucht vor seinen Gläubigern, vor Geliebten und vor Gesetzeshütern. Und auf der geradezu panischen Suche nach künstle-rischen Anregungen, nach Anerkennung, nach Geld und Ruhm, und nach Identität.

 

Auch wenn Wagner das Reisen liebte, wie er bekannte, im Innersten sehnte er sich, anders als Liszt, nach einem bürgerlichen Zuhause und familiärer Geborgenheit. Er hatte trotz seiner rebellischen antibürgerlichen Attitüde etwas Bürgerliches, ja etwas Biedermeierliches. Er war kein Weltbürger, kein Kosmopolit, kein Mann von Welt wie Liszt. Dass „sein Wähnen“ mit Cosima in seiner Bayreuther Immobilie „Frieden fand“, muß bezweifelt werden. Der Name seiner Villa, „Wahnfried“ darf durchaus doppeldeutig verstanden werden. Warum sonst floh Wagner in seinem letzten Lebensjahrzehnt immer öfter aus Bayreuth nach Italien. Wenn auch mitsamt Cosima, Kindern, Bediensteten und Haustieren ...

 

Meine Damen und Herren, Wag­ner stand ohne Frage in Liszts Schuld. Er verdankte ihm unendlich viel an Protektion und an finanzieller Unterstützung. Wagner hat es in einem seiner ehrlichsten Momente Liszt gedankt. In einem Brief vom 9. Mai 1853 aus Zürich schreibt er: „Wo hat je ein Künstler, ein Freund – für den anderen das getan, was Du für mich tatest!! Wahrlich, wenn ich an der ganzen Welt verzweifeln möchte, hält mich ein einziger Blick auf Dich wieder hoch empor, erfüllt mich mit Glauben und Hoffnung.“ Das war lange, bevor Ludwig II. in sein Leben trat. Aber auch in seinen letzten Jahren, bei einer Soirée im Jahr der ersten Bayreuther Festspiele dankte Wagner Liszt immerhin einmal vor Publikum, als er auf ihn zeigte und sagte: "Hier ist derjenige, welcher mir zuerst diesen Glauben entgegen getragen, als noch keiner etwas von mir wußte, und ohne den Sie heute vielleicht keine Note gehört haben würden!"

 

Immerhin, die Größe, dies zuzugeben, hatte Richard Wagner. Seine Erben taten nach Wagners Tod allerdings alles, um Liszt Vergessen zu machen. Daran hat sich bis heute am Festspielhügel nichts geändert. Wie Michael Stegemann in seinem kürzlich erschienenen Liszt-Buch ausführte, ist die Verdrängung Liszts, die ja im Grunde bis heute andauert, „das Ergebnis einer systematischen Demontage“, die schon zu seinen Lebzeiten begonnen hat. Vor allem mit Marie d´Agoults viel gelesenem Roman „Nélida“, in dem Liszt als kreativ impotenter Komponist dargestellt wird. Aber auch die Schmähungen und Ausgrenzungen durch Robert und Clara Schumann, durch Johannes Brahms und andere konservative Gegner der Programmusik, allen voran der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick, haben Liszts Ruf außerordentlich geschadet. Den Anfang dieser Demontage Liszts machte, man muß das leider so deutlich sagen, seine Tochter Cosima.

 

Dabei hätte sie wissen und würdigen müssen, dass ihr verstorbener Ehemann nicht nur materiell, sondern auch kompositorisch vom Musiker Liszt reichlich profitiert hatte und Dankbarkeit verdiente. Wagner hatte in einem Brief an Hans von Bülow (vom 7. Oktober 1859) bekannt: „daß ich seit meiner Bekanntschaft mit Liszts Kompositionen ein ganz andrer Kerl als Harmoniker geworden bin, als ich vordem war“.

 

Liszt war dies natürlich nicht entgangen. Er reagierte mit subtiler Selbstbehauptung: In seiner Klaviertranskription von Isoldes Liebestod aus dem dritten Akt des "Tristan" zitierte er sein Lied „Ich möchte hingehn“ auf einen Text von Georg Herwegh aus dem Jahr 1844. In diesem Lied kommt bereits jener „Tristan-Akkord“ vor, der etwa zehn Jahre später Wagner zugeschrieben wird als Tor zur musikalischen Moderne. Und was Liszts Symphonische Dichtungen angeht, so nannte Wagner sie, Cosima hat es am 29. August 1878 in ihrem Tagebuch notiert, »un repaire des voleurs«, einen »Schlupfwinkel der Diebe«. Wagner wußte, wovon er sprach. Er hatte sich großzügig bedient, um nicht zu sagen Manches »gestohlen«.

 

Auch der „Parsifal“, über den Friedrich Nietzsche schon nach der Lektüre des Textbuches schrieb: »Eindruck des ersten Lesens: mehr Liszt, als Wagner“, ist in seiner musikalischen Faktur bereits in Liszts Christus-Oratorium, dem Wagner mit Cosima 1873 in einer Aufführung in Weimar beiwohnte, und das trotz seiner Abneigung gegen Sakralmusik einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, in verblüffender Weise vorweggenommen. Eines der zentralen Motive des Parsifal zitiert sogar notengetreu den Anfang des „Excelsior“ aus Liszts Kantate „Die Glocken des Straßburger Münsters“, deren Uraufführung Wagner 1874 in Budapest gehört hatte. Auch das ist Liszt nicht entgangen. In seiner kleinen Klavierkomposition „Am Grabe Richard Wagners“ hat er darauf Bezug genommen. Liszt zitiert darin Parsifalmotive, auch die Glocken der Verwandlungsmusik, und stellt ihnen sein "Excelsior"-Motiv gegenüber. Da gibt es keinen Zweifel mehr, wer von wem gestohlen hat. Auf das Manuskriptblatt schrieb Liszt: „Wagner erinnerte mich einst an die Ähnlichkeit seines Parsifal-Motivs mit einem früher geschriebenen - 'Excelsior - Möge diese Erinnerung hiermit verbleiben. Er hat das Große und Hehre in der Kunst der Jetztzeit vollbracht.“ Liszt war eben ein Gentleman.

 

Meine Damen und Herren, Wagner bewunderte zwar als einer der Ersten Liszts h-moll-Klaviersonate, auch seine Faust- und Dante-Sinfonien. Aber Liszts späten Kompositionen stand Wagner verständnislos gegenüber. Er betrachtete sie als kompositorische Äußerungen von Altersschwäche und Senilität. Cosima gegenüber (am 29. November 1882) nannte er sie »keimenden Wahnsinn«. Der Zukunftsmusiker Wagner verkannte die Zukunftsmusik Liszts. Wagner war zu sehr nur mit seiner eigenen „Zukunftsmusik“ beschäftigt, rotierte zu sehr nur um sich selbst.

 

Bei aller Bewunderung für Wagners Musik: Wagner schrieb doch im Grunde - zugespitzt formuliert – immer "nur" Musik über sich selbst, über seine subjektive Befindlichkeit, seine emotionalen, erotischen, politischen Reflexe auf und Reflexionen über Geschichte und Gegenwart, gespiegelt, gebrochen und chiffriert in Mythen und Stoffen des antiken Griechenland und des europäischen Mittelalters. Er glaubte nun einmal, "die Zukunft ... aus den Bildern der Vergangenheit“ entwerfen und darstellen zu müssen. Liszt hat dagegen eher Musik über Musik geschrieben. Zumal über Musik Anderer. Er war ja auch kein Opernkomponist. Sein Metier war die absolute Musik. Aber auch in seinen Programmusiken hat Liszt stets literarische Werke Anderer bearbeitet und vertont. Zu schweigen von seiner Kirchenmusik.

 

Am 21. Oktober 1871 hat Wagner Cosima gegenüber Liszt als „Illustrator einer untergehenden Welt“ bezeichnet. Damit meinte er natürlich den Liszt der Klavierparaphrasen, vor allem der Opernparaphrasen. Doch den Experimentator Liszt, der mit seinem Spätwerk in die musikalische Zukunft verwies, den hat Wagner nicht wahrgenommen. Und er selbst, Wagner, war doch - mit Verlaub gesagt - der größte musikalische Illustrator seiner Welt, die ja auch eine untergehende war. Nicht ohne Grund hat man in Wagners Musikdrama die Geburt der Filmmusik gesehen.

 

Meine Damen und Herren, Wagner, der ein hochintelligenter Seismograph und Beobachter seiner Gegenwart war, muß – so denke ich - von einer Art partieller Blindheit gegenüber anderen Komponisten seiner Zeit gewesen sein. Wohl aus Selbstschutz. Seine fragile Seele war ja lebenslang hochgefährdet. Er panzerte sich mit übersteigertem Selbstwertgefühl und kollegialer Ignoranz.

 

Wagner hat nicht nur das Genie des alten Liszt, er hat auch das Genie eines anderen Zeitgenossen völlig verkannt, das von Jacques Offenbach, dessen Wirken er, wie Cosima überliefert hat, aufmerksam verfolgte, und von dem Nietzsche schrieb: „Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit unter dem Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im Schwersten versteht, so hat Offenbach noch mehr Anrecht auf den Namen »Genie« als Wagner. Wagner ist schwer, schwerfällig: nichts ist ihm fremder als Augenblicke übermütigster Vollkommenheit, wie sie dieser Hanswurst Offenbach fünf-, sechsmal fast in jeder seiner Bouffonneries erreicht. Aber vielleicht darf man unter Genie etwas anderes verstehen.“ Nachzulesen im Nachlass der Achtzigerjahre.

 

Meine Damen und Herren, Liszt und Wagner waren sich am Ende ihres Lebens völlig fremd geworden, die Differenzen ihres kompo-sitorischen Selbstverständnisses waren unüberbrückbar. Ein Brief Liszts an seinen ungarischen Freund Ödön Mihalovich aus dem Jahre 1885, also ein Jahr vor seinem Tod geschrieben, ist das erschütternde Lebensresümee eines vereinsamten, verkannten und verletzten, auch und gerade von den Wagners verletzten Künstlers, dem immerhin einmal ganz Europa zu Füßen lag. In diesem Brief schreibt Liszt:

„Alle sind gegen mich. Die Katholiken, weil sie meine Kirchenmusik profan finden, die Protestanten, weil sie finden, dass meine Musik katholisch ist, die Freimaurer, weil sie meine Musik als Klerikal empfinden, für die Konservativen bin ich ein Revolutionär, für die Zukunftsapostel ein falscher Jakobiner. Was die Italiener betrifft, ... Wenn sie Anhänger Garibaldis sind, hassen sie mich als Frömmler, wenn sie auf Seiten des Vatikan stehen, klagen sie mich an, den Venusberg in die Kirche gebracht zu haben. (Und nun kommt das Entscheidende, meine Damen und Herren) Für Bayreuth bin ich kein Komponist, sondern bloß ein Werbeträger. Die Deutschen verab-scheuen meine Musik als französisch, die Franzosen als deutsch, für die Österreicher schreibe ich Zigeunermusik, für die Ungarn fremdartige Musik. Und die Juden hassen mich und meine Musik ohne jeden Grund.“

 

Carolyne von Sayn-Witgenstein hatte schon mehr als zehn Jahre zuvor in einem Brief an Adelheid von Schorn über Liszt geschrieben: „Man versteht seinen Genius noch nicht – viel weniger als den von Wagner, weil Wagner eine Reaktion der Gegenwart repräsentiert; Liszt aber hat seinen Speer viel weiter in die Zukunft geworfen. – Es werden mehrere Generationen vergehen, bevor er ganz und gar begriffen wird.“ Carolyne von Sayn-Witt-genstein hat recht behalten.

 

Erst als eine Generation auf den Plan trat, die Wagner nicht mehr bedingungslos folgte, wurde Liszt als weit in die Zukunft weisender Experimentator erkannt. Ferrucio Busoni hat es eingestanden: „Im letzten Grunde stammen wir alle von ihm - Wagner nicht ausge-nommen - und verdanken ihm das Geringere, das wir vermögen. César Franck, Richard Strauss, Debussy, die vorletzten Russen insgesamt, sind Zweige seines Baumes.“ Man könnte hinzufügen, daß diesem Liszt-Baum seither immer neue Zweige gewachsen sind, bis hin zu Wolfgang Rihm. Das Musikfest Berlin, das vor wenigen Wochen stattfand, und quasi ein Liszt- und Rihm-Festival war - hat dies bestätigt.

 

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.