Ulrich Drüner. Richard Wagner. Die Inszenierung eines Lebens

Dieter David Scholz

 

 

Überflüssig

 

Ulrich Drüners: „Richard Wagner. Die Inszenierung eines Lebens.“

Biographie. Blessing Verlag, 832 Seiten. 34,99 Euro

 

 

 

Richard Wagner ist einer jener umstrittenen Komponisten, über die Unmengen geschrieben wurde und wird. Er ist auch einer Jener, bei dem sich Legenden und Wirklichkeit, Selbststili-sierung und objektive Vita kaum unterscheiden lassen. Der Musiker, Musikwissenschaftler und Musikantiquar Ulrich Drüner hat jetzt ein Buch veröffentlicht, in dem es um genau diese Thema geht: „Richard Wagner. Die Inszenierung eines Lebens“ hat er seine mehr als 800seitige Biographie überschrieben.

 

Der Begriff der Selbstinszenierung ist natürlich gerade bei Wagner angebracht, denn er ist ein Paradebeispiel dafür, wie man sich als Person in Szene und Legenden, die eigene Biografie und Werk betreffend, ins Leben setzt. Man denke nur an seine Inspirationslegenden, den "Fiegenden Holländer", "Rheingold" und "Karfreitagszauber" betreffend, die Wagner Cosima gegenüber als hübsche Einfälle mehr nichts entlarvt hat. Viele Wagnerbiographen sind Wagners Selbststilisierungen in seiner Autobiografie, seinen Briefen und sonstigen Texten auf den Leim gegangen und wie die Fliege in den Mustopf gestürzt. Wagner ist ein Mythos, den er selbst in seinem ungeheuren Mitteilungs- und Erklärungsdrang mit in die Welt gesetzt hat. Auch die Art, wie er sich vor der Kamera mit Barrett und altdeutscher Kleidung in Szene setzte, gehört dazu. Drüner behauptet nun, er wolle unter diesem Aspekt Wagner einmal detailliert darstellen, so wie er noch nie dargestellt worden sei. Er hält fast allen bisherigen Wagnerbiographen eine ziemlich gepfefferte Gardinenpredigt und verspricht dem Leser eine wertfreie „Neueinschätzung“ des Werks, eine "Entmythologiserung" Wagners und eine ideologiekritische neue, wegweisende Biographie Wagners. Was für ein Anspruch! Zwar stellt sich Drüner schon in seiner Einleitung die Frage "Wie wahr ist eine Biograpie?". Doch Martin Gecks, des unbestechlichen Wagnerkenners Ausführungen dazu kennt er offenbar nicht: "Diskurse sind Sprachspiele zu bestimmten Themen. Es hat krinen Sinnn, zwischen Wahrhiet un Lüge, Rechg oderUnrecht, Richtig oder Falsch unterscheiden zu wollen."

 

Seinem selbstgesetzten Anspruch wird das Buch nicht gerecht. Es ist - mit Verlaub gesagt - anmaßend und hochtrabend. Altbekannte biographische Tatsachen werden einmal mehr vorgetragen, Wagner-Apologeten gegen Wagner-Kritiker ausgespielt, Wagners Ideologie, vor allem sein Antisemi-tismus wird undifferenziert und einseitig dargestellt. Der Autor übernimmt viele Vor- und Fehlurteile anderer Autoren und ignoriert manche wichtigen inzwischen vorliegenden Erkenntnisse der Wagnerforschung. Ulrich Drüner behauptet von sich zwar, er sei neutral, also weder Wagnerianer noch Antiwagnerianer, aber eindeutig Stellung bezieht er nie. Über weite Strecken referiert und paraphrasiert er bereits Gesagtes und Geschriebenes nur, bauscht es mächtig auf und überträgt es in sein Jargon. Dabei redet er meist um den Brei herum, und das in einer geschwätzigen und gefühligen Sprache, die nicht selten Unbehagen bereitet, ganz davon abgesehen, dass sie unpräzise ist. Da ist von „Wagners Ringen um Idee, Einfall und Eingebung“ die Rede, vom „zu Herzen Gehenden“ der Wagnerschen Musik . Drüner fragt sich: „Wie funktioniert das Genie“. Und antwortet sich selbst pseudofreudianisch wie seinerzeit schon Martin Gregor-Dellin. Von „kreativen Gewittern“, „somnambulen Zuständen“ und rücksichtslosem „Sich-Verzehren in der Kunst“ ist die Rede. Bezeichnend für den Stil des ganzen Buches ist folgende Behauptung Drüners im vorletzten Kapitel: „Der Geist ist, was die Parsifal-Figur ausmacht. Das besagt die Musik. Daran darf man sich auch halten, selbst wenn man die Schattenseiten des Werks verinnerlicht.“ Man ist sprachlos über derlei Schwafelei.

 

Es gibt zwar eine Reihe selten zu sehender Abbildungen: Photographien, Zeichnungen, Dokumente und Quellen in diesem Buch, das Wagners Leben und Werk von seiner Kindheit in Dresden und Leipzig, seine Schweizer und Pariser bis hin zu seinen Bayreuther Jahren, darstellt. Nun ist das alles aber oft und hinlänglich beschrieben worden, und weit fundierter und genauer als bei Drüner, der sich im Übrigen auf dieselben Quellen stützt wie die meisten bisherigen Wagnerautoren. Dabei schilt er sie, diese Quelen zu verwenden, weil sie unzuverlässig seien (Glasenapps monumentale erste Biographie, Wagners Autobiographie, Wagners Briefe und Cosimas Tagebücher). Er sollte sich in Zurückhaltung üben, denn auch er hat keine neuen Quellen aufgetan. Und von „keineswegs wenigen oder kaum bekannten Dokumenten“, die „das affirmative Wagner-Bild zu relativieren“ imstande seien, kann die Rede nicht sein. Für den Kenner der Wagnerliteratur gibt es in diesem Buch kaum Neues zu entdecken. Und was das Hauptthema des Buches, Wagners „Selbstinsze-nierung“ angeht: Beinahe alle bisherigen seriösen Wagnerbiographen haben dieses Thema nicht außer Acht gelassen. Es liegt auf der Hand. Es ist schlicht Etikettenschwindel, zu behaupten, Drüner wäre der erste, der dieses Thema ernstnimmt und behandelt. Auch die Behauptung „Diese Biografie zeigt, wie Wagner nicht nur als Komponist, Regisseur und Dirigent wegweisend wirkte, sondern auch das Berufsbild des sich immer wieder neu erfindenden Intellektuellen in Deutschland maßgebend prägte“ ist falsch, denn ein Intellektueller war Wagner eben gerade nicht, wollte er nicht sein! Er war ein Bildungsbürger, ein besessener Leser und ein kreativer Phantast! Dass das Buch „Wagner in seinen Widersprüchen, dem Wechselspiel von Verehrungs-würdigem und Abstoßendem“ aufzeige, wie die Verlagswerbung suggeriert, ist nichts Außergewöhnliches. Viele bisherige Wagnerpublikationen, etwa von Ernest Newman, Hans Mayer, Martin Gregor-Dellin, Martin Geck, Michael Karbaum, Dietrich Mack, Egon Voss, Peter Wapnewski und Udo Bermbach haben das geleistet.

 

Was das ganze Buch Drüners allerdings in Frage stellt ist ein immanenter Widerspruch! Einerseits verachtet der Autor den Ideologen Wagner, andererseits verehrt er ihn als Musiker und will ihn durch seine Musik reinwaschen von allen Vorwürfen. Groteskerweise bemüht er dazu den Heisenbergschen Begriff der Transzendenz als „eine Art Sprache…die eine Verständigung ermöglicht über den hinter den Erscheinungen spürbaren Zusammenhang der Welt“. Was soll das - bitte schön - in Bezug auf Wagner heißen? Nichtsagendes Geschwätz! Man fragt sich am Ende des Buches ohnehin: Was will der Autor mit seinem Buch eigentlich sagen? Es ist ein überflüssiges, ärgerliches Buch voller fragwürdiger Behauptungen und Bildunterschriften, auch eine Bibliographie fehlt.

 

 

Beitrag auch in NDR-Kultur