Drei ungleiche Wagnerbücher 2013

Dieter David Scholz

 

 

Drei ungleiche Wagnerbücher 2013

Im Vorfeld seines 200sten Geburtstags sind brilliante Bücher über Richard Wagner erschienen. Aber nicht alle sind unbedingt lesenswert. Und manche Autoren sind in ihrer Eitelkeit geradzu grotesk!

 

Egon Voss, Editionsleiter der Richard-Wagner-Gesamtausgabe und einer der besten Kenner Richard Wagners und seines Werks, macht in seinem Buch darauf aufmerksam, dass die Figur des Mime im "Siegfried" - nach Wagners eigenen Worten - eben keine Karikatur ist, schon gar keine Judenkarikatur. Und er belegt quellenkundig Wagners lebenslängliche Mendelssohnverehrung, allem Antisemitismus Wagners zum Trotz. Es ist bezeichnend für die Gründlichkeit dieses Buches, das dem Thema des "umstrittenen Wagner" nicht ausweicht. Auf 128 Seiten gelingt es Egon Voss aber auch, neben der Wirkungsgeschichte das Werk Wagners darzustellen, als dessen "Grund­thema" die Sexualität genannt wird, von den "Feen" bis zum "Parsifal". Als "zentrales Problem" von Wagners anarchischem, antibürgerlichem Leben zwischen Leipzig und Venedig nennt Voss zurecht "Schulden", also Geldmangel. Es geht Voss denn auch um das komplexe "Wechselverhältnis zwischen Leben und Kunst". Wer sich mit wenig Lektüre über den "ganzen" Wagner zuverlässig informieren möchte, dem kann dieses dünnste aller neuen Wagnerbücher nur wärmstens empfohlen werden. Und der Autor schreibt so einfach und klar, dass jeder Leser ihn versteht. Eine Glanzleistung.

 

So frei von aller Selbstdarstellung das Wagnerbuch von Egon Voss ist, so narzisstisch, ja exhibitionistisch kommt das Buch "Mein Wagner" von Alexander Busche daher. Schon der Titel ist eine Anmaßung. Zu schweigen vom Cover des Buches: Brustporträt des Autors auf Augenhöhe mit Richard Wagner. Doch wer ist eigentlich der Autor? Einer jener vielen heutigen Marketingberater, Pressereferenten und PR-Leute zwischen 30 und 40, die fachlich oft ahnungslos aber selbstbewußt genug sind, kein Mittel zu scheuen, um auf sich aufmerksam zu machen und sich um keine Blamage zu schade sind. Schon als Pressemann Katherina Wagners in Bayreuth, nahm man Alexander Busche, der oft kindlich kichernd im brombeerfarbenen Samtanzug zu weißen Turnschuhen um die Impresaria herumtänzelte, nicht wirklich ernst. Nach diesem Buch hat der 34jährige Autor - inzwischen PR Mann bei den Tiroler Festspielen Erl - seine Ernst-haftigkeit vollends verspielt. Er referiert in hemdsärmeliger Oberflächlichkeit nicht nur die hinlänglich bekannte Biografie seines Abgotts Wagner, er schildert auch seine eigenen - völlig uninteressanten - Bildungs­erlebnisse, seine Urlaube und Theaterbesuche und rechnet ab mit Bayreuth. Was diesem Buch die Krone aufsetzt, dass der Autor Wagners Lebensstationen die eigenen nahtlos hinzufügt, so als gehöre er zur Familie Wagner. Ein groteskes Buch der Selbstüberschätzung und Selbstinszenierung. Ein peinliches, ein überflüssiges Buch.

 

Zwar auch nicht eben notwendig, aber immerhin ernstzunehmen ist das schmale, 141 Seiten umfassende Buch von Dominik Tomenendal über "Die Wagners, Hüter des Hügels". Der Autor schreibt elegant - und sein Buch ist frei von aller Selbstdarstellung. Freilich neu ist das, was man in seinem Buch liest, nicht. Schon die Historikerin Brigitte Hamann hat ja in ihrer glänzenden Rowohl-Monographie über "Die Familie Wagner", die vor sieben Jahren erschien, alles gesagt, was zu diesem Atridenclan der deutschen Ersatz-Royals zu sagen ist. Hamanns Darstellung, die wohlweislich im angefügten Literaturverzeichnis nicht erwähnt wird, ist bis heute konkurrenzlos und unüberholt. Dominik Tomenendal kann im Abstand von sieben Jahren natürlich ein neues Kapitel hinzufügen: das Kapitel "Eva und Katherina". Auch wenn er die heutigen Festspielleiterinnen reichlich idealisiert: Er spricht immerhin von "Prekärer Modernisierung" und wagt eine ungewisse Zukunft der Bayreuther Festspiele anzudeuten. Doch dazu wäre Deutlicheres zu sagen!

 

 

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