Bayreuth Zwischenbilanz 2012

Dieter David Scholz

 

 

Die 101. Bayreuther Richard Wagner-Festspiele 2012

 

Eine ernüchternde Zwischenbilanz

 

Die Premierenwoche der 101. Bayreuther Richard Wagner-Festspiele ist zu Ende gegangen. Neben dem "Fliegenden Holländer", der diesjährigen Neuproduktion, werden bis zum 28. August noch vier weitere Stücke gezeigt: "Tristan und Isolde", "Lohengrin", "Tannhäuser" und "Parsifal". Eine Zwischenbilanz dessen, was sich sonst noch so tut am und um den Grünen Hügel.

 

Sie begannen mit einem Eklat, die einhundertersten Bayreuther Richard Wagner-Festspiele: Mit dem wohl nicht ganz so freiwilligen Abgang des russischen Bassbaritons Evgeny Nikitin, der die Titelpartie des "Fliegenden Holländers" singen sollte. Seine Nazi-Tattoos, die er sich in seiner Jugend hat stechen lassen, hatten für einige Verwirrung gesorgt, vor allem bei der Festspiel-leitung, die vom einge-brannten, tellergroßen Hakenkreuz auf des Sängers rechter Brust wusste, lange bevor noch die Presse und das ZDF dahinter kamen und dann erst die Notbremse zogen. Bei der Pressekonferenz der Bayreuther Festspiele praktizierte die Festspielleitung allerdings in guter Gutsherrinnenart die Verweigerung der Beantwortung der von den Journalisten gestellten Fragen:

 

"Wir kommentieren das nicht" ... Er hat darum gebeten, die Rolle abzugeben, und das wurde von uns akzeptiert. .... Also ich kann da im Moment nichts sagen ... Das ist im Moment nicht zu beantworten ." (Katherina Wagner/Eva Wagner)

 

Längst sind die Bayreuther Festspiele kein Familienbetrieb mehr, sondern ein Quasi-Staats­theater, auch wenn Geschäftsführer Wolfgang Grupp von der als Sponsor ins Boot geholten Trikotwarenfabrik Gebrüder Mayer, kurz Trigema, in Verkennung der Tatsachen von einem "Familienunternehmen" sprach, und in einem Atemzug von der Bewahrung "deutscher Werte". Da horchte Mancher auf und bekam große Augen. Nein, den Bayreuther Festspielen geht es gottlob nicht mehr um die Bewahrung "deutscher Werte" (was auch immer man darunter verstehen mag) und längst sind sie ein Theaterbetrieb, der zum überwiegenden Teil von öffentlichen Geldern finanziert wird. Und also auch Verantwortung der Öffentlichkeit gegenüber zu tragen und auf legitime Fragen zu antworten hat.

 

Als 2008 Eva und Katharina Wagner, die beiden Halbschwestern, das Erbe ihres Vaters Wolfgang Wagner antraten, hatten sie Trans-parenz und Aufarbeitung der brisanten (braunen) Vergangenheit des Grünen Hügels versprochen. Doch das Privatarchiv ihres Vaters hat Katherina Wagner "Historikern ihres Vertrauens" überlassen, wie es heißt. Seither ruht es dort. Nichts ist geschehen. Und die am Festspielhügel, im Umkreis der umstrittenen Breker-Büste Richard Wagners anberaumte Ausstellung "Verstummte Stimmen", die an den traditionsreichen Bayreuther Antisemitismus erinnert und an die Austreibung jüdischer Künstler aus dem Festspielbetrieb, ist keineswegs der Festspielleitung zu verdanken, sondern vor allem dem Historiker Hannes Heer, der es als Skandal betrachtet, dass die Familie Wagner nicht bereit ist, ihre Archive rückhaltlos zu öffnen.

 

"Für mich war wichtig, diesen Gesamtzusammenhang der Familie durch die Generationen hin zu rekonstruieren, also was hat Richard Wagner an ideologischem Fundament hinterlassen, und was ist von seinen Nachfolgern, vor allem Cosima und Siegfried daraus gemacht worden" (Hannes Heer)

 

Geradezu wie eine Erinnerung an bessere Zeiten Bayreuths mutet eine große Martha-Mödl-Gedenkausstellung an, die Helmut Vetter, ihr Nachlassverwalter, in Eigeniniative und mit überwiegend privatem Geld, in der Stadtbibliothek Bayreuths zeigt.

 

"Sie sagte einmal, in Bayreuth war ihre glücklichste Zeit in ihrem Leben. Und ich wollte sie einfach durch diese Ausstellung wieder nach Bayreuth bringen. (Helmut Vetter)

 

Zum Teil nie veröffentlichte Photos hat er aus ihrem Nachlass ausgewählt und zusammengestellt. Mehr als 500 Photos auf über 100 roten Tafeln veranschaulichen die Karriere Martha Mödls. Sie war eine der ausdrucksstärksten Interpretinnen der großen Wagner-Partien nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Dirigent Wilhelm Furtwängler und Regisseur Wieland Wagner hatten sie entdeckt. Seit 1951 die Bayreuther Richard Wagner-Festspiele wiedereröffnet wurden, war die Mödl für 15 Jahre eine der sängerischen Säulen "Neubayreuths". Solche auratischen Sängerpersönlichkeiten fehlen heute leider auf dem Grünen Hügel. Wie sagte mir einst Birgit Nilsson:

 

"Zu meiner Zeit sangen nur die Besten der Besten in Bayreuth. Heute kann da ja jeder singen."

 

Bayreuth macht in dieser Festspiel-Saison mehr denn je Negativschlagzeilen. Auch das Na­tionalarchiv, also das Richard Wagner-Museum. Die nicht enden wollenden Querrelen um einen umstrittenen Neubau im Garten des Wagner-Wohnhauses, eine geplante Cafeteria ausgerechnet in Nähe des Wagner-Grabes und die drohende Schließung der Villa Wahnfried im Wagnerjahr 2013 haben viele Irritationen ausgelöst. Iris und Nike Wagner haben sich denn auch öffentlich darüber erregt und Direktor Sven Friedrich verantwortlich gemacht für das drohende Desaster. Immerhin, die neue Bürgermeisterin, Brigitte Merk-Erbe, bemüht sich gegenzusteuern und den vor ihrer Amtszeit verantworteten Schaden zu begrenzen.

 

"Also ich geh´ immer noch optimistisch davon aus, dass wir das Haus Wahnfried zumindest in Teilen öffnen können... Das Café hat ja jetzt der Bayreuther Stadtrat umverlegt, es ist nicht mehr in der ganz sensiblen Nähe zum Grabe Richard Wagners." (Brigitte Merk-Erbe)

 

Einziger unangefochtener wie umjubelter Höhepunkt der diesjährigen Bayreuther Festspiele ist der zum letzten Mal gezeigte "Parsifal" in der Inszenierung Stefan Herheims. Neu am Pult Philip Jordan für den bei den Salzburger Festspielen unabkömmlichen Daniele Gatti. Herheims Produktion gilt schon jetzt als Jahrhundertinszenierung, die großes Zaubertheater mit Psychoanalyse und einem Gang durch die Deutsche Geschichte (einschließlich ihres Wag­nermißbrauchs im Dritten Reich) verbindet.

 

"Das war von Anfang an die Idee, die allzu schnelle Pervertierung der Wagner-Sache aufzuzeigen. Die an dem Ort auch zur Katastrophe geführt hat, weit über das Kunstwerk hinaus. " (Stefan Herheim)

 

Stefan Herheims Inszenierung ist ein Publikumsmagnet seit der Premiere 2008. Und doch beklagt er:

 

"Es gibt Eingrenzungen, immer stärkere..., also die Idee Werkstatt Bayreuth wird bei weitem nicht mehr gepflegt. Wie man das eigentlich erwartet aufgrund der hier früher vorhandenen Tradition. " (Stefan Herheim)

 

Außer an Herheims "Parsifal" läßt das Zuschauerinteresse zu wünschen übrig. Die Karten­nachfrage hat sich, wie zu lesen ist, schon nahezu halbiert. Ein alarmierendes Zeichen! Doch die Festspielleitung scheint das zu ignorieren, denn sie setzt ihren Kurs unbeirrt fort. Demnächst möglicherweise, was zwar noch nicht offiziell bestätigt ist, aber bereits als Gerücht am Hügel verbreitet wird, unter Aufsicht eines dritten Geschäftsführers bzw. Verwaltungs­direktors. Der Name Patrick Wasserbauer von den gestrauchelten Bühnen Köln ist im Gespräch. Bis ins Jahr 2020 haben Eva und Katherina bereits geplant. Unter anderem hat man den Maler, Bildhauer und Aktionskünstler Jonathan Meese für den nächstem "Parsifal" im Jahre 2016 engagiert. "Den Nazi mit dem Meese-Bub austreiben" kommentierte denn auch gleich SPIEGEL Online (am 25.07.12)

 

Bayreuther Zukunftsmusik! - In der gegenwärtigen Bayreuther Festspielsaison gibt es immerhin einen Superstar: Klaus Florian Vogt heißt er, und er singt die Titelpartie im "Lohengrin".

 

Während Hans Neuenfels in seiner skurrilen wie sterilen Inszenierung des Schwanenwunderstücks mehr Ratten als Vögel zeigt, was nach wie vor für Irritation und Buhstürme im Publikum sorgt, erntet die "Tannhäuser"-Inszenierung Sebastian Baumgartens, die das Stück in eine groteske Biogasanstalt verlegt, trotz Torsten Kerl in der Titelpartie und trotz Christian Thielemanns Übernahme des erfolglosen Dirigats von Thomas Hengelbrock nahezu einstimmige Ablehnung mit zum Teil heftigem Protest. Auch die "Tristan"-Inszenierung von Christoph Marthaler, ein gefühls- und aktionsloses Kleinbürger-Trauerspiel, beglückt nicht alle Festspielbesucher. Vom neuen "Holländer" ganz zu schweigen, den Wagner-und Bayreuthdebütant Philip Gloger als biedere, plakative Antikapitalismus-Parabel eines Handelsreisenden zeigt, der wie das (blutgierige) Fabrikmädel Senta aus der globalen Vernetzung und Beschleunigung einer Welt aussteigt, in der längst alles zur Ware degradiert ist. Christian Thielemann hat die Aufführung zwar orkanhaft-mitreißend dirigiert, doch man hat diese Oper sängerisch schon weit überzeugender gehört in Bayreuth. Trotz Promi-Schaulaufens, trotz Thielemann, trotz respektablem Nikitin-Ersatzmann Samuel Youn war dies alles andere als eine glamouröse Eröffnungspremiere der diesjährigen Bayreuther Festspiele.

 

 

Beitrag im DLF: Musikjournal 30.07.2012