Bayreuth nach Wolfgang Wagner

Dieter David Scholz

 

 

Bayreuth nach Wolfgang Wagner

 

Ein Kommentar für SWR 2, Journal am Morgen, 2.09.2008

 

Führungswechsel in Bayreuth

 

 

Alle Erwartungen haben sich erfüllt. Die 30 jährige Katharina Wagner und ihre 63-jährige Halb­schwester Eva Wagner-Pasquier übernehmen die Leitung der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele. Die Töchter des zurückgetretenen langjährigen Festspielleiters Wolfgang Wagner wurden gestern nachmittag einstimmig vom Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele gewählt. Und haben sich gegen die Bewerbung von Cousine Nike mit dem belgischen Opernintendanten Gérard Mortier durchgesetzt. Zwar betonte der Vorsitzende und Sprecher des Stiftungsrates, Toni Schmid, beide Bewerber­duos wären «absolut» in der Lage gewesen, die Geschicke des weltberühmten Opernfestivals zu leiten. Doch man habe sich entschieden, Jemanden zu wählen, der das ganze Jahr in Bayreuth ansprechbar sei. Das richtete sich gegen Mortier, der ab 2009 einen Vertrag als Intendant der New York City Opera in der Tasche hat. Und die Altersfrage sei entscheidend gewesen. Man betrachte es als "reizvoll", ein Führungsduo zu haben, "das zwei Generationen biete". Soweit die pragma-tischen Argumente. Vor allem aber hat man gegenüber Wolfgang Wagner Wort gehalten, der wohl nur für den Fall einer solchen Nachfolgeregelung seine Bereitschaft zum Rücktritt angeboten hat. Und man hat sich erklärtermassen für Kontinuität und dynastische Fortführung der Festspiele entschieden. Ein radikaler Neuanfang und ein Kurswechsel wird nicht gewünscht in Bayreuth.

 

Was ist nun zu erwarten von dem neuen Führungsduo? Während Katharina Wagner nur ihre ihre fragwürdigen Zauberworte von "Public Viewing", "Kinderopern" und neuem Image der Festspiele repetierte, ergriff die bisher eher zurückhaltende Eva Wagner das Wort und betonte, man wolle vor allem den legendären Bayreuther Geist wieder beleben, wolle wieder ein modellhaftes, unverwechselbares Sängerniveau wie einst am Grünen Hügel installieren.

 

Auch was die Aufgabenteilung der beiden Halbschwestern angeht, zeigte sich Eva Wagner-Pasquier als die resolutere und teilte mit, dass sich Katharina Wagner künftig verstärkt um die Presse- und um Öffentlichkeitsarbeit der Festspiele kümmern werde, während sie selbst für die Besetzungen und die künstlerischen Belange zuständig sei. Auch wenn sie betonte, man entscheide "letzten Endes … alles gemeinsam" , wurde doch auf der Pressekonferenz unüberhörbar deutlich, wer künftig in Bayreuth das Sagen haben wird. Verwunderlich ist das nicht, denn schon 2001 hat der Stiftungsrat sich ja für Eva Wagner entschieden. Katharina Wagner hatte nur eine Chance gemeinsam mit Eva. Mit diesem Kompromiss hat der Stiftungsrat Wolfgang Wagners Rücktritt ausgehandelt und eine zuletzt quälende 57-jährige Ära beendet. Das neue Bayreuther Führungsduo wird ganz sicher in Zukunft für Spannungen und Überraschungen sorgen, denn es ist wohl nicht schwesterliche Liebe oder Übereinstimmung der künstlerischen Auffassungen, die die beiden neuen Herrinnen von Bayreuth verbindet. Aber in Bayreuth nach Richard Wagners Tod ging es immer nur um Macht und Machterhalt.