Zum 50. Todestag Fritz Wunderlichs

Dieter David Scholz

 

 

Erinnerung an einen Jahrhundersänger

 

Zum 50. Todestag von Fritz Wunderlich

 

Heute, am 17. September, jährt sich zum 50. Male der Todestag Fritz Wunderlich. Er war der einer der hoffungsvollsten deutschen Tenöre der Nachkriegszeit. Als er kurz vor seinem 36. Geburtstag an den Folgen eines Unfall starb, riß er eine Lücke, die bis heute nicht gefüllt wurde.

 

 

In Kosel wurde er am 26. September 1930 geboren. Seine Mutter war eine aus dem Erzgebirge stammende Geigerin, sein Vater, in Thüringen gebürtig, war Cellist, Kapellmeister und Chordirigent. Er wurde allerdings von den Nationalsozialisten um seine Stellung gebracht. Er betrieb kurzfristig eine Gastwirtschaft und ein angeschlossenes Kino. Als sein Sohn Fritz gerade mal 5 Jahre alt war, nahm sich Paul Wunderlich das Leben. Die Familie überlebte nur, da die Mutter Musikunterricht gab. Abends spielte Mutter Wunderlich mit Sohn Fritz und seiner Schwester Unterhaltungs-musik. Das musikalische Talent Fritz Wunderlichs zeigte sich früh, er lernte verschiedene Instrumente. Am Gymnasium riet man ihm zu einem Musikstudium. An der Freiburger Musikhochschule begann er mit Horn, bevor er zur Gesangspädagogin Margarethe von Winterfeld kam.

 

Margarethe von Winterfeld – „Die Stimme war zuerst noch sehr jugendlich, sehr hell, fast knabenhaft, aber sie entwickelte sich in den viereinhalb Jahren, die ich ihn hatte, ehe er bei uns in einer Zauberflötenaufführung, die wir von der Hochschule aus machten, den Tamino sang. Und so schön, dass seine Laufbahn dadurch schon eigentlich gesichert schien".

 

Sie sollte Recht behalten. Schon ein Jahr nach dieser Aufführung wurde Fritz Wunderlich an die Württembergische Staatsoper in Stuttgart engagiert. Als er für den erkrankten Josef Traxel als Tamino einsprang, da Wolfgang Windgassen als Ersatz zugunsten des Anfängers verzichtete, wurde er über Nacht zum Star. Die Rolle sang er später auch an der Bayerischen Staatsoper, der Wiener Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen, seinen Hauptwir-kungsstätten. Dort sang er nicht nur den Tamino, sondern auch den Belmonte in Mozarts Entführung aus dem Serail.

 

Wunderlich – „Für mich gibt es nur zwei Ecksteine in der Musik überhaupt, das ist auf der einen Seite Bach und auf der anderen Seite Mozart in der Klassischen Musik, womit ich nicht sagen will, dass ich kein Freund von Operetten wäre“.

Fritz Wunderlich hat sogar viel Operette gesungen und deutsche Spieloper, konkurrenzlos bis heute, aber auch Schlager der sogenannten Unterhaltungsmusik wie beispielsweise das Granada-Lied von Augustin Lara, ein tenorales Bravourstück sondergleichen, das er mit jauchzendem Ungestüm wie kein Anderer zu singen verstand.

 

Was Wunderlichs Stimme so atemberaubend machte, war das strahlende Metall seiner mühelosen Höhe, der frische Glanz seines lyrischen Tenors, die atemtechnische Sicherheit, das betörende Legato seines Vortrags, die Natürlichkeit seines Singens und die absolute Wortverständlichkeit.

 

Brigitte Fassbaender, die Fritz Wunderlich in ihrer Zeit als Elevin an der Bayerischen Staatsoper erlebte, sprach später von seinem Timbre, als einem, “das den Hörern ans Herz ging“. Tatsächlich hatte diese Jahrhundertstimme einen Klang von keuscher Innigkeit, von Melancholie und Wehmut, die ihn nicht nur zu vielen Opernpartien von Richard Strauss, Puccini, Verdi oder Tschaikowski prädestinierte. Mit Partien wie Pfitzners Palestrina oder dem Steuermann in Wagners Fliegendem Holländer ließ er erahnen, was man von ihm noch hätte erwarten können, wenn er nicht so früh verstorben wäre. Auch das mörderische Trinklied vom Jammer der Erde aus Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ sang Wunderlich so mühelos wie kein anderer Tenor vor und nach ihm.

 

Fritz Wunderlich war ein begnadeter Oratorien- wie Liedsänger. Die Schubert- Bach- und Beethoveneinspielungen seiner umfangreichen Diskographie belegen es. Der langjährige Klavierbegleiter Wunderlichs, Hubert Giesen erinnert sich:

 

Giesen - „Er hat zuletzt so fabelhaft gesungen, dass ich ihm kurz vor seinem Tod, beim Edinburgh-Festival, wo wir seinen letzten Liederabend gaben, gesagt habe: So Fritz, jetzt bist Du meiner Ansicht nach der beste Liedersänger, den ich kenne.“

 

Luciano Pavarotti, 1990 befragt, wer für ihn der herausragendste Tenor der Geschichte sei, soll geantwortet haben: „Fritz Wunderlich“. Anneliese Rothenberger, die oft mit ihm auf der Bühne stand, würdigte ihn in einem Gespräch kurz vor ihrem Tod als bedeutendsten deutschen Tenor der Nachkriegszeit:

 

Rothenberger - „Künstlerisch war er der Beste und er ist ja bis heute nicht ersetzt, wenn wir ehrlich sind.“

 

Beitrag für MDR Kultur, Sendung im Opernmagazin am 17.09.2016