Nachruf auf Peter Wapnewski

Dieter David Scholz

 

 

Nachruf auf Peter Wapnewski

 

 

Großer Gelehrter, Kosmopolit & Mensch

 

Er war Gründungsdirektor des Berliner Wissenschaftskollegs, Vizepräsident des Goethe-Institus und des deutschen Akademischen Austauschdienstes, Wissen-schaftsmanager, Italienschwärmer (er hatte ein Anwesen in Volterra), begnadeter Causeur und einer der bezauberndsten Paradiesvögel unter den angesehensten Gelehrten unserer Tage. Der "große alte Mann" der Altgermanistik (Mediävistik) Peter Wapnewski ist am 22. 12.2012 im Alter von 90 Jahren in Berlin gestorben.

 

 

Peter Wapnewski galt als einer der bedeutendsten Altgermanistik im Nachkriegs-deutschland nicht nur, er gehörte zu den renommier-testen und bekanntesten Vertretern der Literaturwissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Weil er bedeutende Arbeiten geschrieben hat im Bereich der mittelalterlichen deutschen Literatur, unzählige Bücher, Aufsätze, Forschungsarbeiten über das Nibelungenlied, über Tristan und Isolde, Parzival und mittelhoch-deutsche Lyrik. Aber er war nicht nur Gelehrter, sondern auch eindrucksvoller Lehrer, er hat Generationen von Studenten in Heidelberg, Berlin und Karlsruhe unterrichtet und geprägt.

 

Man muß ihn gehört haben. Seine Vorlesungen, die er überwiegend frei hielt, waren stilistisch geschliffene, druckreife Reden, deren Faszination man sich nicht entziehen konnte. Das waren nicht nur gelehrte Vorträge, bei denen man inhaltlich viel lernte. Das waren auch Sprachkunstwerke, die vorführten, was guter Stil ist.

 

Wapnewski verstand es wie kaum ein anderer seiner Kollegen, mittelalterliche Literatur so zu vermitteln, dass sie plötzlich von heute aus begreifbar wird, ganz aktuell und spannend. Aber davon abgesehen war er nicht nur ein großer Gelehrter, er war auch ein großer Mensch, von unglaublicher Höflichkeit, Großzügigkeit auch anders Denkenden gegenüber und er hat immer über den Tellerrand seiner Wissenschaft geschaut. Aus meiner Erfahrung als einer seiner letzten Doktoranden kann ich sagen: Er war eine überragende, inspi-rierende Erscheinung, er war, was man einen homme de lettre nennen darf, weltgewand, sprach fließend mehrere Sprachen, und seine Erscheinung wie sein Lebensstil hatten Gran­dezza.

 

Peter Wapnewski hat sich aber nicht nur als Germanist einen Namen gemacht, sondern war auch in den Medien sehr aktiv. Er galt als einer der und als einer der prägendsten Intellektuellen der Bundes-republik. Er hat immer wieder seine Stimme erhoben, ob im Magazin ZEIT, im Spiegel oder in der FAZ. Ganz zu schweigen vom Rundfunk. Seine inzwischen legendären Lesungen waren ungewöhnlich, schon weil er mit eindrucksvoller Stimme und fesselnder Sprachgewalt mittelalterliche Epen vortragen und kommentieren konnte, wie kein Anderer.

 

Aber er hat sich nicht nur über das Mittelalter geäußert, sondern genauso profund über Rilke, über Thomas Mann, Joseph Roth, Ernst Jünger, Günter Grass oder Peter Handke. Er hat viel über Sprache als genaue Form des Denkens geschrieben, und er hat vorgeführt welche Kraft, welche Macht und Schönheit Sprache gerade heute, wo sie so vernachlässigt wird, haben kann. Von ihm konnte man lernen, wie man als Intellektueller oder Gelehrter dennoch elegant und verständlich schreiben kann. Was ungewöhnlich ist im akademischen Bereich. Jede Art von Angeberei mit Wissen und Wissenschaftssprache war ihm fremd. Er war auch als Mensch äußerst diskret, als Geist jedoch risikobereit, kritisch und streitbar, er hat oft polarisiert mit seinen Meinungen, aber er hat Toleranz und Offenheit der Meinung vorgelebt.

 

Ich glaube, man darf ihn als einen der letzten Universalgelehrten des Geistes bezeichnen, deshalb war er so prädestiniert für den Posten des Gründungsrektors des Berliner Wissenschaftskollegs, wo er noch zu Mauerzeiten dafür sorgte, dass gerade auch Fellows aus dem gärenden Osteuropa nach Berlin kommen konnten. Er hat sich in dieser Institution große Verdienste um den internationalen Austausch und die Förderung von Wissenschaftlern und Künstlern erworben.

 

Vielen ist Peter Wapnewski durch seine Wagnerbücher und seine Wagnervorträge auch im Rahmen von Sendereihen in der ARD im Gedächtnis. Nun ist Wagner nicht eben ein naheliegendes Thema für einen Mann der mittelalterlichen Germanistik, jedenfalls nicht auf den ersten Blick, aber auf den zweiten schon. Und das ist die große Leistung von Peter Wapnewski, gezeigt zu haben, dass Wagner ein "Mittler des Mittelalters" war.

 

Wapnewski hat in seinen Wagnerbüchern klar gemacht, was Wagner aus dem Mittelalter in seine modernen Musikdramen aufgenommen hat, aber auch, was in den mittelalterlichen Epen Wolframs von Eschenbach oder Gottfrieds von Strassburg an Modernität des Denkens steckte. Das hat so noch niemand vor ihm getan.

 

Wapnewski hat Wagner aber damit entmonumentalisiert, er hat ihn germanistisch wie psychologisch durchleuchtet und ihn, so der Titel seines berühmtesten Wagnerbuches - als "traurigen Gott" geoutet, dessen Werke eigentlich nichts anderes sind als utopische Rituale gegen die Angst, als Versuche, das Leben mit seinen Obsessionen und Sehnsüchten musikdramatisch zu bewältigen. Das hat ihm viele begeisterte Leser beschert, die plötzlich Wagner ganz anders wahrnahmen und es hat wichtige Impulse in der Wagnerforschung freigesetzt.

 

Was bleibt von Peter Wapnewski? Für die, die wie ich das Glück hatten, ihn persönlich zu kennen, bleibt die prägende Erinnerung an eine kosmopolitische Persönlichkeit von großem Format.

Es bleiben natürlich seine Forschungsarbeiten im Bereich der Germanistik, seine Bücher, die weit über reine Wissenschaft hinausgingen, nicht zuletzt seine Wagnerbücher. Es bleiben seine Hörbücher und es bleibt seine 2005 und 2006 publizierte zweibändige Autobio­graphie, deren Titel "Mit dem anderen Auge" auf seine schwere Kriegsverletzung anspielt, bei der er ein Auge verlor. In diesen Memoiren, die als persönlich reflektiertes kritisches Panorama Vor- und Nachkriegsdeutschlands gelesen werden können, hat Wapnewski sehr offen dazu Stellung genommen, was im Jahr 2003 ein Germanistenlexikon erstmals publik machte, dass auch er NSDAP-Mitglied war. Wapnewki schreibt betroffen, dass er als 18/19-Jähriger zum "nicht wissenden Parteigenossen" geworden war, indem er von einem Vorgesetzten zum Parteimitglied vorge-schlagen worden war, sich dem nicht widersetzte, aber nie ein Parteibuch erhalten hatte. Er war eher heimlicher Widerstands-kämpfer als Mitläufer. Statt Hitlergruß bevorzugte er ein stets ein mutiges "guten Morgen". Der Kriegsverwundete wurde wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet. Ihm drohte die Todesstrafe. "Die Verhaftung, drohende Hinrichtung und überraschende Rettung wurden zum Schlüsselereignis in Wapnewskis Leben. Deshalb traf die Anschuldigung, seine Mitgliedschaft in der NSDAP verschwiegen zu haben, den 81-Jährigen so tief. Er war, wie Walter Jens und andere, ein "nicht wissender PG" gewesen, der von einem Vorgesetzten zum Parteimitglied vorgeschlagen worden war, sich dem nicht widersetzt, aber nie ein Parteibuch erhalten hatte, das Ausweis seiner Mitgliedschaft gewesen wäre. ... Die Kampagne gegen ihn schmerzte – konnte seiner Lebensleistung aber nichts anhaben. "Wie nur wenige Kollegen seiner Generation blieb Peter Wapnewski sich bewusst, dass die NS-Vergangenheit nicht hinter den Deutschen lag – sie lag auf ihnen." (Wolf Lepenies).

 

Ich glaube, wenn Einer seiner Generation etwas aus diesem düsteren Kapitel Deutschlands gelernt hat, dann war es Peter Wapnewski. Er war einer der überzeugtesten wie überzeugendsten liberalen europäischen Freigeister. Seine Memoiren und seine Bücher bezeugen es.

 

 

Beitrag in MDR Figaro, 24.12.2012