Nachruf auf Manfred Jung

Dieter David Scholz

 

 

Zuverlässiger Wagnersänger

Nachruf auf den Tenor Manfred Jung

 

Keine Tenorpartie im "Ring", die er nicht gesungen hätte: Manfred Jung war einer der herausragenden Wagner-Sänger. Über 20 Jahre sang er bei den Bayreuther Festspielen. Wie seine Familie am Dienstag, 18. 4. 2017 mitteilte, ist Manfred Jung am Karfreitag nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren in Essen gestorben.

Als er auf der Bühne der New Yorker Metropolitan Opera als Walther von Stolzing in Wagners Meistersingern stand, befand er sich am Zenit seiner Karriere. Doch eigentlich begann er als Elektroingenieur hinter den Kulissen am Stadttheater von Essen. Dann beschloss er, seine Stimme an der Folkwang-Musikhochschule von Hilde Wesselmann ausbilden zu lassen.1967 feierte er sein Wagner-Debüt bei den Bayreuther Jugendfestspielen, als Arindal in Wagners Frühwerk "Die Feen". Ab 1970 sang er im Bayreuther Festspielchor. Ein Jahr später begann seine solistische Karriere. Er wurde ans Opernhaus Dortmund engagiert. Sieben Jahre blieb er dort, dann wechselte er an die Deutsche Oper am Rhein. In Düsseldorf hatte er 1976 als Loge im Rheingold seinen großen Durchbruch. Er war nicht nur ein außergewöhnlich vielseitiger, sondern auch ein beliebter Sänger beim Publikum , wie der damalige Intendant Grischa Barfus herrorhob:

 

„Weil er so ungewöhnlich zuverlässig war und weil er gar keine Sperenz¬chen machte. Er hat nie Starallüren aufgebaut. Sondern er war einfach Manfred Jung und das Publikum hat ihn als Manfred Jung akzeptiert.“

 

Manfred Jung sang den Lenski in Tschaikowskis Eugen Onegin und den Cavaradossi in Puccinis Tosca in seiner Anfängerzeit als lyrischer Tenor. Schon in Dortmund hatte er sich 27 lyrische Partien erarbeitet. Am Pfalztheater Kaiserslautern schaffte er den Übergang ins lyrisch-dramatische Fach. Innerhalb weniger Jahre machte er sich mit seinen Gastspielen weltweit einen Namen, vor allem als Wagner-Sänger. Engagements führten ihn nicht nur nach Köln, Düsseldorf, Frankfurt und Berlin, sondern auch bereits nach Lissabon, Rom und Barcelona.

Eines der bemerkenswertesten Auslandsgastspiele führte Manfred Jung nach Jerusalem, wo er in Halévys Jüdin den Eléazar in hebräischer Sprache sang. 1975 gastierte er bei den Salzburger Osterfestspielen Herbert von Karajans. Seit 1977 gehörte er zu den ersten Kräften des Festspiel-Ensembles und sang dort Tristan und Parsifal. Als Siegfried gab er in der Götterdämmerung sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen in Patrice Chereaus „Jahrhundertring“, der auch auf DVD erschien. Er blieb 20 Jahre Solist bei den Bayreuther Festspiele und war das Musterbeispiel eines zuverlässigen Sängers. Als einziger Tenor der Festspielgeschichte hat er in Bayreuth alle Tenorpartien im Ring gesungen. Für Festspielchef Wolfgang Wagner war Manfred Jung ein Glücksfall:

 

„Ein Sänger wie Manfred Jung ist für jedes Theater und insbesondere für Festspiele lebensnotwendig. Ohne Künstler dieses Schlages und dieser Art kann man überhaupt nicht Theater spielen, vor allen Dingen auch keine Festspiele machen, denn wichtig ist ja, dass er immer präsent ist, dass er auch an Tagen, an denen er nicht so disponiert ist, singt, denn gerade in den großen Wagnerpartien laufen ja Covers und Ersatzleute nicht irgendwo herum.“

Nach dem Bayreuther Erfolg startete Manfred Jung eine internationale Karriere, die ihn in die Carnegie Hall und an an die Metropolitan Opera führte, die ihn 1980 mit einem Fünfjahres-vertrag ans Haus verpflichtete, wo er neben Walther von Stolzing auch Siegmund und Siegfried im Ring, den Tristan und den Florestan in Beethovens Fidelio sang. Aber er war auch immer wieder gern gesehener Gast in Wien, Paris, Brüssel, Madrid, Barcelona und Warschau, wo er im Ring von August Everding auftrat, der ihn außerordentlich schätzte:

 

„Jung ist ein Jungbrunnen für mich. Das ist immer ein fröhlicher, ein rheinisch fröhlicher Mensch mit dem zu arbeiten einem Freude macht, vor allem auch, weil er die Partien sehr genau kennt und die so oft gesungen hat, dass ich damit einen ganz erfahrenen Sänger zur Seite habe, der dann zudem auch noch Humor hat, und das ist selten geworden auf den Bühnen.“

 

Manfred Jung war trotz seines internationalen Erfolgs regelmäßiger Gast an den Staatsopern von Hamburg, München und Stuttgart geblieben. Er hatte keine „schöne Stimme“, aber eine kraftvolle, er war seinen Partien gewachsen, war sehr wortverständlich, äußerst zuverlässig und strapazierbar. Auch Bayreuth hielt er die Treue und rettete 1983 als Siegfried-Einspringer den Ring von Peter Hall und Georg Solti. In den 90er Jahren wechselte Jung vom heldischen mehr und mehr ins Charakterfach. Als Aegisth und Herodes hatte er international große Erfolge. Im sizilianische Catania sang der den Valzacchi im Rosenkavalier. 1993 sang er in Montpellier in der Uraufführung der Oper Le Chateau des Carpathes von Philippe Hersant. Dann wurde es still um den Sänger.

Noch auf dem Höhepunkt seiner Sängerlaufbahn hatte Manfred Jung die Leitung der Städtischen Chorgemeinschaft Herne übernoimmen, bei deren zahlreichen Konzerten er auch als Dirigent hervortrat. Schließlich wurde er künstlerischer Leiter der Jungen Musiker Stiftung. Als Manager, Pädagoge und Dirigent der in Liechtenstein gegründeten Stiftung mit Sitz in Bayreuth widmete er sich der künstlerischen und finanziellen Förderung begabter Sänger und Instrumentalisten in Meisterklassen, Orchesterkursen, Wettbewerben und bei Stipendien.

 

Er soll ein gestrenger Pädagoge gewesen sein und hielt die jungen Musiker zur präzisen Umsetzung von Noten und Text an: Das sei schon die halbe Interpretation! Er hatte den jungen Musikern eine Menge zu sagen. Erstaunlich, dass der Wagnersänger dabei oft auf die Termi-nologie der Belcanto-Schule zurückgriffen haben soll. Doch auch wieder nicht, denn er hatte seien Gesangslaufbahn schließlich mit Belcanto begonnen.

Beitrag auch in MDR Kultur