Nachruf auf Kurt Moll

Dieter David Scholz

 

 

"Die Stimme Gottvaters"

07.03.1.2017: Nachruf auf den Bassisten Kurt Moll

 

Er wurde der König der deutschen Bassisten genannt und war einer der größten Publikumslieb-linge, der Opernsänger Kurt Moll, einer der bedeutendsten Bassisten unserer Zeit. Er ist ist - wie erst jetzt bekannt wurde - am Sonntag im Alter von 78?Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben.

 

Kurt Moll verfügte über eine konkurrenzlos wohllautende Stimme, sie war warm, rund, gehaltvoll, geradezu schwarz, aber samtig. Seine Technik war vollendet, die Stimme saß in allen Registern. Er schien sich nie anstrengen zu müssen. Sein Gesang strömte völlig natürlich und balsamisch dahin. Daher war er eigentlich in jeder Rolle zuhause und sang sie, als wäre sie selbstverständlich und ganz einfach zu singen. Damit hat er, wie kein anderer Bassist seiner Zeit nicht nur in vielen Rollen Maßstäbe gesetzt. Wer ihn als Gurnemanz in Wagners „Parsifal“, als Baron Ochs in Strauss’ „Rosenkavalier“, als Sarastro in Mozarts „Zauberflöte“ oder als König Marke in Wagners „Tristan und Isolde“ hörte, mochte diese Partien eigentlich nicht mehr anders hören. Seine Kollegen hatten es schwer, gegen ihn anzutreten. Er war stimmlich konkurrenzlos, aber auch als Darsteller völlig natürlich. Er war ein nobler, zurückhaltender Akteur auf der Bühne. Übertriebender Aktivismus oder sich entäußerndes Ausdruckstheater verabscheute er, auch extremes Regietheater. Kopfstände auf der Bühne oder sich nackt ausziehen vor Publikum, das waren Dinge, die man bei ihm nicht erlebte. Er musste auch gar nicht viel tun, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken oder zu überzeugen. Wenn Kurt Moll eine Rolle verkörperte, hatte man das Gefüh: So und nicht anders muß es sein, eben weil seine Stimme und seine stattliche Erscheinung eine authentische Einheit bildeten, egal ob er ernste oder komische Rollen sang und spielte.

 

Kurt Moll kam am 11. April 1938 in Buir bei Kerpen, in der Nähe von Köln zur Welt. Er studierte an der Kölner Musikhochschule. Eigentlich wollte er Cellist werden. Aber seine außergewöhnliche Stimme fiel früh auf. Schon mit 20 begann er seine berufliche Laufbahn an der Kölner Oper. Dann folgten Engagements in Aachen, Mainz und Wuppertal. Bei den Bayreuther Festspielen debütierte er 1967. Seinen internationalen Durchbruch hatte er drei Jahre später bei den Salzburger Festspielen als Sarastro in der „Zauberflöte“. Das war eine seiner Paraderollen, die ihn sein ganzes Leben hindurch begleiten sollte. 1972 hatte er sein Debüt an der Mailänder Scala als Osmin in der „Entführung aus dem Serail“. 2 Jahre später gab er sein USA-Debüt in San Francisco als Gurnemanz (in Wagners Parsifal) Auch das eine seiner Paradepartien. An der Metropolitan Opera in New York trat er erstmals in der Saison 1979 auf und sang unter anderem den Rocco (Fidelio) und Sparafucile (Rigoletto). Er sang alle großen Partien seines Fachs, sein Repertoire war breit. Und er sang auf allen großen Bühnen der Welt, mit den wichtigsten Dirigenten des letzten halben Jahrhunderts. Kurt Moll war auch als Lieder-sänger eine maßstabsetzende Autorität. Unvergesslich ist seine Winterreise von Franz Schubert . Besonders eindrucksvoll finde ich seine Gestaltung der Balladen von Carl Loewe.

 

Als Mensch war Kurt Moll außerordentlich sympathisch. Er wurde zwar über Jahrzehnte hinweg gefeiert als einer der führenden Bassisten des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Aber er war alles andere als ein Star. Starallüren waren ihm völlig fremd. Man hatte eher das Gefühl, dass der gemütvolle Rheinländer immer etwas neben dem Opernbetrieb mit seinen Eitelkeiten und Befindlichkeiten zu stehen schien. Man konnte ganz normal mit ihm reden. Kollegen und Publikum in aller Welt liebten ihn daher, ob in Hamburg, Wien, New York, Bayreuth oder Salzburg. Er war nicht nur Bayerischer, sondern auch Hamburger und Wiener Kammersänger. - Mit der "Stimme Gottvaters" wurde sein tiefer, sonorer Bass immer wieder verglichen. 45 Jahre blieb Moll seinem Publikum der bayerischen Staatsoper, sie war sein Stammhaus, treu, bevor er sich 2006 verabschiedete. Nicht mit einer der großen, tragenden Rollen, sondern als Nachtwächter in Wagners „Meistersingern von Nürnberg“, mit dem frommen Wunsch: "Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen, die Glock hat elfe geschlagen: „Bewahrt euch vor Gespenstern und Spuk, dass kein böser Geist eu'r Seel beruck!“ Lobet Gott, den Herrn!" Das war typisch Kurt Moll!

 

Kurt Moll war auch ein gefragter Gesangspädagoge an der Kölner Musikhochschule. Er hat die Ausbildung des Sängernachwuchses so ernst genommen wie nur wenige. Darüber habe ich mit ihm einmal geredet. Er hat kein Blatt vor den Mund genommen, wenn er über die Mängel der Sängerausbildung an den deutschen Musikhochschulen sprach:

„Wichtig wäre, was ich an anderen Hochschulen, z.B. in Moskau beim Tschaikowski-Konser-vatorium gesehen und gehört habe, dass die Sänger jeden Tag Gesangsunterricht haben, Solounterricht. Bei uns haben sie leider nur anderthalb Stunden in der Woche. Das ist für ein Hauptfach viel zu wenig!“

 

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