Nachruf auf Johannes Felsenstein

Dieter David Scholz

 

 

Foto: Claudia Heysel / Anhaltisches Theater Dessau

 

 

Nachruf auf Johannes Felsenstein

 

Johannes Felsenstein ist der mittlere der drei Söhne des legendären Grün- ders der Berliner Komischen Oper, Walter Felsenstein. Er hat zuletzt bis 2009 als Generalintendant das Anhaltische Theater Dessau geleitet, dann zog er sich in den Ruhestand zurück. Wie heute bekannt wurde, ist er am 30.10. 2017 im Alter von 73 Jahren gestorben.

 

 

2005 brachte Johannes Felsenstein am Anhaltischen Theater Dessau mit großem Erfolg Verdis frühe Oper „Luisa Miller“ heraus. Seine Verdi- und Wagner-Zyklen, die er seit seinem Amts-antritt als Intendant produzierte, nach 5 Jahren wurde er Generalintendant des großen Theater zwischen Berlin und Leipzig, haben deutschlandweit Aufsehen erregt in überregionalen Zei-tungen. Es gab viele selbst hauptstädtische Opernenthusiasten, die fuhren jahrelang nach Dessau, um den frühen Verdi – oder auch um Wagner zu sehen, frei von Entstellungen soge-nannten Regietheaters. Bussgeschwader von Wagnervereinen aus ganz Deutschland reisten regelmäßig nach Dessau. Johannes Felsenstein hatte es in den Jahren zwischen 1991 und 2009 geschafft, dass man wieder über das Dessauer Theater sprach, und dass das Opernpublikum selbst aus Berlin und Leipzig nach Dessau pilgerte.

 

Er hat nach der Wende dem Anhaltischen Theater einen mächtigen Schub nach vorne versetzt, er hat es aus der zuletzt doch sehr provinziellen Abgestandenheit in die überregionale Interes-santheit gehievt. Ästhetisch, sängerisch, musikalisch und programmatisch. Als Chefregisseur hat er dort ein breites Repertoire inszeniert: Neben Verdi und Wagner auch Mozart, Richard Strauss, italienisches, russisches und böhmisches Repertoire, insgesamt 38 Werke. Die Ära Dessau war die längste und wohl bedeutendste Karrierestation des Theatermannes Johannes Felsenstein. Er hatte es nicht leicht, als Sohn des legendären Walter Felsenstein, durch den er schon seit frühester Kindheit Kontakt zum Musiktheater er schon als hatte. Bei seinem Vater erlernte er das Regiehandwerk, 1973 wurde er Assistent an der Berliner Komischen Oper, vorwiegend bei seinem Vater, aber auch bei Joachim Herz, Götz Friedrich, David Pountney und Harry Kupfer, nachdem er zuvor drei Jahre Regie an der Hanss Eisler- Musikhochschule stu-diert hatte. Da er unter den Fittichen seines Übervaters an der Komischen Oper wenig Fortüne hatte, verließ er 1985 die Komische Oper und arbeitete als Gastregisseur in Leipzig, Weimar, Karlsruhe , Darmstadt Aachen und Saarbrücken. 1988 verließ er die DDR und würde für drei Jahre Chefregisseur und Oberspielleiter des Musiktheaters in Bremerhaven, danach übernahm er das Anhaltische Theater Dessau.

 

Johannes Felsenstein hatte den kontrovers beurteilten Ruf, „werktreu“ zu inszenieren. Daran stießen sich viele, andere wiederum kamen gerade deshalb nach Dessau, um dort Oper jenseits modernen „Regietheaters“ erleben zu können. Ohne Frage sind ihm bewegende, aufregende, faszinierende, Inszenierungen gelungen, allerdings auch einige nur schwer erträgliche Entglei-sungen in den Kitsch und ins allzu menschelnde Operntheater von vorgestern. Aber immerhin, dass da jemand so selbstbewusst und konsequent allen Moden, Trends und Zeitgeistversu-chungen widerstand, das hatte Seltenheitswert. Man hat in seinen besten Inszenierungen durch Johannes Felsenstein noch etwas vom großen Walther Felsenstein erahnen dürfen, der ja immer das künstlerische Idol war, dem Johannes nacheiferte. Johannes Felsenstein, der bis zuletzt in Glienicke bei Berlin lebte, im Marienhof, dem letzten Wohnort seines Vaters, hinterlässt seine Witwe und 2 Töchter. Als erfolgreicher Theaterdirektor bzw. Generalintendant wird er in Erinnerung bleiben. In der jüngeren Theatergeschichte Dessaus hat er sich einen verdienstvollen und verdienten Platz erarbeitet, den ihm niemand streitig machen kann.

 

 

Nachrufe auch in MDR Kultur & DLF Kultur heute am 3.11.2017