Nachruf auf Alberto Zedda

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Rossini Opera Festval

 

 

8. März 2017

Der Vater der Rossini-Renaissance ist tot

Alberto Zedda ist mit 89 Jahren gestorben

 

Er war der Doyen der Rossinipflege, Grandseigneur der Rossini-Dirigenten und legendärer künstlerischer Direktor des renommierten Rossini Opera Festival im Geburtsort des Komponisten an der italienischen Adriaküste. Wenn Alberto Zedda vor einem Orchester stand, klang es einfach „anders“. Talentierte Nachwuchssänger formte er in seiner Accademia Rossiniana innerhalb von sechs Wochen zu perfekten Rossinisängern.

 

In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte Alberto Zedda die Grundlagen für eine neue und neuartige internationale Wahrnehmung seines italienischen Landsmannes geschaffen. Anhand der Quellen und des Autographen erarbeitete er eine Neuausgabe des „Barbiers von Sevilla“ und leitete so eine philologisch fundierte (historisch informierte) Rossini-Renaissance ein, die bis heute Früchte trägt. Zedda verhalf dem bis dahin lediglich sls Buffa-Komponisten wahrgenommenen Rossini mit seinem Leben und seinem Lebenswerk zu neuen Ehren: dem Schöpfer eines ungemein intelligenten, vorausweisenden Musiktheaters auch und gerade jenseits der Komischen Opern.

 

Seine letzten Rossini-Aufführungen hat Alberto Zedda im November in Paris und Lyon dirigiert. Am Dienstag ist der italienische Dirigent und Rossini-Experte Alberto Zedda mit 89 Jahren in Pesaro gestorben. Vor allem in Deutschland hate er sich um ein neues Rossinibild verdient gemacht. Nicht zuletzt seine Dirigate an der Deutschen Oper Berlin waren gefeierte, ausverkaufte Publikumsrenner. „Zedda gab Rossinis Werken Größe, schuf Abende voller künstlerischer Sanftheit und Delikatesse“, wie man seitens der Deutschen Oper Berlin mit Stolz bekennt. Sein Debüt an diesem Haus hatte er 1961 mit Puccinis "La Bohème" gegeben. Bis 1963 war er für das italienische Repertoire zuständig und kehrte auch danach immer wieder an die Bismarckstraße zurück, so 2003 mit "Semiramide", mit "Tancredi" 2012.

 

Die Deutsche Rossini-Gesellschaft ernannte ihn nicht von ungefähr zum Ehrenpräsidenten und würdigte damit seine herausragenden Verdienste um das Werk des italienischen Komponisten. Als künstlerischer Leiter des Rossini-Festivals in Pesaro hatte er Gelegenheit, seine Vision mit immer neuen Ausgrabungen und lebendigen Neuinterpretationen zu verwirklichen. Die Opernorchester in New York und Mailand florierten unter seiner Leitung ebenso wie die Orchester in Antwerpen, Paris, München, Barcelona oder Madrid, wo er als gerngesehener Gast zahlreiche Aufführungen dirigierte. Auch als Herausgeber und Lehrer war Zedda einer der wichtigsten Vertreter einer kritisch-historischen Aufführungspraxis. Seine musikphilologischen Studien machten ihn zum gefragten Dozenten für Musikgeschichte an der Universität Urbino und gesuchten Mentor für junge Dirigenten und Musikwissenschaftler. Sein Buch „Rossini-Streifzüge“, das inzwischen auch ins Deutsche übersetzt wurde, halb Autobiographie, halb gelehrtes Fachbuch, bezeugt die eminente Bedeutung Zeddas. Jeder, der sich mit Rossini beschäftigt, sollte dieses Buchgelesen haben.

 

Zedda wurde 1928 in Mailand geboren, wo er später auch Musikwissenschaft studierte. Er durchlief Stationen an der Deutschen Oper Berlin, der New York City Opera und der Wiener Staatsoper, wurde unter anderem künstlerischer Leiter an der Mailänder Scala und dem Teatro Carlo Felice in Genua. 1981 kam er als künstlerischer Berater zum Rossini Opera Festival in Pesaro, dessen künstlerischer Direktor er von 2001 bis 2015 war. Fast genau eine Woche vor seinem Tod, am 28. Februar, sollte Zedda Rossinis "La Cenerentola" in Pesaro dirigieren. Aber die Folgen einer Operation hätten am Ende nicht erlaubt, aufs Podest zu steigen, berichteten italienische Medien. Dem Orchester hat er aber eine Botschaft hinterlassen, seine letzten Worte: "Es wird ein unvergesslicher Abend, auch ohne mich." Gewiss, er hat ihn ja vorbereitet. Aber die Welt ist ohne Alberto Zedda ärmer geworden.

 

Er hatte immer ein Strahlen im Gesicht, er war von scheinbar unzerstörbarem Optimismus beseelt. Heiterkeit und Herzlichkeit zeichneten ihn aus. Obwohl er ein hochgebildeter Mann war, ist er immer ein schlichter und bescheidener Mensch geblieben, down to earth. Mehr als 20 Jahren habe ich ihn alljährlich in Pesaro besucht, habe über sein Festival berichtet, habe mit ihm geredet und habe viel über Rossini gelernt von ihm. Er wird mir fehlen. Wer diesen großen Künstler, Wissenschaftler, Impresario und Menschen nicht erlebt hat, hat etwas versäumt im Leben!