Jacques Offenbach zum 200sten Gbtg.

Dieter David Scholz



Original Nadar-Photo. Im Besitz des Autors

Jacques Offenbach zum 200. Geburtstag


Zirkusmann und Zensor der Belle Epoque


Fragt man in einem Pariser Schallplattengeschäft nach Jacques Offenbach, kann es einem passieren, dass mit Achselzucken regiert wird. In Berlin wird man meist in die (wenn vorhanden) Operettenabteilung verwiesen. Beides verwundert, denn Offenbach war einmal einer der erfolgreichsten Komponisten von Paris. Mit Operette hat er aller-dings kaum etwas zu tun. Er hat zwar in seinem gewaltigen Œuvre von 600 Werken, darunter rund 150, die er fürs Musiktheater geschrieben hat, auch zwei Dutzend Werke komponiert, die er als „opérette“ oder „opérette-bouffe“ bezeichnete, doch mit den viel später entstandenen Wiener und Berliner Operetten haben sie nicht viel gemein. Daneben bediente er verschiedenste Gattungen wie die „opéra-féerie“, „opéra-fantas-tique“, „opéra-comique“, „Große romantische Oper“ (er hat, was nur wenige wissen, auch ein Dutzend Opern geschrieben) und andere mehr.  Der Großteil seiner Bühnen-werke trägt allerdings die Gattungsbezeichnung „opéra bouffe“.  Das ist die von ihm erfundene „Offenbachiade“, wie der große Offenbachianer Karl Kraus diese Gattung erstmals nannte: heiter satirisches, rebellisches, angriffslustiges und politisches  Musik-theater, wie es bis dato nicht exis-tierte. Im Unterschied zur Operette hat Egon Friedell in seiner “Kulturgeschichte der Neuzeit“ schon 1927 den Werken Offenbachs beschei-nigt, dass sie „beißende, salzige, stechende Persiflagen der Antike, des Mittelalters, der Gegenwart“ seien, „aber eigentlich immer nur Gegenwart und im Gegensatz zur Wie-ner Operette, die erst eine Generation später ihre Herrschaft antrat, gänzlich unkitschig, amora-lisch, unsentimental, ohne alle kleinbürgerliche Melodramatik, vielmehr von einer rasanten Skepsis und exhibitionistischen Sensualität, ja geradezu nihilistisch.“  Wien (neben Bad Ems Offenbachs Lieblingsgastspielort, weil er dort stets mit größter Orchesterbesetzung auf-geführt wurde) war von Offenbachs Tourneen derart begeistert, dass es sein Modell heiter satirischen Musiktheaters nachzuahmen suchte, woraus dann die Wiener Operette entstand.

 

Wesentlich für die Offenbachiaden sind die Vermenschlichung des Mythos, Entklei-dung des Autoritären, Durchbrechen von Denkver-boten, Infragestellung des Gege-benen, aber auch  das Verspielte, das Jonglieren mit Zeiten und Räumen, Verkleidungen und Masken. Offenbachs Librettisten (die besten ihrer Zeit: Eugène Scribe, Henri Meilhac und Elias Fromental Halévy) schrieben Stücke, die geprägt sind „durch einen kritischen, nervösen Zeitgeist, den respektlosen, autoritätskritischen Umgangston, den mehrschichtigen Anspielungs-reichtum, der dem des Musikers kongenial zuarbeitet“ (Peter Hawig). Offenbach schreibt Musik über Musik. Sie ist gekennzeichnet durch wechselnde, geistreich kontrastierende wie rhythmisch mitreißende und humoristisch persiflierte Stilidiome, die die Brüchigkeit der mo-dernen urbanen Welt zum Ausdruck bringt. Das „tiefste Geheimnis der Offenbachschen Musik ist allerdings der Rhythmus“ und die „Verbindung von gesungenem Wort mit der Tanzgebärde“ (Paul Bekker). Darin ist Offenbach nie übertroffen worden. Nicht zuletzt, weil Offenbachs  durchsichtiger Orchestersatz  an den graziösen Esprit Mozarts  erinnert,  nannte Rossini Offenbach den „Mozart der Champs-Elysées“.


Was die Offenbachiade von der  Operette vor allem unterscheidet, ist der „Rückzug ins Kleinkarierte und ‚Lebkuchenherzhafte“ (Peter Hawig), aber auch das Gemütliche, Affirmative, Heimatverbundene, Patriotische und Sentimentale.  Offenbach verklärt nichts und zwingt seine Zeitgenossen, die Großen wie die Kleinen, die Mächtigen wie die Ohnmächtigen zu einem Blick in den vorgehaltenen, blank-geputzten Spiegel.


Jacques Offenbach wurde am 20. Juni 1819 in Köln geboren und hieß eigentlich Jakob. Er war der Sohn des fahrenden jüdischen Musi-kers Isaac aus Offenbach, der später der erste Kantor der Kölner Synagoge wurde. In Köln lernte Jakob in  Kneipen und Tanz-häusern die Musik der jüdischen Spielleute kennen, die dort üblicherweise musizierten. Die überragende Begabung seines Sohnes hatte Isaac früh erkannt und gefördert.  Jakob soll nach zeitgenössische Berichten schon mit fünf Jahren ein nahezu perfekter Cello-virtuose gewesen sein. Man nannte ihn den „Liszt des Cellos“. Er gab im Alter von zehn Jahren bereits „seriöse“ Konzerte, trat aber auch in Weinschänken und Zunft-häusern auf. Der enge Kontakt mit dem  rheinischen Volksleben der unteren Schichten sollte später seine „opéra bouffe" prägen, in der seine Sympathien immer den kleinen Leuten,  denen „da unten“, und nicht denen „da oben“ gilt.


Von seinem zweiten Cellolehrer, dem Karnevalskomponisten  Bernhard Breuer, „holte sich Offenbach nicht nur den letzten Schliff als Cellist, durch ihn ist er noch inniger mit der ganzen Atmosphäre der Kölner Lustigkeit in Berührung gekommen, wie sie sich namentlich im Kölner Karneval äußert.“ (Anton Henseler) Im Alter von 14 Jahren reiste Vater Isaac mit Jakob nach Paris. Er wollte ihn nirgends sonst als am renom-mierten Pariser Conservatoire unterbringen. Ausländer durften dort eigentlich nicht studieren, aber als es Isaac erreicht hatte, dass sein Sohn Direktor Luigi Cherubini vorspielte, rief der schon nach wenigen Takten aus: „Ihr seid Schüler des Konservato-riums!“  Einige Jahre zuvor wurde selbst Franz Liszt abgelehnt.  Jakob nannte sich fortan "Jacques". Er blieb allerdinge nur ein Jahr am Conservatoire. Zunächst machte er in großbürgerlichen Salons als gefeierter Cellovirtuose auf sich aufmerksam. Er war Cellist in diversen Boulevardtheatern und an der Opera Comique. Als Kapellmeister am Théatre Française komponierte er bereits Schauspielmusiken und Liedeinlagen. 


Als am 2. Dezember 1852 durch Senatsbeschluß und Volksabstimmung der vorjährige Staatsstreich mit der Proklamation der Monarchie und Kaiserkrönung zu Ende geführt wurde,  hatte die Stunde Offenbachs geschlagen. „Das Zweite Kaiserreich war das Milieu, in dem Offenbach zum Abgott von Paris aufsteigen konnte. In Paris spielten wieder die Theater. Opern und Komödienhäuser, Zirkusarenen, Restaurants und Konzert-Cafés erstrahlten heller denn je im Licht der neuen Gasbeleuchtung.  Kaiser Napoleon III. ordnete (nach dem Vorbild Londons 1851) eine erste Weltausstellung in Paris an. Sie wurde am 15. Mai eröffnet. Die Lichterstadt Paris wurde europäische Hauptstadt." (P. Walter Jacob). In diesem Milieu schuf Offenbach ein Unterhaltungs-theater, das in bis dato nicht dagewesener Form die Bedürfnisse seines Publikums befriedigte und zugleich verspottete, das amüsierte und doch auch kritisierte: Unterhaltend satirisches Musiktheater. Er wurde zum Zirkusmann und Zensor der Belle Epoque. Am 5. Juli 1855 fand die erste Aufführung in Offenbachs erstem Pariser Theater statt, den „Bouffes-Parisiens“ (einem kreisrunden, hölzernen Theaterchen, das ehemals einem Zauberkünstler gehörte), an der Champs-Élysées, direkt gegenüber dem Weltausstellungspalast.


Der Einakter "Les deux Aveugles"- "Die beiden Blinden“  wurde zum beispiellosen Erfolg, der die Institution der Bouffes auf Anhieb etablierte. Die Gäste der Weltaus-stellung, darunter viel angereiste Prominenz, strömten in sein Miniaturtheater, das viele Hunderte Abende ausverkauft war. Immer neue Einakter schrieb Offenbach danach in geradezu schwindelerregender Schnelligkeit. Ein Werk nach dem Anderen wurde ein Erfolg. Offenbach schrieb  zwischen 1855 und 1870 mehr als 70 Einakter und abend-füllende Werke und übernahm immer größere Theater, nachdem ihm behördlich erlaubt wurde, für immer mehr Sänger und Instrumente zu schreiben. Theaterbesetzungen waren damals streng reglementiert. Mit seinen Werken reagierte Offenbach wie ein Seismograph auf gesellschaftliche Vorgänge. Das Pariser Publikum war hellhörig für subversive Zwischen- und Untertöne, es war vergnügungssüchtig, aber auch wach und sensibel für angriffslustigen Scherz, politische Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Die sozialkritischen Mythentravestien, die Karika-turen gesellschaftlicher Typen, die geistreichen Parodien Offenbachs trafen auf offene Ohren eines zwischen Unter-drückung und Freiheit, Glanz und Fadenscheinigkeit auf schmalem Grat sich amüsie-renden Theaterpublikums. Der Deutsch-Französische Krieg bedeutete das Ende des Zweiten Kaiserreichs und damit auch das Ende der Offenbachiade, denn nur unter den spezifischen Bedingungen des Zweiten Kaiserreichs (in theatersüchtigen Zeiten reprä-sentationslüsterner Diktaturen mit Zensur und Volksunterdrückung bei gleichzeitigem Bedürfnis nach subversiven Gegenbewegungen im "Untergrund")  konnte ein Genie wie Jacques Offenbach gedeihen. 


Obwohl der Zeitgeist sich nach dem Deutsch-Französischen Krieg gewandelt hatte und die öffentliche Meinung Offenbach verurteilte, für die Deutschen war er Vaterlands-verräter, für die Franzosen quasi Staatsfeind (obwohl er seit 1860 französischer Staats-bürger war), kehrte er 1871 aus seinem spanischen Exil mit seinen Werken nach Paris zurück. In den folgenden 9 Jahren die er noch zu leben hatte, schrieb Offenbach Dutzende neuer Stücke. Der Romancier Emile Zola donnerte damals "Die Operette ist ein öffent-liches Übel, man sollte sie erwürgen wie ein schädliches Tier."  Spätestens ab diesem Zeitpunkt begann das Missverständnis Offen-bachs als Operettenkomponist.  Doch seit den 1860er Jahren war er, wie Laurence Senelick zuletzt betonte, „ein internationaler Hit.


Er wurde überall auf der Welt gespielt, und er durchdrang und beeinflusste  andere  Kulturen in einem Ausmaß, wie es nur selten geschah.“  Offenbach hatte als kon-kurrenzloser Meister der musikalischen Satire längst die ganze Welt infiziert.   




Literaturangaben:


Paul Bekker:  Offenbach. Berlin 1909

Anton Henseler: Jakob Offenbach. Berlin 1930

P. Walter Jacob: Offenbach. Reinbeck 1969

Laurence Senelick: „Jacques Offenbach and the Making of Modern Culture“. Cambridge University Press 2017. 

Heiko Schon: Jacques Offenbach – Meister des Vergnügens. Regionalia Verlag, Daun 2018     

Ralf-Olivier Schwarz. Jacques Offenbach. Ein europäisches Porträt. Böhlau, Wien 2018

Peter Hawig/Anatol Stefan Riemer: Musiktheater als Gesellschaftssatire. Die Offenbachiaden und ihr Kontext. Burkhard Muth, Fernwald 2018