Kutsch/Riemens: Großes Sängerlexikon

Dieter David Scholz

 

 

Rezension für SDR, Opernwelt - 1998

 

„sammelt die übrigen Brocken,

daß nichts umkomme“

 

K.J. Kutsch/Leo Riemens: Großes Sängerlexikon

 

Dritte erweiterte Auflage. K.G. Saur Verlag, Bern/München 1997

5 Bände 3980 Seiten, DM1180,-

 

 

 

Man mag es Ironie der Kulturgeschichte nennen, daß in Zeiten des Niedergangs der Gesangs-kunst, vor allem des Belcanto, die alten Sänger-Aufnahmen wiederentdeckt und akribisch restauriert werden, aber auch Literatur über große Sänger, Bücher über das Singen und die Gesangskunst, Autobiographien berühmter Gesangsstars und Anthologien von Sängerviten auf den Markt drängen.

 

Aber es existiert nur ein umfassendes Sängerlexikon auf dem deutschsprachigen Büchermarkt. Schon deshalb ist das Sängerlexikon von Karl-Josef Kutsch und Leo Riemens bis heute konkurrenzlos. Aus dem 1962 zum ersten Mal erschienenen „Kleinen Sängerlexikon“ - damals noch ein schmaler Band von 430 Seiten, in dem knapp 1000 Sänger porträtiert wurden - ist inzwischen, nach zahlreichen ergänzten und verbesserten Auflagen, ein stattliches, im wahrsten Sinne des Wortes gewichtiges „Großes Sängerlexikon“ geworden. 1990 und 1993 wurde der zweibändige Wälzer um jeweils einen Ergänzungsband erweitert und aktualisiert, unter Mitwirkung Hansjörg Rosts für den 1985 verstorbenen Leo Riemens. Nun endlich sind diese Ergänzungen alphabetisch in die Hauptreihe eingearbeitet, wiederum erweitert und aktualisiert worden.

 

Mit Enrico Caruso, dem Jahrhunderttenor aus Neapel, begann recht eigentlich die Schallplatten-geschichte, bzw. die Schellackplatten-Geschichte, die derzeit ihre kommerziell erfolgreiche Wiederentdeckung feiert. So wie die Literatur über Sänger geradezu boomt. Aber nicht nur die großen Namen der Gesangsgeschichte, sondern auch eine Fülle unbekannter, ja vergessener, vornehmlich in der sogenannten Provinz tätiger Sänger und Sängerinnen sind in Kutsch/Riemens Neuauflage des führenden deutschsprachigen Sängerlexikons verzeichnet. Genau gesagt sind etwa 14.500 Biographien in ihm enthalten. Die fünf stattlichen, ordentlich faden-gehefteten, in rotes Leinen gebundenen Bände wiegen jeweils anderthalb Kilo und haben insgesamt einen Umfang von fast 4000 Seiten.

 

Sie repräsentieren den Zeitraum vom Ende des sechzehnten Jahrhunderts bis heute. Eine imposante Informations- und Materialan-häufung, die für sich spricht. Doch der zu beanstandenden Einwände sind viele! Daß Geburtstage so mancher eitler Sängerinnen ungenau, ja beliebig sind, mag man noch verzeihlich nennen angesichts der von den Künstlerinnen und ihren Agenten oftmals vorsätzlich und hartnäckig in Umlauf gebrachten falschen Angaben. Obgleich man von einem Lexikon erwarten dürfte, daß es biographische Daten so präzise wie möglich recherchiert. Auch das Ende einer Sängerlaufbahn läßt sich nicht immer genau orten, zumal nicht jeder Künstler offizielle Abschiedsvorstellungen gibt. Auch wird der eine oder Sänger „rückfällig“. Manche Karriere hört erst mit dem Tod auf. Aber selbst auf die Todesdaten ist kein Verlaß. Gelegentlich retten sich die Autoren in mutmaßliche Formulierungen wie „er soll angeblich früh verstorben sein“ oder belassen es bei einem schlichten Fragezeichen. Auch der Aufbau der Artikel ist uneinheitlich. Essentielles steht neben Unwichtigem, ja Zufälligem. Biographische Details und Fakten der künstlerische Karriere werden oftmals recht ungeordnet und in beliebiger Reihenfolge und Gewichtung aufgelistet und runden sich keineswegs immer zum befriedigenden Porträt. Und da neuere, gewiß mühsam zusammengetragene Informationen aus Zeitschriftenartikeln, Programmheften und CD-Booklets nicht immer chronologisch in den Text eingearbeitet werden, sondern am Ende angefügt, gewinnt man den Eindruck dilletantisch-amateurhafter, oberflächlicher und allzu flüchtiger Arbeitsweise der Autoren, die sich auch durch das jedem Band vorangestellte Bibelzitat „sammelt die übrigen Brocken, daß nichts umkomme“ keineswegs rechtferigen läßt. Auch die vielen Schallplatten-, Video- und CD-Hinweise und -Angaben lassen sehr zu wünschen übrig! Etwa über Magda Oliveros längst legendäre Raubmitschnitte und Piratenpressungen wäre viel zu sagen. Nicht nur, daß sie eine der unbestrittenen Ikonen des veristischen Belcanto ist und ihr zumindest in Italien als lebende Legende bis heute größte Verehrung gezollt wird, sondern auch, daß ihre besten, klanglich hervorragend restaurierten frühen Plattenaufnahmen erst in den vergangenen zehn Jahren erschienen sind. Doch davon steht kein Wort bei Kutsch Riemens.

 

Inm "Kutsch/Riemens" muß genau zwischen Spreu und Weizen unterschieden werden. Vor allem aber bedarf es notwendiger Ergänzung. Glücklicherweise gibt es drei angelsächsische lexikalische Standardwerke, die ihre außerordentlichen Qualitäten haben und nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Zwar sind es keine ausschließlichen, aber doch auch Sängerlexika: „The New Grove Dictionary of Music and Musicians“, „The Grove Dictionary of Opera“ und „The Encyclopedia of the Musical Theatre“. Was alle drei Lexika gegenüber Kutsch/Riemens auszeichnet ist die hohe Präzision und Zuverlässigkeit, sind die vielen Abbildungen - auf die Kutsch/Riemens völlig verzichten - und häufig kritischere, detailliertere und fundiertere Urteile über Stimme, Persönlichkeit und auch gesellschaftliche, politische Situation der Umgebung des Vorgestellten. Wer schließlich Dezidiertes über stilistische, gesangstechnische Charakteristika und Repertoire der Porträtierten sucht, der wird, jedenfalls im Falle all jener Sänger und Sängerinnen unseres Jahrhunderts, deren Stimme auf CD und sonstigen akustischen Konserven verfügbar ist, ohnehin an der Lektüre der profunden Geschichte der Gesangskunst Jürgen Kestings nicht vorbeikommen, trotz ihrer methodischen Anfechtbarkeit.

 

Aber ist nicht jedes Buch über Sänger und Gesangskunst anfechtbar, weil unvollständig und subjektiv in Auswahl und Bewertung, permanent ergänzungsbedürftig schon aufgrund wegsterbender und neu hinzukommender Sänger? Ein jedes Sängerlexikon ist ein „work in progress“, das mit dem Erscheinungsdatum naturgemäß veraltet. Insofern darf man dem zum deutschsprachigen Standardwerk avancierten Kutsch/Riemens - trotz der genannten Einwände - zumindest bescheinigen, daß es schon aufgrund des überwältigend breiten Daten- und Namensreichtums zumindest ein unverzichtbarer Steinbruch für jeden nach Sängernamen und Sängerviten Suchenden ist.