Der „Mozart der Champs-Elysées“

Dieter David Scholz

 

 

Nadar: Carte de Visite im Besitz des Autors.Photo: Dieter David Scholz

Der „Mozart der Champs-Elysées“

 

Immer wieder hätten Kritiker bei Jacques Offenbach, dessen 200stem Geburtstag in diesem Jahr gedacht wird, „eine große Nähe zu Mozart“ moniert, wie Ralf Olivier Schwarz in seiner neuen, wegweisenden Offenbachbiographie schreibt. Was Offenbach stets als großes Kompliment betrachtet habe. Er liebte Mozart. So sehr, dass er beispielsweise in der Opéra bouffe „La vie Parisienne“ einem Melodram originale Musik des Maskenterzetts aus Mozarts „Don Giovanni“ unterlegte. Mozart war einer der wenigen Komponisten, die Offenbach zitierte, aber niemals parodierte. Dass Offenbachs Orchestersatz tatsächlich eine große Nähe zu Mozart aufweist, darauf weist Peter Hawig in seinem sehr empfeh-lenswerten Buch hin: Er ist immer durchsichtig, gestützt auf Streicher und solistisch geführte Holzbläser: „Es ist die Satzkunst des 18.Jahrhundert und dessen graziöser Esprit, die ... an Mozart“ erinnere. Nicht ohne Grund nannte schon Rossini Offenbach den „Mozart der Champs-Elysées“. Peter Hawig stellt in seiner opulenten Publikation die „Offenbachiade“ (der Begriff stammt von Karl Kraus) auf den Prüfstein und in den emanzipatorischen Kontext“ der Folgen der Französischen Revolution: „Vermenschlichung des Mythos, Entkleidung des Autoritären, Durchbrechen von Denkverboten, Infragestellung des Gegebenen.“ Das gilt auch für die Da- Ponte-Opern Mozarts und selbst für die „Zauberflöte“ (eine chiffrierte Kampfansage an Klerus und Adel), worauf Helmut Perl in seinem zu Unrecht wenig beachteten Buch „Der Fall Zauberflöte“ eindrucksvoll nach-wies. Konstitutiv für die Gattung der Offenbachiade sei der Begriff der Ver-klei-dung und Maskierung, aber auch „das Verspielte“ und „das Jonglieren mit Zeiten und Räumen, Masken und Artefakten.“Offenbachs Librettisten schrieben Stücke, die geprägt seien „durch einen kritischen, nervösen Zeitgeist, den respektlosen, autoritätskritischen Umgangston, den mehrschichtigen Anspie-lungsreichtum, der dem des Musikers kongenial zuarbeitet.“ Hawig stellt ein für allemal klar, dass die Operette sich durch den „Rückzug ins Kleinkarierte und ‚Lebkuchenherz-hafte‘“, Affirmative und Sentimentale wesentlich von der Offenbachiade unterscheidet. Man lernt in diesem Buch viel über Offenbach, aber auch über seine Affinität zu Mozart, die schon Richard Wagner (der ein Leben lang öffent-lich gegen Offenbach stänkerte) erkannt hatte. In einem vertraulichen Brief an den Dirigenten Felix Mottl schrieb er ein Jahr vor seinem Tod (am 1.5.1882) mit Blick auf ein Menuett aus dem Don Giovanni: "Betrachten Sie Offenbach. Er versteht es (das Komponieren) ebenso gut wie der göttliche Mozart. ... Offenbach hätte ein zweiter Mozart werden können."

 

Beitrag auch in Sonderausgabe der DMG / Crescendo