Es darf gebuht werden

Dieter David Scholz

 

 

Es darf gebuht werden!

 

 

 

Er halte sich für unfehlbar und unwiderstehlich, so hört man selbst aus Verehrerkreisen des argentinisch-israelisch-spanisch-palästinensischen Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim. Der Pultstar, ein rechter Hans Dampf in allen Gassen des internationalen Opern- und Konzertbusiness, ist noch nie souverän mit Kritik umgegangen, ob in Paris, wo er wenig Fortüne hatte, in Mailand, wo ihm von Anfang an mehr Buhs als Bravi entgegenbrandeten oder in Chicago, wo er auch nicht nur geliebt wurde, wie Insider des Musikbusiness zu berichten wissen. Nur in Berlin, wo er 1992 dank des Einsatzes des damaligen Bundespräsidenten zum aufsehenerregend teuren Künstlerischen Leiter der Lindenoper und zum GMD der Berliner Staatskapelle bestallt wur-de, wie man in den Memoiren des damaligen Kultursenators nachlesen kann, wagte man bis heute nicht, ihn zu kritisieren, schon aus political correctness. Das hat sich nun, nach 24 Jahren seines zweifellos beeindruckenden, wenn auch nicht unumstrittenen Wirkens an der Spree geändert.

 

Ausgerechnet bei Wagners "Parsifal", dem Herzensstück des Dirigenten, wagte das haupt-städtische Publikum bei den diesjährigen Wagnerfesttagen, den Maestro mit Buhs abzustrafen, wie man in der Lokalpresse nachlesen kann. Ein unerhörter Tabubruch für den von sich selbst so überzeugten Maestro. In einem Interview der Deutschen Presse Agentur hat er sich nun Luft gemacht: Buhrufe in der Oper seien primitiv und total unnötig, so Barenboim. Jeder Sänger gebe auf der Bühne sein Bestes. Das darf man ja wohl auch erwarten! Sie werden schließlich bestens bezahlt. Aber sein Bestes geben ist nicht immer gut genug! Auch für Dirigenten gilt das. Und für Regisseure. Daniel Barenboim gehört zu den Spitzenverdienern der internationalen Dirigentenriege. Auch er lebt von der Gnade und dem Geld des geneigten Publikums (und der subventionierenden öffentlichen Hand). Er sollte respektieren, dass das Publikum ein Recht auf freie Meinungs- und das ist eben auch Unmutsäusserung hat. Oper und Konzert sind schließlich nicht Gottesdienst, auch wenn im 19. Jahrhundert Musik zur Ersatzreligion, die Rolle des Dirigenten zum genialischen Hohenpriester und Opern- bzw. Konzertbesuche zu messähnlichen Ritualen aufgewertet wurden. Doch selbst Richard Wagner, Exponent jener fragwürdigen Kunstreligion, ließ die Kirche im Dorf und erklärte jegliches Klatsch- und also auch Buhverbot im "Parsifal" für absurd, was viele Wagnerianer bis heute nicht wahrhaben wollen.

 

Der Theatermann Wagner wusste eben: Oper ist Theater, ist menschliche Kommunikation. Und die lebt seit je von Kontroversen und Meinungsverschiedenheiten, Zustimmung wie Kritik. Da kann es schon mal hoch hergehen. Manchmal platzt dem Publikum der Kragen. Warum eigentlich ist, wie Daniel Barenboim behauptet, das Buhrufen in der Oper „out of place“ ? Er sollte doch wissen, dass gerade die Oper der prädestinierte Ort für hochfliegende Emotionen ist, auf der Bühne, im Graben und im Zuschauerraum. Wer öfter in Italien in die Oper geht, weiss, wie hoch die Emotionen im Zuschauerraum fliegen können. Doch das ist ein Indiz für die Lebendigkeit und Engagiertheit des Publikums. Im Übrigen sind Buhs kein Wunder angesichts dessen, was Regisseure, Sänger und Dirigenten dem geneigten Publikum immer öfter zumuten, heutzutage.

Und wer einen Blick die Vergangenheit wagt, wird gewahr, dass das Repertoire der Publi-kumsreaktionen früher wesentlich breiter und heftiger war als heute. Dagegen sind Bravo- wie Buhrufe geradezu harmlos. Im achtzehnten Jahrhundert war es selbst an ersten Häusern Eropas durchaus üblich, dass das enttäuschte Publikum (das in der Oper selbstverständlich ass) nicht nur mit Orangen, sondern auch mit Tomaten, Eiern, Hühnchenknochen oder Sonstigem nach den Künstlern warf, von Kraftausdrücken, Schimpftiraden und wüstem Geschrei zu schweigen. Diese Zeiten sind gottlob vorbei. Es ist allerdings nur zu verständlich, wenn heutige Dirigenten immer rücksichstsloseres Gebaren des Publikum beklagen. Ein Minimum an Benehmen darf man erwarten, aus Respekt vor der Kunst, aber auch aus Respekt dem für seinen Kunstgenuss zahlenden Nachbarn. Es kann nicht gutgeheissen werden, dass das Publikum, kaum dass dasLicht ausgeht, knisternd Bonbons auswickelt oder mit möglichst weit geöffnetem Mund lautstark und ungeniert drauflos hustet, dass es sich während der Vorstellung ungeniert unterhält, die mitgeführte Wasser- oder Bierflasche zum Mund führt oder gar twittert, chattet, simst und telefoniert. Aber wenn der Vorhang gefallen ist, dann hat das Publikum ein Recht auf freie Meinungsäusserung, also auch darauf, seinem Unmut Luft zu machen!

 

Auch Barenboims rhetorische Frage "Wenn Sie in ein sehr gutes Restaurant gehen und das Essen gefällt Ihnen nicht, gehen Sie dann in die Küche und schreien den Koch an?" greift zu kurz, denn im Restaurant oder in der Küche steht man dem Koch direkt gegenüber und muss sich nicht schreiend Gehör verschaffen. Im Opernhaus bedarf es schon phonstärkerer Äußerungen, um vom hintersten Patz noch an der Rampe gehört zu werden. Und Buhrufe haben wie Bravorufe eine lange Tradition. Bravorufe sind übrigens ebenso primitiv und vulgär we Buhrufe, nur werden sie selbst von Daniel Barenboim akzeptiert, weil sie zustimmend sind und dem Künstlerego schmeicheln. Und was heißt schon primitiv und vulgär?

 

Das Publikum hat schließlich kaum eine andere Chance, sich Gehör zu verschaffen, als mit signal-, ja leuchtraketenhaften Bravos und Buhs, denn Dirigenten und Sänger sind in aller Regel (es gibt Ausnahmen), je hochkarätiger sie gehandelt werden, desto unansprechbarer fürs gemeine Publikum, abgeschottet im Elfenbeinturm ihrer zweifellos extrem anstrengenden, oft aber auch narzisstisch überspannten Künstlerexistenz.

 

Freilich, die wirklich Großen unter den Künstlern, sie schimpfen das buhende Publikum nicht vulgär oder primitiv, sondern nehmen Kritik, wie sie auch geäußert wird, ernst, sie gehen in sich, üben Selbstkritik. Vielleicht deshalb haben die Berliner Philharmoniker keinen selbstherrlich und autoritär auftretenden Dirigenten aus dem Club der Teuersten zum Nachfolger von Sir Simon Rattle gewählt, sondern einen Außenseiter wie Kirill Petrenko. Ihm sind Personenkult, Selbstüberschätzung und Pultstarallüren fremd. Statt auf Arroganz setzt er auf Demut. Nicht die schlechteste Tugend für einen Dirigenten.

 

 

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