70 Jahre Komische Oper Berlin

Dieter David Scholz

 

 

70 Jahre Komische Oper - Eine Erfolgsgeschichte

Barrie Kosky vor Walter Felsenstein-Büste

Foto: Jan Windszus

Der Zuschauerraum

Foto: Gunnar Geller

Drei Opernhäuser hat Berlin. Die Komische Oper, 1892 von den berühmten Wiener Architekten Hermann Helmer und Ferdinand Fellner errichtet, ist das kleinste unter ihnen. Ab 1898 befand sich in dem Haus das Metropol-Theater, es war vor dem Ersten Weltkrieg wegen seiner berühm-ten Metropol-Revuen und nach 1918 als Operettentheater bekannt. Fritzi Massary feierte dort ihre Triumphe. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurden große Teile des Gebäudes zer-stört. Der Zuschauerraum blieb jedoch nahezu unbeschädigt. Als Komische Oper Berlin erlebte das Haus 1947 seine Wiedergeburt. Am 3. Dezember feiert die Komische Oper ihren 70. Geburtstag, und es steht so gut da wie noch nie.

 

Im Dezember 1947 hatte die sowjetische Militärverwaltung den österreichischen Regisseur Wal-ter Felsenstein mit der Leitung eines Operettentheaters im Osten Berlins beauftragt. Der schlaue Walter Felsenstein dachte allerdings gar nicht daran in der „Komischen Oper“ nur Operetten aufzuführen. Von ihr aus revolutionierte er die Oper mit psychologisch wie musikalisch ein-drucksvollen Inszenierungen, die er über Monate präzise einstudierte. Als „realistisches Musik-theater“ - ein Begriff, den er selbst nicht mochte - wurde Felsensteins musikalisches Theater berühmt. Seinem Ensemble gehörten hervorragende Sängerdarsteller wie Hanns Nocker, Anny Schlemm, Rudolf Asmus, Werner Enders, Irmgard Arnold oder Christa Noack an. Persönlich-keiten, die Felsensteins Forderungen für das Musiktheater umsetzen konnten: Er wollte…

 

„…ein wirkliches Theatererlebnis, nicht eine Schau, die man mit beschaulicher Distanz be-trachten kann, sondern ein Erlebnis in das der Zuschauer einbezogen wird und gezwungen wird, daran voll teilzunehmen, ein Spiegel seiner Sehnsüchte, seines Lebens, seiner Enttäuschungen, seiner Kritik an den Mitmenschen, um damit vielleicht sein Lebensbild zu intensivieren.“

 

Einige der Inszenierungen des Regisseurs, die inzwischen auf DVD dokumentiert sind, haben heute fast Kultcharakter, so etwa „Hoffmanns Erzählungen“ und „Ritter Blaubart“ von Jacques Offenbach sowie Verdis „La Traviata“ , Janá?eks „Schlaues Füchslein“ oder Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Zu den namhaften Dirigenten, die das 1947 unter Leo Spies gegründete Orchester der Komischen Oper leiteten, gehörten Otto Klemperer, Václav Neumann, Rolf Reuter und Kurt Masur, zu Felsensteins Schülern Regisseure wie Harry Kupfer, Joachim Herz und Götz Friedrich.

 

„Also durch Felsenstein und seit Felsenstein hat sich auf jeden Fall geändert, dass man gründlicher nachdenkt über Oper.“ (Friedrich)

 

Nach dem Tode des Begründers der Komischen Oper war sein Schüler Joachim Herz von 1976 bis 1980 Intendant und Chefregisseur des Hauses. 1981 wurde Werner Rackwitz Intendant und Harry Kupfer Chefregisseur. 1994 bis 2004 war Albert Kost Intendant. Harry Kupfer wurde 2002 von Andreas Homoki als Chefregisseur abgelöst, der von 2004 bis 2012 auch das Amt des Intendanten inne hatte. Dann wurde alles anders.

 

Mit einem 12 stündigen Monteverdi-Marathon trat Barrie Kosky 2012 seine Intendanz der Ko-mischen Oper an. Kosky krempelte das Haus gründlich um. Er gab das bis dahin quasi heilige Dogma auf, alle Opern müssten auf Deutsch gesungen werden. Aber auch programmatisch und ästhetisch spielte Kosky nach neuen Regeln. Mit einer Mischung aus Oper, Musical und Operette hat Kosky sein Haus als mondänes Aushängeschild der Hauptstadt etabliert. Die Komische Oper in Berlin ist seither auf Erfolgskurs. Lag die Auslastung des Hauses in der Spielzeit 2011/12 noch bei rund 66 Prozent, ist sie inzwischen auf 94 Prozent angestiegen. Das Haus ist nicht nur der Paradiesvogel, sondern heute auch das erfolgreichste unter den drei Berliner Opernhäusern.

„Wir mache große Operetten, und das bedeutet, das ist schwer zu machen oder schwerer zu machen als der Ring des Nibelungen. Ich sage das, weil ich den Ring des Nibelungen gemacht habe. Und ich mache Jazz-Operette. Und sie ist zehn viel schwerer zu realisieren.“

 

Barrie Kosky, der australische Enkel jüdischer Einwanderer aus Osteuropa knüpft mit seinen Operettenproduktionen an der Komischen Oper an die Tradition des Metropol-Theaters, Berlins legendärem Operetten-Tempel an, und an die „goldenen Jahren“ der Weimarer Republik.

„Die Operette war eine Berliner Form, sie ist ein authentisches Produkt der Stadt, entwickelt aus der der Berliner Luft. Damals waren Österreicher, Ungarn. Amerikaner, Russischen und viele andere Natioanlitäten in Berlin, im Grunde genau wie heute. Das hat diese neue Formen ent-wickelt und verbindet sie mit unserer Zeit.“ (Kosky)

 

Trotz großer Erfolge und konkurrenzloser Besucherzahlen stehen der Komischen Oper schwere Zeiten bevor. Das Gebäude muss dringend saniert werden. Noch ist ein Ausweichquartier nicht in Sicht. - Einstweilen steht die nächste Premiere ins Haus. Am Sonntag kommt das Musical „Anatevka“ heraus, das Walter Felsenstein einmal eine „Liebesverwicklungsheiratstragiko-mödie“ genannt hatte. Das bewegende Stück, das in einem jüdischen Schtetl im alten Russland spielt, wurde unter Felsenstein mehr als 500 Mal aufgeführt. Man darf gespannt sein, auf wie viele Aufführungen es die Produktion des heutigen Hausherrn bringt.

 

 

Beitrag auch in SWR 2 am 01. 12. 2017