Weimar Freischütz Andrea Moses

Dieter David Scholz

 

 

Fotos: ©Anke Neugebauer

 

 

 

Konrad Adenauer im Försterbungalow

Andrea Moses inszeniert Webers Freischütz in Weimar

Premiere 06.02.16

 

 

Andrea Moses zeigt den „Freischütz“ in Weimar nicht als romantischen deutschen Traum in spätbarocker, geheimnisvoll-waldseliger Welt der Bauern und Jäger, sondern als heutigen deutschen Alptraum. Die Welt, die ihr Jan Pappelbaum auf die Bühne gestellt hat, ist eine hässliche, eine zerstörte Welt. Vom Wald sind nur wenige skeletthafte Baumstämme übrig. Ansonsten sieht man Stahlkonstruktionen. Es herrscht Werkshallenatmosphäre. Die Menschen tragen Atemschutz und Gasmasken. Smog und Qualm auf der Bühne. Allerhand technische Geräusche, vielleicht sind es Kriegsgeräusche, beschallen den Zuschauerraum. Man sieht arme, bettelnde, flüchtende Menschen, verlumpt, verelendet, getriezt und getrieben von Jägern, die eher Folterknechte und Soldaten sind, mit Kalaschhnikows bewehrt. Der erste Jägerbursche trägt eine Deutschlandflagge als Umhang, damit auch jeder begreift, um was es geht: Um das Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. Das Deutschland von heute, vielleicht das von morgen. Eindeutig wird es in der Szene im Forsthaus, das einem Kanzlerbungalow ähnelt. Konrad Adenauer blickt denn auch statt des Erbförsters Konterfei herab auf die Bühne. Agathe gibt sich als Diva der 50er Jahre. Aber auch wir Heutigen sind gemeint, denn es wird kräftig mit Handys kommuniziert. Die Wolfsschluchtsszene findet nur noch virtuell statt, in einer Art Operationssaal, in dem der Chirurg Samiel Scharzvermummten Mikrochips implantiert. Die Freikugeln werden von Kaspar (zuverlässig Uwe Schenker-Primus) per Mausklick auf den Monitoren gleich mehrerer Laptops gegossen. Um ihre Gegenwartsschelte komplett zu machen, lässt Andrea Moses auch unsere Spaßgesellschaft, die ihren markantesten Ausdruck im TV-Programm findet, nicht außen vor. Wenn Ännchen ihr Lied singt: "Kommt ein schlanker Bursch gegangen... " zappt Sie im TV Programm herum, bis sie bei einer läppischen Modenschau von Boys und Beaus hängenbleibt.

 

Ja ja, ... „Der Freischütz“ ist ein Stück, das heute nur sehr schwer glaubwürdig auf die Bühne zu bringen ist, weil es den tiefen deutschen Traum eines vermeintlich schöneren "Eswar-einmal" heraufbeschört. Die Biedermeierperspektive der Weberschen Romantik imaginierte eine Welt, die nicht mehr die Unsre ist. Die Themen, um die es im Freischütz geht:Gott-vertrauen, Unterwerfung unter Religion und Fürsten, Kirche und Reich, gesellschaftliche Sittenstrenge und Tradition, das sind sind für uns heute keine problematischen Bezirke mehr, die Konflikte im Freischütz sind für uns eigentlich nicht mehr nachvollziehbar, allenfalls historisch verstehbar. Doch das müßte man auf der Bühne verdeutlichen. Aber die Insze-nierung von Andrea Moses macht sich nicht die Mühe, das Stück Webers und seines Librettisten Friedrich Kind zu erklären. Stattdessen politisiert die Regisseurin, die ihr Handwerk in Moskau und Dresden lernte, wieder einmal drauflos und benutzt die Oper lediglich als Anlass zur ermüdenden, wenig originellen Abrechnung mit der spätkapitalis-tischen Gesellschaft. Andrea Moses macht sich ordentlich lustig über den - zugegeben schlichten -Text des Freischütz. Ännchen wird degradiert zur Ulknudel, die sich für keine noch so banale Blödelei zu schade sein darf. Andrea Moses überschüttet das Stück mit platter Zivilisationskritik, Kapitalismuskritik, Kritik an der Bundesrepublik, Kritik an Naturzerstörung u.s.w. Doch sie fügt nur Klischee an Klischee... ein bisschen erotische Frivoliät, ein bisschen Nacktheit, etwas Spießerschelte, ein bisschen Ironie. Die Regisseurin Spott aus über eigentlich alles, was das Stück ausmacht: Die Jäger, die Brautjungfern, den Wald und sogar die Tiere des Waldes, die nur noch als mottige, ausgestopfte Überbleibsel aus dem Naturalienkabinett benutzt werden zur allgemeinen Belustigung. Selbst vor der Musik macht die Regie nicht halt. Immer wieder müssen die Akteure den Dirigenten mit herablassend-clownesker Attitüde demonstrativ auffordern, doch bittschön weiter zu dirigieren, die Musik muss halt sein in einer Oper ...

 

Es ist erstaunlich, wie tapfer sich die Sänger dem Konzept von Andrea Moses untergeordnet haben. Bewundernswert haben sie gute Mine zum bösen Spiel gemacht, aller Ungereimt-heiten und Peinlichkeiten zum Trotz. Steffi Lehmann als Ännchen hat sich offenbar mit dem Regiekonzept vollends identifiziert und ein albern quietschiges Party-Girlie hingelegt, das auch in der anspruchslosesten TV - Blödelshow hätte auftreten können. Stimmlich hat man die Partie des Ännchen selbst an kleineren Häusern schon weit besser gehört. Die Agathe von Heike Porstein hat leider den stimmlichen Charme eines Reibeisens. Besonders traurig ist die stimmliche Verfassung des Max. Tenor Heiko Börner quält sich mit gequetschter, hörbar überanstrengter und abgenutzter "Helden"-stimme durch die Partie. Alles andere als ein Stimmfest, die Aufführung. Es gab Zeiten, sie liegen nicht lange zurück, da hörte man in Weimar bessere Sänger.

Martin Hoff stand am Pult der Staatskapelle Weimar. Er ist seit Jahren ein sehr zuverlässiger, guter Erster Kapellmeister. Er schippert den "Freischütz" denn auch souverän durch die Klippen dieser unschönen Produktion. Es gibt große Momente zu hören, aber Manches gerät eher rustikal. Auch die Staatskapelle hat man schon besser gehört. Das Gefühl beschleicht einen als Zuschauer und Zuhörer, dass zwischen Graben und Bühne, zwischen Dirigent und Regie nicht eitel Harmonie und Eintracht herrscht. Man muss sich nicht wundern, wenn es klingt, wie es klingt.

 

Beitrag auch in MDR Figaro