Verdis Otello in Dessau 2017

Dieter David Scholz

 

 

Photos Claudia Heysel

 

Regielich gekleckert, musikalisch geklotzt!

G. Verdi „Otello“ im Anhaltischen Theater Dessau

Premiere 16.09.2017

 

Die erste Musiktheaterpremiere der neuen Spielzeit am Anhaltischen Theater Dessau galt Giu-seppe Verdis vorletzter Oper, „Otello“, frei nach Shakespeare. Generalmusikdirektor Markus Frank hatte die musikalische Leitung, die Inszenierung besorgte Roman Hovenbitzer, der in Dessau schon die Oper „Esclarmonde“ von Jules Massenet inszeniert hatte. Hovenbitzer läßt das hoffnungslose Stück über den eifersüchtigen Mohren von Venedig im Niemandsland spielen. Von Venedig, bzw. Zypern, wo Otello ja Gouverneur und Oberbefehlshaber der venezianischen Flotte ist, keine Spur in dieser Inszenierung. Sie ist absolut unnaturalistisch. Hovenbitzer will das Stück weder zeitlich noch örtlich irgendwo verankern, sondern das Überzeitliche des Eifersuchts-Kon-flikts wie eine abstrakte Parabel präsentieren. Hermann Feuchter hat ihm dafür eine technisch aufwendige Bühnenkonstruktion gebaut. Es sind gewissermaßen zwei ineinander kreisende, verschieden große Rundhorizonte aus bemalten Wänden, die variabel verschiebbar und bewegbar sind. Mit ihnen lassen sich Innen- und Außenräume andeuten. Sie sind schwarz weiß und abstrakt mit groben Strichen bemalt, bekritzelt, besudelt und werden gemeinsam mit der Drehbühne nahezu ständig bewegt. So wie auch die Personen in permanenter Aktion sind. Auf dem Gazevorhang rinnen parallel dazu bei Aktbeginn per Video von Barbara Janotte immer wieder Flüssigkeiten über die Bühne, es wird gemalt und gekleckst, ebenfalls abstrakt und schwarz weiß. Das ist alles ziemlich aufwendig, hat aber eher Etwas von einer modernen Kunstperformance als einer klassischen Theaterinszenierung.

 

Ob die Handlung des Stücks in diesem szenischen Rahmen für das Publikum verständlich wird, sei dahingestellt. Regisseur Hovenbitzer führt in seiner Personenregie die Handlung an ihrer Oberfläche schon so vor, so wie sie in den drei Akten des Dramas angelegt ist, aber doch eigentlich im luftleeren Raum. Die Figuren und auch der Chor, den Kostümbildnerin Judith Fischer in aberwitzig phantastische schwarz-weiß-Kostüme steckte, werden hin und herge-schoben und mit einem Konzept von Symbolen wie Kreuz und Hand und gerahmter Zeichnung von Desdemona überhöht. Es wird viel, sehr viel mit funktionslosen Stangen herumgefuchtelt. Und alles und jeder ist bekleckert. Von Kopf bis Fuß. Es sind schwarze oder weiße Kostüme, auch Gesichter, die entsprechend konträr beschmiert, bemalt sind. Weiß steht wohl für Unschuld und Leben, schwarz für Tod und Schuld, wenn ich das richtig deute. Auch das Blut fließt schwarz. Man wohnt einer schwarz-weißen, kalten Mal-Performance bei, die eigentlich in ihrer Abstraktheit nichts sagt und nirgends spielt, man könnte in diesem Bühnenraum alles spielen, von „Zauberflöte“ bis „Parsifal“. Auch die gelegentlichen pyrotechnischen Effekte ändern daran nichts. Die Inszenierung hat in ihrer Verweigerung von lokaler Atmosphäre und eindeutigem Ambiente etwas sehr Nüchternes, um nicht zu sagen Ernüchterndes und nimmt dem Stück sehr viel von dem, was Einen sonst so sehr bewegt bei dieser tragischen Oper.

 

Gottlob ist die musikalische Seite der Aufführung nicht ernüchternd, sondern, im Gegenteil, außerordentlich geglückt, will sagen erschütternd. Es ist ja alles andere als ein spaßiges, unterhaltsames Stück, sondern eine gnadenlose, von Seelen- wie Meeresstürmen gepeitschte Liebes- Intrigen- und Eifersuchtstragödie, für die der alte Verdi eine entsprechend kompromiss-lose, gewagte Musik geschrieben hat. Markus Frank, der Musikchef des Anhaltischen Theaters, hat sie mit beeindruckender Präzision und unerbittlicher Schärfe und Dramatik zum Klingen gebracht. Die Anhaltische Philharmonie war in Topform bei der Premiere. Sie folgt der Rasanz und Leidenschaft der Lesart Franks ohne Wenn und Aber. Sie spielt technisch tadellos und sie hat nach wie vor einen sehr schönen Klang. Markus Frank hat das Orchester und auch die von Sebastian Kennerknecht hervorragend einstudierten Chöre (Opernchor, Extrachor und Kinder-chor) bestens im Griff. Chapeau! So eine hervorragende Aufführung dieses doch sehr anspruchsvollen Stücks erlebt man selten!

 

Auch die sängerische Besetzung der Aufführung ist beglückend. Man kann im Anhaltischen Theater Dessau alle drei Hauptpartien, Otello, Desdemona und Jago, aus dem eigenen Ensemble glaubwürdig besetzen, auch die Komprimarii, also die Nebenfiguren. Und wenn ich glaubwürdig sage, untertreibe ich eigentlich, denn die Besetzung der Hauptpartie ist beachtlich! Der schwarze Tenor Ray Wade ist ein Glücksfall von Otello. Schon zu Beginn schleudert er sein gefürchtetes „Esultate“ mit einer Kraft und Energie in den großen Zuschauerraum des Dessauer Theaters, dass man die zerstörerische Kraft seiner mörderischen Eifersucht bereits erahnt. Ulf Paulsen verleiht mit seinem sehr eigenwilligen Bariton dem teuflischen Intriganten Jago, Inbegriff des Bösen und Zerstörerischen eindrucksvolles Profil, auch wenn die Partie für ihn schon grenzwertig ist. Bewundernswert finde ich Iordanka Derilova als Desdemona. Man hat die Derilova in Dessau ja schon als Isolde, Brünnhilde, Kundry und Elektra gehört, um nur einige ihrer Glanzpartien zu nennen. Sie ist eine hochdramatische Sopranistin. Aber wie belcantisch, wie anrührend und kultiviert sie diese unschuldig des Treuebruchs Verdächtigte und von ihrem Ehemann ermordete Desdemona singt, das nötigt Respekt ab. Das Publikum hat sie zu Recht gefeiert. Wie überhaupt die ganze Aufführung gestern Abend in großem Jubel des Publikums ausklang.

 

Rezension auch in MDR Kultur, 17.09.2017