Vera Nemirovas Meistersinger in Erfurt

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Lutz Edelhoff

Theater Erfurt

Spießer-Menetekel

Vera Nemirova inszeniert „Die Meistersinger von Nürnberg“

Theater Erfurt, Premiere 29.05. 2016

 

 

Die Premiere der Neuinszenierung von Wagners "Meistersingern“ ist schon deshalb ungewöhnlich, weil es sich um eine Kooperation des Theaters Erfurt mit dem DNT Weimar handelt. Ab November wird die Produktion in Weimar gezeigt. Es ist nicht selbstverständlich, dass zwei benachbarte, um nicht zu sagen miteinander konkurrierende Musiktheater derart kooperieren. Ein Schritt in Richtung Fusion der Häuser die ja seit langem zur Debatte steht?

Ein kleines, erstes Schrittchen vielleicht… Es gibt heftige Befürworter wie Gegner der Idee. Es gibt Argumente dafür und dagegen. Der Erfurter Generalintendant Guy Montavon bekennt sich dazu, einer der Befürworter einer solchen Fusion zu sein. Er hat diese erste Kooperation der Musiktheatersparte angeschoben und ist stolz darauf, denn er kann mit ihr natürlich die enorme Chance einer Zusammenführung von Chor und Orchester demonstrieren. Endlich kann man ein so aufwendig zu besetzendes Werk wie die „Meistersinger“ ohne teure Aushilfen realisieren. Also eine Kostprobe, eine Probe aufs Exempel, was möglich wäre, wenn …

Natürlich ist der Klang des enorm vergrößerten Orchesters opulent, auch ergänzt sich die Qualität beider Orchester hervorragend, passt auch in den großen Orchestergraben des schönen neuen Theaters in Erfurt. Nur, mit Verlaub gesagt, gelingt es der Erfurter Musikchefin Joana Mallwitz, die mit dem Charme und der Autorität einer Musiklehrerin am Dirigentenpult herumtänzelt, nicht, eine überzeugende, mitreißende Lesart des intelligenten, anspruchsvollen Stücks hinzulegen. Ihr Dirigat, mal erstaunlich flott, mal ermüdend langsam in den Tempi, bleibt doch über weite Strecken blass und Nichtssagend. Die gar nicht belanglose Meistersingermusik plätschert bei ihr immer wieder belanglos vor sich hin. Und die Zeit will dabei nicht vergehen. Was Joana Mallwitz an Kraft fehlte, haben die vereinigten Chöre von Erfurt und Weimar um so mehr, zumal sie ihre großen Auftritte im Zuschauerraum haben , was die Ohren des Publikums recht strapaziert.

 

Die Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" ist ein Werk des Nichtmehr und Nochnicht, einerseits romantische Komische Oper, andererseits utopisch-politisches Stück und sie ist auch noch eine szenische Auseinandersetzung über Alte contra Neue Musik. Ein hochkomplexes, programmatisches Werk also. Vera Nemirova hat ihren Focus auf das Kunst-Stück gesetzt, also auf das Künstlerdrama. Es sind ja eigentlich drei Künstlerschicksale, die sich in den „Meistersingern“ abspielen: Des Hans Sachs, des dichtenden Schusterpoeten in Nürnberg, des adligen Walter von Stolzing, der ungestüm und ungebeten in die bürgerliche Meistersingergilde hereinbricht und des Traditionalisten und Anwalts veralteter Musik, Beckmesser. Irritierenderweise hat Vera Nemirova die Wagnersche Wertung vollkommen auf den Kopf gestellt hat. Bei Wagner – er selbst hat es mehrfach bekundet – ist Stolzing der Anwalt der Neuen Musik, ein Neuer Wilder, der eindringt in eine verknöcherte Gesellschaft, der mit allen Regeln bricht. Der Repräsentant, um nicht zu sagen Lordsiegelbewahrer regelhaft verknöcherter Konventionen wie Traditionen ist bei Wagner eindeutig Sixtus Beckmesser, der (ehrenwerte) Stadtschreiber. Im Übrigen sind alle Figuren in Wagners Stück ehrenwert und alles andere als Spießbürger (einmal abgesehen vom Chor der Prügelfuge, wo die Abgründe des "braven" Bürgertums aufscheinen)! Hans Sachs ist der ( mit Schopenhauerweisheiten und einer großen Portion Lebensweisheit wie Herzensgüte gesegnete ) Vermittler zwischen Alt und Neu, Tradition und Moderne. Eine erstaunlich fortschrittliche, menschlich anrührende Figur. All das straft Vera Nemirova Lügen. Sie hat Wagners Werte umgewertet. Damit wird das Stück eigentlich unglaubwürdig. Das ist offenbar auch dem Erfurter Publikum übel aufgestoßen. Es hat die Regisseurin mit Buhsalven abgestraft, wie man sie in Erfurt nur sehr selten erlebt.

Kein Wunder, denn auch szenisch (Bühnenbild Tom Musch, Kostüme Marie-Thérèse Jossen) ist die Produktion eher verstörend als beglückend. Man sieht natürlich kein historisches Bühnenbild, man sieht kein Nürnberg, allenfalls das Ausgebombte, das heißt, das nicht mehr Vorhandene. Es ist beliebige Nachkriegsarchitektur der 50er, 60er Jahre, die die Bühne dominiert. Biedere Wirtschaftswunderästhetik, aber schäbig und unelegant. Kleinbürgerliche Bierseligkeit, biederes Dirndlglück, Geranienkästen und Proleten-Besäufnis feiern Urstände in dieser Inszenierung, die Wagners Werk, nimmt man es ernst und wörtlich, geradezu exekutiert. Wieder einmal eine Inszenierung aus Sicht des Betroffenseins der Nachwelt des Zweiten Weltkriegs, ohne dass dadurch dem Stück neue Einsichten abgewonnen würden. Im Gegenteil, wieder werden historische Missverständnisse und falsche Vorurteile gegenüber dem Stück repetiert. Wieder einmal viele Übertreibungen. Die Nemirova spart kein Klischee aus, sie inszeniert mit dem Holzhammer. Es gibt viele Andeutungen, Symbole und Platitüden. Die banalste schon zu Beginn der Oper. Ein kleines Mädchen kommt auf die Bühne und muss den fragwürdigen Seumeschen Allerweltsspruch zitieren: „Wo man singt, lass Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“.

 

Unter den vielen szenische Allegorien der Regisseurin ist die Hervorstechendste das Bild des Orchesters. Es steht für Tradition. In mehreren Szenen stehen Mal Beckmesser, mal Hans Sachs vor einem imaginären Orchester und tun so, als ob sie dirigieren, hampelnd und gestikulierend. Schon die Meistersinger im ersten Akt treten mit Violinkästen auf, als kämen sie zu einer Orchesterprobe. Und die Kirche ist keine Kirche, sondern es ist ein Kinosaal, in dem Biedermännern und Biederfrauen Filme gezeigt werden über die zerbombten Theater nach 1945. Auch Wiederaufbau und Trümmerfrauen kommen zu Ehren. Am Irritierendsten ist aber wohl, dass die Figur des Beckmesser bei Vera Nemirova zur abgeschmackten Parodie von Elvis Presley wird .

 

Vera Nemirova präsentiert dem Publikum ein Spießer-Menetekel, das dem Stück alles Utopische und Humane raubt und bei dem aus Wagners Komödie eine Tragödie wird, in der am Ende alle zusammenbrechen: Der für Kultur gegen Politik plädierende Sachs, der sich vom Volk missverstanden fühlt, aber auch Beckmesser, dessen Traum, Eva zu gewinnen, zerplatzt ist. Er macht sich aus Frust halbnackt (das ist kein schöner Anblick) über Männlein wie Weiblein her, bevor er abgeführt wird. Stolzing reißt am Ende gemeinsam mit Eva aus, will nicht in die Meistersingergilde aufgenommen werden, ignoriert Sachsens Plädoyer. Eine grobe Missachtung des Librettos und ein deprimierender Ausgang, wo doch das Stück ein so Optimistisches ist!

 

Aber nicht nur die Regie, auch die sängerische Besetzung ist kein wirkliches Glück. Obwohl mit Frank van Hove ein vorbildlicher Sachs zur Verfügung steht, wortverständlich und nobel gestaltend. Auch Vazgen Ghazaryan als Pogner beeindruckt mit imposantem Baß, nur leider gestattet er sich unschöne Vokalverfärbungen. Der Spieltenor Jörn Eichler singt einen sympathischen David. Bjørn Waag ist stimmlich ein ordentlicher Sixtus Beckmesser, aber die allzu grelle Karikatur nimmt der Partie alle Glaubwürdigkeit. Auch Ilia Papandreous Eva überzeugt mich nicht. Ihre fleischige, etwas flackernde Stimme hat inzwischen zu viel Tremolo. Heiko Börner in der Partei des Walther von Stolzing kann nicht mehr als eine Notlösung genannt werden. Tenoraler Schönklang ist etwas Anderes. Immerhin steht er die Partie durch. Alle übrigen Partien sind angemessen besetzt. Aber man hat das Werk schon weit besser gehört, selbst an unbedeutenderen Orten. Ein Sängerfest ist die Aufführung also auch nicht.

 

Rezension auch in MDR Kultur