UA Der Schuss Neuköllner Oper Berlin

Dieter David Scholz

 

 

Photo/Plakat: Neuköllner Oper

 

Erinnerung an die Achtundsechziger-Revolution

 

Zum 50. Todestag von Benno Ohnesorg brachte die Neuköllner Oper, Berlins anderes Musiktheater seit vierzig Jahren, die Uraufführung "Der Schuss 2.6.1967" des deutsch-iranischen Komponisten Arash Safaian heraus, ein Stück Musiktheater, in dem es um die Ereignisse rund um die tödlichen Schüsse auf den Studenten Benno Ohnesorg geht. Bernhard Glocksin, wagemutiger künstlerischer Leiter der Neuköllner Oper seit 2004, hat das Libretto geschrieben.

 

Zur Erinnerung: Es war ein folgenreicher Abend, als am 2. Juni 1967 Studenten, Linke, Revoltierende in Berlin auf die Straße gingen. Der Schah von Persien machte bei einem Staatsbesuch in Deutschland in Westberlin Station, wo er und seine Gattin in der Deutschen Oper einer Festaufführung von Mozarts Zauberflöte beiwohnten. Zur gleichen Zeit fand vor dem Hause in der Bismarckstraße eine Gegendemonstration von Studenten und Linken statt. Sie wurde von militanten Schah-Anhängern unterwandert, woraufhin es gewalttägige Auseinandersetzungen zwischen beiden Gruppen gab. Die Polizei schritt ein und prügelte drauf los. Am Ende wurde Benno Ohnesorg, der mit seiner Frau Christa teilnahm, die er aber vorsorglich nach Hause geschickt hatte, durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Wie später bekannt wurde, habe Kurras Ohnesorg mit einem Pistolenschuss in den Hinterkopf aus kurzer Distanz getötet. Erst 2009 wurde bekannt, dass er inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen war. Wie nach erneuten Ermittlungen als erwiesen betrachtet wurde, habe er ohne Auftrag, unbedrängt und wahrscheinlich gezielt auf Ohnesorg geschossen.

 

Der Schuss auf Ohnesorg war Brandbeschleuniger des Aufbegehrens einer ganzen Generation gegen das alte Vätersystem der BRD, das auf Befehl und Gehorsam, auf Preußentum und unverarbeitetem Faschismus beruhte, war Initialschuß einer Jugend-revolte, die als Achtundsechziger-Revolution in die Geschichtsbücher einging und die Bundesrepublik nachhaltig veränderte.

Regisseur Fabian Gerhardt gelingt es im strahlend weißen Bühnen-Zuschauerraum von Lena Schmidt, ein bewegendes Kaleidoskop der damaligen unterschiedlichen Positionen zwischen der starren Autoritätsgesellschaft, die im Todesschützen Karl-Heinz Kurras einerseits und den rebellierenden Jugendlichen andererseits vorzuführen, die in Benno und Christa Ohnesorg (Martin Gerke und Josephine Lange) verkörpert ist. Bernhard Glocksin nennt das Stück „eine subjektive Nacht der Christa Ohnesorg“, eine Art szenisch musikalische „Kamerfahrt in ihren Kopf hinein“, um zu schauen, „welche Stimmen, welche Geister sich da verdichten“.

Filmschnittartig wirbeln nachgespielte Szenen der damaligen Ereignisse, dokumenta-risches Filmmaterial und magisch-archaisch anmutende Videoinstallationen von Vincent Stefan durcheinander zu einem suggestiven, aufrüttelnden Theaterabend. Es geht um Gnerationenkonflikte, Klassenkampf und „Spassguerilla“. Eine rasante Mischung aus fiktiver Aufführung in der Deutschen Oper und Straßenkampf, Psychoanalyse und politisch demonstrativem Ritual, Streiflichtern der Westberliner Studentenbewegung und Szenen aus dem Aufkommen der RAF. Die zehn Rollen sind auf sechs überzeugende Sängerschauspieler verteilt. Eingeflochten sind die Geschichten des Pärchens Hanne & Heinz (Ursula Renneke und Alexander Tschernek) sowie das spießige Ehepaar Kurras samt Hobbykeller und treuem Haushund. Auch Gudrun Ensslin (Pauline Jacob) wird mit ihrem kleinen Sohn Alex (Kamil Ahmad) dramaturgisch installiert. Daneben diverse kleinere Rollen, vor allem die des Intendanten der Deutschen Oper Berlin, der nicht zufällig Gholam heißt und auf den iranischen Schriftsteller Gholam-Hossein Saedi anspielt, der mutig gegen das theokratische Mullahregime anschrieb, was dem Stück unmittelbare Aktualität sichert.

 

Der Komponist Arash Safaian, der in Teheran geboren wurde, aber in Bayreuth aufge-wachsen ist, hat eine assoziationsstarke, eingängige Musik zu diesem aufrüttelnden Musiktheater geschrieben, die fern alles Zeitgeistigen oder Avantgardistischen eher wie eine Art ins Hochrelief getriebener Minimal Music anmutet, die Niemanden verschreckt. Antonis Anissegos und Matthias Engler (Klavier, Keyboards und Schlagwerk) leiten im Hintergrund der Bühne energisch eine Band, die aus 5 weiteren Instrumentalisten (Flöte, Klarinette, Harfe, E-Gitarre und Kontrabass) besteht. Ein starker, gelegentlich etwas plakativer, aber doch ein denkanregender Abend, wenn man so will theatraler Geschichts-unterricht, der gegen das Vergessen, gegen jede Art von Unfreiheit, doktrinäre Ideologien, verknöcherte Autoritäten und Faschismus mobil macht.

 

Beitrag auch in Freie Presse